Chapter 52

Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.

Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.

„Die sechste Station!“ sagte Mette geheimnisvoll mit großen Augen. „Die nächste ist unser Schicksal. Gebe Gott, daß es keine große Stadt ist!“

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, fingen sie an, sich zum Aussteigen fertigzumachen. Die nächste Haltestelle konnte in zehn Minuten oder in einer Stunde erreicht sein. Sie wußten es nicht.

Sie hatten den Handkoffer auf den Sitz heruntergehoben und standen nebeneinander an der Tür, die Stirn an die Scheibe gelegt, bemüht, mit den scharfen Augen das vorübersausende Dunkel zu durchdringen.

„Es ist viel Wald in der Gegend,“ sagte Olga. „Nadelwald.“

„Ja,“ frohlockte Mette, „darin gehen wir morgen spazieren.“

Der Wald hörte auf. Schiefergrauer, wolkiger Himmel schied sich von weit hingebreiteten, sanft gehügelten dunklen Feldern. Wieder Bäume, erst vereinzelt, dann dichter schwarzer Wald, der bis an den Bahndamm herantrat und nicht ein Streifchen Himmel mehr über den Gipfeln sehen ließ.

Wieder wurden die Bäume spärlicher, verschwanden. Wieder breiteten sich Felder in breiten Flächen. Aber in einer Entfernung, die man nicht schätzen konnte, wie eingebettet zwischen den sanft geschwungenen Linien, blinkte ein winziges Licht. Noch eins ... und noch eins ...

„Da ... da! Da!“ rief Mette entzückt. „Ob wir das sind?“

„Seltsam,“ sagte Olga, „vielleicht ist eins von diesen Lichtern morgen unser helles Fenster. Und vielleicht hat man nach zehn Jahren ein Heimatsgefühl, wenn man an diesen Lichtlein vorüberfährt. Und jetzt hat man keine Ahnung, wie der Ort da heißt!“

Ein Bahnwärterhäuschen glitt vorüber. Hier und da gleißte ein Stück der blanken Schienen im Lichtschein einer Laterne auf. Wieder traten Baumbestände bis dicht an den Zug, aber gelichteter, von vielen Wegen durchzogen. Dann lief eine Hecke ein Stückmit. Dann vor der beschnittenen Hecke ein hellgestrichenes Holzstaket. Dahinter, ganz nah, dunkelten schon die Umrisse einzelner Häuser. Nun kamen trüb brennende Laternen, eine Barriere, die eine dunkle, baumbestandene Chaussee abschloß.

Wieder ein Stückchen Wald oder Garten, im Hintergrund aufblinkend ein Lichtlein nach dem anderen – schon fuhr der Zug langsam, knirschte, puffte – hölzerne Säulen schoben sich heran, die ein schmales Schutzdach trugen ... er hielt.

Olga griff nach dem Handkoffer, drückte die Klinke auf und sprang die hohen Stufen hinunter.

Mette folgte ihr in einem seltsamen Traumzustand befangen. Sie war durch die beiden schlaflosen Nächte überwach, und ihre Sinne schienen, tausendfach geschärft, jeden Eindruck aufzunehmen.

Der dünne Hauch von Reif, der den Boden, die Holzstangen überzog, die groben Gesichter von zwei bäuerlich gekleideten Frauen, die an ihnen vorüberhasteten, der langgezogene Ruf des Schaffners, das gemächliche Zuschlagen der Türen, die roten Hände des Mannes an der Sperre, die aus gestrickten Pulswärmern herauswuchsen, der kleine dämmerige Raum mit papierbeklebten Wänden und abgescheuerten Holzbänken, durch den sie hindurch mußten, das Pfeifen des abfahrenden Zuges in ihrem Rücken – das allesprägte sich ihrem Gehirn mit unauslöschlicher Deutlichkeit ein.

Olga stieß eine Tür auf, trat ein paar steinerne Stufen hinunter, und sie standen auf dem holperigen Steinpflaster eines großen Platzes, der von dem Licht des Bahnhofs schwach erhellt war.

Rechts und links war tiefes Dunkel. Soviel man unterscheiden konnte, kahle zerzauste Laubbäume, ungepflasterte, aufgeweichte, leicht überfrorene Wege.

Geradeaus sah man in einiger Entfernung etwas, das aussah wie der Anfang einer Straße.

Olga blieb stehen und sah Metten lächelnd an.

„Nun,“ sagte sie, „graust’s dich schon? Was gäbst du darum, wenn du jetzt zu Hause unter der Daunendecke lägst und das elektrische Licht anknipsen könntest?“

„Gar nichts!“ sagte Mette trotzig. „Im Gegenteil, ich finde es hier äußerst gemütlich. Und wenn wir kein Unterkommen finden, so wäre es mir doch nur deinetwegen schlimm. Ich hab’ dich ja zu dieser Exkursion verleitet!“

„Ach, meinetwegen!“ sagte Olga wegwerfend. „Meinetwegen können wir die Nacht im Bahnhof auf den Holzbänken zubringen. Aber wenn du ängstlich bist, kehren wir um und fragen den Mann an der Sperre nach einem Gasthaus.“

„Nein,“ drängte Mette. „Nicht fragen! Komm vorwärts.“

Nach ein paar hundert Schritten fingen die Häuser an. Dunkel, verschlafen, ohne ein helles Fenster. Und ein wenig vereinzelt noch, von Gärten und Ackerstreifen umgeben. Aber der Weg war mit Katzenköpfen gepflastert, und nach einer Biegung rückten die Häuser näher zusammen, schlossen sich zur Straße, die von flackernden Laternen beleuchtet wurde.

Die Straße erweiterte sich zu einer Art Marktplatz. Es war ein nüchternes Vieleck, ohne jedes malerische Gepräge, ohne Linden und ohne rieselnden Brunnen. An einer Seite fand sich ein langgestreckter, niedriger, grauer Kasten mit breit herunterreichendem Dach und vielen Mansardenfenstern. Über der breitgewölbten dunkeln Toreinfahrt schaukelte ein blecherner Stern, einem Barbierbecken nicht unähnlich, und darüber ließ eine große blaue, am schön geschwungenen Arm schwebende Laterne die aufgenagelten Buchstaben über dem Rundbogen erkennen.

„Hotel zum blauen Sternen. Gasthaus und Ausspann.“

„Sogar Hotel,“ sagte Olga, „sieh mal an!“

Sie suchten nach einer Nachtglocke. Aber sie fanden noch nicht einmal eine Tür. Neben der Einfahrt war ein Handgriff, der an einer verrosteten Eisenstangeeine große Glocke in Bewegung setzte. Aber er war in kaum erreichbarer Höhe. Mette bemühte sich.

„Laß nur,“ sagte Olga, „der ist nicht für armselige Fußgänger wie wir. Außerdem wecken wir die ganze Stadt. Laß uns lieber einmal von der Innenseite versuchen.“

Sie wagten sich in die dunkle Höhlung des Tors. Aber sie kamen nicht weit. Noch ehe der Gang sich zum Hof öffnete, versperrte ein riesiger Leiterwagen den Weg. Aber neben dem Wagen fanden sich ein paar Stufen und eine kleine hölzerne Tür in der Wand. Sie ertasteten einen Metallknopf, zogen an ihm und lösten damit ein kräftig schepperndes Geklingel aus, das sie fast zusammenschrecken ließ, so jäh zerschnitt es die tiefe Stille.

Schritte, Stimmen, ein Lichtschein.

Ein verschlafener Mensch erschien in der offenen Tür, Pantoffeln an den nackten Füßen, in Unterhosen von graugelber Wolle, über die er höchst merkwürdigerweise einen Frack gezogen hatte, den er mit der linken Hand unterm Kinn zusammenhielt, während er in der erhobenen Rechten einen brennenden Wachsstock trug.

Olga übernahm die Führung der Verhandlung.

Sie erzählte dem schlaftrunkenen Mann eine lange Geschichte von dem Zug, mit dem sie eben eingetroffen, und daß ihr das Hotel zum blauen Sternen schon inBerlin empfohlen, sie bedauerte, ihn in seinem Schlaf gestört zu haben, aber der Zug käme zu so ungünstiger Zeit hier an, und sie hätten doch nicht auf der Straße bleiben können, und am Bahnhof hätte man sie natürlich auch hierher gewiesen.

Der Mann ermunterte sich so weit, daß er „Einen Augenblick, bitte!“ sagte, verschwand und sie stehen ließ.

Sie sahen sich lachend an und warteten geduldig. Nach einer Weile wurde oben auf der Treppe eine in offener Schale brennende Gasflamme entzündet, und der Mann erschien wieder, jetzt mit schwarzen Hosen angetan.

Daß er ein kragenloses Wollhemd und weder Weste noch Strümpfe anhatte, hinderte ihn nicht, eine gewisse Gewandtheit der Bewegungen zu zeigen, die ihn sofort als den „Ober“ verriet.

Er führte sie in ein großes dunkles und kaltes Zimmer, schwang sich auf einen Polstersessel und entzündete eine Gasflamme. Es war entschieden das Fürstenzimmer des blauen Sternen.

Die hohen und breiten Betten, das wuchtige Plüschsofa verschwanden fast in dem weiten Raum. Zwischen den Fenstern prangte ein großer goldgerahmter Spiegel, auf dessen Konsole ein Makartstrauß unter einer Glasglocke stand, und die Wände ziertenzahlreiche Buntdrucke, die meisten in dicken Goldrahmen.

Der „Ober“ bückte sich und steckte einen Gasofen an. Eine ganze Reihe spitzer blauer Flämmchen puffte auf, spiegelte sich in einer Nische aus gerieftem Kupfer und warf einen warmen rötlichen Schein auf den abgeschabten Teppich.

„Herrlich!“ sagte Olga und warf ihre Handschuhe auf den großen, runden, plüschüberdeckten Tisch. „Jetzt wird es auch noch warm hier, dann ist es einfach ideal. Nein, Herr Ober, wir brauchen weiter nichts. Danke schön, wenn wir morgen früh vielleicht auf dem Zimmer frühstücken können? – Hier ist die Klingel – ja, herrlich. Danke schön! Gute Nacht!“

Die Tür schloß sich hinter ihm.

„Wundervoll!“ sagte Olga und reckte übermütig die Arme.

„Ist das dein Ernst?“ fragte Mette zaghaft. „Ich denke immer, dein Schönheitssinn muß Qualen leiden! Diese Bilder ... und das Makartbukett und die Plüschgarnitur ...“

„Prachtvoll!“ sagte Olga. „Dasmußdoch überhaupt so sein. Ich wäre geradezu enttäuscht, wenn diese kämpfenden Hirsche nicht hier wären, oder die duftigen Empiremädchen unter dem blühenden Apfelbaum. Glaubst du, ich möchte im Hotel zum blauenSternen Chippendale-Möbel finden oder einen Kokoschka? Gott soll mich bewahren! Ich finde es einfach himmlisch!“

Mette packte den Handkoffer aus, breitete Nachthemden über die Betten, stellte Flaschen und Dosen auf den Waschtisch. Olga ging mit unhörbaren Schritten im Zimmer hin und her, pfiff mit leisen, süßen Flötentönen vor sich hin, blieb vor jedem Bild stehen, betrachtete es mit kindischem Entzücken und erzählte eine lange romantische Geschichte dazu.

„Hier!“ sagte Mette und legte ihren seidenen Kimono über einen Stuhl, „den kannst du anziehen.“

„Und du?“

„Ich hab’ noch einen Frisiermantel, der genügt mir.“

Olga legte Rock und Bluse ab und wickelte sich in den Kimono.

„Wundervoll,“ sagte sie, „nun müßte ich nur noch warme Füße haben und die Haarnadeln aus dem Kopf. Dann bin ich wunschlos glücklich.“

Sie rollte einen Sessel vor den Gasofen und fing an, sich die hohen Stiefel aufzuschnüren.

„Soll ich dir helfen?“ fragte Mette dienstbereit.

„Das fehlte noch!“ sagte Olga empört. „Nicht einem Dienstmädchen würd’ ich das zumuten!“

„Das ist auch etwas anderes,“ sagte Mette lächelnd.„Es ist eine Auszeichnung, die man einem Dienstmädchen nicht gönnen darf.“

„Du bist ja verrückt!“ Über Olgas Gesicht schoß wieder das dunkle flüchtige Rot.

Sie hatte jetzt auch die dünnen seidenen Strümpfe abgestreift und hielt die nackten Füße gegen die Flammen. Sie hob die Arme und zog langsam Nadel auf Nadel aus dem Haar, bis die schweren schwarzen Strähnen ihr über den Rücken stürzten.

Mette sprang auf einen Stuhl und drehte die Gasflamme aus.

„So!“ sagte sie lachend, „nun kannst du dich malen lassen oder gleich öldrucken und dich goldgerahmt an die Wand hier hängen. Unterschrift:Au coin du feu, oder die Hexe, oder Feuersgluten, oder sonst was Gutes. Wie kann ein Mensch so unverschämt schön sein?!“

„So!“ sagte Olga trocken. „Das hast du hübsch gemacht. Jetzt haben wir keine Streichhölzer.“

„Erstens genügt mir die Beleuchtung,“ sagte Mette und setzte sich auf die Erde in den rötlichen Feuerschein, „und zweitens können wir uns hier immer einen Fidibus anstecken. Wenn wir nichts anderes finden, nehmen wir einen Hundertmarkschein. Davon haben wir ja genug ... Kind, was hast du für märchenhafte Füße ... aber kalt sind sie immer noch wie Eis!“

Sie legte beide Hände um Olgas Fuß. Er war so edel geformt, so schön in Linie und Farbe, als hätte eine Meisterhand ihn aus Marmor gebildet, aber er war auch so kalt und schwer wie Stein.

Mette versuchte, ihn in ihren Händen zu wärmen, sie hauchte darauf, und dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie legte die Lippen auf die kühle, glatte, weiße Haut.

Olga machte sich los, sprang auf und lief durch das dunkle Zimmer bis nach dem Fenster.

„Olla,“ sagte Mette erschrocken und stand zögernd auf. „Was ist dir denn? Was hast du denn?“

Es kam keine Antwort. Mette ging ihr nach. Aber als sie ans Fenster kam und die Hand nach ihr streckte, lief Olga wie gejagt nach der Wand.

Sie stand in die Ecke gedrückt und Mette vertrat ihr den Weg.

Das schöne blasse Gesicht schimmerte unheimlich durch das Dunkel. In den angespannten Zügen lag Angst und Drohung zugleich, wie bei einem angeschossenen Tier, das sich umstellt sieht und sich verzweiflungsvoll zur Wehr setzt.

Mette erschrak vor dem Ausdruck des gepreßten Mundes, der dunkel lohenden Augen. Sie legte zaghaft die Hand auf Olgas über der Brust gekreuzte Arme.

Olga zuckte zusammen und drückte sich tiefer in die Ecke.

„Geh doch!“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Laß mich doch in Ruh!“

„Du sollst nicht mit den nackten Füßen auf der bloßen Diele stehen,“ bat Mette, den Tränen nahe. „Du erkältest dich zu Tode. Ich will ja nichts, als daß du dich an den Ofen setzest. Dann kann ich mich ja auf den Korridor vor die Tür schlafen legen, oder ich kann mir ein anderes Zimmer geben lassen, oder ich kann aus dem Fenster springen. Aber komm aus der Ecke heraus, ich kann es nicht mehr mit ansehen.“

Sie faßte sie an beiden Schultern, aber Olga schüttelte ihre Hände von sich ab.

„Laß mich doch!“ sagte sie böse. „Siehst du denn nicht, daß du mich zu Tode marterst? Wie kann ein Mensch so wahnsinnig grausam sein?“

Die Stimme brach ihr, und ganz jählings stürzten die Tränen über ihr Gesicht.

Jetzt konnte sich Mette nicht mehr beherrschen. Auch ihre Augen liefen über.

„Ich verstehe dich nicht!“ sagte sie mit zitternden Lippen. „Wenn ich dir so zuwider bin, daß du mich nicht erträgst, warum bist du dann hier? Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab? Man kann nicht einen Menschen gern haben, dessen Nähe einen derartquält! Ich weiß ja aber auch, warum du mich nicht leiden kannst!“

„Warum?“ fragte Olga erstaunt.

Mette schüttelte stumm den Kopf und kämpfte die Tränen hinunter.

„Warum soll ich dich nicht leiden können?“ forschte Olga drängender. „Antworte! Ich will das jetzt wissen.“

Mette vermied es immer noch, sie anzusehen.

„Weil ich dich zu sehr liebe!“ sagte sie bitter und traurig. „Es muß furchtbar sein, von einem Menschen geliebt zu werden, den man nicht liebt! Beinah ekelhaft!“

„Du Schaf,“ sagte Olga und strich ganz weich mit der Hand über Mettens Haar.

„Ach, laß,“ sagte Mette und entzog sich der streichelnden Hand. „Man muß sich nicht zwingen.“

Olga ließ den Arm schwer herabsinken.

„Man muß sich doch zwingen,“ sagte sie leise und mühsam atmend. „Wenn ich mich jetzt nicht zwingen würde, würd’ ich dich so mit Zärtlichkeiten ersticken, daß du zu Tod erschrecken tätst und davonlaufen.“

Mette fühlte die Adern in ihrem Hals schlagen, daß sie kaum atmen konnte. Sie versuchte zu lächeln, während noch die Tränen von ihren Lidern rollten.

„Tu es nicht,“ sagte sie, „ich würde ganz bestimmt nicht davonlaufen. Aber vielleicht würde ich wahnsinnig vor Glück!“

Da hob Olga langsam die beiden weißen, schlanken Arme und legte sie um Mettens Schultern. Mette fühlte den wohltuend kraftvollen Druck fester und fester werden.

Jetzt, da Olga auf bloßen Füßen stand, waren ihre Gesichter fast in gleicher Höhe.

Sie bohrten die Augen ineinander, ernsthaft und unverwandt und spürten in allen Adern das rasende Hämmern ihrer Herzen.

Dann neigten sie sich gegeneinander wie zwei Verdurstende und legten Mund auf Mund.

Sie ließen einander nicht mehr los. Sie küßten sich nur immer durstiger eins am anderen. Sie gingen durch das Zimmer aneinandergeschmiegt, sie saßen auf dem Bettrand ineinander verschlungen. Die Kleider glitten von ihnen nieder, achtlos, blieben auf der Erde liegen.

Die groben und feuchten Laken atmeten Schauer der Kühle. Sie spürten es kaum, so brannte das Blut in ihren jungen Leibern.

Sie drängten sich aneinander, als wollten sie ineinander übergehen, verschmelzen, eins werden.

Ihre schlanken, geschmeidigen Glieder flochten sichineinander, wie Bäume des Urwalds unlöslich sich ineinander verschlingen.

Sie sprachen nichts. Aber wie rauschende Musik hörte eines des anderen dröhnenden Herzschlag und das rasche und raschere Atmen.

Ihre Leiber bäumten sich gegeneinander wie wilde Tiere, wenn sie an Käfiggittern rütteln. Sie gruben einander die Nägel in die Glätte der Haut und schlugen einander die Zähne in die geschwellten Muskeln.

Und sie lagen aneinandergeschmiegt wie müde gespielte Kinder, und ihre Lippen berührten des anderen Lider und Wangen so sanft, so leise, wie Schmetterlingsflügel schwankende Blüten.

„Kleines,“ sagte Olga, und alle Glocken schwangen in ihrer Stimme. „Mein Schönes, mein Gutes!“

„Oh, du!“ sagte Mette. „Du Wunder des Himmels. Was bist du nur? Bist du ein wildes Tier ... oder ein Gott ... oder der Geist einer weißen Orchidee?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich glaube, daß ich ein Gott bin. Aber vor einer Stunde war ich ein armes gepeinigtes Tier. Bist du nicht stolz, kleines Mädchen, daß du solche Wunder tun kannst?“

„Ich wollte, ich könnte Wunder tun,“ sagte Mette sehnsüchtig.

Ein hartes Lächeln flog um Olgas Mund.

„Dann würdest du mich in einen Mann verwandeln!“ sagte sie.

„Um Gottes willen!“ rief Mette und schlang erschrocken beide Arme um sie. „Nie, nie, nie! ... Aber wenn ich Wunder tun könnte, so würde ich diese Nacht niemals aufhören lassen. Ich würde sie dauern lassen in alle Ewigkeit!“

Der rote Schein des Kupfers hinter den Gasflämmchen erhellte das ganze Zimmer mit warmem Dämmerlicht. Die spitzen Flämmchen zitterten leicht, und der helle Fleck auf dem bunten abgetretenen Teppich zitterte mit.

Olga richtete sich auf den Ellbogen auf und stützte den Kopf in die Hand. Zwischen den weißen Fingern hindurch rieselten die Strähnen des schwarzen Haares. Aus dem blassen Gesicht leuchteten die helldunklen Augen in unendlicher Hoheit und Klarheit wie zwei Sterne.

„Ewig!“ sagte sie leise. „Alles, was Gottes ist, ist ewig. Fühlst du nicht, daß diese Nacht Gott gehört? Zeit ist eine Erfindung des Teufels. Der Satan hat die Vergänglichkeit erfunden, um die Menschen von Gott abtrünnig zu machen. Aber Gott blieb ewig, und Gottes Herrlichkeit bleibt ewig. Da hat Satan alles mögliche andere erfunden: Krankheit, Schmerz,Ungeziefer und Geld ... vor allem das Geld. Aber nun war Zeit da und Vergänglichkeit da. Und ließ sich nicht wieder ungeschaffen machen. Und haftet nun an allen Erfindungen des Teufels. Aber, was Gottes ist, ist ewig. Immer verlöscht neues Glück die alte Qual, als wäre sie nie gewesen. Aber das Glück bleibt. Und keine Qual kann es ungeschehen machen. – Ich würde sterben vor Scham, wenn ich dächte, daß nur die Nervenenden unserer Haut unter unseren Händen vibrieren. Spürst du nicht, daß deiner Seele etwas geschehen ist, was ihr bleiben muß über allen Tod hinaus? Spürst du nicht, daß diese Stunde dich weit mehr verändert hat, als dich das bißchen Sterben verändern kann?“

„Ja,“ sagte Mette. „Und mehr als das bißchen Geborenwerden auch. Heut’ bin ich geboren worden und nicht vor zwanzig Jahren. Jetzt kann ich zum erstenmal mit Bewußtsein sagen: Ich lebe!“

„Wir leben!“ sagte Olga, sie an sich reißend, mit einem Aufjauchzen in der Stimme, das klang wie der frohlockende Ruf eines auffliegenden Wildvogels.

„Wir leben, Süßes. Ewig, ewig, ewig leben wir!“ – – –


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