Chapter 69

Aber der Frühling kam über alle diesem.

Aber der Frühling kam über alle diesem.

Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus, die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.

Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.

Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor ihr und wurde nicht umgeschlagen.

Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die Phantasie anregten und Bilder wachriefen.

Aber diese Bilder wurden zur Qual.

Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander, miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten, aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen tat weh.

Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischenreifenden Kornfeldern. Wenn wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der Welt uns bevorstand.

Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir. Mit wem nur? Mit wem?“

„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und jeder Genuß zur Qual.“

Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn sie bei mir geblieben wäre.“

Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger Einsamkeit.

Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie verlasse.“

Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.

Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand nackt vor sich und schrie vor Weh.

Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.

Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon ahnen solle, auch Olga nicht.

Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.

Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.

Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf Nadeln träte.

Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach Petermann.

Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.

Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette, und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde. Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.

Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.

Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen Beamten.

Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob die Dame eigene Wohnung hätte.

Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.

Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.

Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó fragte.

Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr oder des Budapester Schwagers. Aber siewolltengern wissen. Glühend vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn wahr wäre, daß ...

Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“

Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen. Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest und sagte: „Ich weiß nicht!“

Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den Kopf: In der Leute Mäuler sein ...

Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der Ekel schüttelte sie. – – –


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