Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.
Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.
„Ich begreife dich nicht,“ sagte Peterchen mit seiner leisen, gebrochenen Stimme, „ich begreife dich nicht, Olga, daß du die Bettine nicht lieben kannst. Ich dachtegerade, das müßte ein Mensch für dich sein. Ein Mensch von so reicher Begabung, von fast unheimlicher Phantasie, von beinah wildem Temperament, dabei solche Anmut, solche Zartheit der Empfindung.Wenn man von der Frau weiter nichts wüßte, als die Geschichte ihrer Verheiratung, müßte sie einem doch schon sympathisch sein.“
„Ja,“ sagte Olga, „dann ja! Aber man weiß eben zu viel von ihr. Oh, sie ist so aufdringlich und so verlogen, so gemacht genialisch, so mit Koketterie unbändig, mit Vorsatz leidenschaftlich. Nichts auf der Welt ist mir so verhaßt. Denk dir – so sehr ich Klemens liebe – wenn ich manchmal glaube, die Verwandtschaft zu spüren, mag ich ihn nicht. Und dann – du weißt ja – verzeih ich ihm auch seine unglückliche Liebe zu Mariannen nicht.“
„Richtig, die kannst du ja auch nicht leiden!“
„Kann ich auch nicht, Peterchen, und wenn du mir den Kopf abreißt. Ich weiß nicht, woran es liegt. Irgend etwas an ihr macht auf mich immer den Eindruck von ‚Biederkeit‘. Und du weißt, das ist eine Eigenschaft, die ich in den Tod nicht ausstehen kann. Schon diese ewige Alte-Herren-Liebe. Nein, nein, geh mir mit ihr, ich mag sie nicht.“
„Olga, wie kannst du über diese Frau so leichtfertig urteilen?“
„DieseFrau! Sag’ nur noch, diese vortreffliche Frau. MitdemWort kannst du sie mir ganz gewiß verekeln. Und es paßt eben leider ein bißchen auf sie. Herrgott! Man kann doch seine Gefühle nichtzwingen. Sie hätte mich wahrscheinlich auch nicht leiden können. Und das fühl’ ich so.“
„Aber Bettine hätte dich wahrscheinlich glühend geliebt.“
„Vielleicht! Aber daß ich Bettinen so hasse, das hat ja auch noch eine besondere Bewandtnis.“
„Du bist eifersüchtig auf sie!“ sagte Petermann sehr leise.
Olga fuhr mit einer fast heftigen Bewegung herum. Ihre Augen flackerten in dem weißen Gesicht.
„Ja, ich bin auch eifersüchtig auf sie!“
„Wegen der Günderode!“
„Wegen der Günderode.“ –
Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.
„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“
„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst – einen,wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber Herrn Müller und Frau Schultzekennt, ist’s schon wesentlich amüsanter. Und wenn man in einenverliebtist und wartet dann mit klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend. Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner Kerl. Findest du nicht?“
„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“
Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich nicht.“
„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die Günderode.“
„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas Unerhörtes leistenzu können, um sie zu verewigen. Ich wollte Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen, und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren. Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein, wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich direkt darauf.“
„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie geliebt?“
„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache. Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden – aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit, als ich sie fand.“
Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.
„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein. Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu finden.“
„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein recht häßliches!“
„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.
In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!
Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das konnte sie nicht.
Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen. Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.
Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher hier zusitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.
Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu schweigen.
Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte. Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.
Mette schämte sich maßlos. Irgend etwas in ihr kroch ganz in sich zusammen. Sie hätte sich so gern äußerlich auch zusammengezogen, sich geduckt, das Gesicht versteckt. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren. Sie wollte nicht durch eine Bewegung Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht war Olga mit ihren Gedanken weit fort und achtete nicht auf sie.
Die Tränen fielen ihr auf die Hände. Sie wagte nicht, sie abzutrocknen.
Plötzlich schreckte sie zusammen. Sie hörte den Diwan knarren, ein leises Rauschen der Röcke. Olga war aufgestanden.
Jetzt sagte eine unendlich weiche, leise Stimme neben ihr:
„Mette, Kind! Warum weinst du eigentlich?“
Mette sah nicht auf, sondern senkte den Kopf noch tiefer.
Da kniete Olga mit einer raschen Bewegung nieder, wie man vor einem weinenden Kinde kniet und versuchte von unten herauf ihr ins Gesicht zu sehen.
„Warum weinst du eigentlich?“
Mette sah das schöne Gesicht vor sich durch einen Schleier von stürzendem Wasser. Sie lächelte.
„Ich weiß nicht!“ sagte sie.
Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen dagegen.
„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“
Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.
Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre Stirn undihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand aufhören würde, sie zu halten.
„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“
Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.
„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.
Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.
Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.
Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.
Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die Stirn gegen dieScheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja sachlichen Ton:
„Geh nach Hause, Kind!“
„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was hatte sie begangen?
Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.
Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.
„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh, geh, geh, geh!“
Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.
Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie wollte sie anflehen:
„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht fort, wenn du leidest!“
Sie stand und rührte sich nicht.
„Geh, geh, geh!“ sagte Olga.
Da griff Mette Rudloff nach ihrem Hut und ging. Sie mühte sich, gerade und aufrecht zu gehen. Sie taumelte ein wenig, als sie die Tür hinter sich ins Schloß zog und mußte sich gegen die Wand lehnen. Sie stützte sich mit ihrer ganzen Schwere gegen das Geländer, weil die Treppe unter ihr wie ein rasender Strudel kreiste.
Aber sie ging. – – –