Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer durch die Länge der Schleier auszusprechen.
Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer durch die Länge der Schleier auszusprechen.
Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.
Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und schmerzgezeichnetem Mund,dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog sich qualvoll zusammen.
Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.
Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte, Tränen, Bewegungen.
„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.
Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens Hand.
„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter- und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesundeund Kranke, Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit – nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“
Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen schüttelten sie durcheinander.
Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte, wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:
„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast du dir nur dabei gedacht?“
Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der Haustür hinüber – aber immer vergebens.
Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an eine solche Person verschleudert habe.
Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga. Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr dieWunde gerissen hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.
Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.
Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte, schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.
Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch einsolchesLeben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum, unausdenkbares Glück mit Olga.
Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte. Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert, leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich Unannehmlichkeitenabzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam. Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.
Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf Madagaskar.
Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu sein.
Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...
Ein Leben ohne Olga ...?
Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.
Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.
Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte, verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.
Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden Ton.
Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –