Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.
Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.
Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug. Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös! Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen werde!
Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.
Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zittertewie vor Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:
„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.
Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.
Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von der Decke frei und griff nach Mettens Händen.
„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?! Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt: Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das Leben wieder so wahnsinnig schön, undich hab’s nicht getan. Dann bin ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten. Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das Gesicht gesehen habe.“
Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.
„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich verstehe dich nicht, Liebes.“
„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen. Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja? Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“
Nun fiel Metten die Erinnerung an den Heimweg wieder wie eine Last aufs Herz. Die Erinnerung an den Heimweg, die Erinnerung an den verdorbenen Tag.
Sie ließ Olgas Hände los.
„Vielleicht darf ich auch mal fragen,“ sagte sie, „ich bin doch schließlich kein kleines Kind, das einfach alles hinnehmen muß und dem man sagen kann: das verstehst du nicht. Ich hab’ es bisdahinsatt, mich ewig von Geheimnissen umgeben zu fühlen.Washätte mir geschehen sollen? Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Mann? Kennst du ihn persönlich? Aus Wien? Und woher? Ich meine, was hast du für Beziehungen zu ihm?“
Mette wunderte sich selbst, woher sie die Kühnheit hatte, in einem so strengen und schulmeisterlichen Ton zu reden.
„Unsinn!“ sagte Olga mit einem nervösen Lachen. „Doch nichtden! Das ist doch nicht derselbe!“
„Nicht derselbe?!“ sagte Mette beinah ärgerlich, mit hochgezogenen Brauen. „Was heißt das wieder? Wer nicht derselbe? Nicht derselbe was?“
„Laß mich doch in Ruh,“ sagte Olga böse, „ich laß mich nicht inquirieren! Du kannst mir ja gleich Daumenschrauben anlegen. Wenn du mich nicht mehr leiden magst, dann geh! Ich halt’ dich nicht! Ich halt’ keinen Menschen! Aber laß mich in Ruh!“
Sie sprach zornig, aber mit einer seltsam vibrierenden Stimme und suchte unter dem Berg von Kissen nach ihrem Taschentuch.
Als sie es gefunden hatte, riß es ihr Mette mit einer halb unwillkürlichen Bewegung aus den Fingern. Der kleine weiße Ballen war fest zusammengedrückt und ganz feucht.
„Hast du geweint?“ fragte Mette in grenzenlosem Erstaunen.
„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht, das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.
„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich bin überspannt. Es ist mir jasoegal, wofür du mich hältst. Wenn mir danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“
Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus den Augen, deren übergroßePupille schwarz die ganze Iris überdeckte, stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte, den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam.
Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt, zärtlich zu sein.
Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah, tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen, tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.
„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend. „Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich bitt’ dich, weine nicht mehr!“
Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück. Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes Sichstrecken.
Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.
„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“
Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.
Und Mette saß ganz still und fühlte seltsam wehe Lust und süße Traurigkeit und horchte, wie in einem Traum befangen, auf das harte Pochen ihres Blutes. – – –