Chapter 16

Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah, die Straße entlang spähte.

Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah, die Straße entlang spähte.

Und wenn man in der Stadt war und nach Hause gehen wollte, konnte man genau so gut durch die Motzstraße gehen wie durch die Kleiststraße. Und wenn man ging, um ein wenig an der frischen Luft zu sein, war es das natürlichste von der Welt, daß man sich auf den Viktoria-Luise-Platz auf eine Bank setzte und den spielenden Kindern zusah.

Jeden Tag stand Mette vor einem Geschäft mitHandschuhen, Bändern und Spitzen und starrte tiefsinnig auf die Auslagen – weil im Hintergrund des Glaskastens ein Spiegel war, und weil man in diesem Spiegel die Haustür gegenüber beobachten konnte.

Jedesmal zuckte Mette zusammen, wenn die Haustür sich auftat.

Und als einmal Olga Radó durch die Haustür trat, hätte Mette sie beinah nicht erkannt. Sie hatte einen losen Mantel an, beide Hände in den weiten Taschen vergraben und keinen Hut auf. Sie lief mehr als sie ging, zwei Häuser weiter nach dem Briefkasten und steckte einen Brief unter die Klappe.

Mette ging rasch über den Damm, um ihr den Rückweg abzuschneiden. Dabei klopfte ihr Herz so, daß sie nach Atem ringen mußte. Sie faßte in flüchtigster Geschwindigkeit der Gedanken hundert Entschlüsse, die sie wieder verwarf.

Sie wollte sie anreden – sie wollte mit stummem Gruß an ihr vorübergehen – aber vielleicht wurde sie gar nicht erkannt – sie wollte sie doch lieber anreden – aber wie?

Als sie noch auf dem Damm war, hatte Olga sie gesehen und schwenkte ihr die Hand entgegen.

„Hallo, Fräulein Mette! Wollten Sie mich besuchen?“

„Eigentlich nicht!“ sagte Mette und wurde blaß vorAufregung. Vielleicht war es wieder eine Dummheit. Vielleicht hätte sie „ja“ sagen sollen ...

„Aber uneigentlich ja“ – sagte Olga und schob ihre Hand in Mettens Arm. „Kommen Sie eine Stunde mit hinauf. Oder haben Sie etwas zu versäumen? Nein? Na also! Warten Sie – ich muß nur noch zu meinem Freund an der Ecke, mir Zigaretten holen – gehen Sie mit?“

Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre Zigaretten kaufte – – –


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