Chapter 32

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte. Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte. Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“

„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im Gegenteil.“

„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret, weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen Chamberlain wieder mitgebracht. Und habedir auch gleich den Herz mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“

Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.

„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, jazornigzu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein, sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“

Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.

„Esistnicht Eifersucht,“ dachte sie, „esistnicht Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine Tür ins Schloßgefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln, und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“

Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.

Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne von ihrem Platz aufzustehen.

Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.

Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu entschuldigen:

„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung. Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar nicht, was es für ein Mensch ist. Warumistsie so verschlossen? Wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ichdas um jeden Preis – und wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“

Mit einem Ruck zog sie das Blatt hervor. Ihr Herz hämmerte wie rasend, vor ihren Augen war ein dichter Schleier, die Buchstaben flackerten auf dem Papier. Es war ein Bogen mit Firmenaufdruck, wenige Worte – Zahlen ...

Mette hörte Olgas Stimme vor der Tür und schob das Blatt hastig in die Tasche. Olga würde es kaum vermissen. Und in Metten, obgleich sie kaum gelesen, kaum begriffen hatte, was da stand, war schon ein Plan fertig.

Mette hatte es heut’ sonderbar eilig, nach Hause zu kommen. Sie war zerstreut und einsilbig, so, daß Olga einmal fragte:

„Was hast du heut’? Ist dir was passiert? Bist du schlechter Laune?“

Mette erinnerte sich belustigt des Gespräches beim Kommen.

„Im Gegenteil!“ sagte sie mit übertriebener Betonung, deren Ursache aber Olga nicht ins Gedächtnis kam – „Ich bin sogar sehr guter Laune!“ –

Mette schloß sich daheim in ihrer Stube ein und studierte den Brief wie ein wichtiges Dokument – das also war das Liebesglück, das vor ihr geheim gehalten wurde.

Die Firma ersuchte „nochmals“ um Zahlung von einigen Hundert Mark, „widrigenfalls wir die Sache zu unserem Bedauern unserem Rechtsanwalt überweisen müßten“.

Mettens Herz war zum Überfließen voll von zärtlichem Mitleid.

„Armes, Liebes!“ dachte sie, „so quälen sie dich!“

Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die Lippen zu führen.

Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher? Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie. Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit wieder einlösen.

Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde inSeidenpapier gewickelt und in die Tiefe der Manteltaschen versenkt.

Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen, daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.

Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte. Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem, was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und beinah Schmutziges.

Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen, so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit den vergessenen Bettel erledigen.

Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie wirklich wie einenfürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf, doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.

Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die ganze Angelegenheit vergessen.

Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit eiskaltem Gesicht empfangen.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wiekommstdu eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“

„Ich?“ sagte Mette und bemühte sich, ein harmloses Gesicht zu machen, „was hab’ ich denn gemacht?“

„Du weißt ganz genau, was du gemacht hast!“ sagte Olga streng. „Du hast dich unverantwortlich benommen. Unverantwortlich! Ich dulde es nicht, daß sich jemand in meine Angelegenheiten mengt. Und von dir dulde ich es am allerwenigsten. Siehst du nicht ein, was für eine unerhörte Anmaßung in deinem Benehmen liegt? Willst du mich unter Kuratelstellen? Oder willst du mich aushalten? Was denkst du dir denn eigentlich?“ Sie ging mit großen Schritten hin und her. Ihr Ton war immer hitziger und heftiger geworden. Jetzt blieb sie plötzlich, an den Schreibtisch gelehnt, stehen, kreuzte die Arme und sagte ganz ruhig, nur mit einer leisen Bewegung des Kopfes:

„Wie bist du denn überhaupt zu der Rechnung gekommen?“

Mette schrak zusammen. Das war der Augenblick, den sie gefürchtet hatte. Alles andere war vielleicht Torheit, aber es war gutmütig, selbstlos gehandelt, sie konnte es mit einem Schein des Rechtes verteidigen, wenigstens vor sich selber. Aber auf diese Frage konnte sie keine Entschuldigung hervorbringen.

Jetzt war doch alles aus. Mit keiner Lüge konnte sie sich mehr retten. Da beschloß sie in verzweifeltem Trotz die Wahrheit zu sagen. Sie warf den Kopf zurück und sah zu Olga auf, mit einem Gesicht, als wollte sie sagen: ich habe den Tod verdient, aber ich fürchte ihn nicht.

„Ich habe sie gestohlen!“ sagte sie. „Von deinem Schreibtisch.“

Olga blieb ganz ruhig. Sie zog nur ein wenig die Brauen zusammen als müsse sie sich besinnen. „Sie war gekommen, während du da warst, nicht wahr?“

„Ja!“

„Aber ich habe sie doch nicht offen liegen lassen. Ich weiß jetzt ganz genau – ich hatte sie irgendwo unter die Bücher geschoben.“

„Ja,“ sagte Mette mit zusammengebissenen Zähnen, „aber ich habe sie da vorgezogen.“

„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.

„Während du am Telephon warst.“

Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an der Unterlippe nagte ...

Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.

Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher Brief an mich sein?!“

Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihungdurch eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.

„Dasdachteich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit. Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.

„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.

Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so leise spräche, um nicht zu schreien.

„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“

„Nein,“ sagte Mette verstockt. „Ich hatte auch einen Grund, natürlich hatte ich einen Grund. Aber ich kann ihn nicht sagen.“

„Wenn du ihn nicht sagen kannst,“ sagte Olga mit einem sanften Lächeln, „dann will ich dich auch nicht danach fragen. Aber ob mit, ob ohne Grund – sag’ mal – findest du es eigentlich schön?“

„Nein!“ gestand Mette ehrlich.

„Nicht wahr?“ sagte Olga rasch. „Ich finde es auch nicht schön.“ Und nach einer Pause fügte sie nachdenklichund fast schmerzlich hinzu: „Aber begreiflich. Trotzdem – laß’ es. Mißtrauen ist etwas so Häßliches. Wenn ich etwas geheim halten will, liebes Kind, dann mach’ ich das so raffiniert, daß man mir mit so törichten kleinen Streichen nicht dahinter kommt!“

Es war in ihrem Ton eine so hohnvolle Überlegenheit, daß Mette erschrak. Sie fühlte die Wahrheit dieser Worte, sie fühlte, daß Olga wie mit Mauern umgeben war, durch die sie – die dumme, kleine Mette – niemals zum Kern ihres Wesens gelangen konnte, auch wenn sie ihr nachspürte wie ein Verbrecher und heimlich ihre Briefe las.

Es schien, als ob Olga Mettens wortloses Erschrecken gefühlt hätte.

Sie sagte plötzlich mit ihrer tiefen, warmen Stimme:

„Im übrigen verberge ich dir ja nichts. Nichts, was dich interessiert. Ich schreibe keine Liebesbriefe und kriege keine. Wenn’s dich aber einmal reizt, irgend etwas in Erfahrung zu bringen – frag’ mich – es ist der glätteste Weg.“

Der gute und herzliche Ton tat Metten unendlich wohl, zehnfach wohl nach der Angst, die sie ausgestanden hatte. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Ein heiß aufwallendes Gefühl trieb sie zuOlga hin, um ihr in Dankbarkeit die Hände zu küssen. Olga sah oder fühlte diese Regung – sie wehrte sie ab. Es war nur ein kaum merkliches Zucken, das um ihre Brauen lief und das Metten zurückscheuchte und an ihren Platz bannte.

„Ich möchte Arabisch lernen,“ sagte Olga rasch, beinah hastig, mit einem gewaltsamen Sprung der Gedanken. „Ich habe mir neulich die Schriftzeichen erklären lassen. Die Schrift ist wie die Erfindung eines klugen und unendlich sympathischen Mannes. Alles logisch, einfach und dabei von ästhetischem Reiz.“

„Olga!“ sagte Mette. „Wie kommst dudarauf?! Wozu soll man Arabisch lernen, was man nie im Leben braucht?!“

„Brauchen?“ fragte Olga. „Lernt man Sprachen, um sie zu brauchen? Glaubst du, daß mir jemand imponiert, der in zweiundzwanzig Sprachen ein Zimmer mit zwei Betten bestellen kann? Das kann man doch auch praktischer mitalba duoabmachen. Wenn ich Sprachen lerne, so ist das ein rein psychologisches Interesse. Wie ein Satz sich aus Zeichen aufbaut – darin spiegelt sich die Seele eines ganzen Volkes. Ähnlichkeit der Sprache, das macht Verwandtschaft, dasistVerwandtschaft – aber nicht, ob der Haardurchschnitt dreikantig oder elliptisch ist“ – – –


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