Chapter 53

Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche Wintersonne ins Zimmer.

Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche Wintersonne ins Zimmer.

Ihr erster Gedanke suchte Olga. Sie war nicht da. Auch ihr Mantel hing nicht mehr am Haken. Ein jähes Erschrecken schlug sie. Sie war fort, für immer, kam nicht wieder, warunwiederbringlich verloren.

Mette sprang aus dem Bett, mit einemmal hellwach.

Da sah sie Olgas Hut und Handschuhe. Sie nahm die Handschuhe vom Tisch, streichelte sie und preßte sie an die Wange. Von dem weichen grauen Leder schien ein Strom von Freude und Beruhigung auszugehen. Es war kein Traum und kein Zauberspuk. Sie war dagewesen, sie würde wiederkommen – noch zeigten die Handschuhe die Form ihrer schönen schlanken Hände, waren noch wie erfüllt von ihrem Leben ...

Von unten herauf drang ein wohlbekanntes knirschendes und schrapendes Geräusch.

Mette lief auf bloßen Füßen zum Fenster und zog den dicken weißen Köpervorhang ein wenig zur Seite. Auf den Fensterbrettern lag ein dickes Polster von weißem Schnee. Die niedrigen Häuser drüben hatten Dächer von blendendem Weiß und darüber funkelte ein Himmel von reinstem Blau.

Vorm Hotel kratzte der Hausknecht mit dem Schneeschiebereinen dunklen Weg in den weißen Teppich, und neben ihm stand Olga, den Mantel offen, beide Hände in den Taschen vergraben, den Kopf ein wenig vorgeneigt und führte eine angelegentliche Unterredung mit dem alten Mann.

Mette sah eine Weile hinunter und freute sich an jeder Linie ihrer Gestalt. Sie sah sie sprechen und glaubte den Ton ihrer Stimme zu hören. Sie dachte darüber nach, was sie sich mit dem Hausknecht wohl zu erzählen haben könne. Sie bewunderte die Gabe an ihr, mit allen Leuten ein Gespräch anzuknüpfen und jedem gegenüber den richtigen Ton zu treffen.

Mette kannte das an ihr. Wenn sie bei Laune war, wirkte sie so unwiderstehlich, daß der brummigste Kellner oder Schaffner sie anstrahlte.

Nach ein paar Sekunden sah Olga plötzlich hinauf, sie mußte Mettens Blick gefühlt haben. Sie sah Metten am Fenster stehen oder sah vielleicht auch nur die verschobene Gardine, winkte mit der Hand und lief ins Haus.

Sie brachte einen Hauch von frischer Schneeluft ins Zimmer. Ihre Augen waren hell und durchsichtig wie Eis und hoben sich scharf ab von der schwarzen Pupille, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein ganz leichter Schimmer von rosiger Farbe.

„Wo kommst du her, du Rumtreiber?“ fragte Mette.

„Ausgeschlafen, mein Deern?“ fragte Olga zur Antwort. „Ich war schon spazieren. Ich war in der Stadt. Ich wollte dir Blumen auf den Frühstückstisch stellen. Aber Blumen im Winter – so sündhafte Dinge kennt man hier nicht. Herr Thielemann hat nur Stechapfelkränze mit Wachsrosen. Aber eine Konditorei ist da drüben, so mit einer Geländertreppe vor der Tür, weißt du? Und einem goldenen Kringel in der Luft! Und es roch nach frischem Brot. Mach dich schnell fertig, Mettulein, ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“

Sie frühstückten auf dem Zimmer.

Dann drängte Mette zum Spazierengehen. Schnee und Sonne lockten sie hinaus.

„Du mußt erst an deinen Vater schreiben,“ sagte Olga ernsthaft.

„Ja,“ sagte Mette und schnitt eine Grimasse. „Du willst keine Verantwortung übernehmen – ich weiß schon.“

Sie setzte sich hin und schrieb einen langen und wohlüberlegten Brief. Sie bat um Verzeihung. Sie schilderte die Vorgänge bei Onkel Jürgen mit viel Humor. Sie nannte ihren Aufenthalt, bat ihren Vater herzlich, sie hier zu lassen, wo sie sich wohl fühleund niemandem im Wege sei. Bat ihn, ihr zu glauben, daß sie ein reifer und klarer Mensch sei und genau wisse, was zu ihrem Besten wäre. Bat ihn, das Geld, das Onkel Jürgen ihr unfreiwillig geliehen, zurückzuzahlen – die kurze Zeit bis zu ihrer Mündigkeit sie zu unterstützen oder ihr einen Vorschuß auf das großmütterliche Erbe auszahlen zu lassen. – Aber davon, daß sie nicht allein sei, schrieb sie kein Wort.

Sie trugen den Brief zusammen nach der Post. Olga wußte schon den Weg dahin. Als der Umschlag in den blauen Kasten versenkt war, atmete sie auf und nahm Mettens Arm.

„Komm,“ sagte sie, „was zu tun war, ist getan. In drei Tagen kann die Antwort da sein. Aber die drei Tage wollen wir genießen.“

„Glaubst du,“ sagte Mette mit finsterer Stirn, „daß eine Macht der Welt mich zwingen kann, nach Hause zurückzugehen? Wenn sie mir kein Geld schicken, geh ich als Waschfrau oder als Nähmädchen, oder ich mache Schulden.“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn der Brief erst angekommen ist,dann ist die Zugbrücke heruntergelassen – was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts, nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen werden.“

„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“

Olga lächelte schwermütig.

„Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!“ sagte sie, mit einem Versuch zu scherzen. – – –


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