Chapter 56

„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.

„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.

„Was? Wo?“ fragte Mette erstaunt.

Olga wies mit der Hand vorwärts. Zwischen den Stämmen wurde plötzlich eine rote Backsteinmauer sichtbar.

„Hast du denn gewußt, wo wir hingehen?“ wunderte sich Mette.

„Natürlich, Kind! Ich werde dich doch nicht aufs Geratewohl in der Irre herumführen. Dieses muß nach menschlichem Ermessen der Waldkater sein. Im Sommer gibt’s hier Kaffeekochen, Musik und Tanzvergnügen. Im Winter kriegen wir vielleicht was zu essen – wenn wir Glück haben. Das hat mir alles unser Hausknecht heute früh erzählt. Außer seiner Lebensgeschichte – – es gibt so ein schönes Märchen – – Bechstein, glaub’ ich – – von der verwunschenen Mühle, wo nur der Esel, die Katz und die Taube sind. Und noch irgendein Tier. Siehst du, da fliegt die Taube auf, und da ist die Katz. Aber kein Mensch zu erblicken. Graust dir’s schon, Mette? Ganz sicher, die Katze will uns was sagen!“

Sie durchschritten eine Art Wirtschaftshof und rüttelten an ein paar verschlossenen Türen.

„Es kann nicht ausgestorben sein,“ sagte Olga und deutete auf ein Rauchwölkchen, das aus dem Schornstein aufstieg. „Oder die Katz hat Feuer angemacht. Aber wenn sie das kann, kann sie uns auch was zu essen kochen.“

Sie fanden eine Tür offen. Durch einen leeren und kalten Saal, von dessen Decke zerfetzte und verstaubte Papiergirlanden herunterhingen, kamen sie an eine andere Tür, die einem Druck auf die Klinke nachgab. Dieser nächste Raum war erfüllt von behaglicher Wärme und durchdringendem Kohlgeruch. Ein eiserner Ofen fauchte glühende Luft und auf ihm brodelte ein blauer Emailletopf mit einem dampfenden Inhalt. An einem der Tische, breit aufgestützt, saß eine grobknochige Magd und messerte ihr Kohlgericht aus einem blechernen Napf.

„Guten Tag, Fräulein Anna,“ sagte Olga strahlend liebenswürdig. „Na, wie geht’s Ihnen denn? Schmeckt’s?“

Das Mädchen stand langsam auf und grinste.

„Ich heiß’ nicht Anna,“ sagte sie, „die vorvorige war die Anna. Ich heiß’ Berta.“

„Schön warm haben Sie’s hier, Fräulein Berta.“ Olga zog die Handschuhe aus und hielt die Finger vor die Ofenglut. „Und herrlich riecht’s hier nachKraut. Wollen Sie uns nicht was abgeben von Ihrem Mittagbrot?“

Das grinsende Mädchen wischte mit der Schürze über einen Tisch.

„Wenn die Damen was zu essen haben möchten, kann ich ja mal die Frau fragen.“

„Herrlich, Fräulein Berta! Und wenn wir was zu trinken kriegen könnten – einen Grog oder Glühwein oder sonst so was Gutes.“ Olga blinzte dem Mädchen zu, als hätte sie ihr ein Geheimnis anvertraut. „Wir sind nämlich mächtig durchgefroren.“

Sie stemmte die Füße gegen den heißen Ofen, daß die nassen Sohlen anfingen zu zischen.

„Sagen Sie, was ist eigentlich aus der Anna geworden? Daß ich Sie verwechselt habe! Die war ja viel kleiner als Sie!“

„Ja,“ sagte Berta, „die war man schwächlich. Sie hat geheirat’t.“

„Geheiratet?“ sagte Olga überrascht. „Sieh mal an! Dabei war sie doch gar nicht mal so hübsch.“

„Ne,“ sagte Berta, „hübsch war sie nich. Un schwächlich war sie auch man. Aber sie hatte ’n Mundwerk, ’n Mundwerk hatte sie. Un das sticht manch einen ins Auge.“

Olga blieb ganz ernst.

„Na, lassen Sie man, Berta,“ sagte sie begütigend,„Sie werden ja auch bald heiraten. Es ist doch immer das beste. Man will ja gerne schuften. Aber es ist doch immer was anderes, wenn man für die eigene Wirtschaft schuftet.“

„Ja,“ sagte Berta überzeugt und blieb eine Weile gedankenvoll mit offenem Munde stehen, „nun will ich aber mal nach was zu essen fragen.“

Damit machte sie kehrt und schoß hinaus.

„Herrlich,“ sagte Olga und witterte wie ein Jagdhund mit erhobener Nase. „Es riecht so gut nach Kraut und Hammelfleisch.“

Mette schüttelte den Kopf.

„Ein komischer Kerl bist du,“ sagte sie lachend. „Hier findest du das herrlich, und wenn’s in der Motzstraße nach Kohl riecht, kriegst du Ohnmachten und Tobsuchtsanfälle.“

„Erlaube mal, das ist vielleicht ein Unterschied, wenn’s in einem Berliner Zimmer mit Jugendstilmöbeln und einem Prismenkronleuchter halb nach Kohl riecht und halb nach billigem Heliotropparfüm, so erzeugt das einen Nervenzustand, der einen direkt zum Selbstmord treiben kann. Hier muß es einfach ein bißchen nach Ofendunst riechen und ein bißchen nach Schweinestall und kräftig nach Kümmelkohl – das ist gerade das Richtige. Wenn meine Freundin Berta hier mit dem Messer ißt, stört mich das garnicht. Aber wenn ich’s im Schweizer Hof in Luzern sehe, könnt’ ich aus der Haut fahren.“ – – –


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