Lukas(kommt eilig). Darf ich fragen — haben Euer Erlaucht Befehl gegeben, daß fremder Besuch vorgelassen wird?
Hans Karl.Aber absolut nicht. Was ist denn das?
Lukas.Da muß der neue Diener eine Konfusion gemacht haben. Eben wird vom Portier herauftelephoniert, daß Herr Baron Neuhoff auf der Treppe ist. Bitte, zu befehlen, was mit ihm geschehen soll.
Stani.Also, im Moment, wo wir von ihm sprechen. Das ist kein Zufall. Onkel Kari, dieser Mensch istmein Guignon, und ich beschwöre sein Kommen herauf. Vor einer Woche bei der Helen, ich will ihr eben meine Ansicht über den Herrn v. Neuhoff sagen, im Moment steht der Neuhoff auf der Schwelle. Vor drei Tagen, ich geh' von der Antoinette weg — im Vorzimmer steht der Herr v. Neuhoff. Gestern früh bei meiner Mutter, ich wollte dringend etwas mit ihr besprechen, im Vorzimmer find' ich den Herrn v. Neuhoff.
Vinzenz(tritt ein, meldet). Herr Baron Neuhoff sind im Vorzimmer.
Hans Karl.Jetzt muß ich ihn natürlich empfangen.
Lukas(winkt: eintreten lassen).
Vinzenz(öffnet die Flügeltür, läßt eintreten).
Neuhoff(tritt ein). Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so unbescheiden, nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.
Hans Karl.Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?
Stani.Wir haben uns getroffen.(Sie setzen sich.)
Neuhoff.Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im Altenwylschen Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig darauf gefreut, uns zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein Bedauern, als ich durch Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte, Sie hätten abgesagt.
Hans Karl.Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?
Neuhoff.Kennen — wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen darf. In gewissenAugenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.
Hans Karl(und Stani wechseln einen Blick).
Neuhoff.Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und ihr in Verehrung anzugehören.
(Eine kleine, etwas genierte Pause).
(Eine kleine, etwas genierte Pause).
Neuhoff.Heute nachmittag — wir waren zusammen im Atelier von Bohuslawsky — Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht von einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar wird — und es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild ansehen und ihm über diese Augen ihre Kritik geben möchte — da sagt sie mir: Graf Bühl kommt nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz einfach. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen Welt, war meine Antwort — aber so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich ihn erraten, bei der ersten Begegnung.
Stani.Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?
Neuhoff.Bei einem Stab.
Hans Karl.Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.
Neuhoff.Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.
Hans Karl(lächelnd). Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?
Stani.In der Intimität schon!
Neuhoff.Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es, in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs nicht gewöhnen wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität vergeben, und die ist unschätzbar.
Hans Karl.Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.
Neuhoff.Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl. Sie würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke das Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines Kinderlachens. Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz unnachahmlich? Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem Umweg über die Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von Ihnen das zu geben, was in unserer Welt das Seltenste ist, und was ihre Erscheinung in hohem Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer würdelosen Welt.
Hans Karl.Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen ist draußen soviel Würde entgegengetreten ...
Neuhoff.Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element. Was haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers im Spital, der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.
Hans Karl.Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat Ihnen davon erzählt?
Neuhoff.Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu begleiten. Ich werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden vergessen.
Hans Karl(sagt nichts).
Neuhoff.Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er wußte, daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.
Hans Karl.Der arme Hütter Franz!
Neuhoff.Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem Wesen geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln können.
Stani(etwas scharf). Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst sehen und vom Onkel Kari hören wollen.
Neuhoff.In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl erst ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem Stolz der guten Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle Poren durchdringende Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie sehr liebt und achtet, namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte, und an die nichts rühren darf. Wehe dem Gatten, der nicht verstünde, diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu achten, der engherzig genug wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich vereinigen zu wollen.
(Eine kleine Pause).
(Eine kleine Pause).
Hans Karl(raucht).
Neuhoff.Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um dieman nicht werben kann: die sich einem schenken müssen.
(Abermals eine kleine Pause).
(Abermals eine kleine Pause).
Neuhoff(mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit). Ich bin ein Wanderer, meine Neugierde hat mich um die halbe Welt getrieben. Das, was schwierig zu kennen ist, fasziniert mich; was sich verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein stolzes, kostbares Wesen, wie Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf Bühl. Sie würde eine andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne niemanden, der so sensibel ist für menschliche Qualität.
Hans Karl.Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das gar nichts so Besonderes an meiner Cousine.
Neuhoff.Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene Altenwyl umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur hat ihre Blüten: Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch eine unendliche Grazie, so ist die Blüte dieser alten Gesellschaft beschaffen, der es gelungen ist, was die Ruinen von Luxor und die Wälder des Kaukasus nicht vermochten, einen Unstäten, wie mich, in ihrem Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins, Graf Bühl. Gerade die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr eigentliches Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen ihr auszuweichen.
Stani.Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend bei Altenwyls sehen, und ichfürchte sogar, so gemütlich dieser kleine Plausch hier ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich umzuziehen.(Er ist aufgestanden.)
Neuhoff.Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl. Wenn Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters bedürfen sollten(schon im Gehen), der dort, wo er das Edle, das Hohe ahnt, ihm unbedingt und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie mich.
Hans Karl(dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind, klingelt das Telephon.)
Neuhoff.Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.
Stani.Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?
Hans Karl(an der Tür). Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch, Baron Neuhoff.
Neuhoff(und Stani ab).
Hans Karl(allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die Wand und drückt an den Zimmertelegraph, rufend): Lukas, abstellen! Ich mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! (Das Klingeln hört auf.)
Stani(kommt zurück). Nur für eine Sekunde, Onkel Kari, wenn du mir verzeihst. Ich hab' müssen dein Urteil über diesen Herrn hören!
Hans Karl.Das deinige scheint ja fix und fertig zu sein.
Stani.Ah, ich find' ihn einfach unmöglich. Ich verstehe einfach eine solche Figur nicht. Und dabei ist der Mensch ganz gut geboren!
Hans Karl.Und du findest ihn so unannehmbar?
Stani.Aber ich bitte: so viel Taktlosigkeiten als Worte.
Hans Karl.Er will sehr freundlich sein, er will für sich gewinnen.
Stani.Aber man hat doch eine Assurance, man kriecht wildfremden Leuten doch nicht in die Westentasche.
Hans Karl.Und er glaubt allerdings, daß man etwas aus sich machen kann — das würde ich als eine Naivität ansehen oder als Erziehungsfehler.
Stani(geht aufgeregt auf und ab). Diese Tiraden über die Helen!
Hans Karl.Daß ein Mädel wie die Helen mit ihm Konversation über unsereinen führt, macht mir auch keinen Spaß.
Stani.Daran ist gewiß kein wahres Wort. Ein Kerl, der kalt und warm aus einem Munde blast.
Hans Karl.Es wird alles sehr ähnlich gewesen sein, wie er sagt. Aber es gibt Leute, in deren Mund sich alle Nuancen verändern, unwillkürlich.
Stani.Du bist von einer Toleranz!
Hans Karl.Ich bin halt sehr alt, Stani.
Stani.Ich ärgere mich jedenfalls rasend, das ganze Genre bringt mich auf, diese falsche Sicherheit, diese ölige Suada, dieses Kokettieren mit seinem odiosen Spitzbart.
Hans Karl.Er hat Geist, aber es wird einem nicht wohl dabei.
Stani.Diese namenlosen Indiskretionen. Ich frage: was geht ihn dein Gesicht an?
Hans Karl.Au fond ist man vielleicht ein bedauernswerter Mensch, wenn man so ist.
Stani.Ich nenne ihn einen odiosen Kerl. Jetzt muß ich aber zur Mamu hinauf. Ich seh' dich jedenfalls in der Nacht im Klub, Onkel Kari.
Agathe(sieht leise bei der Tür rechts herein, sie glaubt Hans Karl allein).
Stani(kommt noch einmal nach vorne).
Hans Karl(winkt Agathe zu verschwinden).
Stani.Weißt du, ich kann mich nicht beruhigen. Erstens die Bassesse, einem Herrn wie dir ins Gesicht zu schmeicheln.
Hans Karl.Das war nicht sehr elegant.
Stani.Zweitens das Affichieren einer weiß Gott wie dicken Freundschaft mit der Helen. Drittens die Spionage, ob du dich für sie interessierst.
Hans Karl(lächelnd). Meinst du, er hat ein bißl das Terrain sondieren wollen?
Stani.Viertens diese maßlos indiskrete Anspielung auf seine künftige Situation. Er hat sich uns ja geradezu als ihren Zukünftigen vorgestellt. Fünftens dieses odiose Perorieren, das es einem unmöglich macht, auch nur einmal die Replique zu geben. Sechstens dieser unmögliche Abgang. Das war ja ein Geburtstagswunsch, ein Leitartikel. Aber ich halt dich auf, Onkel Kari.
Agathe(ist wieder in der Tür erschienen, gleiches Spiel wie früher).
Stani(war schon im Verschwinden, kommt wieder nach vorne). Darf ich noch einmal? Das eine kann ich nicht begreifen, daß dir die Sache wegen der Helen nicht näher geht!
Hans Karl.Inwiefern mir?
Stani.Pardon,mirsteht die Helen zu nahe, als daß ich diese unmögliche Phrase von Verehrung und »Angehören« goutieren könnt'. Wenn man die Helen von klein auf kennt, wie eine Schwester!
Hans Karl.Es kommt ein Moment, wo die Schwestern sich von den Brüdern trennen.
Stani.Aber nicht für einen Neuhoff. Ah, ah!
Hans Karl.Eine kleine Dosis von Unwahrheit ist den Frauen sehr sympathisch.
Stani.So ein Kerl dürfte nicht in die Nähe von der Helen.
Hans Karl.Wir werden es nicht hindern können.
Stani.Ah, das möcht' ich sehen. Nicht in die Nähe!
Hans Karl.Er hat uns die kommende Verwandtschaft angekündigt.
Stani.In welchem Zustand muß die Helen sein, wenn sie sich mit diesem Menschen einläßt.
Hans Karl.Weißt du, ich habe mir abgewöhnt, aus irgendeiner Handlung von Frauen Folgerungen auf ihren Zustand zu ziehen.
Stani.Nicht, daß ich eifersüchtig wäre; aber mir eine Person wie die Helen — als Frau dieses Neuhoff zu denken, das ist für mich eine derartige Unbegreiflichkeit — die Idee ist mir einfach unfaßlich — ich muß sofort mit der Mamu davon sprechen.
Hans Karl(lächelnd). Ja, tu das, Stani. —
Stani(ab).
Lukas(tritt ein). Ich fürchte, das Telephon war hereingestellt.
Hans Karl.Ich will das nicht.
Lukas.Sehr wohl, Euer Erlaucht. Der neue Diener muß es umgestellt haben, ohne daß ich's bemerkt habe. Er hat überall die Hände und die Ohren, wo er sie nicht haben soll.
Hans Karl.Morgen um sieben Uhr früh expedieren.
Lukas.Sehr wohl. Der Diener vom Herrn Grafen Hechingen war am Telephon. Der Herr Graf möchten selbst gern sprechen wegen heute abend: ob Erlaucht in die Soiree zu Graf Altenwyl gehen oder nicht. Nämlich, weil die Frau Gräfin auch dort sein wird.
Hans Karl.Rufen Sie jetzt bei Graf Altenwyl an und sagen Sie, ich habe mich freigemacht, lasse um Erlaubnis bitten, trotz meiner Absage doch zu erscheinen. Und dann verbinden Sie mich mit dem Grafen Hechingen, ich werde selbst sprechen. Und bitten Sie indes die Kammerfrau, hereinzukommen.
Lukas.Sehr wohl.(Geht ab, Agathe herein.)
Hans Karl(nimmt das Paket mit den Briefen). Hier sind die Briefe. Sagen Sie der Frau Gräfin, daß ich mich von diesen Briefen darum trennen kann, weil die Erinnerung an das Schöne für mich unzerstörbar ist: ich werde sie nicht in einem Brief finden, sondern überall.
Agathe.Oh, ich küss' die Hand! Ich bin ja so glücklich. Jetzt weiß ich, daß meine Frau Gräfin unsern Herrn Grafen bald wiedersehen wird.
Hans Karl.Sie wird mich heut' abend sehen. Ich werde auf die Soiree kommen.
Agathe.Und dürften wir hoffen, daß sie — daß derjenige, der ihr entgegentritt, der gleiche sein wird wie immer?
Hans Karl.Sie hat keinen besseren Freund.
Agathe.Oh, ich küss' die Hand.
Hans Karl.Sie hat nur zwei wahre Freunde auf der Welt: mich und ihren Mann.
Agathe.Oh, mein Gott, das will ich nicht hören. Oh Gott, oh Gott, das Unglück, daß sich unser Herr Graf mit dem Grafen Hechingen befreundet hat. Meiner Frau Gräfin bleibt wirklich nichts erspart.
Hans Karl(geht nervös ein paar Schritte von ihr weg). Ja, ahnen denn die Frauen so wenig, was ein Mann ist?! Und wer sie wirklich lieb hat!
Agathe.Oh, nur das nicht. Wir lassen uns ja von Euer Erlaucht alles einreden, aber das nicht, das ist zu viel!
Hans Karl(auf und ab). Also nicht. Nicht helfen können! Nicht so viel!(Pause.)
Agathe(schüchtern und an ihn herantretend). Oder versuchen Sie's doch. Aber nicht durch mich: für eine solche Botschaft bin ich zu ungebildet. Da hätteich nicht die richtigen Ausdrücke. Und auch nicht brieflich. Das gibt nur Mißverständnisse. Aber Aug' in Aug': ja, gewiß! Da werden Sie schon was ausrichten! Was sollen Sie bei meiner Frau Gräfin nicht ausrichten! Nicht vielleicht beim erstenmal. Aber wiederholt — wenn Sie ihr recht eindringlich ins Gewissen reden — wie sollte sie Ihnen denn da widerstehen können?(Das Telephon läutet wieder.)
Hans Karl(geht ans Telephon und spricht hinein). Ja, ich bin es selbst. Hier. Ja, ich bin am Apparat. Ich bleibe. Graf Bühl. Ja, selbst.
Agathe.Ich küss' die Hand.(Geht schnell ab, durch die Mitteltür.)
Hans Karl(am Telephon). Hechingen, guten Abend! Ja, ich hab's mir überlegt. Ich habe zugesagt. Ich werde Gelegenheit nehmen. Gewiß. Ja, das hat mich bewogen, hinzugehen. Gerade auf einer Soiree, da ich nicht Bridge spiele und deine Frau, wie ich glaube, auch nicht. Kein Anlaß. Auch dazu ist kein Anlaß. Zu deinem Pessimismus. Zu deinem Pessimismus! Du verstehst nicht? Zu deiner Traurigkeit ist kein Anlaß. Absolut bekämpfen! Allein? Also die berühmte Flasche Champagner. Ich bringe bestimmt das Resultat vor Mitternacht. Übertriebene Hoffnungen natürlich auch nicht. Du weißt, daß ich das Mögliche versuchen werde. Es entspricht doch auch meiner Empfindung. Es entspricht meiner Empfindung! Wie? Gestört? Ich habe gesagt: Es entspricht meiner Empfindung. Empfindung! Eine ganz gleichgültige Phrase! Keine Frage, eine Phrase!Ich habe eine gleichgültige Phrase gesagt! Welche? Es entspricht meiner Empfindung. Nein, ich nenne es nur eine gleichgültige Phrase, weil du es so lange nicht verstanden hast. Ja. Ja. Ja! Adieu. Schluß!(Läutet.)Es gibt Menschen, mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so ein exzellenter Kerl!
Stani(aufs neue in der Mitteltür). Ist es sehr unbescheiden, Onkel Kari?
Hans Karl.Aber bitte, ich bin zur Verfügung.
Stani(vorne bei ihm). Ich muß dir melden, Onkel Kari, daß ich inzwischen eine Konversation mit der Mamu gehabt habe und zu einem Resultat gekommen bin.
Hans Karl(sieht ihn an).
Stani.Ich werde mich mit der Helen Altenwyl verloben.
Hans Karl.Du wirst dich ...
Stani.Ja, ich bin entschlossen, die Helen zu heiraten. Nicht heute und nicht morgen, aber in der allernächsten Zeit. Ich habe alles durchgedacht. Auf der Stiege von hier bis in den zweiten Stock hinauf. Wie ich zur Mamu in den zweiten Stock gekommen bin, war alles fix und fertig. Weißt du, die Idee ist mir plötzlich gekommen, wie ich bemerkt hab', du interessierst dich nicht für die Helen.
Hans Karl.Aha.
Stani.Begreifst du? Es war so eine Idee von der Mamu. Sie behauptet, man weiß nie, woran man mitdir ist — am Ende hättest du doch daran gedacht, die Helen zu nehmen — und du bist doch für die Mamu immer der Familienchef, ihr Herz ist halt ganz Bühlisch.
Hans Karl(halb abgewandt). Die gute Crescence!
Stani.Aber ich hab' immer widersprochen. Ich verstehe ja jede Nuance von dir. Ich hab' von jeher gefühlt, daß von einem Interesse für die Helen bei dir nicht die Idee sein kann.
Hans Karl(dreht sich plötzlich zu ihm um). Und deine Mutter?
Stani.Die Mamu?
Hans Karl.Ja, wie hat sie es aufgefaßt?
Stani.Feuer und Flamme natürlich. Sie hat ein ganz rotes Gesicht bekommen vor Freude. Wundert dich das, Onkel Kari?
Hans Karl.Nur ein bißl, nur eine Idee — ich hab' immer den Eindruck gehabt, daß deine Mutter einen bestimmten Gedanken hat in bezug auf die Helen.
Stani.Eine Aversion?
Hans Karl.Gar nicht. Nur eine Ansicht. Eine Vermutung.
Stani.Früher, die früheren Jahre?
Hans Karl.Nein, vor einer halben Stunde.
Stani.In welcher Richtung? Aber die Mamu ist ja so eine Windfahn'! Das vergißt sie ja im Moment. Vor einem Entschluß von mir, da ist sie sofort auf den Knien. Da spürt sie den Mann. Sie adoriert das fait accompli.
Hans Karl.Also, du hast dich entschlossen? —
Stani.Ja, ich bin entschlossen.
Hans Karl.So auf eins, zwei!
Stani.Das ist doch genau das, worauf es ankommt. Das imponiert ja den Frauen so enorm an mir. Dadurch eben behalte ich immer die Führung in der Hand.
Hans Karl(raucht).
Stani.Siehst du, du hast vielleicht früher auch einmal daran gedacht, die Helen zu heiraten ...
Hans Karl.Gott, vor Jahren vielleicht. In irgendeinem Moment, wie man an tausend Sachen denkt.
Stani.Begreifst du? Ich hab' nie daran gedacht! Aber im Augenblick, wo ich es denke, bring' ich es auch zu Ende. — Du bist verstimmt?
Hans Karl.Ich habe ganz unwillkürlich einen Moment an die Antoinette denken müssen.
Stani.Aber jede Sache auf der Welt muß doch ihr Ende haben.
Hans Karl.Natürlich. Und das beschäftigt dich gar nicht, ob die Helen frei ist? Sie scheint doch zum Beispiel diesem Neuhoff Hoffnungen gegeben zu haben.
Stani.Das ist ja genau mein Kalkul. Über Hoffnungen, die sich der Herr v. Neuhoff macht, gehe ich einfach hinweg. Und daß für die Helen ein Theophil Neuhoff überhaupt in Frage kommen kann, das beweist doch gerade, daß eine ernste Okkupation bei ihr nicht vorhanden ist. Solche Komplikationen statuier ich nicht. Das sind Launen, oder sagen wir das Wort: Verirrungen.
Hans Karl.Sie ist schwer zu kennen.
Stani.Aber ich kenn' doch ihr Genre. In letzter Linie kann die sich für keinen Typ von Männern interessieren als für den unsrigen; alles andere ist eine Verirrung. Du bist so still, hast du dein Kopfweh?
Hans Karl.Aber gar nicht. Ich bewundere deinen Mut.
Stani.Du und Mut und bewundern?
Hans Karl.Das ist eine andere Art von Mut als der im Graben.
Stani.Ja, ich versteh' dich ja so gut, Onkel Kari. Du denkst an die Chancen, die ich sonst noch im Leben gehabt hätte. Du hast das Gefühl, daß ich mich vielleicht zu billig weggeb'. Aber siehst du, da bin ich wieder ganz anders: ich liebe das Vernünftige und Definitive. Du, Onkel Kari, bist au fond, verzeih', daß ich es heraussage, ein Idealist: deine Gedanken gehen auf das Absolute, auf das Vollkommene. Das ist ja sehr elegant gedacht, aber unrealisierbar. Au fond bist du da wie die Mamu; der ist nichts gut genug für mich. Ich habe die Sache durchgedacht, wie sie ist. Die Helen ist ein Jahr jünger wie ich.
Hans Karl.Ein Jahr?
Stani.Sie ist ausgezeichnet geboren.
Hans Karl.Man kann nicht besser sein.
Stani.Sie ist elegant.
Hans Karl.Sehr elegant.
Stani.Sie ist reich.
Hans Karl.Und vor allem so hübsch.
Stani.Sie hat Rasse.
Hans Karl.Ohne Vergleich.
Stani.Bitte, vor allem in den zwei Punkten, auf die in der Ehe alles ankommt. Primo: sie kann nicht lügen, secundo: sie hat die besten Manieren von der Welt.
Hans Karl.Sie ist so delizios artig, wie sonst nur alte Frauen sind.
Stani.Sie ist gescheit wie der Tag.
Hans Karl.Wem sagst du das? Ich hab' ihre Konversation so gern.
Stani.Und sie wird mich mit der Zeit adorieren.
Hans Karl(vor sich, unwillkürlich). Auch das ist möglich.
Stani.Aber nicht möglich. Ganz bestimmt. Bei diesem Genre von Frauen bringt das die Ehe mit sich. In der Liaison hängt alles von Umständen ab, da sind Bizarrerien möglich, Täuschungen, Gott weiß was. In der Ehe beruht alles auf der Dauer; auf die Dauer nimmt jeder die Qualität des andern derart in sich auf, daß von einer wirklichen Differenz nicht mehr die Rede sein kann: unter der einen Voraussetzung, daß die Ehe aus dem richtigen Entschluß hervorgeht. Das ist der Sinn der Ehe.
Lukas(eintretend). Frau Gräfin Freudenberg.
Crescence(an Lukas vorbei, tritt schnell ein). Also, was sagt er mir zu dem Buben, Kari? Ich bin ja überglücklich. Gratulier' er mir doch!
Hans Karl(ein wenig abwesend). Meine gute Crescence. Ich wünsch' den allergrößten Erfolg.
Stani(empfiehlt sich stumm).
Crescence.Schick' er mir das Auto retour.
Stani.Bitte, zu verfügen. Ich gehe zu Fuß.(Geht.)
Crescence.Der Erfolg wird sehr stark von dir abhängen.
Hans Karl.Von mir? Ihm steht's doch auf der Stirne geschrieben, daß er erreicht, was er sich vornimmt.
Crescence.Für die Helen ist dein Urteil alles.
Hans Karl.Wieso Crescence, inwiefern?
Crescence.Für den Vater Altenwyl natürlich noch mehr. Der Stani ist eine sehr nette Partie, aber nicht epatant. Darüber mach' ich mir keine Illusionen. Aber wenn er ihn appuiiert, Kari, ein Wort von ihm hat gerade für die alten Leut' so viel Gewicht. Ich weiß gar nicht, woran das liegt.
Hans Karl.Ich gehör' halt selbst schon bald zu ihnen.
Crescence.Kokettier' er nicht mit seinem Alter. Wir zwei sind nicht alt und nicht jung. Aber ich hasse schiefe Positionen. Ich möcht' schon lieber mit grauem Haar und einer Hornbrille dasitzen.
Hans Karl.Darum legt sie sich zeitig aufs Heiratstiften.
Crescence.Ich habe immer für ihn tun wollen, Kari, schon vor zwölf Jahren. Aber er hat immer diesen stillen obstinaten Widerspruch in sich gehabt.
Hans Karl.Meine gute Crescence!
Crescence.Hundertmal hab' ich ihm gesagt: sag' er mir, was er erreichen will, und ich nehm's in die Hand.
Hans Karl.Ja, das hat sie mir oft gesagt, weiß Gott, Crescence.
Crescence.Aber man hat ja bei ihm nicht gewußt, woran man ist!
Hans Karl(nickt).
Crescence.Und jetzt macht halt der Stani, was er nicht hat machen wollen. Ich kann gar nicht erwarten, daß wieder kleine Kinder in Hohenbühl und in Göllersdorf herumlaufen.
Hans Karl.Und in den Schloßteich fallen! Weiß sie noch, wie sie mich halbtot herausgezogen haben? Weiß sie — ich hab' manchmal die Idee, daß gar nichts Neues auf der Welt passiert.
Crescence.Wie meint er das?
Hans Karl.Das alles schon längst irgendwo fertig dasteht und nur auf einmal erst sichtbar wird. Weißt du, wie im Hohenbühler Teich, wenn man im Herbst das Wasser abgelassen hat, auf einmal die Karpfen und die Schweife von den steinernen Tritonen da waren, die man früher kaum gesehen hat? Eine burleske Idee, was!
Crescence.Ist er denn auf einmal schlecht aufgelegt, Kari?
Hans Karl(gibt sich einen Ruck). Im Gegenteil, Crescence. Ich danke euch so sehr, als ich nur kann, ihr und dem Stani, für das gute Tempo, das ihr mirgebt mit eurer Frische und eurer Entschiedenheit.(Er küßt ihr die Hand.)
Crescence.Findet er, daß ihm das gut tut, uns in der Nähe zu haben?
Hans Karl.Ich hab' jetzt einen sehr guten Abend vor mir. Zuerst eine ernste Konversation mit der Toinette....
Crescence.Aber das brauchen wir ja jetzt gar nicht!
Hans Karl.Ah, ich red' doch mit ihr, jetzt hab' ich es mir einmal vorgenommen, und dann soll ich also als Onkel vom Stani die gewissen seriösen Unterhaltungen anknüpfen.
Crescence.Das Wichtigste ist, daß du ihn bei der Helen ins richtige Licht stellst.
Hans Karl.Da hab' ich also ein richtiges Programm. Sieht sie, wie sie mich reformiert? Aber weiß sie, vorher — ich hab' eine Idee — vorher geh' ich für eine Stunde in den Zirkus, da haben sie jetzt einen Clown — eine Art von dummem August ...
Crescence.Der Furlani, über den ist die Nanni ganz verrückt. Ich hab' gar keinen Sinn für diese Späße.
Hans Karl.Ich find' ihn delizios. Mich unterhält er viel mehr als die gescheiteste Konversation von Gott weiß wem. Ich freu' mich rasend. Ich gehe in den Zirkus, dann esse ich einen Bissen in einem Restaurant, und dann komm' ich sehr munter in die Soiree und absolvier mein Programm.
Crescence.Ja, er kommt und richtet dem Stani die Helen in die Hand, so was kann er ja so gut. Erwäre doch ein so wunderbarer Botschafter geworden, wenn er hätt' wollen in der Karriere bleiben.
Hans Karl.Dazu is es halt auch zu spät.
Crescence.Also, amüsier er sich gut und komm' er bald nach.
Hans Karl(begleitet sie bis an die Tür, Crescence geht).
Hans Karl(kommt nach vorn).
Lukas(ist mit ihm hereingetreten).
Hans Karl.Ich ziehe den Frack an. Ich werde gleich läuten.
Lukas.Sehr wohl, Eure Erlaucht.
Hans Karl(links ab).
Vinzenz(tritt von rechts ein). Was machen Sie da?
Lukas.Ich warte auf das Glockenzeichen vom Toilettezimmer, dann geh' ich hinein helfen.
Vinzenz.Ich werde mit hineingehen. Es ist ganz gut, wenn ich mich an ihn gewöhne.
Lukas.Es ist nicht befohlen, also bleiben Sie draußen.
Vinzenz(nimmt sich eine Zigarre). Sie, das ist doch ganz ein einfacher, umgänglicher Mensch, die Verwandten machen ja mit ihm, was sie wollen. In einem Monat wickel ich ihn um den Finger.
Lukas(schließt die Zigarren ein. Man hört eine Klingel).
Lukas(beeilt sich).
Vinzenz.Bleiben Sie nur noch. Er soll zweimal läuten.(Setzt sich in einen Fauteuil.)
Lukas(ab in seinem Rücken).
Vinzenz(vor sich). Liebesbriefe stellt er zurück, den Neffen verheiratet er, und er selber hat sich entschlossen, als ältlicher Junggeselle so dahinzuleben mit mir. Das ist genau, wie ich mir's vorgestellt habe.(Über die Schulter nach rückwärts, ohne sich umzudrehen.)Sie, Herr Schätz, ich bin ganz zufrieden, da bleib' ich!
Der Vorhang fällt.
Der Vorhang fällt.
Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII. Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte.AltenwylmitHans Karleintretend von rechts.CrescencemitHeleneundNeuhoffstehen links im Gespräch.
Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII. Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte.AltenwylmitHans Karleintretend von rechts.CrescencemitHeleneundNeuhoffstehen links im Gespräch.
Altenwyl.Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt hoch an, weil du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen Fragmenten von Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage in einem Salon noch geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer nur die paar alten Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten — die Edine Merenberg ist ja außerordentlich unzufrieden mit dieser altmodischen Hausführung, aber weder meine Helen noch ich goutieren das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr Höchstes ist: wo sie beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert, ob er an die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir Bruderschaft getrunken hat.
Crescence.Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben an meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette Stradonitz mir zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von dem wir noch nie was gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.
Altenwyl.Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große Zelebrität und mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es außerordentlich, in einemSalon zu sein, wo er keinen Kollegen aus der gelehrten Welt findet, sozusagen als der einzige Vertreter des Geistes in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein Haus diese bescheidene Annehmlichkeit bieten kann —
Crescence.Ist er verheiratet?
Altenwyl.Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu Gesicht zu bekommen.
Crescence.Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n noch ärger. Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für triviale Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?
Altenwyl.Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen kennt sie.
Crescence.Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun Zehntel von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als Geschwätz.
Neuhoff(zu Helene). Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?
Helene.Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns vor etwas auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie Konversation; Worte, die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz beruhigen.
Crescence.Sag, daß du mir recht gibst, Kari!
Hans Karl.Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung darauf, etwas Gescheites zu sagen.
Altenwyl.In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch mehr kennt: nicht selbstperorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem andern das Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit finden. — Heutzutag hat aber keiner, pardon für die Grobheit, den Verstand zum Konversationmachen und keiner den Verstand, seinen Mund zu halten — ah, erlaub', daß ich dich mit Baron Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.
Neuhoff.Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.
Crescence(zu Altenwyl). Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie der Edine sagen — bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen und die gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios: bedeutende Menschen — es liegt so eine Präpotenz darin!
Altenwyl.Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und etwas für ihre Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.
Helene.Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme Frau, die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte, aber dabei immer die falschen erwischt.
Crescence.Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit nicht mehr Konfusionen anstellt.
Altenwyl.Solche Wesen haben einen Schutzengel.
Edine(tritt dazu durch die Mitteltür). Ich seh', ihr sprechts von mir, sprechts nur weiter, genierts euch nicht.
Crescence.Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?
Edine.Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner gegeben haben und nicht mir.(Setzt sich zu Crescence.)Ihr habts keine Idee, wie ich mich für ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher von die Leut'. Von diesem Brückner hab' ich erst vor ein paar Wochen ein dickes Buch gelesen.
Neuhoff.Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der Wissenschaften.
Edine.In Paris?
Neuhoff.Nein, hier in Wien.
Edine.Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.
Crescence.Vielleicht war das ein Druckfehler.
Edine.Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist eine Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!
Helene.Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.
Neuhoff.Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen, sobald er pausiert.
Edine.Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit Jahren nach ihm fahnde.
Neuhoff(geht links ab).
Crescence.Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist ein ziemlicher—
Edine.Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder Fürstin und Gräfin — ich hätt' bald was g'sagt.
Crescence.Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine!(Sieht sich nach Hans Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)
Helene(zu Hans Karl). Sie haben ihn so gern, den Furlani?
Hans Karl.Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.
Helene.Macht er so geschickte Tricks?(Sie setzt sich rechts, Hans Karl neben ihr.)
Crescence(geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich links gesetzt.)
Hans Karl.Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!
Helene.Also ein Wurstel?
Hans Karl.Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert auch nie. Er spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der allen helfen möchte und dabei alles in die größte Konfusion bringt. Er macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie kugelt sich vor Lachen, und dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man merkt, daß er sich selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt alles durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter und drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«
Edine(zu Altenwyl). Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr Halt! Das geht der Antoinette zumBeispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer: sie soll ihren Geist kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.
Altenwyl.Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik gegeben; man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.
Edine.Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch wohintransportiert werden!
Hans Karl(zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend). Sehen Sie, Helen, alle diese Sachen sind ja schwer: die Tricks von den Equilibristen und Jongleurs und alles — zu allem gehört ja ein fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich glaub' mehr Geist, als zu den meisten Konversationen. —
Helene.Ah, das schon sicher.
Hans Karl.Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine ganze Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von einer Absicht leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie atmen kaum, bis sie ihre Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr Trick. Er aber tut scheinbar nichts mit Absicht — er geht immer nur auf die Absicht der andern ein. Er möchte alles mittun, was die andern tun, soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von jedem einzelnen Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen Blumentopf auf der Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus Höflichkeit.
Helene.Aber er wirft ihn hinunter?
Hans Karl.Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn hinunter aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so schön balancieren kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät, müßt's von selber gehen.
Helene(vor sich). Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus und fällt hinunter.
Altenwyl(zu Edine). Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte, auch zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der Unterhaltung!
Edine.Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine schöne Art, ein Versteckenspielen —
Altenwyl.Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce mehr wert ist als der Braten — da herrscht ja eine Direktheit!
Edine.Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu wenig kultivieren!(Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich nach links.)
Hans Karl(zu Helene). Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem die geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter Nonchalance — aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das Doppelte wie zu den andern ihrer Anspannung.
Helene.Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find' auch alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl vulgär.
Hans Karl.Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.
Helene(mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen). Oh, Gräfin Helene! Sie sagen »Gräfin Helene« zu mir?
Huberta(erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene mit einem kurzen, aber indiskreten Blick).
Hans Karl(ohne Huberta zu bemerken). Nein, im Ernst, ich muß Sie um fünf Minuten Konversation bitten — dann später, irgendwann — wir spielen ja beide nicht.
Helene(etwas unruhig, aber sehr beherrscht). Sie machen mir Angst. Was können Sie mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.
Hans Karl.Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!
Huberta(ist verschwunden).
Helene(nach einer kleinen Pause). Wann Sie wollen, aber später. Ich seh' die Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen.(Steht auf.)
Hans Karl.Sie sind so delizios artig.(Ist auch aufgestanden.)
Helene.Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen guten Abend sagen.(Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch stehen.)Ich bin nicht artig: ich spür' nur, was in den Leuten vorgeht, und das belästigt mich — und da reagier' ich dagegen mit égards, die ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine Art von Nervosität, mir die Leut' vom Hals zu halten.(Sie geht.)
Hans Karl(geht langsam ihr nach).
Neuhoff(und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links erschienen).
Der berühmte Mann(in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür rechts blickend). Dort in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die Dame, um deren Namen ich Sie fragen wollte.
Neuhoff.Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.
Der berühmte Mann.Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in Schwarz.
Neuhoff.Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder darf ich —
Der berühmte Mann.Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber wir wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten —
Neuhoff(mit kaum merklicher Ironie). Ganz wie Sie befehlen.
Der berühmte Mann.Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung, meinen Rang in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft klarzulegen — so würde ich mich dann sofort nachher durch den Grafen Altenwyl ihr vorstellen lassen.
Neuhoff.Aber mit dem größten Vergnügen.
Der berühmte Mann.Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges nicht darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der richtigen Weise gekannt und aufgenommen zu werden.
Neuhoff.Ohne jeden Zweifel. Hier kommt dieGräfin Merenberg, die sich besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich —
Edine(kommt). Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges bitte ich nicht mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu präsentieren.
Der berühmte Mann(verneigt sich). Ich bin sehr glücklich, Frau Gräfin.
Edine.Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre. Ich bin jedesmal hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser immensen Bildung und diesem schönen Prosastil.
Der berühmte Mann.Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein Publikum von Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher Verinnerlichung voraus.
Edine.Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher lesen, damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich früh und spät der Toinette Hechingen.
Der berühmte Mann.Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den Vorzug gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?
Edine.Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft man da heraus —
Der berühmte Mann(eisig). Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem viel geredet wird.
Edine.Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das müßte jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.
Der berühmte Mann.Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.
Edine.Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das Grandioseste —
Der berühmte Mann.Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst ist das Buch allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich entschließen, den Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.
Edine.Wie? Sie sind nicht der Verfasser?
Der berühmte Mann.Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation ist mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.
Edine.Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so ähnliche Namen haben.
Der berühmte Mann.Das ist allerdings bedauerlich, besonders für mich. Herr Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er ist Philologe, ich würde sagen, Salonphilologe, oder noch besser: philologischer Feuilletonist.
Edine.Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe. Aber ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr Professor. Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt hab' ich gerad' ein sehr interessantes Buch über den »Semipelagianismus« und eins über die »Seele des Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich einmal in der Heugasse besuchen —
Der berühmte Mann(kühl). Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin. Allerdings bin ich sehr in Anspruch genommen.
Edine(wollte gehen, bleibt nochmals stehen). Aber das tut mir ewig leid, daß Sie nicht der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine Frage nicht vorlegen! Und ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der Einzige sind, der sie so beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung fände.
Neuhoff.Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?
Edine.Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der andere Herr.(Zu Neuhoff.)Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer viel an der Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.
Der berühmte Mann.Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?
Edine(sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann schnell). Wie stellen Sie sich das Nirwana vor?
Der berühmte Mann.Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten, dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein.(Eine kleine Pause.)
Edine.Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf Wiedersehen, Herr Professor.(Ab.)
Der berühmte Mann(sichtlich verstimmt). Hm. —
Neuhoff.Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.
Der berühmte Mann(kalt). Es ist nicht das erstemal, daß ich im Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit davon, zu glauben, daß dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf dergleichen hinarbeitet. Sie können kaum ermessen, welche peinliche Erinnerung eine groteske und schiefe Situation, wie die, in der wir uns soeben befunden haben, in meinem Innern hinterläßt. Das erbärmliche Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer bübischen Presse begleitet, auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu sehen — sich mit dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen Schweigen der Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte —
Neuhoff.Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis in die kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in seinem Besten, früh und spät — das ist das Schicksal —
Der berühmte Mann.In seinem Besten.
Neuhoff.Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt —
Der berühmte Mann.Sein Lebenswerk mit einem journalistischen —
Neuhoff.Das ist das Schicksal —
Der berühmte Mann.Die in einer bübischen Presse —
Neuhoff.— des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen Menschheit ausliefert, den Frauen,die im Grunde zwischen einer leeren Larve und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!
Der berühmte Mann.Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den Salon zu begegnen —
Neuhoff.Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges — Nichts, was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur entfernt an Sie heran.
Der berühmte Mann.Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich habe die Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das geistige Leben anlangt.
Neuhoff.Geist und diese Menschen! Das Leben — und diese Menschen! Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in Wirklichkeit gar nicht mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten. Niemand, der sich in diesen Salons bewegt, gehört zu der wirklichen Welt, in der die geistigen Krisen des Jahrhunderts sich entscheiden. Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie die Figur dort im nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend in der Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität — von Frauen und Mädchen umlagert — Kari Bühl.
Der berühmte Mann.Ist das Graf Bühl?
Neuhoff.Er selbst, der berühmte Kari.
Der berühmte Mann.Ich habe bis jetzt keineGelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen. Sind Sie befreundet mit ihm?
Neuhoff.Nicht allzusehr, aber hinlänglich, um ihn Ihnen in zwei Worten erschöpfend zu charakterisieren: absolutes, anmaßendes Nichts.
Der berühmte Mann.Er hat einen außerordentlichen Rang innerhalb der ersten Gesellschaft. Er gilt für eine Persönlichkeit.
Neuhoff.Es ist nichts an ihm, das der Prüfung standhielte. Rein gesellschaftlich goutiere ich ihn halb aus Gewohnheit; aber Sie haben weniger als nichts verloren, wenn Sie ihn nicht kennen lernen.
Der berühmte Mann(sieht unverwandt hin). Ich würde mich sehr interessieren, seine Bekanntschaft zu machen. Glauben Sie, daß ich mir etwas vergebe, wenn ich mich ihm nähere?
Neuhoff.Sie werden Ihre Zeit mit ihm verlieren, wie mit allen diesen Menschen hier.
Der berühmte Mann.Ich würde großes Gewicht darauf legen, mit Graf Bühl in einer wirkungsvollen Weise bekannt gemacht zu werden, etwa durch einen seiner vertrauten Freunde.
Neuhoff.Zu diesen wünsche ich nicht gezählt zu werden, aber ich werde Ihnen das besorgen.
Der berühmte Mann.Sie sind sehr liebenswürdig. Oder meinen Sie, daß ich mir nichts vergeben würde, wenn ich mich ihm spontan nähern würde?
Neuhoff.Sie erweisen dem guten Kari in jedem Fall zuviel Ehre, wenn Sie ihn so ernst nehmen.
Der berühmte Mann.Ich verhehle nicht, daß ich großes Gewicht darauf lege, das feine und unbestechliche Votum der großen Welt den Huldigungen beizufügen, die meinem Wissen im breiten internationalen Laienpublikum zuteil geworden sind, und in denen ich die Abendröte einer nicht alltäglichen Gelehrtenlaufbahn erblicken darf.(Sie gehen ab.)
Antoinette(mit Edine, Nanni und Huberta sind indessen in der Mitteltür erschienen und kommen nach vorne.)
Antoinette.So sagt's mir doch was, so gebt's mir doch einen Rat, wenn ihr seht's, daß ich so aufgeregt bin. Da mach' ich doch die irreparablen Dummheiten, wenn man mir nicht beisteht.
Edine.Ich bin dafür, daß wir sie lassen. Sie muß wie zufällig ihm begegnen. Wenn wir sie alle konvoiieren, so verscheuchen wir ihn ja geradezu.
Huberta.Er geniert sich nicht. Wenn er mit ihr allein reden wollt', da wären wir Luft für ihn.
Antoinette.So setzen wir uns daher. Bleibt's alle bei mir, aber nicht auffällig.(Sie haben sich gesetzt.)
Nanni.Wir plauschen hier ganz unbefangen: vor allem darf's nicht ausschauen, als ob du ihm nachlaufen tätest.
Antoinette.Wenn man nur das Raffinement von der Helen hätt', die lauft ihm nach auf Schritt und Tritt, und dabei schaut's aus, als ob sie ihm aus dem Weg ging.
Edine.Ich wär' dafür, daß wir sie lassen, und daß sie ganz, wie wenn nichts wär', auf ihn zuging.
Huberta.In dem Zustand, wie sie ist, kann sie doch nicht auf ihn zugehen, wie wenn nichts wär'.
Antoinette(dem Weinen nah). Sagt's mir doch nicht, daß ich in einem Zustand bin! Lenkt's mich doch ab von mir! Sonst verlier ich ja meine ganze Contenance. Wenn ich nur wen zum Flirten da hätt'!
Nanni(will aufstehen). Ich hol' ihr den Stani her.
Antoinette.Der Stani tät mir nicht so viel nützen. Sobald ich weiß, daß der Kari wo in einer Wohnung ist, existieren die andern nicht mehr für mich.
Huberta.Der Feri Uhlfeldt tät vielleicht doch noch existieren.
Antoinette.Wenn die Helen in meiner Situation wär', die wüßt' sich zu helfen. Sie macht sich mit der größten Unverfrorenheit einen Paravant aus dem Theophil, und dahinter operiert sie.
Huberta.Aber sie schaut ja den Theophil gar nicht an, sie is' ja die ganze Zeit hinterm Kari her.
Antoinette.Sag' mir das noch, damit mir die Farb' ganz aus'm G'sicht geht.(Steht auf.)Red't er denn mit ihr?
Huberta.Natürlich red't er mit ihr.
Antoinette.Immerfort?
Huberta.Sooft ich hing'schaut hab'.
Antoinette.Oh mein Gott, wenn du mir lauter unangenehme Sachen sagst, so werd' ich ja so häßlich werden!(Sie setzt sich wieder.)
Nanni(will aufstehen). Wenn dir deine drei Freundinnen zuviel sind, so lass' uns fort, ich spiel' ja auch sehr gern.
Antoinette.So bleibt's doch hier, so gebt's mir doch einen Rat, so sagt's mir doch, was ich tun soll.
Huberta.Wenn sie ihm vor einer Stunde die Jungfer ins Haus geschickt hat, so kann sie jetzt nicht die Hochmütige spielen.
Nanni.Umgekehrt sag' ich. Sie muß tun, als ob er ihr egal wär'. Das weiß ich vom Kartenspielen: wenn man die Karten leichtsinnig in die Hand nimmt, dann kommt's Glück. Man muß sich immer die innere Überlegenheit menagieren.
Antoinette.Mir is' grad zumut, wie wenn ich die Überlegene wär'!
Huberta.Du behandelst ihn aber ganz falsch, wenn du dich so aus der Hand gibst.
Edine.Wenn sie sich nur eine Direktive geben ließ! Ich kenn' doch den Männern ihren Charakter.
Huberta.Weißt, Edine, die Männer haben recht verschiedene Charaktere.
Antoinette.Das Gescheitste wär', ich fahr' nach Haus.
Nanni.Wer wird denn die Karten wegschmeißen, solang' er noch eine Chance in der Hand hat.
Edine.Wenn sie sich nur ein vernünftiges Wort sagen ließe. Ich hab' ja einen solchen Instinkt für solche psychologische Sachen. Es wär' ja absolut zu machen, daß die Ehe annulliert wird, sie ist eben unter einem moralischen Zwang gestanden die ganzenJahre und dann, wenn sie annulliert ist, so heirat' sie ja der Kari, wenn die Sache halbwegs richtig eingefädelt wird.
Huberta(die nach rechts gesehen hat). Pst!
Antoinette(fährt auf). Kommt er? Mein Gott, wie mir die Knie zittern.
Huberta.Die Crescence kommt. Nimm dich zusammen.
Antoinette(vor sich). Lieber Gott, ich kann sie nicht ausstehen, sie mich auch nicht, aber ich will jede Bassesse machen, weil sie ja seine Schwester is'.