Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.
Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.
Eines Tages tauchte plötzlich Onkel Jürgen in Berlin auf. Mette hatte für Onkel Jürgen immer eine besondere Vorliebe gehabt. Es war eigentlich der einzige unter ihren Verwandten, der durch seine stattliche und vornehme Erscheinung, seine betont männliche Haltung und einen gewissen sachlichen Ernst ihr gefiel, und ihr sogar Achtung abnötigte.
Er begrüßte Mette auf eine merkwürdige Art, mit einer gewollten Liebenswürdigkeit, die zu sagen schien: ich tue ganz harmlos, du brauchst ja nicht gleich zumerken, weshalb ich hier bin, und was ich gegen dich habe.
In Mettens feinem Gefühl wurde sofort ein Mißtrauen rege.
Es steigerte sich, als sie das Knacken des Schlüssels vernahm, nachdem die drei – Vater, Tante Emilie und Onkel Jürgen – sich in das Studierzimmer zurückgezogen hatten.
Sie schlossen sich ein? Was hatte das zu bedeuten? Galt das den Dienstboten oder galt das ihr?
Sie hatte noch nie Interesse für die Verhandlungen ihrer Familie gehabt. Aber das leise Geräusch des Schließens hatte eine unbehagliche Neugier in ihr erweckt. Sie streifte ein paarmal dicht an der Tür vorüber. Aber sie hörte nur ein undeutliches Gemurmel. Es war kein Zweifel, sie flüsterten darin.
Mette sehnte sich danach, aus der bedrückenden und unfreundlichen Luft des Hauses fortzukommen.
Nach dem Essen – bei welchem nur Onkel Jürgen sprach, und in lauten und wohlgesetzten Worten die Schönheiten der kleinen Stadt und die Tugenden seiner Kinder pries – wagte Mette endlich die Frage:
„Ihr legt euch doch nach Tisch alle schlafen, nicht wahr? Dann möchte ich vorm Kaffee noch eine Stunde zu meiner Freundin gehen.“
Es entstand eine allgemeine Stille. Die drei saheneinander an, niemand sah Metten an, niemand antwortete.
Vater sah mit einem unruhigen und fast hilfeflehenden Blick von einem zum andern, Onkel Jürgen trommelte auf den Tisch und sah erwartungsvoll aus, Tante Emilie räusperte sich und verzog die Winkel des zusammengekniffenen Mundes zu einer süßlichen Grimasse, die ein freundliches Lächeln vorstellen sollte.
Niemand sprach. Tante Emilie wollte sich nicht vordrängen. Sie hielt mit der Antwort zurück und wartete, ob nicht einer der beiden Herren das Wort ergreifen wollte. Aber sie schwiegen und sahen nicht aus, als ob sie gedächten, in der nächsten Minute die peinliche Stille zu unterbrechen.
Also war es an ihr, also durfte sie reden. Sie reckte sich auf und legte das Gesicht in Falten, die inniges Mitleid und eine ernste Besorgnis ausdrücken sollten. Aber Metten schien es, als ob die kleinen scharfen Äuglein funkelten, als ob der steif gestreckte magere Oberkörper zitterte in einer bösen Freude.
„Das wirst du wohl ausnahmsweise heute unterlassen müssen, mein liebes Kind!“ sagte sie mit sanftem Tonfall und messerscharfer Stimme. „Wir erwarten Nachmittag einen Besuch, der dich aufs dringendste angeht.“
„Mich?“ fragte Mette, und sah dabei ihren Vater an.
Aber Rudloff deckte die Augen mit den Lidern und bemühte sich, ein nervöses Zucken seines Mundes zu unterdrücken. Er antwortete nicht.
„Ja, dich!“ sagte Tante Emilie so liebenswürdig, als wollte sie ihr eine große Freude verkünden.
Mette fühlte in diesem Moment, daß irgend etwas Furchtbares sie bedrohte. Ihr war, als sähe sie sich von einem engmaschigen Netz umgeben, das in der nächsten Minute durch einen leisen Ruck von Tante Emiliens knochigen Fingern über ihrem Kopf zusammengezogen werden konnte.
Sie hatte die Empfindung, als ob alle Türen verschlossen, durch Wachen verstellt seien, und als ob nichts sie mehr retten könne, als im selben Augenblick, ohne Zögern, ohne Überlegung aus dem Fenster zu springen – und, was die Lunge hergab – durch die Straßen zu laufen, zu rasen, in wildester Flucht, zu Olga.
Sie wurde blaß und machte eine halbe Bewegung. Es war nicht einmal eine halbe, es war nur der Ansatz, es war nur der Wille zu einer Bewegung, der durch ihre Muskeln lief. Onkel Jürgen mußte es trotzdem bemerkt haben.
„Na, Mette!“ sagte er in einem etwas gezwungen gütigen und zuversichtlichen Ton, „nur ruhigBlut, mein Deern. Es will dir kein Mensch an den Kragen. Du mußt nur Vertrauen zu uns haben und mußt dir sagen, daß alles, was geschieht, ausschließlich zu deinem Besten geschieht. Und mußt dich bemühen, uns ein bißchen zu unterstützen in unseren Bestrebungen, die nur auf dein Wohl gerichtet sind und nicht etwa durch kindischen Trotz uns unsere Aufgabe erschweren. Dann werden wir auch in gemeinsamer Arbeit über diese Zeit wegkommen, und du wirst uns später sehr dankbar sein, daß wir dich mit liebevoller Gewalt auf den richtigen Weg geführt haben. Und wirst an diese Zeit jetzt zurückdenken, wie an einen schweren Traum, der gar keine Bedeutung hat für dein späteres Leben.“
Diese feierliche Ansprache steigerte Mettens dumpfes Unbehagen zu einem beinah irrsinnigen Angstgefühl. Das alles war fremd und unverständlich. Sie wußte, daß Tante Emilie jetzt nur auf eine Frage wartete, um mit einem Wortschwall loszubrechen. Darum fragte sie nicht: Was ist denn geschehen? Was wird denn geschehen?
„Aus dem Fenster! Aus dem Fenster!“ war das einzige, was sie dachte. Und im Moment, als sie draußen die Flurklingel schrillen hörte, zuckte sie zusammen und wußte: „Jetzt ist es zu spät!“
Das Hausmädchen kam hereingeschlichen, als kämesie in ein Krankenzimmer und brachte Franz Rudloff eine Karte.
Seine Hand zitterte, als er sie von dem kleinen silbernen Tablett nahm. Er mußte sich auf den Tisch stützen, um aufzustehen. Sein Gesicht sah verzerrt und verfallen aus.
„Haben Sie den Herrn Professor in mein Zimmer geführt? Ich komme!“
Er goß sich schnell noch einen Schluck Wasser in sein Glas. Die hartgestärkte Manschette rasselte gegen die Flasche.
Er ging hinaus mit einem sichtlichen Bemühen, gerade und aufrecht zu schreiten.
Die drei blieben schweigend zurück. Mette hielt es nicht aus, am Tisch sitzen zu bleiben.
Als sie aufstand, machte Onkel Jürgen eine hastige Bewegung, als wollte er sie zurückhalten. Aber sie ging nicht nach der Tür, sie machte gar nicht mehr den Versuch, zu entkommen. Sie ging an das Fenster und sah durch den geschlossenen Spitzenvorhang hindurch auf die Straße.
Die eintönigen Rufe spielender Kinder drangen herauf. Ein Geschäftswagen rollte heran, hielt vor dem Haus drüben. Der Mitfahrer sprang herunter, schloß auf, belud sich mit Paketen und schlug die Tür mit scharfem Knall wieder zu.
Jede Bewegung, jedes Geräusch prägte sich mit ungewohnter Deutlichkeit in Mettens Gehirn. Es ging nichts in ihr vor, als die scharfe Beobachtung dieser alltäglichen Dinge.
Hinter ihrem Rücken tat die Tür sich auf. Sie hörte des Vaters gedrückte und etwas heisere Stimme:
„Emilie, willst du bitte so gut sein?“
Mette hörte das Stuhlrücken und das Rauschen der Röcke, ohne sich umzudrehen.
Die Tür schloß sich wieder.
Jetzt war sie mit Onkel Jürgen allein. Jetzt hätte sie ihn um irgendeine Erklärung fragen sollen. Er war ja doch von diesen drei Menschen immer noch der vernünftigste. Ach, aber trotzdem, es war zwecklos. Er war ihr ja doch fremd, unendlich fremd.
„Mutter!“ dachte sie, und etwas wie ein krampfhaftes Schluchzen quoll in ihrem Halse auf.
„Liebe, gute Mutter, warum hast du mich allein gelassen, ganz allein auf der Welt?“
„Allein!?“ Ihr war, als hörte sie stark und deutlich dies Wort von Olgas Stimme. Und sie sah die ernsten Augen forschend und beinah drohend auf sich gerichtet.
Eine heiße Welle flutete über ihr Herz. Sie krampfte die verschlungenen Hände ineinander und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen traten.
„Nein, ich bin nicht allein,“ dachte sie mit einem so andächtigen Gefühl, als spräche sie ein Gebet, „ich habe dich, Liebes, Schönes, Großes.Dichkann mir das alte böse Weib nicht nehmen, dich nicht! Und wenn sie mich foltern und mich in Stücke reißen – mir kann nichts geschehen – ich hab’ ja dich!“
Eine große Ruhe und Zuversicht kam über sie. Ihr war, als hätte sie einen schlimmen und gefährlichen Weg vor sich. Sie mußte über Moorboden gehen und durch Schmutz und Schlamm waten und reißende Wasser durchschwimmen – aber drüben stand Olga Radó und streckte beide Hände nach ihr und sagte: „Komm!“
Und da wurde der Weg leicht und beinah lockend.
Als jetzt die Tür ging und Vater erschien und zaghaft sagte:
„Mette, komm bitte einmal her!“ hatte sie fast ein Gefühl von Freude. So wie einer, der gut gelernt hat, sich aufs Examen freut oder ein Mutiger sich auf den Kampf.
Sie ging sehr gerade und fest durch das Zimmer und lächelte ein überlegenes und fast höhnisches Lächeln.
Bei ihrem Eintritt erhob sich aus Vaters Studierstuhl ein schmächtiger Mann mit scharfen Zügen und durchdringenden Augen, in dessen wohlgepflegtemschwarzen Spitzbart sich einige frühe weiße Fäden zeigten.
Da niemand Miene machte, ihn vorzustellen, murmelte er selbst mit leichter Verbeugung seinen Namen und warf dann den anderen einen Blick zu, der einem Befehl zu schleunigem Rückzug gleichkam.
Rudloff atmete sichtlich auf, während Tante Emilie zögerte und sich ungern trennte. Sie warf noch in der Tür einen langen, neugierigen Blick zurück; aber der Professor sprach kein Wort, machte keine Geste, ehe sich nicht die Tür geschlossen hatte.
Dann rückte er einen Sessel:
„Wollen Sie bitte Platz nehmen.“
Mette setzte sich gehorsam.
Der Mann ihr gegenüber beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer sanften und fast einschmeichelnden Stimme:
„Und nun sagen Sie mir erst mal, mein liebes Kind, daß Sie Vertrauen zu mir haben wollen.“
Mette richtete sich steif auf.
„Oh – durchaus nicht, Herr Professor!“ sagte sie ruhig.
Der Mann fuhr etwas zurück.
„Was heißt das?“ fragte er befremdet.
„Das heißt,“ sagte Mette kühl, während ihr dasHerz zum Zerspringen klopfte, „daß meine Tante Sie hergerufen hat, und daß ich allem mißtraue, was mir von dieser Seite kommt. Wahrscheinlich hat sie die Absicht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, und Sie sollen konstatieren, daß ich geistig defekt bin. Sie hat mir so was Ähnliches schon einmal angestellt, als ich noch ein kleines Kind war. Aber wenn Sie Psychiater sind, so werden Sie wissen, daß das Gefühl, auf den Geisteszustand beobachtet zu werden, in den normalsten Menschen etwas Irrsinnähnliches auslösen kann. Und Sie werden mir das in Anrechnung bringen.“
Der Arzt lächelte – ein feines Lächeln.
„Ich habe nicht die geringste Veranlassung, an Ihren außerordentlichen geistigen Fähigkeiten zu zweifeln – im Gegenteil – kein Mensch zweifelt daran. Und kein Mensch denkt daran, Sie in ein Irrenhaus sperren zu wollen. Ich bin hergekommen, um mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten – aus wissenschaftlichem und menschlichem Interesse. Darf ich ein paar Fragen an Sie richten?“
„Gewiß!“ sagte Mette. „Aber ich würde wahrscheinlich imstande sein, präziser auf diese Fragen zu antworten, wenn Sie mir gestatteten, dabei eine Zigarette zu rauchen.“
„Gern!“ sagte der Professor zuvorkommend.
Mette nahm den Zigarettenkasten vom Schreibtisch und bot ihm an.
Er nahm, und während er sein Feuerzeug aufknipste und ihr das Flämmchen hinüber reichte, fragte er in beiläufigem Ton:
„Sie sind passionierte Raucherin?“
„Ich habe es mir beim Lernen angewöhnt,“ sagte sie. „Es hilft mir, die Gedanken zusammen zu halten. Und da ich doch den Verdacht noch nicht ganz los bin, daß Sie mir aus irgendeiner dummen Antwort einen Schwachsinn konstruieren ...“
Der Professor lachte:
„Das sollte mir schwer fallen – aber Sie haben recht, es plaudert sich viel gemütlicher bei der Zigarette. Nun erzählen Sie mir doch erst mal, was war das eigentlich für eine Angelegenheit, die Sie mir vorher andeuteten? Was hat Ihre Frau Tante für böse Absichten gehabt, als Sie noch ein kleines Kind waren?“
„Ach,“ sagte Mette, „sie hat mir einen Kinderpsychiater kommen lassen, weil ich Silberzeug aus dem Büfett genommen hatte.“
„Ach,“ sagte der Professor interessiert mit einem belustigten Lächeln. „Und warum taten Sie das? Hatten Sie Freude am Silber?“
„Nein, ich hab’ es versetzt!“
„Versetzt!“ Der Professor lachte hell auf. „Wie sind Sie als kleines Kind auf diese Idee gekommen?“
„Nicht aus mir selbst!“ sagte Mette ernsthaft. Aus Nebeln der Vergangenheit stieg plötzlich klar und deutlich Friedel Eggebrechts Bild auf. „Mein Kinderfräulein hat mich dazu verleitet. Ich stand vollständig unter ihrem Einfluß – der nicht gerade sehr günstig war.“
„Ach!“ sagte der Professor mit leichtem Erstaunen. „Sind Sie beeinflußbar? Das sieht man Ihnen nicht an! Jetzt würde Sie wahrscheinlich keine Macht der Welt mehr zu solchen Dingen bringen!“
„Ach, verflucht!“ sagte Mette mit einem plötzlichen Erschrecken, „jetzt hab’ ich ja das blöde Silber verfallen lassen!“
Der Professor amüsierte sich köstlich, oder er tat wenigstens so.
„Welches?“ fragte er. „Das, was Sie vor zehn Jahren versetzt haben? Das wird nun wohl allerdings verfallen sein!“
„Nein,“ sagte Mette unbefangen, „das, was ich jetzt versetzt habe. Das hatt’ ich ja in den Tod vergessen!“
„Sie brauchen sich darum nicht zu ängstigen,“ sagte der Professor liebenswürdig, „es ist eingelöst worden.“
Mette faßte im Moment nicht ganz.
„Wieso? Es hat doch niemand davon gewußt.“
„Man hat den Schein bei Ihnen gefunden.“
„Gefunden!“ Mette sprang auf. „Gefunden?! Das heißt, daß diese schamlose Person heimlich über meine Sachen geht und darin herumwühlt. Oh, schade, daß ich sie nicht dabei ertappt habe – ich hätte sie mit meinen eigenen Händen erwürgt, glaube ich!“
„Bitte, setzen Sie sich!“ sagte der Professor, noch ohne Schärfe, aber so zwingend, daß Mette gehorchte.
„Wenn Sie mit dieser Person Ihre Frau Tante meinen, so muß ich ihr als Mensch und als Arzt das Recht zugestehen, Sie als ihre Pflegebefohlene ein wenig intensiver zu beaufsichtigen, als es sonst zwischen erwachsenen Menschen üblich ist.“
„Ichbinein erwachsener Mensch!“ sagte Mette zornig.
„Sie sind ein Kind,“ sagte der Arzt sehr milde, „ein Kind, das gar nicht weiß, in welcher Gefahr es schwebt – und das uns allen sehr dankbar sein wird, wenn es einmal erwachsen sein wird und einsehen lernt, wovor wir es behütet haben.“
„Ich glaube, Sie sind im Irrtum!“ sagte Mette eiskalt. „Ich bin in keiner Gefahr. Und wenn, dann behüte ich mich selber.“
„Solange Sie nicht mündig sind, werden Sie schon unsere helfende Hand nicht zurückweisen dürfen.“
Das klang gütig, aber sehr bestimmt.
„Ich zweifle, daß Sie aus eigener Kraft den Entschluß aufbringen werden, sich von Ihrer Freundin zu trennen, unter deren Einfluß Sie stehen.“
Metten strömte das Blut jäh zum Herzen. Sie fühlte, daß sie weiß wurde wie Leinen.
„Was wissen Sie von meiner Freundin?“ fragte sie schroff. Der Atem drohte ihr zu versagen.
Der Arzt lächelte überlegen.
„Jedenfalls mehr als Sie.“
„Das bezweifle ich,“ unterbrach ihn Mette in einem harten und spöttischen Ton.
Er war nicht aus seiner Ruhe zu bringen.
„Ich weiß,“ sagte er in gelassenem, aber festem Ton, „daß Sie unter dem Einfluß einer Frau stehen, der für Sie höchst verderblich ist. Ich begreife Sie ja. Siesindein Kind. Ich will dieser Frau Geist und Liebenswürdigkeit gewiß nicht absprechen. Sie sind stolz auf diese Freundschaft und würden ihr alles zum Opfer bringen. Sie lassen sich durch diese Freundschaft auf die Bahn des Verbrechens treiben ...“
„Ach, Unsinn!“ sagte Mette.
„Ich verstehe, daß Sie mir widersprechen. Aber nehmen Sie einmal Ihren klaren Verstand zu Hilfe,und denken Sie logisch nach. Sie entwenden das Silberzeug aus dem Büfett Ihrer Eltern. Sie lassen sich von Ihrem Vater Stundengeld geben und legen das Geld dafür an, mit Ihrer Freundin Auto zu fahren, Sekt zu trinken, die Oper zu besuchen. Sie bezahlen die Schneiderrechnungen dieser Freundin mit Geld, welches Sie sich auf unrechtmäßige Weise verschafft haben. Ja, Kind, sehen Sie denn nicht selbst, auf welchen Abgrund Sie zusteuern?“
Woher wußten sie das alles? Wie durch einen aufflammenden Blitz erleuchtet, lagen die Zusammenhänge klar vor Metten.
Man hatte sie durch einen Detektiv beobachten lassen, auf Schritt und Tritt. Wo sie ging und stand, hatten fremde Augen an ihr geklebt, fremde Augen und Tante Emiliens Gedanken.
Der Mann in Wannsee ... und da vielleicht ... und dort auch. Das war es, was Olga so geängstigt hatte. Sie hatte es gewußt, gekannt, schon einmal durchgemacht. Arme Olla ...
Mette saß ganz still und rührte sich nicht. Ihr war, als ob erbarmungslose Hände ihr Stück für Stück der Kleidung vom Leibe rissen. Es waren nicht die Hände dieses fremden Mannes, es waren Tante Emiliens Hände, die das taten, es war Tante Emiliens Gesicht, das sie vor sich sah, hohngrinsend,geifernd vor böser Lust – langsam, langsam krampften sich Mettens Finger zu Fäusten zusammen – sie reckte den Hals vor, senkte die Stirn, verzerrte die Mundwinkel und schluckte gewaltsam.
Die Stimme des Professors wurde wieder ganz sanft und begütigend:
„Denken Sie doch einmal zurück an Ihre Kinderzeit! Haben Sie dieses Kinderfräulein, unter deren Einfluß Sie damals standen, nicht auch geliebt? Und sind Sie jetzt nicht froh und dankbar, daß man Sie von ihr getrennt hat? Genau so dankbar werden Sie uns später sein, wenn Sie erst zur Einsicht gekommen sind. Wenn Sie nachdenken, so wissen Sie ja jetzt schon in Ihrem tiefsten Innern Bescheid.Siesind die treue Freundin.Sielieben,Sieopfern sich auf. Und Sie werden ausgenutzt, als Spielzeug behandelt, bei Gelegenheit verleugnet und über kurz oder lang beiseite geworfen. Denken Sie denn, das wäre der erste Fall, der uns vor Augen kommt? Dann sind Sie fürs Leben verdorben, körperlich und seelisch krank, jeder Glücksmöglichkeit beraubt – was bleibt Ihnen dann? – Je nach Ihrer Veranlagung: Mord oder Selbstmord! Ich habe furchtbare Tragödien auf diese Art entstehen sehen ...“
Mette kämpfte vergeblich gegen den Eindruck an, den diese Worte auf sie machten. Ihre gereiztenNerven spürten einen eiskalten Hauch, der sie bis in das innerste Herz erschauern machte. Es schien ihr wie ein mahnender Gruß aus einer dunkel verhüllten Zukunft. Tod – Ende! Ein grauenhaftes Etwas schritt unbeirrbar auf sie zu und warf seinen kühlen Schatten voraus.
Sie fröstelte.
Sie mußte sich anstrengen, um eine äußerliche Ruhe zu erzwingen. Sie krallte die Finger um die Sessellehnen und schluckte ein paarmal.
„Das alles tut ja nichts zur Sache,“ sagte sie endlich mühsam. „Vielleicht sind Sie so gut und teilen mir mit, weshalb man Sie eigentlich gerufen hat, und was man über mich beschlossen hat. Denn esistdoch irgend etwas über mich beschlossen. Wenn nicht in ein Irrenhaus – will man mich dann in ein Kloster sperren, oder in eine Besserungsanstalt, oder nach Amerika verschicken?“
Der Arzt lächelte. „Aber nichts von alledem. Sie werden auf einige Zeit mit Ihrem Onkel, mit Herrn von Seyblitz, zu seiner Familie fahren. – Sie werden in guter Luft und einem ruhigen Leben Ihre Nerven kräftigen und werden dann selbständig zu gesunden und willensstarken Entschlüssen kommen.“
„Wann soll ich fahren?“ stieß Mette kurz hervor.
„Heute noch!“
„Ich muß doch erst einen Koffer packen!“
„Der wird jetzt während unserer Unterredung schon gepackt!“
Das war das, was sie gefürchtet hatte. Mette fühlte die Mauern, die Handfesseln. Sie warf einen Blick um sich wie ein gehetztes, in die Enge getriebenes Tier. Nirgends ein Ausweg, nirgends eine Möglichkeit zur Flucht.
Man trennte sie von Olga. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste. Man tat ihr Gewalt an. Man hätte diese Reise von ihr erbitten sollen, man hätte ihr Zeit lassen sollen, Zeit zu einem Abschied, zu einer Erklärung, Zeit, ihre Sachen selber einzupacken, ihre Bücher ... jetzt war Tante Emilie an ihrer Kommode und packte ihre Sachen ein, wühlte darin herum ... in einer Stunde saß sie vielleicht schon im Zug, ohne Olga Nachricht geben zu können ... und Onkel Jürgen saß ihr gegenüber als Gefangenenwärter ... und was würde unterdessen hier geschehen? mit ihrem Schreibtisch ... mit ihren Büchern ... mit Olga ...?
Sie spürte Lust, irgend etwas zu zerreißen, zu zerschlagen, mit dem Kopf gegen die Wände anzurennen. Sie tat nichts. Sie stand von ihrem Stuhl auf, sehr blaß, sehr ruhig und sagte:
„Also ... ist das nun alles?“
„Es freut mich,“ sagte der Professor, ebenfalls sich aus seinem Sessel erhebend, „daß Sie sich mit dieser Reise einverstanden erklären.“
„Einverstanden?“ sagte Mette mit einem verächtlichen Zucken der Lippen. „Ich füge mich dem Zwang, weil ich weiß, daß jeder Widerstand nutzlos ist. Wenn meine Tante mich hier forthaben will, läßt sie mich in Ketten wegschleifen, und mein Vater sieht zu, und alle Gerichte der Welt geben ihr recht.“
Der Professor ging an ihr vorüber und machte die Tür auf.
„Fräulein Melitta und ich sind uns ganz einig!“ rief er heiter. „Ich habe ihr eine kleine Luftveränderung verschrieben, und sie freut sich sehr, ein paar Wochen in Ihrem gastlichen Hause zu verbringen, Herr von Seyblitz!“
Onkel Jürgen rieb sich die kräftigen Hände, Franz Rudloff versuchte ein farbloses Lächeln, und Tante Emilie machte ein überraschtes und – wie es Metten schien – sichtlich enttäuschtes Gesicht.
Sie schoß auf den Professor los und zischte halblaut, aber doch laut genug, daß alle es hören konnten:
„Sie sagten mir doch, Herr Professor, daß Sie eine Untersuchung vornehmen wollten, um möglicherweise irgendwelche körperlichen Anomalien festzustellen ... ich glaube bestimmt ...“
Der Professor versuchte umsonst, sie durch eine leichte Geste der Hand und der Augenlider zum Schweigen zu bringen. Es war zu spät.
Mette hatte schon begriffen. Ganz jäh und mit einem Schlage alles begriffen.
Sie spürte nur die eine brennende Sehnsucht, dies widerliche Geschöpf da unter ihren Händen verenden zu sehen.
Sie wußte nicht, daß sie eine Bewegung machte. Der Boden wich unter ihren Füßen zurück. Sie hörte ein Röcheln, das fremd und grauenhaft war, und das doch aus ihrer eigenen Kehle kam. Sie spürte, daß ihre Finger sich um einen dürren, faltigen Hals krallten und spürte im selben Moment, daß eisenfeste Hände ihre Gelenke umklammerten, so fest umklammerten, daß das Blut ihr in den Adern zu stocken schien, und ihr war, als müßte sie ersticken.
Sie fühlte, daß sie diese Folter nicht einen Herzschlag länger ertragen konnte.
„Loslassen!“ knirschte sie. „Loslassen!“
Der Arzt gab sofort ihren rechten Arm frei. Eine Sekunde später Onkel Jürgen den linken.
Jetzt fing die Haut über den Gelenken an zu schmerzen. Sie rieb sie ganz mechanisch. Sie fühlte sich müde, ruhig, zerschlagen.
Der Gedanke tat ihr fast wohl, daß sie fort sollte,aus diesem Haus, von diesen Leuten fort, jetzt gleich, in dieser Stunde noch.
Sie wandte sich mit ihren Fragen nur noch an den Arzt:
„Wann geht der Zug? Wird es nicht Zeit, daß ich mich fertig mache?“ –
Als das Auto vor der Tür stand, fragte der Professor beiläufig:
„Wir haben, glaube ich, denselben Weg. Haben Sie nicht einen Platz im Wagen frei?“
Mette sah ihn groß an und lächelte ein wenig spöttisch:
„Sie brauchen gar keine Ausrede, Herr Professor, wenn Sie mich an die Bahn bringen wollen. Meine Familie wird auf das Vergnügen verzichten. Es ist besser für alle Beteiligten.“
Sie reichte ihrem Vater die Fingerspitzen, die dieser mit beiden Händen umschloß.
„Adieu, Papa, laß dir’s gut gehen.“
Tante Emilie zog sich mit gespielter Ängstlichkeit an die Wand zurück, als befürchtete sie einen neuen Anschlag auf ihr Leben.
Mette streifte sie nur mit einem verächtlichen Blick. –
Die Bahnfahrt war doch länger, als sie gedacht hatte. Mette sah angespannt aus dem Fenster und bemühte sich, die Namen der Stationen, jedes Dorfund jedes Bahnwärterhäuschen ihrem Gedächtnis einzuprägen. Es wäre doch möglich, daß sie zu Fuß zurück müßte.
Sie hatte kein Geld – ob sie Gelegenheit hatte, Wertsachen zu versetzen oder zu verkaufen, war fraglich. Sie sah nach den Kilometerschildern, 87 Kilometer bis Berlin. Fünf Kilometer in der Stunde schaffte sie glatt. Es war nur schade, daß nicht Sommer war. Bei zwei Grad unter Null ließ sich’s nicht gut im Freien nächtigen. – – –