Chapter 57

Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.

Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.

„Da hast du den Waldkater!“ sagte Olga. „Komm her, Mies! Komm zu mir!“

Die Katze ließ sich greifen und halten. Olga streichelte sie, drückte sie an sich, erzählte ihr im Flüsterton lange Geschichten und richtete teilnehmende Fragen an sie.

„Daß du Katzen so liebst und Hunde nicht leiden kannst,“ sagte Mette ein wenig mißbilligend, „das ist eigentlich bezeichnend für dich!“

Olga hob rasch den Kopf und zog die Brauen hoch.

„Bezeichnend? Wieso?“

„Weil du die Grazie mehr schätzt als die Treue,“ sagte Mette mit einem wehmütigen Lächeln. „Weil dir das lieber ist, was heimlich kratzt, als das, was sich schlagen läßt und die Hand leckt. Ich glaube, ich muß mich in acht nehmen, daß ich dir nicht verächtlich werde.“

Olga schüttelte die Katze von ihrem Schoß herunter.

„Nein, Mette,“ sagte sie mit großen ernsten Augen, „da verkennst du mich vollständig. Ich habe eine Antipathie gegen Hunde, aber nicht, weil sie treu sind, sondern weil sie schamlos sind. Weil sie ihr Liebeslebenauf die Straße tragen.“ Der rote Schatten flog wieder über ihr Gesicht. „Katzen haben darin mehr Kultur – um dies oft mißbrauchte Wort zu mißbrauchen. Es gibt Kerfe, die sich nur in tiefster Nacht, nur in den verstecktesten Winkeln paaren – so daß es noch keinem Forscher gelungen ist, diesen Prozeß zu beobachten. Ich denke immer, es wird einmal eine Zeit kommen, da wird man von den barbarischen Gebräuchen dieser Jahrhunderte oder Jahrtausende wie von Märchen erzählen. Denke dir nur, wie unendlich komisch das einen feinfühligen Menschen berühren muß: Wenn zwei Menschen Sehnsucht haben, miteinander in einem Bett zu liegen, so setzen sie einen bestimmten Tag dafür fest. Sie setzen öffentliche Institutionen, den Staat und die Kirche, davon in Kenntnis. Sie benachrichtigen Freunde und Verwandte, ihre eigenen Eltern, ihre eigenen Geschwister! An dem Tag, der dieser Nacht vorangeht, versammeln sie alle Leute um sich, die sie nur irgend kennen, sitzen Hand in Hand und lassen sich betrachten, umgeben sich mit Leuten, die gefüttert und getränkt werden, bis ihnen übel wird, lassen sich anzügliche Lieder vorsingen und anzügliche Reden halten – und fühlen sich vielleicht sogar wohl dabei. – Ich habe immer das Gefühl gehabt, Hochzeit zu halten auf die Art, wie man das jetzt handhabt, müßte eine Strafe fürSchwerverbrecher sein. Es ist eine so grausame Quälerei, eine so ausgesuchte Folter ... Mette, Kind, tu mir den Gefallen, wenn du dich einmal einem Manne hingeben willst, den du liebst, tu’s, wenn dir danach zumute ist und nicht an einem vorher festgesetzten Tag – tu’s ganz heimlich, daß keine lebende Seele die Möglichkeit eines solchen Geschehens ahnt ...“

„Ich?“ sagte Mette mit Augen voll traumverlorenen Entsetzens. „Ich?“

„Ja, du!“ sagte Olga lächelnd. „Ach, Kind – meinst du, du hast eine Ahnung, was in deinem Leben noch alles geschehen kann?!“ – – –


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