Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran, sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßlicheTräume sie peinigen, wenn sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.
Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran, sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßlicheTräume sie peinigen, wenn sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.
Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden Schädel zerschmettern sollte.
Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand, die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger blieben leer.
Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.
Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.
Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig. Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.
Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.
Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aberoben vor der Tür zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.
Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen Pfosten der Tür.
Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen, durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.
Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.
Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl, vollkommen idiotisch zu wirken.
Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst, gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.
Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das qualvolle Empfinden – sostark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein furchtbarster Abschluß bevor.
Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören glaubte, sagte:
„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“
Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.
In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten sofort.
„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du heraufgekommen?“
Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie hinein – sie ließ sichauf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und Schlaf:
„Laß mich hier, es ist so gut.“
Olga hob sie auf, zog sie aus wie ein kleines Kind und legte sie ins Bett. Als die Kühle der Laken ihre Glieder berührte, fingen Kälte und Grauen wieder an, sie zu schütteln. Sie war mit einem Schlage wieder hellwach, saß steif aufgerichtet im Bett und bemühte sich vergebens, das gewaltsame Aufeinanderschlagen der Zähne zu unterdrücken.
„Leg’ dich zu mir,“ bat sie flehentlich, „ich muß spüren, daß ich nicht allein bin. Ich hab’ so gräßliche Angst.“
Olga antwortete nicht. Sie verriegelte die Tür, sie stellte die Lampe hinter das Bett, breitete noch einen Seidenschleier über das Licht, ließ den Kimono von den Schultern gleiten – alles mit einem wehen Lächeln und schweren langsamen Bewegungen, als rüste sie sich zu einem Opfergang. Sie schob den Arm unter Mettens Nacken, breitete die Decke fester über sie, strich ihr das verwirrte Haar aus der Stirn.
Und da Mette die Wärme dieses geliebten Lebens, den starken Schlag dieses Herzens spürte, brach sie in ein leises qualerlöstes Weinen aus. Über diesem Weinen schlief sie ein.
Nach einer Zeit, von der sie nicht wußte, ob es Stunden oder Minuten waren, wachte sie wieder auf. Das Licht brannte immer noch. Olga lag reglos neben ihr, mit weit offenen Augen. Mette richtete sich auf und gab ihren Arm frei.
„Warum weckst du mich nicht?“ sagte sie vorwurfsvoll. „Armes, ich habe dir sicher den ganzen Arm zerbrochen, und darum konntest du nicht schlafen.“
Olga drehte ein wenig den Kopf. „Ich hätte auch sonst nicht schlafen können. Ich bin so wach.“
„Woran hast du gedacht?“ fragte Mette und versuchte, in ihren Augen zu forschen.
Olga lächelte ein wenig mühsam.
„Daran, daß deine Leute dich jetzt vielleicht im ganzen Haus suchen. Ich möchte wissen – oder ich möchte lieber nicht wissen, was jetzt in Tante Emiliens Gehirn vorgeht. Sie muß doch rein denken, du bist von der Tarantel gestochen!“
Mette lachte leise auf und schlang ihren Arm um Olga.
„Vom Skorpion!“ sagte sie zärtlich. „Und es gibt kein Gegengift als sein eigenes Gift. Das weißt du doch!“
Olga richtete sich auf und faltete die Hände über den hochgezogenen Knien. Die beiden schwarzen Flechten lagen wie zwei breite schwere Bänder aufdem weißen Hemd. Ihre Augen starrten geradeaus, und die weitgeöffnete Pupille überdunkelte die ganze Iris.
„O wunderliches Schicksal über mir!“ sagte sie mit einer leisen, tiefen, wie ein Cello klingenden Stimme.
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochenUnd hoffte Heilung durch dasselbe Tier. –Qui vivens laedit – morte medetur.“
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochenUnd hoffte Heilung durch dasselbe Tier. –Qui vivens laedit – morte medetur.“
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochenUnd hoffte Heilung durch dasselbe Tier. –Qui vivens laedit – morte medetur.“
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochen
Und hoffte Heilung durch dasselbe Tier. –Qui vivens laedit – morte medetur.“
Ein Ausdruck gewaltsamer, schmerzlicher und fast unheimlicher Energie trat in das weiße schöne Gesicht.
Mette erschrak, daß ihr der Herzschlag stockte. Sie hatte den Mut nicht, sie anzurühren, sie an sich zu reißen.
„Olla!“ rief sie mit einem leisen Klagelaut und streckte die Hände nach ihr.
Da trat wieder das mühevolle Lächeln um den blassen Mund.
Sie schlang mit einer jähen Bewegung beide Arme um Metten und preßte sie an sich, als wollte sie sie in dieser Umarmung ersticken, vernichten, zerstören.
„Ach, Mettulein,“ sagte sie mit einem zersprungenen Lachen, „es hilft ja alles nichts ... du mußt mich erst in sanftem Öl verenden lassen – dann wird vielleicht noch alles gut!“ – – –