Chapter 58

Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am Roßmarkt.

Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am Roßmarkt.

Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und waren hungrig und durchfroren.

Nun saßen sie auf dem roten Samtsofa, das mit Häkeldeckchen belegt war, als ob es in der guten Stube stünde.

Olga hatte eine – wie sie sagte – „prähistorische“ Nummer der „Meggendorfer“ entdeckt und belustigte sich königlich an den harmlosen Witzen.

Eine dicke behagliche Frau mit glatten grauen Scheitelnund einer gutgestärkten weißen Schürze, die noch vom Wäscheschrank her die scharfen Kniffe zeigte, brachte ihnen dampfenden Kaffee in einer braunen Bunzlauer Kanne und duftenden frisch gebackenen Kuchen.

Dann, als die frühe Dämmerung fiel, steckte sie eine Gasflamme an.

Da die Lampe zu hoch war und sie sich einen Stuhl herbeiholte, sprang Olga auf, um ihr zu helfen.

Sie kamen in ein Gespräch, und die freundliche Frau blieb an ihrem Tisch stehen, um ein wenig zu schwatzen.

Olga lobte den Kuchen, sprach vom Wetter, von der Stadt – dann rückte sie einen Stuhl.

„Aber Frau Brausewetter, setzen Sie sich doch ein bissel zu uns, wenn’s Ihre Zeit erlaubt. – Sie wissen so gut Bescheid hier, ich hätt’ mich gern noch nach Verschiedenem erkundigt.“

Mette folgte mit stummer Verwunderung der Unterhaltung, die sich entspann.

Olga erkundigte sich angelegentlich nach dem Papiergeschäft an der anderen Seite des Marktes. Eine Tafel zeigte an, daß das Grundstück samt gutgehendem Geschäft zu verkaufen sei. Sie hatten es schon in der Zeitung inseriert gelesen ...

„Im Kreisanzeiger wohl?“

„Ja, natürlich im Kreisanzeiger,“ ... und sie wären hergekommen, um es sich anzusehen und sich erst mal unter der Hand zu erkundigen ... ob denn das Geschäft ginge? Und warum es eigentlich zu verkaufen sei? Ein Garten wäre wohl nicht bei dem Haus?

Doch, ein kleiner Garten mit alten Birnbäumen und einer Fliederlaube – durch den Treppenflur könne man ihn sehen.

Und sie möchten eine Leihbibliothek mit dem Geschäft verbinden – ob das wohl lohne?

Frau Brausewetter war Feuer und Flamme für diesen Plan. Das hätte sie den Kilians schon immer gesagt. Aber sie hätten nie was reinstecken wollen ins Geschäft. Und hätten gemeint, die Anschaffung der Bücher rentiere sich nicht. Aber es würde sich ganz gewiß rentieren; denn den ewigen Journallesezirkel hätten sie alle schon über. Und die Frau Bürgermeisterin hätte neulich schon gesagt ...

„Denke dir!“ sagte Olga, als sie über den dämmerigen Marktplatz nach dem Hotel hinüber schritten. „Alte Birnbäume und eine Fliederlaube. Und nichts zu sehen von der Straße aus! Ein altes häßliches graues Häuschen. Ich habe in solchen Städten im Sommer in alle Haustüren geguckt. Dann sieht man so oft jenseits der Treppe eine zweite Tür und wenndie offen steht, so ein Stückchen Hof oder Garten mit blühendem Flieder. Dann hab’ ich immer so ein ganz starkes Gefühl von Neid oder Sehnsucht gehabt. Vielleicht hab’ ich gewußt, daß ich noch mal in so einem Haus ende. Oder daß ich ihm ganz nahe komme und daran vorüber muß.“

„Aber Olga!“ sagte Mette und blieb vor Erstaunen mitten auf dem Platz stehen. „Möchtest du denn da enden? Ich habe immer das Gefühl, du machst dich lustig über mich und meine Ideale. Wie du der guten Frau Brausewetter da die Komödie vorgespielt hast – mir hat sich das Herz zusammengezogen vor Sehnsucht, daß das Wahrheit wäre. Ach, wenn ich hier bleiben könnte, ein Häuschen mit einem Garten haben und so ein puppiges kleines Geschäft mit Schulheften und Ansichtskarten und Bibelsprüchen und eine Leihbibliothek – und dich, dich, dich! Von morgens bis abends und von abends bis morgens ... aber nach drei Wochen wärst du mir durchgegangen und ich säße allein hier ...“

„Glaubst du?“ sagte Olga ohne Spott. „Wie du mich kennst!“

„Ich kenne dich!“ beharrte Mette lächelnd. „Vielleicht kenn’ ich dich besser als du dich kennst.“

„Kein Mensch kennt einen anderen,“ sagte Olga in einem müden und gleichgültigen Ton und heftete dieAugen unter den zusammengezogenen Brauen unverwandt auf die blaue Laterne über dem Torweg.

„Aber es läßt sich so wenig dagegen tun ...“ – – –


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