Chapter 65

Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.

Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.

Sie machte die Augen auf und sah Olga vor dem Bett stehen, schon fertig angekleidet. Sie war sehr blaß, hatte dunkelflammende Augen und herrschte sie an in einem Ton, der wie atemlos klang vor Erregung.

„Steh auf, Mette, ich bitte dich um Gottes und aller Heiligen willen, zieh dich schnell an.“

Mette schlüpfte in wahnsinniger Hast in ihre Sachen. Unterdessen wurde schon heftig an die Tür geklopft.

Olga ging sofort hin, riegelte auf und öffnete die Tür zur Hälfte.

„Wer ist denn da?“

Draußen wurden erregte Stimmen laut, erregte Gesichter drängten sich in den Spalt.

„Ich bedauere, Sie können momentan nicht in mein Zimmer,“ sagte Olga mit eiskalter Höflichkeit.

Die Stimmen draußen überschrien sich. Das war Tante Emilie. Das war Onkel Jürgen. Das war Frau Flesch. Das war das Mädchen, das ihr die Nacht geöffnet hatte.

Mettens Hände zitterten wie in einem Angsttraum. Sie konnte mit keinem Knopf zustande kommen. Sie hatte den brennenden Wunsch, unsichtbar zu sein oderaus dem Fenster zu springen oder in tiefe Bewußtlosigkeit zu fallen.

Olgas Stimme überklang den Tumult, tief und ruhig, aber kalt und scharf wie geschliffenes Eisen.

„Mußdiese Unterhaltung auf dem Flur stattfinden?“

Dann klang plötzlich eine sanfte, zarte Stimme:

„Darf ich den Herrschaften mein Zimmer anbieten? Ich mache gern Platz.“

Die Stimmen verzogen sich nach nebenan, und ein paar Augenblicke später – Mette hatte schon das Kleid übergeworfen – schlüpfte Peterchen ins Zimmer.

„Kann ich dir helfen, Mette?“ flüsterte er mit verstörten Augen.

Im selben Augenblick klang es von nebenan, als ob ein Stock auf den Tisch geschmettert würde.

„Ich werde Sie ins Gefängnis bringen!“ donnerte Onkel Jürgens Stimme.

Mette wollte hinüberstürzen. Peterchen hielt sie mit flehender Gewalt zurück.

„Nicht so!“ bat er. „Mach dir schnell das Haar! Zieh dir Schuh an!“ Während sie die Haare glatt strich und aufsteckte, kniete er vor ihr und schnürte ihr die Stiefel zu.

Sie gab ihm recht. Sie konnte nicht auf Strümpfen, mit gelöstem Haar hinüberlaufen, zumGaudium aller Leute, die hinter den Türritzen lauschten.

Als Mette über den Flur nach dem anderen Zimmer ging, ganz ruhig und aufrecht ging, war sie voll einer starken, kühnen, heißen und beinah frohen Entschlossenheit.

Im Hintergrund des Flurs stand ein fremder Herr in Hut und Überzieher, der sie mit einem durchdringenden Blick musterte.

„Von der Leiche des Vaters weg!“ wimmerte Tante Emilie mit hohem Pathos.

„Die Kriminalpolizei in meinem ehrlichen Hause!“ kreischte Frau Flesch. „Noch nie in meinem Leben hab’ ich was mit der Polizei zu tun gehabt!“

Mette klinkte die Tür mit hartem Griff auf. Das Herz schlug ihr bis an den Hals. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: Vielleicht war alles gut so. Vielleicht war es gut, daß sie jetzt den Mut haben mußte, neben Olga hinzutreten und zu sagen: „Ich gehöre zu diesem Menschen und verlasse ihn nicht und wenn ihr mich und euch in Stücke reißt. Wenn ihr den Mut und das Recht habt, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“

Olga stand gegen den Tisch gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, die Ellbogen mit den Fingern umklammert.

Als die Tür aufging, stürzte Tante Emilie mit dem fast geschluchzten Ausruf: „Da ist das unglückliche Kind!“ auf Metten zu.

Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.

Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der etwas wie Rührung zitterte:

„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater, und du bist hier?!“

Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.

Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.

„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und bebend.

„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“

Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem Gesicht, vorTante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den Türen lauschten.

Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem einzigen Wort ...

Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an. Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche Geste der Spannung, der Erwartung.

In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen oder auf ihren Haaren.

Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über ihren Augen.

„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisigkühlen Sanftmut, „Ihre Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“

Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht warten ...“

Es geschah nichts.

Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein – sie hatte kein Recht dazu.

Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes, verletzendes, grausames?

Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in ihrem Gehirn hin und her.

„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie suchte. Ihr war, als müsse sie infieberhaftem Suchen die polternden Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein scharfes Wort, das sich schleudern ließe.

Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem Mund.

Sie richtete sich auf und machte den Versuch zu einem Lächeln, das hochmütig und liebenswürdig sein sollte. Aber sie hatte das Gefühl dabei, als ob der Irrsinn in ihren verzerrten Muskeln tanze.

„Willst du um einen Wagen telephonieren, Onkel Jürgen?“ sagte sie.

„Seltsam,“ dachte sie dabei, „das ‚um‘ habe ich mir auch von Olga angewöhnt – hier sagt man ‚nach‘, glaube ich.“

„Ich bin zu müde zum Laufen.“

Dann ging sie nach der Tür. „Ich will mir nur meine Sachen holen – einen Augenblick!“

Sie ging in das Nebenzimmer, setzte sich vorm Spiegel den Hut auf, sehr sorgfältig, zog den Mantel an, suchte ihre Handtasche. Sie beeilte sich nicht. Sie hatte immer noch das törichte Gefühl, als müßte Olga jetzt hereinschlüpfen und ihr irgend etwas zuflüstern ... wo sie sich treffen wollten, wo sie hinschreiben sollte, wann sie ihr alles erklären wollte. Es kam niemand.

Als Mette ihre Handtasche aufmachte, fand sie ein Päckchen zusammengedrückter Geldscheine darin. Die waren noch von der Reise.

Sie nahm sie heraus und lachte bitter auf. Nun würde sie wohl nie mehr in die Versuchung kommen zu stehlen.

Nun würde sie wohl nie in ihrem Leben mehr Geld brauchen.

Sie hob die Hand und öffnete sie und ließ die Scheine über das zerwühlte Bett flattern.

Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei, die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.

Auf der Straße holte der Wagen mit ihren Leuten sie ein. – – –


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