Chapter 54

Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern. Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.

Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern. Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.

Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem perlgestickten Rosaatlas.

„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“

Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe mit der Maschine angestrickt.“

„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit fünfzehn ‚La prière d’une vierge‘ spielte. Und die andere, die praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit demKlavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht. Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam. Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ... oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“

Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies. Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.

Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen alles – alles, was das Herz nur begehrenkonnte. Hohe Gläser mit bunten Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme und ...

„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette, veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich, Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – – –


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