Crescence(kommt von rechts). Grüß euch Gott, was macht's ihr denn? Die Toinette schaut ja ganz zerbeutelt aus. Sprecht's ihr denn nicht? So viele junge Frauen! Da hätt' der Stani halt nicht in den Klub gehen dürfen, wie?
Antoinette(mühsam). Wir unterhalten uns vorläufig ohne Herren sehr gut.
Crescence(ohne sich zu setzen). Was sagt's ihr, wie famos die Helen heut ausschaut? Die wird doch als junge Frau eine Allure haben, daß überhaupt niemand gegen sie aufkommt!
Huberta.Is' die Helen auf einmal so in der Gnad' bei dir?
Crescence.Ihr seid's auch sehr herzig. Die Antoinette soll sich ein bißl schonen. Sie schaut ja aus, als ob sie drei Nächt' nicht g'schlafen hätt'.(ImGehen.)Ich muß dem Poldo Altenwyl sagen, wie brillant ich die Helen heut find'.(Ab.)
Antoinette.Herr Gott, jetzt hab' ich's ja schriftlich, daß der Kari die Helen heiraten will.
Edine.Wieso denn?
Antoinette.Spürt's ihr denn nicht, wie sie für die zukünftige Schwägerin ins Zeug geht?
Nanni.Aber geh', bring' dich nicht um nichts und wieder nichts hinein in die Verzweiflung. Er wird gleich bei der Tür hereinkommen.
Antoinette.Wenn er in so einem Moment hereinkommt, bin ich ja ganz —(bringt ihr kleines Tuch vor die Augen)— verloren. —
Huberta.So gehen wir. Inzwischen beruhigt sie sich.
Antoinette.Nein, geht's ihr zwei und schaut's, ob er wieder mit der Helen red't und stört's ihn dabei. Ihr habt's mich ja oft genug gestört, wenn ich so gern mit ihm allein gewesen wär'. Und die Edine bleibt bei mir.(Alle sind aufgestanden, Huberta und Nanni gehen ab.)
Antoinette(und Edine setzen sich links rückwärts).
Edine.Mein liebes Kind, du hast diese ganze Geschichte mit dem Kari vom ersten Moment falsch angepackt.
Antoinette.Woher weißt denn du das?
Edine.Das weiß ich von der Mademoiselle Feydeau, die hat mir haarklein alles erzählt, wie du die ganze Situation in der Grünleiten schon verfahren hast.
Antoinette.Diese mißgünstige Tratschen, was weiß denn die!
Edine.Aber sie kann doch nichts dafür, wenn sie dich hat mit die nackten Füß' über die Stiegen 'runterlaufen gehört, und gesehen mit offene Haar im Mondschein mit ihm spazieren gehen. — Du hast eben die ganze G'schicht' von Anfang an viel zu terre à terre angepackt. Die Männer sind ja natürlich sehr terre à terre, aber deswegen muß eben von unserer Seiten etwas Höheres hineingebracht werden. Ein Mann wie der Kari Bühl aber ist sein Leben lang keiner Person begegnet, die ein bißl einen Idealismus in ihn hineingebracht hätte. Und darum ist er selbst nicht imstand', in eine Liebschaft was Höheres hineinzubringen, und so geht das vice versa. Wenn du mich in der ersten Zeit ein bißl um Rat gefragt hättest, wenn du dir hättest ein paar Direktiven geben lassen, ein paar Bücher empfehlen lassen — so wärst du heut seine Frau!
Antoinette.Geh, ich bitt' dich, Edine, agacier' mich nicht.
Huberta(erscheint in der Tür). Also: der Kari kommt. Er sucht dich.
Antoinette.Jesus Maria!(Sie sind alle aufgestanden.)
Nanni(die rechts hinausgeschaut hat). Da kommt die Helen aus dem andern Salon.
Antoinette.Mein Gott, gerade in dem Moment, auf den alles ankommt, muß sie daher kommen und mir alles verderben. So tut's doch was dagegen. So geht's ihr doch entgegen. So halt's sie doch weg, vom Zimmer da!
Huberta.Bewahr' doch ein bißl deine Contenance.
Nanni.Wir gehen einfach unauffällig dort hinüber.
Helene(tritt ein von rechts). Ihr schaut's ja aus, als ob ihr gerade von mir gesprochen hättet's.(Stille.)Unterhalt's ihr euch? Soll ich euch Herren hereinschicken?
Antoinette(auf sie zu, fast ohne Selbstkontrolle). Wir unterhalten uns famos, und du bist ein Engel, mein Schatz, daß du dich um uns umschaust. Ich hab' dir noch gar nicht guten Abend gesagt. Du schaust schöner aus als je.(Küßt sie.)Aber lass' uns nur und geh wieder.
Helene.Stör' ich euch? So geh' ich halt wieder.(Geht.)
Antoinette(streicht sich über die Wange, als wollte sie den Kuß abstreifen.)Was mach' ich denn? Was lass' ich mich denn von ihr küssen? Von dieser Viper, dieser falschen!
Huberta.So nimm dich ein bißl zusammen.
Hans Karl(ist von rechts eingetreten).
Antoinette(nach einem kurzen Stummsein, Sichducken, rasch auf ihn zu, ganz dicht an ihn). Ich hab' die Briefe genommen und verbrannt. Ich bin keine sentimentale Gans, als die mich meine Agathe hinstellt, daß ich mich über alte Briefe totweinen könnt'. Ich hab' einmal nur das, was ich im Moment hab', und was ich nicht hab', will ich vergessen. Ich leb' nicht in der Vergangenheit, dazu bin ich nicht alt genug.
Hans Karl.Wollen wir uns nicht setzen?(Führt sie zu den Fauteuils.)
Antoinette.Ich bin halt nicht schlau. Wenn man nicht raffiniert ist, dann hat man nicht die Kraft, einen Menschen zu halten, wie Sie einer sind. Denn Sie sind ein Genre mit Ihrem Vetter Stani. Das möchte ich Ihnen sagen, damit Sie es wissen. Ich kenn' euch. Monströs selbstsüchtig und grenzenlos unzart.(Nach einer kleinen Pause.)So sagen Sie doch was!
Hans Karl.Wenn Sie erlauben würden, so möchte ich versuchen, Sie an damals zu erinnern —
Antoinette.Ah, ich lass' mich nicht malträtieren. — Auch nicht von jemandem, der mir früher einmal nicht gleichgültig war.
Hans Karl.Sie waren damals, ich meine vor zwei Jahren, Ihrem Mann momentan entfremdet. Sie waren in der großen Gefahr, in die Hände von einem Unwürdigen zu fallen. Da ist jemand gekommen— der war — zufällig ich. Ich wollte Sie — beruhigen — das war mein einziger Gedanke — Sie der Gefahr entziehen — von der ich Sie bedroht gewußt — oder gespürt hab'. Das war eine Verkettung von Zufällen — eine Ungeschicklichkeit — ich weiß nicht, wie ich es nennen soll —
Antoinette.Diese paar Tage damals in der Grünleiten sind das einzige wirklich Schöne in meinem ganzen Leben. Die lass' ich nicht — die Erinnerung, daran lass' ich mir nicht heruntersetzen.(Steht auf.)
Hans Karl(leise). Aber ich hab' ja alles so lieb. Es war ja so schön.
Antoinette(setzt sich mit einem ängstlichen Blick auf ihn.)
Hans Karl.Es war ja so schön!
Antoinette.»Das war zufällig ich.« Damit wollen Sie mich insultieren. Sie sind draußen zynisch geworden. Ein zynischer Mensch, das ist das richtige Wort. Sie haben die Nuance verloren für das Mögliche und das Unmögliche. Wie haben Sie gesagt? Es war eine »Ungeschicklichkeit« von Ihnen? Sie insultieren mich ja in einem fort.
Hans Karl.Es ist draußen viel für mich anders geworden. Aber zynisch bin ich nicht geworden. Das Gegenteil, Antoinette. Wenn ich an unsern Anfang denke, so ist mir das etwas so Zartes, so Mysteriöses, ich getraue mich kaum, es vor mir selbst zu denken. Ich möchte mich fragen: Wie komm' ich denn dazu? Hab' ich denn dürfen? Aber(sehr leise)ich bereu' nichts.
Antoinette(senkt die Augen). Aller Anfang ist schön.
Hans Karl.In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.
Antoinette(ohne ihn anzusehen). Sie halten au fond alles für möglich und alles für erlaubt. Sie wollen nicht sehen, wie hilflos ein Wesen ist, über das Sie hinweggehen — wie preisgegeben, denn das würde vielleicht Ihr Gewissen aufwecken.
Hans Karl.Ich habe keins.
Antoinette(sieht ihn an).
Hans Karl.Nicht in bezug auf uns.
Antoinette.Jetzt war ich das und das von Ihnen — und weiß in diesem Augenblick so wenig, woran ich mit Ihnen bin, als wenn nie was zwischen uns gewesen wär'. Sie sind ja fürchterlich.
Hans Karl.Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das Festhalten-wollen ist unerlaubt. Nur das Sich-festkrampeln an das, was sich nicht halten laßt —
Antoinette.Ja, wir leben halt nicht nur wie die gewissen Fliegen vom Morgen bis zur Nacht. Wir sind halt am nächsten Tag auch noch da. Das paßt euch halt schlecht, solchen wie du einer bist.
Hans Karl.Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander jagt und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn der Zufall es wollte.
Antoinette.Ich will nicht —
Hans Karl(spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren). Darin ist aber so ein Grausen, daß derMensch etwas hat finden müssen, um sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, bei seinem eigenen Schopf. Und so hat er das Institut gefunden, das aus dem Zufälligen und Unreinen, das Notwendige, das Bleibende und das Gültige macht: die Ehe.
Antoinette.Ich spür', du willst mich verkuppeln mit meinem Mann. Es war nicht ein Augenblick, seitdem du hiersitz'st, wo ich mich hätte foppen lassen und es nicht gespürt hätte. Du nimmst dir wirklich alles heraus, du meinst schon, daß du alles darfst, zuerst verführen, dann noch beleidigen.
Hans Karl.Ich bin kein Verführer, Toinette, ich bin kein Frauenjäger.
Antoinette.Ja, das ist dein Kunststückl, damit hast du mich herumgekriegt, daß du kein Verführer bist, kein Mann für Frauen, daß du nur ein Freund bist, aber ein wirklicher Freund. Damit kokettierst du, sowie du mit allem kokettierst, was du hast, und mit allem, was dir fehlt. Man müßte, wenn's nach dir ging', nicht nur verliebt in dich sein, sondern dich noch liebhaben über die Vernunft hinaus, und um deiner selbst willen, und nicht einmal nur als Mann — sondern — ich weiß ja gar nicht, wie ich sagen soll, oh mein Gott, warum muß ein und derselbe Mensch so scharmant sein und zugleich so monströs eitel und selbstsüchtig und herzlos!
Hans Karl.Weiß sie, Toinette, was Herz ist, weiß sie das? Daß ein Mann Herz für eine Frau hat, das kann er nur durch Eins zeigen, nur durch ein Einzigesauf der Welt: durch die Dauer, durch die Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die Probe, die einzige.
Antoinette.Lass' mich mit dem Ado — ich kann mit dem Ado nicht leben —
Hans Karl.Der hat dich lieb. Einmal und für alle Male. Der hat dich gewählt unter allen Frauen auf der Welt, und er hat dich liebbehalten und wird dich liebhaben für immer, weißt du, was das heißt? Für immer, gescheh' dir, was da will. Einen Freund haben, der dein ganzes Wesen lieb hat, für den du immer ganz schön bist, nicht nur heut und morgen, auch später, viel später, für den seine Augen der Schleier, den die Jahre oder was kommen kann, über dein Gesicht werfen — für seine Augen ist das nicht da, du bist immer, die du bist, die Schönste, die Liebste, die Eine, die Einzige.
Antoinette.So hat er mich nicht gewählt. Geheiratet hat er mich halt. Von dem andern weiß ich nichts.
Hans Karl.Aber er weiß davon.
Antoinette.Das, was Sie da reden, das gibt's alles nicht. Das redet er sich ein — das redet er Ihnen ein — Ihr seid's einer wie der andere, Ihr Männer, Sie und der Ado und der Stani, ihr seid's alle aus einem Holz geschnitzt und darum versteht's ihr euch so gut und könnt's euch so gut in die Hände spielen.
Hans Karl.Das red't er mir nicht ein, das weiß ich, Toinette. Das ist eine heilige Wahrheit, die weiß ich — ich muß sie immer schon gewußt haben, aber draußen ist sie erst ganz deutlich für mich geworden:es gibt einen Zufall, der macht scheinbar alles mit uns, wie er will — aber mitten in dem Hierhin- und Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit und Todesangst, da spüren wir und wissen es auch, es gibt halt auch eine Notwendigkeit, die wählt uns von Augenblick zu Augenblick, die geht ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und doch so schneidend scharf wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein Leben mehr gewesen, sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche Notwendigkeit gibt's halt auch zwischen Männern und Frauen — wo die ist, da ist ein Zueinandermüssen und Verzeihung und Versöhnung und Beieinanderbleiben. Und da dürfen Kinder sein, und da ist eine Ehe und ein Heiligtum, trotz allem und allem —
Antoinette(steht auf). Alles, was du red'st, das heißt ja gar nichts anderes, als daß du heiraten willst, daß du demnächst die Helen heiraten wirst.
Hans Karl(bleibt sitzen, hält sie). Aber ich denk' doch nicht an die Helen! Ich red' doch von dir. Ich schwör' dir, daß ich von dir red'.
Antoinette.Aber dein ganzes Denken dreht sich um die Helen.
Hans Karl.Ich schwöre dir: ich hab' einen Auftrag an die Helen. Ganz einen andern, als du dir denkst. Ich sag' ihr noch heute —
Antoinette.Was sagst du ihr noch heute — ein Geheimnis?
Hans Karl.Keines, das mich betrifft.
Antoinette.Aber etwas, das dich mit ihr verbindet?
Hans Karl.Aber das Gegenteil!
Antoinette.Das Gegenteil? Ein Adieu — du sagst ihr, was ein Adieu ist zwischen dir und ihr?
Hans Karl.Zu einem Adieu ist kein Anlaß, denn es war ja nie etwas zwischen mir und ihr. Aber wenn's ihr Freud' macht, Toinette, so kommt's beinah' auf ein Adieu hinaus.
Antoinette.Ein Adieu fürs Leben?
Hans Karl.Ja, fürs Leben, Toinette.
Antoinette(sieht ihn ganz an). Fürs Leben?(Nachdenklich.)Ja, sie ist so eine Heimliche und tut nichts zweimal und red't nichts zweimal. Sie nimmt nichts zurück — sie hat sich in der Hand: ein Wort muß für sie entscheidend sein. Wenn du ihr sagst: adieu — dann wird's für sie sein adieu und auf immer. Für sie wohl.(Nach einer kleinen Pause.)Ich lass' mir von dir den Ado nicht einreden. Ich mag seine Händ' nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Ohren nicht.(Sehr leise.)Deine Hände hab' ich lieb. — Was bist denn du? Ja, wer bist denn du? Du bist ein Zyniker, ein Egoist, ein Teufel bist du! Mich sitzen lassen ist dir zu gewöhnlich. Mich behalten, dazu bist du zu herzlos. Mich hergeben, dazu bist du zu raffiniert. So willst du mich zugleich loswerden und doch in deiner Macht haben, und dazu ist dir der Ado der Richtige. — Geh hin und heirat' die Helen. Heirat', wenn du willst! Ich hab' mit deiner Verliebtheit vielleicht was anzufangen, mit deinen guten Ratschlägen aber gar nix.(Will gehen.)
Hans Karl(tut einen Schritt auf sie zu).
Antoinette.Lass' er mich gehen.(Sie geht ein paar Schritte, dann halb zu ihm gewendet). Was soll denn jetzt aus mir werden? Red' er mir nur den Feri Uhlfeldt aus, der hat so viel Kraft, wenn er was will. Ich hab' gesagt, ich mag ihn nicht, er hat gesagt, ich kann nicht wissen, wie er als Freund ist, weil ich ihn noch nicht als Freund gehabt hab'. Solche Reden verwirren einen so.(Halb unter Tränen, zart.)Jetzt wird er an allem schuld sein, was mir passiert.
Hans Karl.Sie braucht eins in der Welt: einen Freund. Einen guten Freund.(Er küßt ihr die Hände.)Sei sie gut mit dem Ado.
Antoinette.Mit dem kann ich nicht gut sein.
Hans Karl.Sie kann mit jedem.
Antoinette(sanft). Kari, insultier' er mich doch nicht.
Hans Karl.Versteh' sie doch, wie ich meine.
Antoinette.Ich versteh' ihn ja sonst immer so gut.
Hans Karl.Könnt' sie's nicht versuchen?
Antoinette.Ihm zulieb' könnt' ich's versuchen. Aber er müßt' dabei sein und mir helfen.
Hans Karl.Jetzt hat sie mir ein halbes Versprechen gegeben.
Der berühmte Mann(ist von rechts eingetreten, sucht sich Hans Karl zu nähern, die beiden bemerken ihn nicht.)
Antoinette.Er hat mir was versprochen.
Hans Karl.Für die erste Zeit.
Antoinette(dicht bei ihm). Mich liebhaben!
Der berühmte Mann.Pardon, ich störe wohl.(Schnell ab.)
Hans Karl(dicht bei ihr). Das tu' ich ja.
Antoinette.Sag er mir sehr was Liebes: nur für den Moment. Der Moment ist ja alles. Ich kann nur im Moment leben. Ich hab' so ein schlechtes Gedächtnis.
Hans Karl.Ich bin nicht verliebt in sie, aber ich hab' sie lieb.
Antoinette.Und das, was er der Helen sagen wird, ist ein Adieu?
Hans Karl.Ein Adieu.
Antoinette.So verhandelt er mich, so verkauft er mich!
Hans Karl.Aber sie war mir doch noch nie so nahe.
Antoinette.Er wird oft zu mir kommen, mir zureden? Er kann mir ja alles einreden.
Hans Karl(küßt sie auf die Stirn, fast ohne es zu wissen).
Antoinette.Dank schön.(Läuft weg durch die Mitte.)
Hans Karl(steht verwirrt, sammelt sich). Arme, kleine Antoinette.
Crescence(kommt durch die Mitte, sehr rasch). Also brillant hast du das gemacht. Das ist ja erste Klasse, wie du so was deichselst.
Hans Karl.Wie? Aber du weißt doch gar nicht.
Crescence.Was brauch' ich noch zu wissen. Ich weiß alles. Die Antoinette hat die Augen vollerTränen, sie stürzt an mir vorbei, so wie sie merkt, daß ich's bin, fallt sie mir um den Hals und ist wieder dahin wie der Wind, das sagt mir doch alles. Du hast ihr ins Gewissen geredet, du hast ihr besseres Selbst aufgeweckt, du hast ihr klargemacht, daß sie sich auf den Stani keine Hoffnungen mehr machen darf, und du hast ihr den einzigen Ausweg aus der verfahrenen Situation gezeigt, daß sie zu ihrem Mann zurück soll und trachten soll, ein anständiges, ruhiges Leben zu führen.
Hans Karl.Ja, so ungefähr. Aber es hat sich im Detail nicht so abgespielt. Ich hab' nicht deine zielbewußte Art. Ich komm' leicht von meiner Linie ab, das muß ich schon gestehen.
Crescence.Aber das ist doch ganz egal. Wenn du in so einem Tempo ein so brillantes Resultat erzielst, jetzt, wo du in dem Tempo drin bist, kann ich gar nicht erwarten, daß du die zwei Konversationen mit der Helen und mit dem Poldo Altenwyl absolvierst. Ich bitt' dich, geh sie nur an, ich halt dir die Daumen, denk' doch nur, daß dem Stani sein Lebensglück von deiner Suada abhängt.
Hans Karl.Sei außer Sorg', Crescence, ich hab' jetzt grad' während dem Reden mit der Antoinette Hechingen so die Hauptlinien gesehen für meine Konversation mit der Helen. Ich bin ganz in der Stimmung. Weißt du, das ist ja meine Schwäche, daß ich so selten das Definitive vor mir sehe: aber diesmal seh' ich's.
Crescence.Siehst du, das ist das Gute, wenn man ein Programm hat. Da kommt ein Zusammenhang in die ganze Geschichte. Also komm nur: wir suchen zusammen die Helen, sie muß ja in einem von den Salons sein und so, wie wir sie finden, lass' ich dich allein mit ihr. Und sobald wir ein Resultat haben, stürz' ich ans Telephon und depeschier' den Stani hierher.
Crescence(und Hans Karl gehen links hinaus).
Helene(mit Neuhoff treten von rechts herein. Man hört eine gedämpfte Musik aus einem entfernten Salon.)
Neuhoff(hinter ihr). Bleiben Sie stehen. Diese nichtsnutzige, leere, süße Musik und dieses Halbdunkel modellieren Sie wunderbar.
Helene(ist stehengeblieben, geht aber jetzt weiter auf die Fauteuils links zu). Ich stehe nicht gern Modell, Baron Neuhoff.
Neuhoff.Auch nicht, wenn ich die Augen schließe?
Helene(sagt nichts, sie steht links).
Neuhoff.Ihr Wesen, Helene! Wie niemand je war, sind Sie. Ihre Einfachheit ist das Resultat einer ungeheuren Anspannung. Regungslos wie eine Statue vibrieren Sie in sich, niemand ahnt es, der es aber ahnt, der vibriert mit Ihnen.
Helene(sieht ihn an, setzt sich).
Neuhoff(nicht ganz nahe). Wundervoll ist alles an Ihnen. Und dabei, wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.
Helene.Ist Ihnen das Hohe selbstverständlich? Das war ein nobler Gedanke.
Neuhoff.Vielleicht könnte man seine Frau werden — das war es, was Ihre Lippen sagen wollten, Helene!
Helene.Lesen Sie von den Lippen wie die Taubstummen?
Neuhoff(einen Schritt näher). Siewerden mich heiraten, weil Sie meinen Willen spüren in einer willenlosen Welt.
Helene(vor sich). Muß man? Ist es ein Gebot, dem eine Frau sich fügen muß: wenn sie gewählt und gewollt wird?
Neuhoff.Es gibt Wünsche, die nicht weit her sind. Die darf man unter seine schönen rassigen Füße treten. Der meine ist weit her. Er ist gewandert um die halbe Welt. Hier fand er sein Ziel. Sie wurden gefunden, Helene Altenwyl, vom stärksten Willen, auf dem weitesten Umweg, in der kraftlosesten aller Welten.
Helene.Ich bin aus ihr und bin nicht kraftlos.
Neuhoff.Ihr habt dem schönen Schein alles geopfert, auch die Kraft. Wir, dort in unserm nordischen Winkel, wo uns die Jahrhunderte vergessen, wir haben die Kraft behalten. So stehen wir gleich zu gleich und doch ungleich zu ungleich, und aus dieser Ungleichheit ist mir mein Recht über Sie erwachsen.
Helene.Ihr Recht?
Neuhoff.Das Recht des geistig Stärksten über die Frau, die er zu vergeistigen vermag.
Helene.Ich mag nicht diese mystischen Redensarten.
Neuhoff.Es waltet etwas Mystik zwischen zwei Menschen, die sich auf den ersten Blick erkannt haben. Ihr Stolz soll es nicht verneinen.
Helene(sie ist aufgestanden). Er verneint es immer wieder.
Neuhoff.Helene, bei Ihnen wäre meine Rettung — meine Zusammenfassung, meine Ermöglichung!
Helene.Ich will von niemand wissen, der sein Leben unter solche Bedingungen stellt!(Sie tut ein paar Schritte an ihm vorbei; ihr Blick haftet an der offenen Tür rechts, wo sie eingetreten ist.)
Neuhoff.Wie Ihr Gesicht sich verändert! Was ist das, Helene?
Helene(schweigt, sieht nach rechts).
Neuhoff(ist hinter sie getreten, folgt ihrem Blick). Oh! Graf Bühl erscheint auf der Bildfläche!(Er tritt zurück von der Tür.)Sie fühlen magnetisch seine Nähe — ja spüren Sie denn nicht, unbegreifliches Geschöpf, daß Sie für ihn nicht da sind?
Helene.Ich bin schon da für ihn, irgendwie bin ich schon da!
Neuhoff.Verschwenderin! Sie leihen ihm alles, auch noch die Kraft, mit der er Sie hält.
Helene.Die Kraft, mit der ein Mensch einen hält — die hat ihm wohl Gott gegeben.
Neuhoff.Ich staune. Womit übt ein Kari Bühl diese Faszination über Sie? Ohne Verdienst, sogar ohne Bemühung, ohne Willen, ohne Würde —
Helene.Ohne Würde!
Neuhoff.Der schlaffe zweideutige Mensch hat keine Würde.
Helene.Was für Worte gebrauchen Sie da?
Neuhoff.Mein nördlicher Jargon klingt etwas scharf in ihre schöngeformten Ohren. Aber ich vertrete seine Schärfe. Zweideutig nenne ich den Mann, der sich halb verschenkt und sich halb zurückbehält — der Reserven in allem und jedem hält — in allem und jedem Berechnungen —
Helene.Berechnung und Kari Bühl! Ja, sehen Sie ihn denn wirklich so wenig! Freilich ist es unmöglich, sein letztes Wort zu finden, das bei andern so leicht zu finden ist. Die Ungeschicklichkeit, die ihn so liebenswürdig macht, der timide Hochmut, seine Herablassung, freilich ist alles ein Versteckenspiel, freilich läßt es sich mit plumpen Händen nicht fassen. — Die Eitelkeit erstarrt ihn ja nicht, durch die alle andern steif und hölzern werden — die Vernunft erniedrigt ihn ja nicht, die aus den meisten so etwas Gewöhnliches macht — er gehört nur sich selber — niemand kennt ihn, da ist es kein Wunder, daß Sie ihn nicht kennen!
Neuhoff.So habe ich Sie nie zuvor gesehen, Helene. Ich genieße diesen unvergleichlichen Augenblick! Einmal sehe ich Sie, wie Gott Sie geschaffen hat, Leib und Seele. Ein Schauspiel für Götter. Pfui über die Weichheit bei Männern wie bei Frauen! Aber Strenge, die weich wird, ist herrlich über alles!
Helene(schweigt).
Neuhoff.Gestehen Sie mir zu, es zeigt von etwas Superiorität, wenn ein Mann es an einer Frau genießen kann, wie sie einen andern bewundert. Aber ich vermag es: denn ich bagatellisiere Ihre Bewunderung für Kari Bühl.
Helene.Sie verwechseln die Nuancen. Sie sind aigriert, wo es nicht am Platz ist.
Neuhoff.Über was ich hinweggehe, das aigriert mich nicht.
Helene.Sie kennen ihn nicht! Sie haben ihn kaum gesprochen.
Neuhoff.Ich habe ihn besucht —
Helene(sieht ihn an).
Neuhoff.— Es ist nicht zu sagen, wie dieser Mensch Sie preisgibt — Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind es, über die er hinweggeht.
Helene(ruhig). Nein.
Neuhoff.Es war ein Zweikampf zwischen mir und ihm, ein Zweikampf um Sie! — und ich bin nicht unterlegen.
Helene.Nein, es war kein Zweikampf. Es verdient keinen so heroischen Namen. Sie sind hingegangen, um dasselbe zu tun, was ich in diesem Augenblick tu'!(Lacht.)Ich gebe mir alle Mühe, den Grafen Bühl zu sehen, ohne daß er mich sieht. Aber ich tue es ohne Hintergedanken.
Neuhoff.Helene!
Helene.Ich denke nicht, dabei etwas wegzutragen, das mir nützen könnte!
Neuhoff.Sie treten mich ja in den Staub, Helene — und ich lasse mich treten!
Helene(schweigt).
Neuhoff.Und nichts bringt mich näher?
Helene.Nichts.(Sie geht einen Schritt auf die Tür rechts zu.)
Neuhoff.Alles an Ihnen ist schön, Helene. Wenn Sie sich niedersetzen, ist es, als ob Sie ausruhen müßten von einem großen Schmerz — und wenn Sie quer durchs Zimmer gehen, ist es, als ob Sie einer ewigen Entscheidung entgegengingen.
Hans Karl(ist in der Tür rechts erschienen).
Helene(gibt Neuhoff keine Antwort. Sie geht lautlos langsam auf die Tür rechts zu).
Neuhoff(geht schnell links hinaus).
Hans Karl.Ja, ich habe mit Ihnen zu reden.
Helene.Is' es etwas sehr Ernstes?
Hans Karl.Es kommt vor, daß es einem zugemutet wird. Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung.
Helene.Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde keiner den Mund aufmachen.
Hans Karl.Sie haben einen so klaren Verstand, Helene. Sie wissen immer in jedem Moment so sehr, worauf es ankommt.
Helene.Weiß ich das?
Hans Karl.Man versteht sich mit Ihnen ausgezeichnet. Da muß man sehr achtgeben.
Helene(sieht ihn an). Da muß man achtgeben?
Hans Karl.Freilich. Sympathie ist ganz gut, aber auf ihr herumzureiten, wäre doch namenlos indiskret. Darum muß man doch gerade auf der Hut sein, wenn man das Gefühl hat, sich sehr gut zu verstehen.
Helene.Das müssen Sie tun, natürlich. So ist Ihre Natur. Wer sich einfallen ließe, Sie fixieren zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer glaubt, daß Sie ihm für immer Adieu gesagt haben, dem könnte passieren, daß Sie ihm wieder guten Tag sagen. — Heut' hat die Antoinette wieder Charme für Sie gehabt.
Hans Karl.Sie bemerken alles!
Helene.Sie verbrauchen auf Ihre Art die armen Frauen, aber Sie haben sie gar nicht sehr lieb. Es gehört viel Contenance dazu oder ein bißl Gewöhnlichkeit, um Ihre Freundin zu bleiben.
Hans Karl.Wenn Sie mich so sehen, dann bin ich Ihnen ja direkt unsympathisch!
Helene.Gar nicht. Sie sind scharmant. Sie sind bei all dem wie ein Kind.
Hans Karl.Wie ein Kind? Und dabei bin ich nahezu ein alter Mensch. Das ist doch ein Horreur. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand'.
Helene.Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da, als ein anständiges, ruhiges Benehmen.
Hans Karl.Sie haben so eine reizende Art!
Helene.Ich möchte nicht sentimental sein, das langweilt mich. Ich möchte lieber terre à terre sein, wie Gott weiß wer, als sentimental. Ich möchte auch nicht spleenig sein, und ich möchte nicht kokett sein. So bleibt mir nichts übrig, als möglichst artig zu sein.
Hans Karl(schweigt).
Helene.Au fond können wir Frauen tun was wir wollen, meinetwegen Solfèges singen oder politisieren, wir meinen immer noch was andres damit. — Solfèges singen ist indiskreter, Artigsein ist diskreter, es drückt die bestimmte Absicht aus, keine Indiskretionen zu begehen. Weder gegen sich, noch gegen einen andern.
Hans Karl.Alles an Ihnen ist besonders und schön. Ihnen kann ja gar nichts geschehen. Heiraten Sie wen immer, heiraten Sie den Neuhoff, nein den Neuhoff, wenn sich's vermeiden laßt, lieber nicht, aber den ersten besten frischen Menschen, einen Menschen wie meinen Neffen Stani, ja, wirklich Helene, heiraten Sie den Stani, er möchte so gern, und Ihnen kann ja gar nichts passieren. Sie sind ja unzerstörbar, das steht ja deutlich in Ihrem Gesicht geschrieben. Ich bin immer fasziniert von einem wirklich schönen Gesicht — aber das Ihre—
Helene.Ich möchte nicht, daß Sie so mit mir reden, Graf Bühl.
Hans Karl.Aber nein, an ihnen ist ja nicht die Schönheit das Entscheidende, sondern ganz etwas anderes: in Ihnen liegt das Notwendige. Sie können mich natürlich nicht verstehen, ich versteh' mich selbst viel schlechter, wenn ich red', als wenn ich still bin. Ich kann gar nicht versuchen, Ihnen das zu explizieren, es ist halt etwas, was ich draußen begreifen gelernt habe: daß in den Gesichtern der Menschen etwas geschrieben steht. Sehen Sie, auch in einem Gesicht, wie dem von der Antoinette kann ich lesen —
Helene(mit einem flüchtigen Lächeln). Aber davon bin ich überzeugt.
Hans Karl(ernst). Ja, es ist ein scharmantes, liebes Gesicht, aber es steht immer ein und derselbe stumme Vorwurf in ihm eingegraben: Warum habt's ihr mich alle dem fürchterlichen Zufall überlassen? Und das gibt ihrer kleinen Maske etwas so Hilfloses, Verzweifeltes, daß man Angst um sie haben könnte.
Helene.Aber die Antoinette ist doch da. Sie existiert doch so ganz für den Moment. So müssen doch Frauen sein, der Moment ist ja alles. Was soll denn die Welt mit einer Person anfangen, wie ich bin? Für mich ist ja der Moment gar nicht da, ich stehe da und sehe die Lampen dort brennen, und in mir sehe ich sie schon ausgelöscht. Und ich spreche mit Ihnen, wir sind ganz allein in einem Zimmer, aber in mir ist das jetztschon vorbei: wie wenn irgendein gleichgültiger Mensch hereingekommen wäre und uns gestört hätte, die Huberta oder der Theophil Neuhoff oder wer immer, und das schon vorüber wäre, daß ich mit Ihnen allein dagesessen bin, bei dieser Musik, die zu allem auf der Welt besser paßt, als zu uns beiden — und Sie schon wieder irgendwo dort zwischen den Leuten. Und ich auch irgendwo zwischen den Leuten.
Hans Karl(leise). Jeder muß glücklich sein, der mit Ihnen leben darf, und muß Gott danken bis an sein Lebensende, Helen, bis an sein Lebensende, sei's, wer's sei. Nehmen Sie nicht den Neuhoff, Helen, — eher einen Menschen wie den Stani, oder auch nicht den Stani, einen ganz andern, der ein braver, nobler Mensch ist — und ein Mann: das ist alles, was ich nicht bin.(Er steht auf.)
Helene(steht auch auf, sie spürt, daß er gehen will). Sie sagen mir ja Adieu!
Hans Karl(gibt keine Antwort).
Helene.Auch das hab' ich voraus gewußt. Daß einmal ein Moment kommen wird, wo Sie mir so plötzlich Adieu sagen werden und ein Ende machen — wo gar nichts war. Aber denen, wo wirklich was war, denen können Sie nie Adieu sagen.
Hans Karl.Helen, es sind gewisse Gründe.
Helene.Ich glaube, ich habe alles in der Welt, was sich auf uns zwei bezieht, schon einmal gedacht. So sind wir schon einmal gestanden, so hat eine fade Musik gespielt, und so haben Sie mir Adieu gesagt, einmal für allemal.
Hans Karl.Es ist nicht nur so aus diesem Augenblick heraus, Helen, daß ich Ihnen Adieu sage. Oh nein, das dürfen Sie nicht glauben. Denn daß man jemandem Adieu sagen muß, dahinter versteckt sich ja was.
Helene.Was denn?
Hans Karl.Da muß man ja sehr zu jemandem gehören und doch nicht ganz zu ihm gehören dürfen.
Helene(zuckt). Was wollen Sie damit sagen?
Hans Karl.Da draußen, da war manchmal was — mein Gott, ja, wer könnte denn das erzählen!
Helene.Ja, mir. Jetzt.
Hans Karl.Da waren solche Stunden, gegen Abend oder in der Nacht, der frühe Morgen mit dem Morgenstern — Helen, Sie waren da sehr nahe von mir. Dann war dieses Verschüttetwerden, Sie haben davon gehört —
Helene.Ja, ich hab' davon gehört —
Hans Karl.Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze Lebenszeit, die ich gelebt hab', und in diesem Stück Leben, da waren Sie meine Frau. Ist das nicht spaßig?
Helene.Da war ich Ihre Frau?
Hans Karl.Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine Frau ganz einfach. Als ein fait accompli. Das Ganze hat eher etwas Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.
Helene(schweigt).
Hans Karl.Mein Gott, ich bin eben nicht möglich, das sag' ich ja der Crescence! Jetzt sitz' ich da neben Ihnen in einer Soiree und verlier' mich in Geschichten, wie der alte Millesimo, Gott hab' ihn selig, den schließlich die Leut' allein sitzen lassen haben, mit seinen Anekdoten ohne Pointe, und der das gar nicht bemerkt hat und mutterseelenallein weiter erzählt hat.
Helene.Aber ich lass' Sie gar nicht sitzen, ich hör' zu, Graf Kari. Sie haben mir etwas sagen wollen, war es das?
Hans Karl.Nämlich: das war eine sehr subtile Lektion, die mir da eine höhere Macht erteilt hat. Ich werd' Ihnen sagen, Helen, was die Lektion bedeutet hat.
Helene(hat sich gesetzt, er setzt sich auch, die Musik hat aufgehört).
Hans Karl.Es hat mir in einem ausgewählten Augenblick ganz eingeprägt werden sollen, wie das Glück ausschaut, das ich mir verscherzt habe. Wodurch ich mir's verscherzt habe, das wissen Sie ja so gut wie ich.
Helene.Das weiß ich so gut wie Sie?
Hans Karl.Indem ich halt, solange noch Zeit war, nicht erkannt habe, worin das Einzige liegen könnte, worauf es ankäm'. Und daß ich das nicht erkannt habe, das war eben die Schwäche meiner Natur. Und so habe ich diese Prüfung nicht bestanden. Später im Feldspital, in den vielen ruhigen Tagen und Nächten hab' ich das alles mit einer unbeschreiblichen Klarheit und Reinheit erkennen können.
Helene.War es das, was Sie mir haben sagen wollen, genau das?
Hans Karl.Die Genesung ist so ein merkwürdiger Zustand. Darin ist mir die ganze Welt wiedergekommen, wie etwas Reines, Neues und dabei so Selbstverständliches. Ich hab' da auf einmal ausdenken können, was das ist: ein Mensch. Und wie das sein muß: zwei Menschen, die ihr Leben aufeinander legen und werden wie ein Mensch. Ich habe — in der Ahnung wenigstens — mir vorstellen können — was da dazu gehört, wie heilig das ist und wie wunderbar. Und sonderbarerweise, es war nicht meine Ehe, die ganz ungerufen die Mitte von diesem Denken war — obwohl es ja leicht möglich ist, daß ich noch einmal heirat' — sondern es war Ihre Ehe.
Helene.Meine Ehe! Meine Ehe — mit wem denn?
Hans Karl.Das weiß ich nicht. Aber ich hab' mir das in einer ganz genauen Weise vorstellen können, wie das alles sein wird, und wie es sich abspielen wird, mit ganz wenigen Leuten und ganz heilig und feierlich, und wie alles so sein wird, wie sich's gehört zu Ihren Augen und zu Ihrer Stirn und zu Ihren Lippen, die nichts Überflüssiges reden können, und zu Ihren Händen, die nichts Unwürdiges besiegeln können — und sogar das Ja-Wort hab' ich gehört, ganz klar und rein, von Ihrer klaren, reinen Stimme — ganz von weitem, denn ich war doch natürlich nicht dabei, ich war doch nicht dabei! — Wie käm' ich als ein Außenstehender zu der Zeremonie — Aber es hat mich gefreut, Ihnen einmal zu sagen, wie ich's Ihnenmein. — Und das kann man natürlich nur in einem besonderen Moment; wie der jetzige, sozusagen in einem definitiven Moment —
Helene(ist dem Umsinken nah, beherrscht sich aber).
Hans Karl(Tränen in den Augen). Mein Gott, jetzt hab' ich Sie ganz bouleversiert, das liegt an meiner unmöglichen Art, ich attendrier mich sofort, wenn ich von was sprech' oder hör', was nicht aufs Allerbanalste hinausgeht — es sind die Nerven seit der Geschichte, aber das steckt sensible Menschen wie Sie natürlich an — ich gehör' eben nicht unter Menschen — das sag' ich ja der Crescence — ich bitt' Sie tausendmal um Verzeihung, vergessen Sie alles, was ich da Konfuses zusammengeredt hab' — es kommen ja in so einem Abschiedsmoment tausend Erinnerungen durcheinander —(hastig, weil er fühlt, daß sie nicht mehr allein sind)— aber wer sich beisammen hat, der vermeidet natürlich, sie auszukramen — Adieu, Helen, Adieu.
Der berühmte Mann(ist von rechts eingetreten).
Helene(kaum ihrer selbst mächtig). Adieu!(Sie wollen sich die Hände geben, keine Hand findet die andere.)
Hans Karl(will fort nach rechts).
Der berühmte Mann(tritt auf ihn zu).
Hans Karl(sieht sich nach links um).
Crescence(tritt von links ein).
Der berühmte Mann.Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, Euer Erlaucht —
Hans Karl(eilt fort nach rechts). Pardon, mein Herr!(An ihm vorbei.)
Crescence(tritt zu Helene, die totenblaß dasteht). —
Der berühmte Mann(ist verlegen abgegangen).
Hans Karl(erscheint nochmals in der Tür rechts, sieht herein, wie unschlüssig und verschwindet gleich wieder, wie er Crescence bei Helene sieht).
Helene(zu Crescence, fast ohne Besinnung). Du bist's, Crescence? Er ist ja noch einmal hereingekommen. Hat er noch etwas gesagt?(Sie taumelt, Crescence hält sie).
Crescence.Aber ich bin ja so glücklich. Deine Ergriffenheit macht mich ja so glücklich!
Helene.Pardon, Crescence, sei mir nicht bös!(Macht sich los und läuft weg nach links.)
Crescence.Ihr habt's euch eben beide viel lieber, als ihr wißt's, der Stani und du!(Sie wischt sich die Augen.)