Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm, von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm, von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen, als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen, ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben zu vermehren ...
Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirstmich auslachen. Meine Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht kennst und liebst?“ – – –