Chapter 36

Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden – sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.

Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden – sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.

Mette suchte ihren Vater in seinem Zimmer auf, in der Absicht, eine recht ernsthafte Unterredung mit ihm zu führen. Sie konnte nicht in Tante Emiliens Gegenwart die Rede auf das bringen, was sie beschäftigte.

Mette holte weit aus, um sich ihrem Vater verständlich zu machen.

„... siehst du, Papa, es ist doch heutzutage nichtmehr wie in deiner Jugend, daß die Mädchen aus gutem Hause hübsch still zu sitzen hatten und weiter nichts lernen durften, als Kochen, Plätten und Nähen. Heutzutage ist es eigentlich für ein Mädchen ebenso selbstverständlich wie für einen Jungen, daß er irgendeinen Beruf, irgendein Studium ergreift. Und außerdem, selbst, wenn ich Hausarbeit tun wollte. – Du weißt ja selber, daß ich hier überflüssig bin. Tante Emilie macht alles so musterhaft, nein, Papa, du brauchst nicht aufzufahren, das soll keine Ironie sein, sondern aufrichtige Anerkennung, auch kein Vorwurf; denn ich dränge mich gar nicht danach, die Wirtschaft selber zu besorgen. Nur – ich kann doch nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und die Hände in den Schoß legen und warten, ob der Freiersmann kommt. Es würde mir so Freude machen, irgendeine wirkliche Arbeit zu verrichten.“

„Arbeit,“ sagte Franz Rudloff zögernd, „über den Begriff ‚Arbeit‘ gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Die meisten Menschen pflegen nur das für Arbeit zu erklären, was ihnen unangenehm ist. Ein schwächlicher Mensch wird Steine tragen für eine Arbeit erklären und ein hartschädeliger: Vokabeln lernen. Es gibt Leute, die das, was ich treibe, für Arbeit erklären. Ich nenne es einen fortgesetzten, intensiven Genuß. Was verstehst du nun unter Arbeit?“

„Etwas, das bezahlt wird, Papa!“ sagte Mette ernsthaft. „Ich möchte gern Geld verdienen.“

„Geld!“ Franz Rudloff verzog leise das Gesicht wie in Schmerz und Ekel. „Merkwürdig! Wie kommt meine Tochter zu der Sehnsucht nach Geld?! Es schafft ungesunde Zustände, wenn durch Generationen Kapital auf Kapital aufgehäuft wird. Wer kein Geld hat, soll welches zu erwerben trachten, und wer es hat, soll es ausgeben. – Du hast doch nicht nötig, Geld zu verdienen. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fände es nicht im mindesten unehrenhaft oder nicht standesgemäß, wenn meine Tochter gegen Bezahlung arbeitete, ich würde dir das gern zugestehen – wenn du es müßtest. Aber das Reizvollste, was das Leben bietet, sind doch nun einmal die brotlosen Künste. Wer soll sich ihnen widmen, wenn nicht der, der auskömmlich zu leben hat? Sollen sie alle vernachlässigt werden, weil auch der Wohlhabende kein anderes Streben hat, als Geld zu verdienen?“

„Du hast vollkommen recht, Papa,“ sagte Mette gequält. „Aber es ist für einen erwachsenen Menschen schrecklich, wenn er um jeden Pfennig bitten muß. Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, dann geht Tante Emilie mit mir und kauft sie. Und wenn ich graue haben möchte, nimmt sie braune. Und wenn ich welche für sechs Mark fünfzig haben möchte, nimmtsie welche für sechs Mark fünfundzwanzig. Und ich darf nichts sagen, weil ich ja tatsächlich nicht imstande bin, mir fünfundzwanzig Pfennige zu verdienen. Das ist doch ein schrecklich beschämendes Gefühl.“

„Aber du hast doch Geld,“ sagte Rudloff eigensinnig. „Wozu willst du etwas verdienen?“

„Ich habe esnicht,“ sagte Mette ungeduldig. „Ich höre immer, daß ich reich bin und habede factonicht einen Pfennig zur Verfügung.“

„Sei doch froh,“ beharrte Rudloff. „Danke doch Gott, wenn alle deine Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das Geld durch deine Finger geht. Deine Mutter hat sich immer geweigert, Geld anzufassen. Aber wenn du gern –“ er räusperte sich verlegen – „wenn du gern etwas nach deinem Geschmack auswählen möchtest, so verstehe ich das ja vollkommen.“ (Das verstand er wirklich.) „Du kannst ja dann in Geschäfte gehen, wo man mich kennt und kannst die Rechnungen ins Haus schicken lassen. Solange sich das in vernünftigen Grenzen hält, wird ja kein Mensch etwas dagegen haben.“

„Und was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen?“ fragte Mette unüberzeugt.

„Lernen, studieren! Nimm Unterricht in fremden Sprachen! Höre Vorträge über Literatur und Kunstgeschichte! Da bist du meiner Unterstützung immersicher. Zu diesem Zweck kannst du auch meine Börse in Anspruch nehmen, soviel es dir beliebt. Das weißt du!“ – – –


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