Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.
Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause,von Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde ...
Und dann sagte Olga plötzlich:
„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit meinen sogenannten Cousinen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“
„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem beständigen Verkehr?“
„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“
„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken. „Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“
„Nein“ – sagte Mette zögernd. „Es liegt wohl an mir. Ich habe nie eine Freundin gefunden. Aber ich habe auch nie eine gemocht.“
„Es ist nicht leicht“ – sagte Olga nachdenklich. „An unseren besten Freunden gehen wir meist um ein paarJahrhunderte vorüber. Von manchen wissen wir. Wenn wir von ihnen lesen oder ihre Bilder sehen. Aber das sind doch nur die wenigsten. Und von denen, die nach uns geboren werden, wissen wir gar nichts. Darum beneide ich die Schaffenden so. Sie können denen, die nach ihnen kommen, einen Gruß zuwinken. Sie können sich selbst festhalten in Worten, in Bildern, in Taten. Ja, in Taten auch. Das ist dann wie ein Schrei: So bin ich! So war ich! Habt mich lieb! Und wenn sie bei ihren Lebzeiten niemand gefunden haben, so wird vielleicht in hundert Jahren einer geboren, oder in zweihundert, der sie liebt, so wie sie geliebt sein wollten. Der sie versteht, so wie sie verstanden sein wollten. – Wir armen Hunde – wenn wir tot sind, werden wir ganz gewiß nicht mehr geliebt. Nicht in zehn Jahren mehr, ach, nicht in zehn Monaten. Ich möchte manchmal ...“
Ihre Augen standen tief dunkel und drohend unter den zusammengezogenen Brauen.
Sie brach ab und setzte mit einer anderen Stimme wieder ein:
„Wissen Sie, unter den Menschen der Renaissance sind sehr viel sympathische Leute. Man hätte doch wohl vier, fünf Jahrhunderte früher leben müssen. Ich wäre ganz sicher mit Margherita Sforza befreundet gewesen. Ich hab’ vorhin gerade so eine famoseGeschichte von ihr gelesen, wie sie ihrem Bruder seine Besitzungen erhielt, als Julius Cäsar gegen sie abgeschickt wurde.“
In Mettens Kopf erhob sich ein Wirbel, der einem Schwindelgefühl nicht unähnlich war.
Renaissance – das war ihr ein vertrauter Begriff.
Mit dem Namen Sforza verband sie eine dämmernde Vorstellung.
Aber – „Julius Cäsar?“ murmelte sie fassungslos.
Olga lachte: „Nein, nein, nichtder! Julius Cäsar von Capua.“ Und dann setzte sie gleich wie begütigend hinzu: „Ein kleines, dummes Fürstchen! Sie brauchen ihn nicht zu kennen.“
„Ach,“ seufzte Mette aufrichtig, „ich kenne so viele nicht, die ich kennen müßte.“
„Na,“ sagte Olga, „es wird so schlimm nicht sein. Die Königin Johanna kennen Sie doch?“
„Welche?“ fragte Mette ratlos. „Ich kenne nur die Erzählungen der Königin von Navarra ...“
„Die kennen Sie hoffentlich nicht!“ sagte Olga belustigt. „Im übrigen war das eine Margarete. Aber die Sforza kennen Sie doch?“ Sie fragte so zart, so zuredend, als spräche sie zu einem Kinde, dem man nicht wehtun will.
„Ich weiß nicht ... nein ... ja ...“
„Na, was wissen Sie von ihnen?“
„Nichts“ – sagte Mette verstört –, „nur das Bild von Rubens – das kleine Mädchen mit der Leberwurst ...“
Olga horchte einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, als dächte sie nach. Dann lachte sie laut und lustig, so lustig, wie Mette sie noch nie hatte lachen hören. Aber merkwürdigerweise tat diese Lustigkeit Metten nicht weh, obgleich sie sich über ihre eigene Unempfindlichkeit wunderte. Es war so hübsch, Olga Radó so herzlich lachen zu sehen. Auch dann, wenn man selber ausgelacht wurde.
„Mädchen!“ rief Olga immer noch lachend. „Wie sieht das in deinem Gehirn aus! Ach! Da möcht ich einmal Ordnung schaffen!“
„Tun Sie das!“ sagte Mette glühend. „Bitte, bitte, tun Sie das!“
Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen! Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix beibringen! Kommen Sie, ja?Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen, bis es Ihnen langweilig wird.“
„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen – ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem – kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee, und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“
So fing es an. – – –