Einleitung

Einleitung

Ein Menschenalter ist hingeflossen, seit man in Wien (am 12. Dezember 1889) den fünfzigjährigen Anzengruber zu Grabe trug. Im kommenden Jahr also wird, was er schrieb, nun Gemeingut des Volkes — gesetzlich frei zur Vervielfältigung und Verbreitung für jedermann.

Es sind nur vereinzelte deutsche Dichter, die aus dieser schönen Gesetzesbestimmung Gewinn für ihr Lebenswerk ziehen; wenige nur werden auserwählt von den vielen Berufenen. Das Urteil der Mitwelt hält nicht immer stand vor dem unparteiischen Richterspruch der Geschichte, die alles abzieht, was die Gunst des Augenblicks einem Dichter an Kränzen gewunden. Bei Anzengruber jedoch hat es stand gehalten. Er hat seinen gesicherten Platz in der Literaturgeschichte, die seinen Namen mit Ehrfurcht ausspricht, und seinen nicht weniger sicheren Platz in den Herzen des Volkes. Und das ist bei ihm das Entscheidende.

„Ich sah dem Volke nackten Unsinn bieten, oft mit krausester Tendenz verquickt, Handlung, Charaktere, alles unwahrscheinlich, unwahr, nicht überzeugend, so daß der guten Sache der Volksaufklärung mehr geschadet als genützt wurde. Und rings lagen doch so goldreine, so prächtige und mächtige Gedankenschätze, ausgestreut von den Geistesheroen aller Zeiten und Völker. Alles das mußte sich in kleiner Münze unter das Volk bringen lassen, von der Bühne herab, aus dem Buche heraus. Ein anderer wollte sich nicht finden, welcher der Zeit das Wort redete, also mußte ich es sein.“ In diesen Sätzen aus einem Briefe an Julius Duboc hat er sein Ziel und den Weg dazu leiseangedeutet: der Zeit das Wort reden, das war’s, was er wollte. Und wenn wir sein Werk daraufhin überprüfen, so müssen wir ihm schon die Auszeichnung lassen, daß er wie wenige vor ihm und nach ihm das Zeug dazu hatte.

Am liebsten sprach er zum Volk von der Bühne herunter, nach der sich schon früh seine Kräfte spannten und der er als wandernder Thespiskärrner beinahe ein volles Jahrzehnt hindurch angehörte. Die lange Reihe seiner Bühnenwerke, vom weit und breit bekannten „Pfarrer von Kirchfeld“ (1870), der seine erste, bis zu dem „Fleck auf der Ehr“ (1889), dessen erfolgreiche Aufführung seine letzte große Lebensfreude bedeutete, legt Zeugnis ab für den heiligen Ernst, der sein Schaffen im Dienste der Volksaufklärung und Volkserziehung beseelte. Es steckt ein Stück Kulturgeschichte in diesen Werken, im gewaltigsten Drama wie in der ausgelassensten Komödie; sie sind wie ein Spiegel der mancherlei sittlich-religiösen Tendenzen, die seine Zeit bewegten und erschütterten. Wie er im „Pfarrer von Kirchfeld“ das wahrhafte Christentum ausspielt gegen den Geist des Zelotentums und der Unduldsamkeit, so ist im „Meineidbauer“ die fromme Gewissenssophistik des Titelhelden, die selbst das Verbrechen zur göttlichen Schickung umlügt, der Angelpunkt des Geschehens. In „Hand und Herz“ ist es die Unlösbarkeit der katholischen Ehe, die er an einem herben Einzelfall als menschlich und sittlich verwerflich erweist; im „Vierten Gebot“, seinem wuchtigsten Drama, schärft er mit Nachdruck den Eltern ein: Seid eingedenk euerer Verantwortlichkeit! Der Zeit das Wort reden, das war’s, was er wollte. Der Widerspruch gegen Aberglauben und fromme Duckmäuserei, gegen kirchlichen Zwang, gegen alle geistigen und sozialen Ungerechtigkeiten lag ihm im Blute, so wenig der tiefe Menschenkenner und große Gestalter deshalb zum „Tendenzdichter“ wurde. Wahrheit verlangte und bot er, Wahrheit und Ehrlichkeit der Gesinnung, und seine höchsteMoral war auf Mitleid gegründet. Die seine Sache zu führen haben, sind immer die Ärmsten und Letzten in der Gemeinde, die „Leidensfiguren aus dem Volke“, die Wurzelsepp oder Steinklopferhanns, und immer lautet die Anklage dann auf zu wenig Mitleid und Nächstenliebe. Für unsere Zeit kann es keinen moderneren Dichter geben als Ludwig Anzengruber. Ihn, den bei Lebzeiten nach seinen eigenen Worten die Mode versinken und darben ließ, muß die Gegenwart zwiefach verehren und lieben, als Schutzgeist der Gewissensfreiheit und Anwalt aller Bedrückten.

Er war aber nicht bloß Dramatiker, er war auch Erzähler, und wiederum einer von großem Format und von eigener Prägung. Nicht alles, was er geschrieben hat, läßt das erkennen; zu oft zwangen Sorge und Not ihn zu billiger Tagesleistung. Schriftsteller, „die nur tun müssen, was sie nicht lassen können, aber was sie lassen wollen nicht tun müssen“, hat er sein Lebtag beneidet. Wem seine „Dorfgänge“ aber vertraut sind, die er noch selber für die Gesamtausgabe seiner Werke zusammengestellt hat, die tiefschürfenden Charakterstudien vom „gottüberlegenen Jakob“ und „Hartingers alter Sixtin“, vom „Sündkind“, vom „Sinnierer“ oder vom „Mann, den Gott lieb hat“; wer seine erschütternde Novelle „Der Einsam“, vor allem jedoch seine großen Romane „Der Sternsteinhof“ und „Der Schandfleck“ kennt, der weiß, daß sie kräftig vom Leben durchglüht und mit der Gestaltungs- und Erfindungsgabe des echten Künstlers entwickelt sind.

Auch dem Erzähler blickt meist der Dramatiker über die Schulter. Die Charaktere so sicher wie möglich zu erfassen und aus ihrem Wesen und Wirken, ihren Gesinnungen und Leidenschaften naturnotwendig ihr Schicksal hervorwachsen zu lassen, das lockt ihn am meisten. Die breite, behagliche Freude am Ausmalen und am Beschreiben, das liebevolle Sicheinfühlen in die Umgebung, das Gottfried Keller alsEpiker groß und bedeutend macht, ist ihm fremd. Nicht wenige seiner Erzählungen sind überhaupt echte Dramenstoffe, die nur aus begründeter Furcht vor der Wiener Zensur nicht die Bühne erreichten.

Zu dieser letzteren Gattung gehört auch der „Schandfleck“, der erste große Roman Ludwig Anzengrubers, der Weihnachten 1876 als Buch herauskam, nachdem er zuvor in der österreichischen Familienzeitschrift „Die Heimat“ veröffentlicht worden. Der Dichter stand auf der Höhe des Ruhmes. Der „Pfarrer von Kirchfeld“, der „Meineidbauer“ und die drei Meisterkomödien „Kreuzelschreiber“, „Gewissenswurm“ und „Doppelselbstmord“ hatten die Probe im Rampenlicht glänzend bestanden, dagegen war der Erzähler Anzengruber bisher nur mit kurzen Geschichten und Märchen hervorgetreten. Würde der große Roman den Vergleich mit den Dramen vertragen?

Die Frage war nicht unbedingt zu bejahen. Während der erste, im Dorfleben wurzelnde Teil der Erzählung vortrefflich geglückt war, fiel die Geschichte im zweiten Teil — Schauplatz Wien — merklich ab. So ungleichwertig waren die beiden Hälften, daß Geibel beim Lesen den Eindruck gewann, als ob eine fremde Hand den Roman von der Mitte ab fortgeführt habe, und Berthold Auerbach schlechthin erklärte, so kraftvoll und plastisch der erste Teil sei, so „unbegreiflich abgeschmackt“ sei der zweite. Wir wissen heute, worauf das beruhte: der Dichter gab leider der Einwirkung nach, zugunsten der Zeitschrift und ihres Leserkreises den Schauplatz vom Dorf in die Stadt zu verlegen. Die Stadt aber, wenn sie auch Wien heißen mochte, blieb stets seiner Muse ein fremdes Gebiet.

Die heutige reife Gestalt des Romans ist das Werk einer späteren Umarbeitung, und daß sich der Dichter dazu bereit fand, bereit findenkonntein seiner Lage, die ständig ein Kampf um das tägliche Brot war — das istdas Verdienst eines trefflichen Mannes, der Anzengruber die Möglichkeit schenkte, eine Weile dem drängenden Tageserwerb zu entrinnen. Ohne sich selbst zu erkennen zu geben, ließ er dem Dichter im Herbst 1879 von Hamburg aus „als die Spende ungenannter Freunde seines Talents“ die Summe von tausend Gulden zur Verfügung stellen und daran den Wunsch der Verehrer knüpfen, es möge der „Schandfleck“ die Fassung erhalten, die dessen ursprünglichem Anlageplane entspräche.

Anzengruber hat lange gezögert, das Angebot sich zu eigen zu machen. Wohl kannte er selbst die Achillesferse, doch bangte ihm nicht allein vor dem harten Stück Arbeit einer tiefgreifenden Umgestaltung des „Schandfleck“, die für beträchtliche Zeit alle anderen Pläne zurückdrängen mußte, er glaubte auch hinter dem Angebot jenen selbstlosen „allerentferntesten“ Freund zu erkennen, der wiederholt seine lebhafte Teilnahme an dem Roman schon betätigt hatte: den feinsinnigen Ästhetiker Wilhelm Bolin, der als Professor und Bibliothekar an der Universität Helsingfors wirkte. Durfte er aus dieses Freundes Hand solch ein Geldopfer hinnehmen? „Ein Anbot, wie es mir gemacht wird, kommt nicht ohne irgendeinen Anstoß,“ schrieb er am 9. November 1879 dem Hamburger Mittelsmann, „das kommt nicht von einer Anzahl Leser, die bloß an demAutorteilnehmen, das kommt von einer auch demMenschenbefreundeten Seite; ich denke nun — ich weiß es allerdings nicht, aber ich halte mich für berechtigt, es zu denken — daß ich keinen Freund habe, dem in der fraglichen Angelegenheit selbst nur durch die Ergreifung der Initiative nicht ein Opfer auferlegt wäre, und ein solches anzunehmen, dazu halte ich mich nicht berechtigt.“ Erst als die ungenannten Freunde seine Bedenken zerstreut und ihm ausdrücklich versichert hatten, daß keinerlei Opfer vorwalte, nahm Anzengruber die Geldspende an. Sobald er einigermaßendie Hände frei habe, werde er sich an die Neuschöpfung machen, die eine gewisse Feiertagsstimmung bedinge; Werkeltagsarbeit vertrüge die Sache nicht.

Es war, wie der Dichter ganz richtig vermutete, wirklich Bolin, der ihm über Hamburg hinweg die gefüllte Freundeshand reichte, doch hat er zeitlebens den Sachverhalt nicht erfahren. Erst 1890 lüftete Wilhelm Bolin sein Inkognito durch die Erklärung, er habe das Honorar für seine schwedische Bühnenbearbeitung Shakespeares nicht besser verwenden zu können geglaubt, als zur Erlösung des Schandfleck-Romans aus der ihm durch redaktionelle Willkür aufgezwungenen bösen Entstellung.

Für Anzengruber bedeutete damals die Spende nicht wenig. Viel größer jedoch ist der Dauergewinn, den sein schwedischer Freund unserer deutschen Literatur dadurch sicherte.

Leipzig, Dezember 1919.

Carl W. Neumann.


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