Chapter 45

Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.

Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.

Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes, schwarzes Buch: das Neue Testament.

Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.

„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“ fragte er lakonisch.

„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht, daß der Zigarettenrauchauf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine Nase zöge.

Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.

„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt. „Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“

Der Junge zögerte.

„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank sein ...“

„Krank?“ sagte Mette verwundert. „Sollt ihr nicht zu mir hereinkommen, weil ich krank bin?“

„Ja!“ sagte der Zwölfjährige altklug. „Wegen der Ansteckungsgefahr!“

„Ach, Männe!“ Mette lachte kurz auf. „Die Krankheit, die ich habe, steckt ganz gewiß nicht an.“

„Was hast du denn für eine Krankheit?“ Der Junge kam neugierig näher.

Mette zögerte mit der Antwort.

Der Junge warf einen begehrlichen Blick auf die Zigaretten.

„Schenk’ mir eine!“ bettelte er plötzlich.

„Ja,“ sagte Mette rasch. „So viel du willst. Aber du mußt mir einen Brief auf die Post bringen, ganz heimlich, so, daß es keiner sieht. Kann man sich auf dich verlassen?“

Mette sah ihn scharf und prüfend an. Der Ehrgeiz des Jungen war geweckt.

„Aber!“ sagte er überzeugt, „meinst du, daß ich mich erwischen lasse? Ich bin doch nicht dämlich.“

Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“

Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann heraus:

„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“

Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das Zigarettenetui.

„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“

„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein Schrittchen näher.

„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehenLächeln. „Ich glaube wohl, daß estödlichsein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –


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