Chapter 63

In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.

In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.

Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht, nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle Räume.

Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht, geisterte gespenstig hin und her.

„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“

Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies Böse sie nichttraf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen in die Augen.

Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.

„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.

Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend Minuten.

Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.

Sie war zerschlagen an allen Gliedern und hatte das Bedürfnis, nur für eine Stunde sich in ihrem Zimmer einzuschließen und sich aufs Bett zu werfen. Aber sie fand den Mut nicht dazu.

Sie wußte, man erwartete von ihr, daß sie, in Reuetränen zerfließend, am Sterbebette ihres Vaters saß oder womöglich auf den Knien lag.

Sie versuchte das Grauen, das sie schüttelte, zu überwinden und ging hinein, immer wieder. Die dumpfe Luft roch nach Verwesung und Medikamenten. In den vielen weißen Kissen lag ein kleiner, sonderbar knöcherner Schädel, ein fremdes, schief gezerrtes Gesicht mit geschlossenen Augen, dem der röchelnde Atem leise die gelblichen Lippen bewegte.

Mette saß eine Weile still neben dem Bett und ängstigte sich davor, daß dieses schreckliche Röcheln mit einem Male aufhören könne. – Und ängstigte sich fast noch mehr davor, daß dies fremde Etwas plötzlich die Augen auftun und reden könne.

Ärzte kamen, sprachen miteinander in gedämpftem Ton, maßen sie mit mitleidigen Blicken und gingen wieder.

Das Mädchen deckte den Tisch zur gewohnten Zeit und bat im Flüsterton zum Essen.

Tante Emilie ließ alle Verbindungstüren offen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, während sie ihre Suppe löffelte, ob in dem gleichmäßigen Röcheln eine Veränderung einträte.

Mette vermochte kaum einen Bissen hinunterzuwürgen.

Die frühe Dämmerung kam, und die Lampen wurden wieder angemacht.

Mette wollte ein Buch in die Hand nehmen, aber ein so empörter Blick von Tante Emilie traf sie, daß sie es wieder wegstellte und mutlos die Hände in den Schoß legte.

Gegen Abend wurde das Röcheln schwächer. Der Nasenrücken trat messerscharf aus dem winzigen versunkenen Gesicht.

Der Arzt, der am Abend kam, ging nicht wiederfort. Nun saß noch einer herum und schritt lautlos über die dicken Teppiche auf und ab und wartete.

Das Röcheln wurde schwächer und schwächer. Dann kam noch ein paarmal in kurzen Pausen ein stärkeres knarrendes Ausatmen, und mit einem Male wurde es still.

Man hörte plötzlich, als setzten sie eben ein, alle Uhren im Hause ticken.

Der Arzt beugte sich über das Bett, richtete sich dann wieder auf und ging auf Metten zu, um ihr die Hand zu geben.

Tante Emilie wischte sich über die trockenen Augen, die Mädchen draußen schluchzten auf.

Mette sah und hörte alles wie durch dichte Schleier. Sie hatte Angst, ohnmächtig zu werden.

Der Arzt bemerkte wohl ihr grünlich fahles Aussehen und legte ihr die Hand aufs Haar. „Legen Sie sich hin, Kind!“ sagte er sanft.

„Sie können nichts mehr nützen hier. Sie haben schwere Tage hinter sich und vor sich. Jugend braucht Schlaf.“ – – –


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