Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem Stammtisch führten.
Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem Stammtisch führten.
Als sie, die Mäntel überm Arm, an der Treppe anlangten, bat Olga:
„Komm, laß uns noch eine halbe Stunde an die Luft gehen, daß wir nicht den ganzen Rauch in Haaren und Kleidern mit hinauf schleppen – das heißt, wenn du nicht etwa müd’ bist, natürlich.“
Der häßliche Platz, die nüchternen Straßen lagen in Schnee und Mondlicht wie verzaubert da.
Der Himmel war hoch, blauschwarz und so klar, daß er wie erfüllt erschien von dem unabsehbaren Gewimmel funkelnder Sterne.
Olga hatte den Kopf tief in den Nacken gelegt. Der Nachthimmel und die Gestirne schienen sich in ihren Augen zu spiegeln.
„Unendlichkeit!“ sagte sie leise. „Du glaubst nicht, wie ich dieses Wort liebe. Es ist mein Vaterunserund mein Evangelium. Kein Anfang, kein Ende. Unendlichkeit der Zeit, Ewigkeit des Raumes. Ich glaube, wenn ich ganz klein und verzweifelt wäre, braucht ich nur zu denken: Unendlichkeit! Und es wäre wie ein Orgelton, der alles von mir abspült. Wird man nicht ganz fromm, wenn man dies Unbegreifliche fühlt? Darum lieb’ ich den Sternenhimmel so. Darum lieb’ ich die Nacht so.“
„Mich hat nichts so gequält,“ sagte Mette, „als deine Unendlichkeit. Als kleines Kind schon. Ich wollte sie immer begreifen. Ich wollte. Ich lag im Bett und stellte mir den Raum vor. Und dann schloß ich einen Kreis wie eine Mauer um ihn. Und was war dahinter? Wieder Raum. Ich zog einen größeren Kreis. Ringsum war wieder Raum. Ich dachte manchmal, ich müßte verrückt werden, wenn all der Raum in mein armes kleines Gehirn hineinstürzen wollte.“
„Das ist ja das Schöne, daß es etwas gibt, was wir nicht begreifen können. Nicht der Gelehrteste und nicht der Gefühlvollste. Das eine Unbegreifliche ist Bürgschaft für tausend Möglichkeiten. Wenn es Ewigkeit gibt, warum nicht Unsterblichkeit, Seligkeit, Göttlichkeit? Warum nicht eine Liebe über aller irdischen? Alles wissen sie, alles erklären sie. Wie die Spermatozoen ins Ei dringen, beobachten sie, und Sterne machen sie ausfindig, von denen das Licht achtzigMillionen Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, und Theorien stellen sie auf, worin sie Liebe durch Fortpflanzungswillen und Sympathie durch Geruchsnerven begründen. Von allem reißen sie den Schleier des Mysteriums. Sie wissen, wie wir entstehen und wie wir vergehen und warum wir lieben. Aber wenn sie dich quälen und du ihnen nicht glauben willst, dann sag’ dir ganz leise: Unendlichkeit! Und fühle, daß es Dinge gibt, die über aller Vernunft sind. Kein Lebender kann sie erfassen ... Aber die Toten vielleicht. Oder die Sterbenden schon. Darum lächeln die Toten alle. Sie lächeln alle so erlöst und überlegen, als wollten sie sagen: ‚Herrgott, ist das lächerlich einfach‘ ... Ich freue mich manchmal auf den Moment, wo man die Stufe hinaufsteigt, daß man endlich über die Mauer sehen kann.“
„Freu’ dich nicht zu sehr,“ sagte Mette und griff wie in Angst nach ihrer Hand, „ertrag nur die Mauer noch eine Weile.“
„Kind,“ sagte Olga weich, „ich sehe ja die Mauer nicht. Sie ist ganz und gar von Rosen überhangen.“ – – –