Chapter 47

Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich, sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr eine Freiheit nach der anderen.

Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich, sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr eine Freiheit nach der anderen.

Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht. Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer Erregung.

Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid, wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.

Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.

Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?

Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.

Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.

Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.

Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze Haus durchsuchen.

Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.

Am anderen Tag holte sich Mette vom Schlosser ein halb Dutzend Schlüssel. Sie erzählte eine Geschichte von einem verlorenen Schrankschlüssel und freute sich fast darüber, wie sicher und unbefangen sie ihre Märchen vortrug.

In der Nacht schlich sie hinunter und probierte die gekauften Schlüssel. Sie hatte die Form und Größe des Schlüssels sich gut gemerkt. Fast alle ließen sich ins Schloß schieben. Aber keiner schloß.

Am anderen Tag erbat sie die Schlüssel, um ein Buch aus der Bibliothek zu nehmen. Während sie vor dem Bücherschrank kniete, löste sie den Schreibtischschlüssel vom Bund. Einen bereitgehaltenen, der ihm äußerlich gleich sah, fügte sie an seine Stelle.

Sie nahm ein Buch aus dem Schrank, ohne zu wissen, welches.

In dem Augenblick, in dem sie Onkel Jürgen das Schlüsselbund zurückgab, glaubte sie, er müsse das rasende Schlagen ihres Herzens spüren. Sie fühlte, daß ihr Gesicht weiß aussehen mußte wie Kalk und bemühte sich, mit steifgefrorenen Lippen zu lächeln.

Der Onkel nahm ihr die Schlüssel ab, ohne vonseiner Zeitung aufzusehen und ließ sie mit einem flüchtigen „Danke!“ in die Hosentasche gleiten.

Mette packte ihren Handkoffer und gab eine Depesche auf. In der Dämmerung schaffte sie den Handkoffer nach der Bahn.

Um halb acht wurde zu Abend gegessen. Um halb neun ging der Zug.

Mette klagte während des Essens über Kopfschmerzen. Der Onkel gab ihr auf ihre Bitte ein Pyramidon und empfahl ihr, sich gleich hinzulegen.

Mette sagte: „Gute Nacht!“ während die anderen noch bei Tisch saßen.

Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte, schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in ihre Bluse.

Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen, wagte sie nicht.

Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sichum. Von dieser Seite war das Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte. Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. – – –


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