Chapter 13

Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn sie dachte: ... und ich hatte michsogefreut.

Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn sie dachte: ... und ich hatte michsogefreut.

Erst als sie das Haus wiedersah, als sie die Tür öffnete, die Treppen hinaufstieg, mit dem stolzen Gefühl, vollauf dazu berechtigt zu sein, da schlug dieFreude wieder in ihr hoch, wie eine helle Flammenlohe durch Qualm und Rauch.

Mette brannte vor Neugier, das Zimmer zu sehen. Als das zierliche Hausmädchen sie durch den Türgang führte, empfand sie ein Gefühl, dem ähnlich, mit dem sie als Kind im Theater vorm geschlossenen Vorhang gesessen hatte, wenn die Musiker anfingen, ihre Instrumente zu stimmen.

Das Zimmer lag fast im Dunkel. Rolläden und Vorhänge waren so fest geschlossen, daß kaum ein Schimmer des regnerischen Tages die Fenstervierecke heller zeichnete. Direkt neben dem kleinen, niedrigen Teetisch stand eine hohe, buntbeschirmte Lampe, die ein blendendes Licht über das weiße Tuch, über das dünne, goldgeränderte Porzellan und über ein dunkelblaues, mit gelben Primeln angefülltes Jean-Beck-Glas warf.

Von dem übrigen Zimmer konnte man auf den ersten Blick nicht viel erkennen. Die Möbel schienen schwer und dunkel, an einer Wand glänzten im ungewissen Licht lange Reihen von Bücherrücken, hie und da gleißte die Ecke eines Bilderrahmens auf oder ein Stückchen spiegelnden Glases.

Olga empfing ihre Gäste mit einer Freude, die herzlich und aufrichtig schien.

Metten erschien es unbegreiflich, daß diese Frau sich nicht in kalten Hochmut wie in einen Panzer hüllte.

Die Mädchen konnten nicht aufhören, sich über die künstliche Dunkelheit zu belustigen.

„Ja,“ sagte Olga, „ich wollte doch meine Bude im vorteilhaftesten Licht präsentieren. Und am vorteilhaftesten ist so wenig Licht wie möglich. Außerdem – wenn vor der entsetzlichen grauen Brandmauer da drüben noch der Regen in Strippen herunterläuft, dann ist das auch weiter kein erfreulicher Anblick. So kann man denken, da draußen liegt ein Tannenwald im Schnee, oder Terrassen, die nach dem Meer hinunterführen oder der Donau-Kai in einer Mainacht, wenn die Akazien blühen.“

Mette wurde in einen tiefen Sessel genötigt.

„Ja, das müssen Sie sich schon gefallen lassen, Sie sind hier unser Ehrengast, Sie sind doch die Älteste! Jetzt sind Sie wahrscheinlich noch stolz darauf, wenn Sie erst so alt sind wie ich, dann hört es schon auf, eine Schmeichelei zu sein.“

Mette hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so zu Hause gefühlt, wie in diesem Sessel.

Ihr gegenüber hockte Olga auf einem niedrigen Taburett, hatte schon längst die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern und hielt sie zwischen den Zähnen fest, wenn sie die Hände brauchte, um Tee einzugießen oder Kuchen herumzureichen.

Sie war ersichtlich bemüht, ihre Gäste zu unterhalten,aber als Fanni und Emmi erst ins Schwatzen kamen und sich gegenseitig nicht mehr zu Wort kommen ließen, wurde sie still und hörte lächelnd zu – wie ein Erwachsener spielenden Kindern lauscht.

Wenn eine Pause im Gespräch eintrat, holte sie einen Kasten mit Photographien hervor, die sie auf Reisen aufgenommen hatte, oder ein Buch mit Dulacillustrationen oder eine Zeitschrift mit den Porträts der neuesten Filmstars.

In Metten wuchs schon wieder ein Gefühl der Pein auf. Sie bekam es kaum fertig, sich mit einem „Ja“ oder „Nein“ am Gespräch zu beteiligen.

„Sie gibt sich so krampfhaft Mühe, uns zu unterhalten,“ dachte sie. „Und im Grunde sind wir ihr langweilig und lästig. Wenn die Tür nachher hinter uns zufällt, atmet sie auf und sagt: ‚Gott sei Dank‘! Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken. Warum sie uns nur erst eingeladen hat!“

Sie hatte die größte Lust, zu gehen, nur um Olga Radó von diesem Besuch zu befreien. Dabei fühlte sie – wenn sie jetzt mit irgendeiner Ausrede aufbrechen wollte, und man würde sie fragen, sie bitten, die allgemeine Aufmerksamkeit würde sich auf sie lenken, dann würden ihr unhaltbar die Tränen aus den Augen stürzen, die ihr drohend und stechend hinter der Nasenwurzel saßen.

Sie war fast froh und tief unglücklich, als Olga plötzlich auf die Uhr sah und sagte:

„Kinder, ich muß euch hinauswerfen, so leid es mir tut. Ich muß mich umziehen, aber schleunigst – die Zeit ist so rasend schnell vergangen.“

Im tiefsten Innern litt Mette darunter, daß der ersehnte Nachmittag schon vorüber war. Aber ihre Gedanken sagten laut und deutlich: „Gott sei Dank!“ Und sie war erst recht erbittert, daß sie nun eigentlich froh sein mußte, statt unglücklich zu sein. – – –


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