Chapter 27

In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot, tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.

In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot, tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.

Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.

Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr.Sie hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.

Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle in sich auf. Und eines Tages brach es aus.

Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.

Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte, fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und scharf und sagte betont:

„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bisichvom Tisch aufstehe.“

Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht, daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.

Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen wartet.“

Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.

„Willstduso gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wennichsie frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die Wahrheit sagt.“

Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander, schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster Verlegenheit.

„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller erzieherischen Gewalt ...“

„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Wassoll ich denn machen? Man kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder einsperren.“

„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“

„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“

„Nanu?“ Mette war immer noch mehr belustigt als erregt. „Warum soll ich denn eigentlich total verkommen? Weil ich mit einem jungen Mann spazieren gehe? Ach Gott, der arme kleine Petermann. Hast du ihn vielleicht gesehen? Ich kann ihn dir ja mal vorführen, vielleicht bist du dann beruhigt!“

„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte jetzt Franz Rudloff mit gerunzelten Brauen. Es sollte vielleicht energisch und streng klingen. Es klang eher schüchtern.

Mette empfand für ihren Vater ein zärtliches Mitleid, das nicht frei von Verachtung war.

„Ach Gott, Papa,“ sagte sie, „ein netter, intelligenter Mensch. Aber ein armes, krankes, verwachsenesKerlchen. Wahrhaftig, kein Mann, der der Tugend oder dem Rufe eines jungen Mädchens gefährlich werden könnte.“

„Einem normalen jungen Mädchen vielleicht nicht,“ sagte Tante Emilie, zitternd vor Bosheit. „Leider weiß ich ja nicht, wie weit bei dir die Voraussetzung der Normalität zutrifft. Es gibt ja leider Frauen genug, die sich in krankhafter Geschmacksverirrung zu allem Abstoßenden und Ungesunden hingezogen fühlen. Gerade wie es leider Gottes Frauen gibt, die jedem Neger nachlaufen.“

Mette schob ihren Stuhl zurück, daß er hart den Boden schrammte.

„Du bist ja total irrsinnig!“ sagte sie. Weiter nichts. Dann ging sie mit ihren großen, festen Schritten ins Nebenzimmer ans Telephon und stellte die Verbindung her.

„Kann ich Herrn Petermann sprechen? ... Verzeihen Sie, Peterchen, ich muß Sie heut’ versetzen ... Meine Tante erlaubt nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe ... ja, es tut mir auch leid – aber da kann man nix machen – meine Tante findet es unschicklich ... nein, nein, klingeln Sie lieber nicht an, das ist vielleicht auch unpassend. Grüß Sie Gott. Lassens sich’s gut gehen!“

Ohne sich umzuwenden, ohne nur einen Blick insNebenzimmer zurückzuwerfen, ging sie in ihre Stube und schloß und riegelte sich ein.

Damit hatte der freundschaftliche Verkehr mit Petermann fürs erste ein Ende. – – –


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