Sechzehntes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)
Vorgetan und nachgedachtHat manchen in groß Leid gebracht.
Vorgetan und nachgedachtHat manchen in groß Leid gebracht.
Vorgetan und nachgedachtHat manchen in groß Leid gebracht.
Vorgetan und nachgedacht
Hat manchen in groß Leid gebracht.
Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden. Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.
„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen und Würfel spielen, als auf derErde liegen und in die Tannenäste und in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und morgen vull!“
Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.
„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen! — solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht brauchen.“
„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem Diebsgesind Geld zu stehlen!“
Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht, du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach mir mit dem Fuße.
Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte, gebot er, mich zu binden — denn morgen müsse ich hängen.
So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte, und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und schliefen.
Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken. Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben, wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht hingerafft in meinen Sünden!
Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s,wenn ich Eure Stricke durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten zu denSchwedischen? Wir sind nur eine halbe Stunde weit vonKitzingen, — soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht leise, — ein Messer habe ich schon bei mir!“
Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“
„Wozu?“ fragte der Roßbube. — „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht und noch so jämmerlich traktiert hat!“
„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“
Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann mitgenommen, und bot mir auch davon an, — ich wollte von diesem Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.
Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten, und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger, freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und genNürnbergziehen, wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich nicht sagen.