Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ nichts von sich sehen noch hören.
Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ nichts von sich sehen noch hören.
In ihrer Verzweiflung nahm Mette den lange vernachlässigten Verkehr mit den Möbius-Mädeln wieder auf. Sie quälte sich durch ein paar langweilige Nachmittage hindurch und fand den Mut nicht, nach Olga zu fragen. Und als sie endlich fragte, wußte niemand von ihr.
Aber eines Nachmittags stürmte Emmi ins Zimmer,gerade als Fanni Metten die höchst aufregende Geschichte erzählte, von einem Brief an sie, den ihre Mutter aufgemacht hätte. Mette wurde nicht klug aus der Sache, aber sie hatte es zu einer Art Meisterschaft darin gebracht, an passenden Stellen „Ja?“ „Ach!“ „Wirklich?“ zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben, wovon die Rede war; also Emmi stürmte herein, warf ein paar Paketchen, die sie in der Hand trug, auf den Tisch, und rief:
„Also, wißt ihr, Kinder, wen ich eben getroffen habe? Die Olga!“
In Metten kämpften Schmerz und Freude. Also sie war hier! Man hatte die Möglichkeit, sie zu treffen, ganz unvermutet ihr plötzlich gegenüber zu stehen – das war ihr erster Gedanke. Aber ihr zweiter war: „Sie ist hier und sagt es mir nicht. Sie will mich nicht sehen. Sie ist abgereist, ohne es mir zu sagen, sie ist wiedergekommen, ohne es mir zu sagen, sie ist meiner so überdrüssig, daß sie sich Mühe gibt, mich loszuwerden. Was soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“
Zwischen den Schwestern entspann sich ein langes Gespräch über Olga.
„Sie hat Launen,“ sagte Fanni, „eine Zeitlang kommt sie jeden dritten Tag, und dann läßt sie sich ein Vierteljahr nicht sehen.“
„Sie will mich hier nicht treffen!“ dachte Mette bitter, „darum kommt sie nicht hierher.“
„Sie war doch so lange verreist,“ sagte Emmi entschuldigend.
„Ach, und vorher?“ fragte Fanni. „Das Vierteljahr vor der Reise? Hat sie sich da vielleicht um uns gekümmert? Da hatte sie ja auch keine Zeit!“
„Aber für mich,“ dachte Mette mit schmerzlichem Stolz, „oh, für mich hatte sie Zeit – jeden Tag, jeden Tag –.“
„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“
„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie möglich sein. Aber sie hat recht.Darinhat sie recht. Sieistfaszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen. Für immer! Für ewig! Wassollich nur tun? Waskannich nur tun?“ – – –