Siebzehntes Kapitel.Der Brief.(Fortsetzung.)
Morgenrot, Morgenrot,Leuchtest mir zum frühen Tod!Bald wird die Trompete blasen,Dann muß ich mein Leben lassen,Ich und mancher Kamerad.Volkslied.
Morgenrot, Morgenrot,Leuchtest mir zum frühen Tod!Bald wird die Trompete blasen,Dann muß ich mein Leben lassen,Ich und mancher Kamerad.Volkslied.
Morgenrot, Morgenrot,Leuchtest mir zum frühen Tod!Bald wird die Trompete blasen,Dann muß ich mein Leben lassen,Ich und mancher Kamerad.Volkslied.
Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod!
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad.
Volkslied.
So hatte nun mein Kriegsleben angefangen!Stolz hat’s begonnen, trübselig geendet, doch ’s ist so auch gut!
Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein Rekruten, blutjungen Leuten, die teils ausSchweden, teils ausFinnlandgekommen und unter die Dragoner treten sollten. Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne, die es noch zuhalten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt. Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische, und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als „verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt, wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen,Olufsohngeheißen, mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb, ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte, fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren, die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit großer Gelassenheit gefallen ließ.
Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug des Königs — weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war — eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!
Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl zu, dem König zu folgen, der wieder aufDonauwörthzu gezogen. Dort bin ich beiRainam Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen. Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen, aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute gekostet.
Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt! Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:
„Und wenn die Kugel geschossen ist,Die mir mein’ Seel’ ausbläst,Dann sag ich: bis zu dieser FristBin ich allzeit voll gewest!Pirrheisa! So geht’s aus der ZeitHinüber in die Ewigkeit!“
„Und wenn die Kugel geschossen ist,Die mir mein’ Seel’ ausbläst,Dann sag ich: bis zu dieser FristBin ich allzeit voll gewest!Pirrheisa! So geht’s aus der ZeitHinüber in die Ewigkeit!“
„Und wenn die Kugel geschossen ist,Die mir mein’ Seel’ ausbläst,Dann sag ich: bis zu dieser FristBin ich allzeit voll gewest!Pirrheisa! So geht’s aus der ZeitHinüber in die Ewigkeit!“
„Und wenn die Kugel geschossen ist,
Die mir mein’ Seel’ ausbläst,
Dann sag ich: bis zu dieser Frist
Bin ich allzeit voll gewest!
Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit
Hinüber in die Ewigkeit!“
Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. —O Herr, erbarme dich!und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!
Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam, brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saßOlufsohn. Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte, was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und daraus gelesen.
„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen, statt daheim zu hocken! — Da hättest du aucheinen tapfern Mut bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze; wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei Gedanken das Herz schwer zu machen!“ — Er aber schüttelte den Kopf, sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder, nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.
Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde. Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.
Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen. Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben, traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten unddas Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge, von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem Tod in den Rachen laufen wollte. — „Nun, wer hat Lust?“ fragte der Korporal wieder und lachte, „keiner?“
„Ich,“ sagteOlufsohn, „und ich auch!“ wiederholte einer von denFinnländern. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst, vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „Ich bin der Dritte!“ So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich davon machen, — da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben verloren, zuerst derKorporal, dessen Pferd, von einem Schusse getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte. „Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrischeSchanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe des Städtleins ist nun alsbald geschehen.
Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein (17. Kap.)
Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein (17. Kap.)
Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben, dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also, und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe; wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, — dem möge das Geld durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. — „Es sei so, mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er doch nicht gar leer ausgeht.“
So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren trocken; der schwedische Fuchs habe esaber wohl verstanden, wie man dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.
Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen, denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm nicht feind sein konnte.