Chapter 28

Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.

Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.

Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war voller Verlegenheit.

Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war zu sehen, wie er sich quälte.

Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch Konversation zu machen, sie versprachein freundliches Gesicht und einen sanften Ton von morgens bis abends.

„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.

Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.

„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht zwingen – aber wenn du wenigstens denVersuchmachtest, sie lieb zu haben.“

„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben lassen.“

Franz Rudloff wurde ganz blaß.

„Mette!“ sagte er mit großen Augen.

„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich Gott nur, daß er michbald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche, soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen umgebracht.“

Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging sein armes schwächliches Herz.

„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann, dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“

Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.

Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?

„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht,weil er die Luft in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat. Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat, was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch nicht.“

Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –


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