7.
Wenn man einen kleinen Anstieg nicht scheut, so kann man auf kürzerem Wege über die Hügel vom Wasser-Graben in den mitteren gelangen und umgekehrt. Querauf über die Wiese läuft ein schmaler Pfad, verliert sich oben im Busch und Tann und führt auf der andern Seite wieder über eine Wiese ab.
Manchen Sonntag geleitete die Reindorfer Leni die Kleehuber Franzl diesen Steig hinan bis zum Saume des Wäldchens, wo sie sich von ihr verabschiedete und diese ihren Weg nach dem Wasser-Grabenallein fortsetzte. Leni ließ sich dann im Schatten der Bäume nieder, sah von der Höhe auf das elterliche Gehöft herab und war in Rufweite von demselben, falls man ihrer bedurfte.
So waren auch an einem Sonntagnachmittag die beiden Mädchen schäkernd und lachend den Hügel hinangestiegen; die Franzl wußte immer zu reden und hatte immer zu lachen, wenn es auch über nichts war.
„Was guckst du denn immer hinter dich?“ fragte Magdalena.
„Weil uns ein Bub’ nachsteigt,“ war die lachende Antwort.
„Entweder es ist nicht wahr und du möchtest mich gerne auslachen, wenn ich den Kopf drehe, oder es ist wahr, dann schau auch du nicht zurück, wer weiß, was sich so einer gleich einbilden könnt’!“
„Mag er sich einbilden, was er will, ich weiß, bis Fasching, wo man heiratet, ist noch lang hin. Ich heirat’ aber auch im Fasching nicht, ich warte bis nach Christi Himmelfahrt.“
„Da darf freilich unser Herrgott nicht herunten auf der Welt dabei sein, wenn du heiraten wirst, du Unend’, du!“
„Ja, und weißt auch warum?“
„Nein.“
„Weil sich’s von oben schöner ausnehmen wird.“
„Geh zu!“
„Und dann noch eins, das meine ich aber im Ernst; damit er mir vom lieben Himmel da oben einen Mann herunterwirft, denn die auf der Erd’ taugen alle nichts.“
„Du kriegst auch gewiß dein Lebtag keinen.“
„Um das Kriegen ist es nicht, aber um das Nehmen. Weißt, wie die Krämer Liese neulich gesagt hat: ‚OGott, wie oft hätt’ ich schon einen Mann kriegen sollen, aber ich mag nicht so viele.‘ Und siehst, darum hat sie auch keinen genommen.“
„Wird wohl umgekehrt gewesen sein.“
„Warum denn? Freilich hat sie ihre dreißig Jahr auf dem Rücken, aber noch was dazu!“
„Möcht’ wissen, was?“
„Einen Buckel.“
„Jetzt behüt dich Gott. Heut bist du schon gar ausgelassen, ich bin ordentlich froh, wenn ich dich loswerde.“
„Glaub’ es dir gerne, Leni, denn der Bub’, der uns nachgestiegen ist, steht nicht gar weit dort am Weißdorn und zählt, glaub’ ich, die Blüh[9], wenn ich von dir geh’, wird er just damit fertig sein, vielleicht sagt er dir dann auch, wie viele es sind. Schau doch einmal, wer es ist!“
„Was bekümmert das mich?“ sagte Magdalena heftig. „Du hast Zeit, daß du gehst, du weißt, daß ich solche Dummheiten nicht leiden mag, also laß sie sein. Ich frag’ nach keinem, und verlang’ nicht, daß einer nach mir frage.“
„Aber Leni, besinn dich, ich bin ja doch keiner und wär’ ich auch einer, ich tät’ doch nicht nach dir fragen, nach dir gewiß nicht! Schau, wie du zornig sein kannst, das sähe dir niemand an.“
„Jetzt behüt dich Gott.“
„Du sag, muß ich von dir da weglaufen, oder darf ich fein langsam gehen?“
„Geh langsam, der Teuxel wird dir nicht nachlaufen, dem bist du sicher.“
„Gelt, Leni, nächsten Sonntag gehen wir doch wieder miteinander?“
„Aber gescheit mußt du sein.“
„Gewiß. Und nun behüt dich Gott! Nur eines, sag mir dann auch, wenn du es mittlerweile erfährst, wieviel Blüh so ein Weißdorn hat.“
Lachend verschwand sie hinter den Tannen.
Magdalena sah ihr nach. „Die ist auch dem Teuxel aus der Butte gesprungen[10]und hat kein Bein dabei gebrochen!“ Sie lächelte und ärgerte sich im stillen, daß sie sich über das neckende Gerede hatte ärgern können. Warum mußte sie es auch gleich übelnehmen? Es konnte doch jemand denselben Weg haben und ohne Arg hinter ihnen hergehen? Was brauchte sie zu fürchten, oder verlegen zu sein, selbst wenn es ein Bursche wäre, der sie anspräche? Gute Nacht auf den Weg! Damit ist alles abgetan. Wer es aber wohl sein mochte? Sie wandte sich um, aber nun hatte sie die Sonne im Gesichte, sie trat unter den schützenden Schatten eines vorhängenden Strauches, setzte sich in das Gras und blickte von dort nach dem Weißdorn. Da trat der Bursche davon weg und kam auf sie zu. Es war der Müller Florian.
Sie sah betroffen vor sich nieder, die hohen Grashalme strichen an ihrem Gewande hinauf und wiegten bedächtig die Köpfe.
„Grüß Gott, Reindorfer Leni!“ sagte der Bursche.
„Grüß Gott,“ sagte sie.
„Ich hab’ nur gewartet, bis die Schnattergans von dir weggegangen ist. Wieder einmal hab’ ich mit dir reden wollen.“
„Es ist lang her, daß wir uns nicht gesehen haben,“ sagte, unbefangen aufblickend, das Mädchen.
„Das möcht’ ich gerade nicht sagen, obwohl du für dein Teil auch darin recht hast. Gesehen hab’ ich dich oft genug in der Kirche, aber du hast von deinem Gebetbuche nicht aufgeblickt. Darüber hab’ ich mir zuerst eingebildet, daß du mir vielleicht böse bist.“
„Warum sollt’ ich das sein?“
„Das hat mir später auch eingeleuchtet, denn du bist viel zu gescheit dazu, mir nachzutragen, was ich etwa dazumal als täppischer Halbjung’ zu dir geredet; wenn ich uns zwei heut’ betrachte, muß ich mich rein schämen, wie man mag so gottvergessen dumm sein! Damal ist mir geschehen, wie mir gebührt hat, und später war auch hoch einbilderisch von mir, daß ich gemeint hab’, du hältst dich derowegen von mir fern. Das bring’ ich nur vor, damit du weißt, was ich von dir denke und wie ich meine, daß auch du denken wirst. Aber mit dieser Einsicht lange ich nicht weit und da hab’ ich dich auch fragen wollen, warum du gerade gegen mich anders bist? Du hast doch sonst kein unfreundlich Wesen an dir, ich verlange nicht mehr als ein anderes, dir wildfremdes, aber warum ich weniger verdienen sollte, das möchte ich doch auch wissen?“
„Schau, du weißt es ja ohnehin, meine Eltern wollen keinen Verkehr zwischen uns. Was soll ich mir unnötig Verdruß zuziehen?“
„Deine Eltern tun mir hart unrecht,“ sagte der Bursche.
„Es mag wohl sein,“ sagte das Mädchen und sah ihn lächelnd an, „aber stark genug bist ja geworden, wirst es schon zu ertragen wissen, meine ich.“
„Du hast leicht lustig sein,“ sagte er und setzte sich, zwei Schritte weit von dem Mädchen, auf den Rasen. „Du hast leicht lustig sein, du weißt nicht,wie mir ist. Hätte es einen Grund, dann hätte es doch einen; so möchte man doch wissen, warum? Darüber hab’ ich mir schon lang’ Gedanken gemacht. Und es hilft mir nichts darüber weg. Selbst das sackermentische Rauchen hab’ ich mir angewöhnt, aber es vertreibt mir sie nicht.“ Er warf die Pfeife vor sich in das Gras.
„So,“ sagte Magdalena, „zerbrich sie nur. Hast du so viel Geld? Eine neue kaufst du dir ja doch wieder.“
„Der Krämer hat genug so Zeug und kostet keine ein Haus. Und da sieh“ — er hob die Pfeife von der Erde auf —, „wenn sie dir erbarmt, es ist ihr nicht einmal etwas geschehen, ich wollt’ nur, es möcht’ alles so ausdauern wie eine Pfeife.“ Er seufzte tief auf.
„Geh zu,“ lachte das Mädchen, „du könntest einem schier völlig selber erbarmen.“
„Ja, es wird schon kommen, wenn mich mein Schicksal so hinwirft wie die Pfeife, aber es wird mich dann niemand mehr aufklauben können.“
„Wie du gleich verzagt tun magst.“
„Weil mir unrecht geschieht.“
„Von wem denn?“
„Ich hab’ es ja schon gesagt.“
„Schlag dir das aus dem Sinn, so wird es dir gerade so gut gehen, wie den andern.“
Der Bursche hob feierlich die Pfeife in die Höhe. „Rauch’ ich denn nicht?“
„Rauchen mag freilich nicht helfen, hängt man doch das Fleisch in den Rauch, daß es sich hält, wird es mit den Gedanken auch nicht anders sein.“
„Du kannst halt so viel lustig sein,“ sagte er trübselig.
„Sei du nur nicht gar so viel spaßig, du redest in einem fort von deiner Pfeife, aber so traurig wieein Leichenansager und rauchst so schlechten Tabak dabei, daß man husten muß und warum? Weil dir unrecht geschieht, sagst du. Ich wüßt’ nicht, wie das dagegen helfen soll? Hat doch neulich, nur der Blattläus’ wegen, mein Vater ein Rosenstöckl angeraucht, er wär’ bald dabei erstickt und die sind darauf geblieben.“
„So wird mir’s auch ergehen mit meinem Rosenstöckl,“ seufzte Florian.
„Hast du auch eines?“
„Das schönste auf der Welt!“
„Daheim?“
„Da hätt’ ich es freilich für all mein Lebtag gern, aber noch läuft es frei herum.“
„Das Rosenstöckl? Muß wohl ein ganz besonderes sein! Hat es leicht gar einen Namen?“
„Freilich.“
„Wie heißt’s denn?“
„Rate einmal.“
„Das ist mir zu schwer, ich hab’ unter meiner Bekanntschaft kein Rosenstöckl.“
„Geh zu, du merkst recht gut, daß ich dich selber meine!“
Die Dirne lachte laut auf.
„Dazu lachst du?“ fragte bestürzt der Bursche.
„Weil du dich so viel gut auf das Schönheitensagen verstehst! Ich bedank’ mich schön für die Ehr’, dein lausig’ Rosenstöckl zu sein!“
„Kreuzsakra, das ging gefehlt,“ sagte Florian, dann lachte auch er. „Hast recht, ich versteh’ mich auch nicht darauf und es ist mir recht lieb, daß du nicht, wie die anderen Dirnen, einen Wert darauf legst. Sauer ist’s mich genug angekommen, aber dir zulieb tät’ ich ja alles! Herzfroh bin ich, daß wir fein gerade und vernünftig reden können.“
„Ja, lassen wir die Dummheiten sein, Flori. Die und die anderen auch! Gezeigt hätt’ ich dir, meine ich, daß ich dir nicht unfreundlicher bin als den andern; mehr, hast du gesagt, tätest du ja auch nicht verlangen, also bleib dabei.“
„Beinah’ meine ich aber doch, es wird mir zu wenig sein. Schau, Leni, auf die Eltern hören ist immer brav, und ich wär’ der letzte, der dich davon abreden möcht’. Aber was sie den Kindern schaffen, soll doch Hand und Fuß haben, und nicht aus purem Eigensinn geschehen. Wenn du mit gar keinem Burschen solltest reden dürfen, dächt’ ich, es ist übertrieben, aber noch wär’ Sinn und Verstand dabei, — aber nur mit mir nicht! Was macht mich schlechter als die andern, die da herumlaufen? Ich darf mich wohl für so gut halten wie die, und es wär’ mir leid um mich selber, wenn ich nicht besser sein möcht’ wie manche darunter! Ich weiß, darüber kannst du selbst nicht anders denken.“
„Nun ja, wie kann ich wissen, was meine Leute gegen dich haben?“
„Ich frag’ aber, was können sie gegen mich haben? Wird was Rechtes sein! Meinst du, wenn es einen ordentlichen Hauptgrund hätte, sie würden ihn dir nicht sagen, damit sie ganz sicher gingen? Gewiß. Eben, weil sie nichts vorzubringen wissen, ist es nichts als Eigensinn, wie oft bei alten Leuten. So gut, wie ich es weiß, werden sie es auch wissen, daß auf dich als aufrechte Dirn’ ein Verlaß ist! Du kannst jedem ein zutunlich Wesen verleiden, aber du kannst keinem auf eine ehrliche Meinung die ehrliche Antwort schuldig bleiben! Nun frag’ ich, kann ich dir denn etwas anderes sagen wie die Bursche, mit denen dir doch zu reden erlaubt ist? Ich wüßte nicht und bedank’mich recht schön für die Ausnahme! Deine Eltern müssen rein glauben, daß dich mein bloßer Atem umbringen könnte, als ob ich ein vergiftet Tier wär’, so ein Basilikum, oder wie es heißt, du hast vielleicht davon gehört!“
„Nein, ich weiß wirklich nicht, was meine Leute sich einbilden, daß du für ein Tier bist.“
„Heut ist mit dir kein vernünftig Wort zu reden. Ich glaub’, die Halbscheid von der Kleehuber Franzl ihren Possen ist in dir steckengeblieben. Und es tut mir weh, daß du mit so ernsten Sachen deinen Spaß treiben magst. So aber — tröst’ ich mich — ist nur heute! Du hast ein nachdenklich Wesen und es kann nicht ausbleiben, so wirst du merken, daß nicht nur mir, daß uns allen beiden hellauf unrecht geschieht, und daß gerad’ wir zwei die Welt überweisen könnten, daß Sünd’ und Schad’ wär’, uns auseinander zu halten, da wir doch ihr zeigen könnten, was ein rechter Zusammenhalt in Zucht und Ehr’ vermag. Heut will ich dir nicht weiter davon vorreden, was dir aus dem Munde kommt, kommt dir wohl gar nicht aus dem Kopf und Herzen und du spaßest vielleicht nur, weil dir die Sache selber gar ernst vorkommt; Weibsleute, die auf die erste Rede gleich ja oder nein wissen, meine ich selber, sind unüberlegt oder zu gut erfahren; die auf sich halten, mögen gerne derlei überschlafen. Morgen, wenn schön Wetter ist, Vollmond tät freilich im Kalender stehen, komm’ ich wieder daher, find’ ich dich, sollte es mir lieb sein, ich hätte dir viel zu sagen von dem, was du heute nicht hören willst, weil es das erstemal ist, weil es unerlaubt sein soll, und weil du selbst noch nicht weißt, wie du recht tun sollst. Überleg es. Find’ ich dich nicht, dann will ich mich auch dareinschicken, obwohl mir ein wahrer Trost wäre, mich dir gegenüber wenigstens ausgeredet zu haben, und Rede bindet ja keines. Ich erwarte nicht, daß du jetzt ja oder nein darauf sagen wirst, man kann sich nichts vornehmen, bevor man überlegt hat. Morgen, wenn Vollmond sein wird, komm’ ich wieder her. Jetzt vieltausend gute Nacht, Leni!“
„Gute Nacht!“
Sie sagte nicht ja und nicht nein, langsam ging sie den Fußsteig hinab nach der Straße, die aufdringlichen Gräser streiften ihre Füße, häkelten sich mit den Fruchtsporen in die Maschen ihrer Strümpfe, als wollten sie das Mädchen aus seinen Träumen erwecken.
Die Sonne stand schon hinter dem Wäldchen gegenüber.
Gewiß der Florian konnte es nicht anders meinen als ehrlich, und ihre Eltern taten dem armen Burschen unrecht!
Als die Sonne den nächsten Tag zur Rüste gegangen war, da kam der Vollmond den unbewölkten Himmel herauf, er tat es aber nicht einem Burschen zu Gefallen, der so sehnsüchtig auf seinen Aufgang wartete, er übernahm auch keine Verantwortung dafür, daß nach vielem Schwanken ein Mädchen sein Erscheinen, wie ein Glücksspiel, darüber entscheiden lassen wollte, ob sie zu dem Wäldchen hinansteigen solle oder nicht; von all dem wußte er wohl gar nichts und so zeigte er unbefangen den beiden sein freundlichstes Gesicht und das nahmen sie für eine gute Vorbedeutung.
Der Bursche stand schon eine geraume Weile unter den Tannen, deren weiße Stämme im Mondenlichtesilbern gleißten, eine laue Luft fächelte seine geröteten Wangen und trug den Duft von den Gräsern, den blühenden Büschen und den harzigen Tannen durch die stille Nacht.
Da hörte er unten an der Straße ein Tor öffnen und wieder zuwerfen, in dem Schatten des Hauses, der über dem Fahrwege lag, huschte es dahin, und auf dem Wiesensteige trat es in das glänzende Licht, es war ihm das herzliebste Dirndel auf der Welt, das da mit blütweißen Ärmeln und fliegendem Röckchen daherkam.
Aber so leicht sollte ihr das nicht werden, das Gras war aufdringlicher als je, Abendtau war gefallen, die Halme näßten ihr die Füßchen, ballten sich unter ihrem Tritte zusammen und machten sie straucheln, selbst der Weißdorn langte nach ihrem Kleide und suchte sie zurückzuhalten, ganz oben am Wäldchen erschreckte sie noch ein Nachtvogel, der mit leisem Fluge ihr über dem Kopfe hinstrich.
„Grüß dich Gott, Leni,“ sagte der Bursche zu ihr tretend und bot ihr die Hand. „Ich vermöcht’ dir nicht zu sagen, wie mich dein Kommen freut.“
„Grüß dich Gott, Flori,“ sagte rasch atmend Magdalena. „Ich weiß nicht, ob ich recht damit tu’, ich weiß wahrhaftig nicht, mir ist so eigen ängstlich, gleichwohl nichts Unrechtes dabei ist, aber es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas unternehm’, was ich vor der Welt heimlich halten möcht’ und ganz für mich allein.“
„Ein bißchen Heimlichkeit gehört wohl dazu,“ sagte Florian. „Wir hätten uns gewiß keines zum Brunnen mitten im Orte getraut. Es dauert auch nur so lang’, bis man weiß, woran man ist und dasselbe möcht’ ich dir jetzt abfragen.“
„So frag halt.“
„Als Kinder haben wir uns leiden mögen, als halbwüchsig sind wir immer zusammen gewesen, und wie mir weh’ geschehen ist, daß du dich von da an hast von mir ferngehalten, das kann ich dir gar nicht sagen. Oft genug hab’ ich dich mir die Zeit über betrachtet, bildsauber bist du, kreuzbrav dazu und gescheit obendrein, es gibt nichts Zweites auf der Welt wie du bist, für mich nicht, — damit du nicht glaubst, ich rede ungesund daher, so sag’ ich, für mich nicht; wenigstens wüßte ich nicht, was ich angeben möchte, wenn du solltest eines anderen werden! Wenn wir von Kind auf gedenken, tausend Einfälle und Stückeln sind uns immer dem einen durch das andere gekommen, wir können uns für alle Lebzeit im Gedächtnis nicht loswerden, und weil wir uns so gut kennen und allweil so gleich Schritt gehalten haben, so meine ich, wär’ auch gleich gescheiter, wir gingen lieber in einem Stück fort das ganze liebe Leben lang miteinander! Uns kann nicht geschehen, wie oft anderen zusamm’ verheirateten Hascherln, daß sich dann keines in das andere zu schicken weiß; wir wissen es, was wir aneinander haben und jedes weiß sich auch vom andern danach wertgeschätzt.“
Magdalena sah zu Boden, wickelte die Schürze über die vollen Arme und wieder von denselben. „Es muß ein Unglück sein,“ sagte sie leise, „ich hab’ es aus meines Vaters Reden entnommen, es muß ein großes Unglück sein, wenn ein rechter Mann oder ein rechtes Weib nicht mit ihresgleichen sich zusammenfinden.“
„Ganz recht hat da dein Vater, und ich meine schon selber, wie die Leute sagen, er wär’ nicht dumm, aber in einem Stück könnte er wohl auch den Gescheiterenmachen; ich möchte ihn schon dafür in Ehren halten, wie ihm gebührt.“
„Aber schau, Flori, wenn er so gescheit ist, so hat er doch am End’ seine Ursachen?“
„Sorge nicht, Leni, auch die gescheitesten Leute haben ihre Mucken. Erst muß er mich doch kennen lernen, dann mag er reden und darauf fürcht’ ich mich nicht, wenn ich nur eines weiß.“
Magdalena sah schweigend zur Seite.
„Wenn ich eines weiß,“ sagte Florian, „entweder frag’ ich dann nach keinem Himmel mehr, oder mich schreckt auch keine Höll’!“
„Geh, das ist lästerliches Reden.“
„Nur die Wahrheit ist es, und frei heraus sag mir, Leni ob du mich leiden magst?“
„Ich weiß nicht.“
Er faßte sie an beiden Händen, die leise zitterten, wendete sie gegen sich, sah ihr treuherzig in die Augen und sagte: „Geh, du weißt es schon, sag es!“
Was sollte daraus werden? Sie vermochte nicht zu reden, sie konnte nicht ja sagen, nicht um die Welt, und nicht nein, wenn man ihr eine zweite dazu geboten hätte, und war doch die eine, die in der hellen Mondnacht vor ihr lag, so schön, und so selig auf ihr zu sein! So bekannt wie von vieltausendmal her und so unverlierbar, so ganz unser eigen, daß wir sie mit einem teilen und an andere schenken können. So soll es ja sein. Was fragt der rasche Herzschlag: Teilst du mit ihm? Teilst du mit ihm?
Ihre Finger klammerten sich fest um die seinen.
Und er sagte leise und fröhlich: „Wenn du es auch nicht sagst, nun weiß ich es doch.“
Da lief ein flüchtiges Zittern über ihren Körper, sie wollte es ihm mit schämigem, schalkhaftem Blickverweisen: Sei nicht so einbilderisch! Aber ein paar Tränen, die ihr an den Wimpern zitterten, verhinderten sie, das Auge aufzuschlagen, und das Köpfchen, das sie gar trotzig schütteln wollte, lehnte sich traulich an seine Schulter.
Da tat der Bursche einen lauten Juhschrei, und als sich das Mädchen erschreckt von ihm losmachte und davoneilen wollte, hielt er es an der Hand zurück und flüsterte: „Sei nicht bös, mir ist so himmel- und erdfreudig, daß es hat heraus müssen, wird es ja niemand Unrechter gehört haben! Morgen, einmal noch, komm da herauf, und übermorgen rede ich mit meiner Mutter. Weibern vertraut man derlei lieber an, es erinnert sie selber an ihre ledige Zeit, und es ist ihr liebstes Geschäft, wenn sie können eine Heirat richtig machen.“
Das Mädchen drückte ihm die Hand.
„Gute Nacht,“ sagten sie alle beide und traten eines von dem andern zurück, sie wußten sich für heute nichts mehr zu sagen.
Magdalena ging auf dem Fußsteige dahin, Florian sah ihr nach, bis zum Weißdornbusch war sie gekommen, da rief er: „Auf morgen!“
Sie blieb stehen, brach ein Zweiglein ab und sagte leise: „Morgen.“ Dann setzte sie ihren Weg fort, ungehindert und unbeirrt; die Nachtvögel hausten da oben im Tann, der Weißdorn hatte ihr ein Blütenbüschel geben müssen, und das Gras, vollgesogen von Tau, ließ teilnahmlos die Halme und feinen Rispen hängen. Unten an der Straße verschwand das Mädchen im Schatten.
Da horchte Florian noch auf, wie sich das Tor unten öffnete und schloß, und dann schritt er fröhlich durch den Tann.
Durch den Tann im Vollmondschein! Das Tannenwäldchen war so feierlich, so still, so ruhig wie eine Kirche, und ohne Laut mit hochklopfendem Herzen und frischem Atemzuge durchschritt er es. Als er jenseits aus demselben heraustrat und hinabblickte auf sein Elternhaus, da ward ihm so jubeltoll, er faßte eine junge Tanne am Waldessaume und versuchte sie aus dem Erdreiche zu ziehen.
Der junge Baum aber stach und sperrte sich gewaltig und knarrte: Oho, so leicht geht das nicht!
Lachend ließ er los.
Dann sah er schweigend eine Weile in die Gegend, warf die Arme von sich, als könnte er sie, wie weit sie auch da vor ihm lag, an das Herz drücken und rief: „O Herrgott, wie schön ist doch deine Welt!“
Dann ging er hinab nach der Mühle und schlich sich nach seiner Schlafstelle. „Allzusammen wissen sie noch nicht, was ich weiß.“ Er lachte fröhlich auf, dann hatte er nur einen Gedanken: Morgen!
„Mein gehört eines auf der Welt! — — Und wenngleich morgen alle Heimlichkeit vor den Leuten aufhört, bleibt allfort eine zwischen uns und das ist das Schönste! — — Ob sie auch so meint? das frag’ ich sie — morgen — wenn nur auch schon morgen wär’!“
Es gab nichts Klügeres, als den Rest vom Heute wegzuschlafen, damit doch Morgen käme.
— — — — — — — — — — — — — —
Der alte Reindorfer saß noch im Hofe und rauchte in der Laube seine Pfeife, als Magdalena heimkam, er schüttelte den Kopf, als die Dirne mit einem scheuen „Gute Nacht, Vater“ an ihm vorüberhuschte.
Das Mädchen aber ging nach dem Schlafstübchen, das sie mit der Mutter teilte, die alte Frau schlief fest; Magdalena öffnete leise das Fenster, weichewürzige Luft wehte hernieder vom mondbeglänzten Tann, zu dem sie aufblickte.
Also das ist Liebe, was sie nun empfindet! Viel wissen die Leute darüber zu reden, aber keines weiß es auszusagen, wie das ist! — — Jetzt geht er dort durch das Wäldchen — nun ist er wohl schon heraus und steigt zur Mühle hinab. — „Gute Nacht, Flori!“ — Und dann soll eine Zeit kommen, wo sie nicht mehr getrennte Wege gehen, sondern allimmer zusammen, und wo sie vor Gott und der Welt ihm angehören soll für das ganze Leben!
Ihre Hände umspannten das Fensterkreuz, als wollten sie es zerdrücken.
„Du willst ihm ein rechtes Weib sein,“ sagte sie und ließ tief aufatmend die Arme sinken und sah hinaus in die Mondnacht. Ruhiges freundliches Licht über der stillen Erde. Und wieder überkam sie das Gefühl, das gehört uns, wir teilen es und schenken es an andere!
Ein froher Schauer durchrieselte sie, aber das Blut stieg ihr nach den Wangen, rasch schloß sie das Fenster und begab sich zur Ruhe.