Chapter 68

Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.

Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.

Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht war.)

Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in einen anderen Raum zu schleppen.

Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.

Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges, heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung, sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen war.

Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher, Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane, medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten dasselbe Thema.

Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.

Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt, mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten gepuderten Armen und Schultern herumliefen.

Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichenOpfer, die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung, Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn verfallen waren.

Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde, durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.

Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen Beziehungen gestanden – den ergeliebthatte!

Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische, naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie geschleudertwurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog Schlüsse und stellte Vergleiche an.

Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für schöne Stiefel.

Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.

Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen uns trennen.

Und jetzt? Und nun?

Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften zusammenzupacken und damit zuOlga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie denkst du darüber?

Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde geweckt, gekräftigt, klargestellt.

Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um einen Schritt vorwärts, nicht zurück.

In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.

Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus diesem Sumpfland hinausführen.

Es kam keine Antwort. – – –


Back to IndexNext