Chapter 31

Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.

Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.

„Gott, siehst du tiefsinnig aus!“ rief Mette. „Denkst du über die Unsterblichkeit der Maikäfer nach?“

„Ja!“ Olga hob mit einem Ruck den Kopf. „Und ich meine, daß das das einzige ist, was noch das Nachdenken lohnt! Sag’, hast du noch nie darüber nachgedacht?“

„Nein!“ lachte Mette. „Ganz gewiß nicht.“

„Dann ist es Zeit, daß du anfängst, darüber nachzudenken!“ sagte Olga sehr ernst.

„Ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer?“

„Ja, ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Ich möchte wissen, von wem das Wort stammt. Man kann nämlich über nichts so tiefsinnig werden.“

„Als gerade über die Maikäfer?“

„Meinetwegen auch über die Stubenfliegen. Oder über die Skorpione. Oder über die Kellerasseln. Glaubst du, daß eine Stubenfliegenseele in einen Maikäfer fahren kann? Oder umgekehrt? Oder glaubst du, daß sie gleich in den Himmel kommt? Oder glaubst du, daß Elefanten auf einer höheren Stufe stehen als Menschen? Oder daß es mehr als sechzehnhundert Millionen Elefanten gibt?“

„Olga!“ rief Mette zwischen Lachen und Verzweiflung und hielt sich die Ohren zu. „Hör’ auf! Bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, nein, nein!“ sagte Olga eigensinnig. „Ich denke fortgesetzt darüber nach.“

„Worüber eigentlich?“

„Über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Glaubst du,daß sie eine unsterbliche Seele haben? Ich will dir sagen, wie ich darauf kam. Ich las da eben vom Regenerationsvermögen gewisser niederer Tiere. Weißt du, wenn man sie halbiert, wächst einfach jedem die fehlende Hälfte nach, und es sind nun zwei da. Der Mann macht da auch die tiefsinnige Bemerkung, in welcher Hälfte sitzt nun die unsterbliche Seele? Oder teilt sich die Seele? Oder hat der Mensch die Macht, durch das Seziermesser eine neue Seele zu schaffen? Oder herbeizulocken? Wenn man anfängt, kommt man in ein solches Labyrinth.“

„Glaubst du denn an die unsterbliche Seele?“ fragte Mette zweifelnd.

„Bei niederen und niedersten Tieren? Gewiß! Aber wenn dich das Wort Seele stört, lassen wir’s fort. Ich möchte dir’s so gern klarmachen.“

Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren und leuchtenden Augen auf und sagte betont:

„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner. Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu dient, einem neu entstehendenMaikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer. Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität ... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere, die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum andern ungehindert hinüber? –

Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her – weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau, daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘, jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemischeVeränderung. Und das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“

„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.

„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen Flügeln?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist das Höchste, was wir kennen. Die andere höhereForm, die dann kommt – davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die Genies – oder die Heiligen.“ – – –


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