Zweiundzwanzigstes Kapitel.Valentins Tod.
Da neigt er sich nun eben,Verwelkt und sinket hin,Den ich sah aufwärts strebenMit also stolzem Sinn,Der Knabe, jung von Tagen,Sein Haupt herniedersenkt,Ach, ach, nun muß ich klagen,So sehr ist es erkränkt;Die Seel’ schon auf der ZungenWird er’s jetzt hauchen aus,Nun muß es sein gerungenMit Tod und letztem Strauß.Spee’s Trutz-Nachtigall.
Da neigt er sich nun eben,Verwelkt und sinket hin,Den ich sah aufwärts strebenMit also stolzem Sinn,Der Knabe, jung von Tagen,Sein Haupt herniedersenkt,Ach, ach, nun muß ich klagen,So sehr ist es erkränkt;Die Seel’ schon auf der ZungenWird er’s jetzt hauchen aus,Nun muß es sein gerungenMit Tod und letztem Strauß.Spee’s Trutz-Nachtigall.
Da neigt er sich nun eben,Verwelkt und sinket hin,Den ich sah aufwärts strebenMit also stolzem Sinn,Der Knabe, jung von Tagen,Sein Haupt herniedersenkt,Ach, ach, nun muß ich klagen,So sehr ist es erkränkt;Die Seel’ schon auf der ZungenWird er’s jetzt hauchen aus,Nun muß es sein gerungenMit Tod und letztem Strauß.Spee’s Trutz-Nachtigall.
Da neigt er sich nun eben,
Verwelkt und sinket hin,
Den ich sah aufwärts streben
Mit also stolzem Sinn,
Der Knabe, jung von Tagen,
Sein Haupt herniedersenkt,
Ach, ach, nun muß ich klagen,
So sehr ist es erkränkt;
Die Seel’ schon auf der Zungen
Wird er’s jetzt hauchen aus,
Nun muß es sein gerungen
Mit Tod und letztem Strauß.
Spee’s Trutz-Nachtigall.
Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen, verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele freute sich Gottes, meines Heilandes.
Da gedachte ich auch, wie die droben — mein Weib und meine Töchter und mein Johannes — auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher waren sie mir wohlimmer vorgekommen als solche, die geschieden aus großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als dieSeligen, angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte, ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine Gedanken! — der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.
Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben, betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem getreuen Gott, — derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.
Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte, daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit begrabensein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem ich für ihn oder für mich zu beten hatte.
Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:
„Nur elf Jünger blieben treu,Gib daß gar kein Abfall sei.“
„Nur elf Jünger blieben treu,Gib daß gar kein Abfall sei.“
„Nur elf Jünger blieben treu,Gib daß gar kein Abfall sei.“
„Nur elf Jünger blieben treu,
Gib daß gar kein Abfall sei.“
Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, — doch hat der gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und das Brot essen werde im Reich Gottes! — — Gott segne dich, Olufsohn!“
Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan, und dankte dem Herrn, daß er es erhört.
Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet. Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte, so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einemSiegesbettedenn an einemSiechbettezu stehen meinte.
Endlich schlug esein Uhr! Da hielt er den Atem an, wie wenn er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, — es war wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“ rief und seinen Spruch anhub:
„Eins ist not!du treuer Gott,Schenk uns einen sel’gen Tod!“
„Eins ist not!du treuer Gott,Schenk uns einen sel’gen Tod!“
„Eins ist not!du treuer Gott,Schenk uns einen sel’gen Tod!“
„Eins ist not!du treuer Gott,
Schenk uns einen sel’gen Tod!“
„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank auf sein Kissen zurück. — „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn, — da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.
Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner seligen Mutter geworden waren, und betete, — unten auf der Straße aber wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend, zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da! sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals, da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird. Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem Weinen: „Armer, armer Valentin!was ist aus den hochgehenden Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen, wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, — auf der grünenHeid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch — wie muß ich dir, mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde.Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!“
Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah, daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete mich mit viel lieblichen Worten.