Chapter 10

Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum drittenmal die Geschichte von Max und Travemündeerzählen, und wie es „angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe, tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.

Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum drittenmal die Geschichte von Max und Travemündeerzählen, und wie es „angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe, tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.

Sie kannte diese Stimme so genau und fürchtete doch, daß sie sich täuschen könnte. Sie wollte fragen: „Ist das nicht Olga?“ und fürchtete, ein „Nein“ als Antwort zu bekommen. Und mehr als alles fürchtete sie, daß dies Gespräch nebenan verstummen könnte – daß die Türen gehen könnten und es nachher heißen würde: „Eben war Olga auf einen Moment hier“.

Die Stimmen verstummten nicht. Sie wurden lauter, kamen näher, die Tür wurde rasch und weit aufgemacht, und im Rahmen stand Olgas hohe Erscheinung, abgehoben von dem gelben Licht, das das Nebenzimmer füllte, wie ein gedunkeltes Bild von goldenem Grund.

„Kinder, wollt ihr morgen bei mir Tee trinken?“ rief sie in das dunkle Zimmer. „Ich habe ‚Kugler‘ geschickt bekommen.“

Die beiden Möbius-Mädchen juchten auf.

Emmi rückte einen Stuhl und wollte Olga hineinziehen, aber die wehrte ab und ließ die Hand nicht von der Türklinke.

„Nein, nein, Kinder, ich habe keine Minute Zeit.Aber kommt morgen zeitig, um vier, halb fünf spätestens, ich muß abends in die Oper.“

Mette rührte sich nicht. Als die Tür aufging, hatte sie ein halblautes „Guten Abend“ gesagt. Nun schien es ihr aufdringlich, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Vielleicht hatte Olga sie in ihrer dämmerigen Ecke gar nicht gesehen. Vielleicht hatte sie sie aber auch nicht sehen wollen. Es wäre ja begreiflich gewesen. Aber irgend etwas tat weh dabei.

„Wollen Sie nicht mitkommen, Fräulein Rudloff? Wenn Sie nix Besseres vorhaben – Sie sind herzlichst eingeladen ...“

„Gern!“ sagte Mette, und wurde blaß vor Freude. – – –


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