Chapter 37

Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.

Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.

Olga hatte die Vorhänge zugezogen und zusammengesteckt. In dem sanften Lichtkreis der buntverschleierten Lampe schwebte und wallte der bläuliche Nebel der Zigaretten.

Olga lag auf dem Diwan, bäuchlings, die Ellbogen in einen Berg zerdrückter Seidenkissen gestützt. Im Sessel kauerte Mette mit hochgezogenen Füßen, und auf dem Schreibtischstuhl hockte Peterchen.

„Ja,“ sagte Mette trübselig. „Ich hatte so schöne Pläne und nun wird wieder nichts daraus. Ich wollte so gerne irgendeinen Beruf ergreifen und Geld verdienen. Aber mein Vater sagt, ich hätte genug.“

„Sei doch froh,“ sagte Olga. „Es gibt nichts Angenehmeres, als Geld zu haben und es auszugeben. Und nichts Widerlicheres, als es zu brauchen und nicht zu haben.“

„Ich hab’ es doch aber nicht!“ widersprach Mette. „Das ist’s ja eben! In der Theorie hab’ ich es! In der Praxis brauch’ ich es und hab’ es nicht!“

„Du brauchst es!“ sagte Olga entrüstet. „Lächerlich! Wozu denn? Um mir Orchideen mitzubringen. Wenn ich Tante Emilie wäre, ich würde dir ja dein Taschengeld entziehen. Wennichnoch auf solche phantastische Ideen käme. Geld zu verdienen, mein’ ich. Geld verdienen zu wollen, wenn wir uns korrekt ausdrücken wollen.“

„Du hättest es sicher leicht!“ sagte Peterchen. „Du mit deinen eminenten Begabungen!“

„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘ Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“

„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“

„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:

Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapeltobte weiter. Von Madrid aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von Massa und riefen nach ihm.

Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt, hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die Führerschaft der Massen zu übernehmen.

Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.

Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa, den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sieliebte alles und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie glücklich war.

Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem, keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte unter die aufjauchzenden Massen und sagte:

‚Folget mir nach!‘

Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen. Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur selbstverständlich ist.

Irgendeinem Schlächterburschen, der lieber morden will als Krieg führen, lieber plündern, als für geringen Sold arbeiten, ist Toraldo im Wege. Er beschuldigt ihn des geheimen Einverständnisses mit Don Juan und den königlichen Truppen.

Der Pöbel, ohne ihm auch nur eine Stunde Zeit zu lassen, daß er sich rechtfertigen könnte, schleppt denvergötterten Führer auf den Fischmarkt, schlägt ihm auf einer Steinbank den Kopf ab, reißt ihm das Herz aus dem Leibe und trägt es auf silberner Schüssel nach dem Kloster, wo die Fürstin von Massa Zuflucht genommen hat. Die zitternden Nonnen verrammeln die Türen. Die rasenden Horden häufen Stroh und Holz um das Kloster und beginnen es anzuzünden.

Da geht die schöne Fürstin von Massa durch die jammernden Nonnen hindurch und läßt sich die Tore aufriegeln und tritt hinaus und steht auf den Stufen und nimmt aus den Händen der Mörder auf silberner Schüssel das Herz des Francesco, noch dampfend von der Wärme seines Lebens.

Und keiner wagt, sie anzurühren.

Aber den Körper des Francesco Toraldo hängen sie an einen Galgen, und sein blutiges Haupt tragen sie auf einer Pike durch die Straßen der Stadt.

Nach zwei Tagen wissen sie es alle, daß er niemals daran gedacht hat, sie zu verraten.

Sie schneiden den Leichnam vom Galgen und waschen ihn und salben ihn und hüllen ihn in kostbare Seide. Mit schwarzen Floren bedecken sie die Trommeln, mit schwarzen Floren umwinden sie die Kerzen, sie schleifen die Fahnen und Standarten am Boden hin. Weinend und Gebete murmelnd, folgt das ganzeVolk von Neapel dem Sarge, und über der ganzen Stadt hallen unablässig die klagenden Glocken.“ –

Sie schwiegen alle drei.

Nach einer ganzen Weile sagte Peterchen nachdenklich:

„Weißt du, Olga, es wäre ein wundervoller Vorwurf für eine Tragödie. Die Szene im Palast zwischen dem Fürsten und der Fürstin, wenn die Menge draußen nach ihm schreit, und sie ihn überredet ... und die Szene mit den Nonnen ...“

„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.

„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch nicht!“

„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu werden – ich weiß nicht – ich habe wederden Mut noch das Verlangen, da hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –


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