Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet. Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.
Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet. Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.
In dieser Zeit war Mette sehr ungerecht gegen Olga Radó. Denn es schien ihr, als wäre sie aus einer glücklichen, wohlbehüteten Jugend herausgerissen, als wäre ein tiefer, heiterer Frieden in ihr zerstört, ein wundervolles Gleichgewicht in ihr erschüttert worden.
Und es erschien ihr als das Endziel aller Wünsche, daß es wieder so werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie hatte nur die eine Sehnsucht, das letzte Jahr aus ihrem Leben zu streichen, zu löschen, zu vergessen.
Dann nahm sie wieder die schlimmen Bücher vor und las absichtlich das, was sie am meisten angewidert hatte. Sie steigerte sich künstlich in Haß und Zorn und Angst hinein.
Es kamen Tage, wo sie sich sagte: Nun bin ich frei! Ich bin wie aus schwerer Krankheit genesen, ich fühle, daß mein Blut wieder rein ist – ich werde leben können wie alle die anderen Menschen auch, ein Leben ohne Qual und Freude, ohne Sehnsucht und ohne Erfüllung.
Und es kamen Nächte, wo sie glaubte, daß ein brennendes Gift in all ihren Adern fräße. Wo die Angst vor einer unnennbar grauenhaften Zukunft sie schüttelte. Wo sie glaubte, den eigenen zügellosen Begierden erliegen zu müssen, wehrlos jeder Dirne ausgeliefert zu sein, die aus verbrecherischen Gründen ihre Leidenschaft weckte, wo sie sich von Erpressern gehetzt, von Kriminalbeamten verfolgt, siech, irrsinnig, eingekerkert oder ermordet sah.
In einer solchen Periode grenzenlosester Verzweiflung verlobte sie sich.
Irgendein anständiger und solider Mann bewarb sich um sie.
Sie wußte nichts von ihm. Sie wußte nicht, wann und wo sie ihn zum erstenmal gesehen hatte, sie wußte nicht, wie er aussah, wußte kaum etwas von seinem Charakter oder seinen Neigungen – sie fühlte nur eines Tages, seit einiger Zeit war immer ein Mensch neben ihr, der sich bemühte, gut zu ihr zu sein. Jemand, der ihr sehr sorgfältig den Mantel um dieSchultern legte, sich bückte, wenn ihr etwas hinfiel, ihr Blumen brachte, sich bemühte, ihr irgend etwas Heiteres zu erzählen, um ihr Gesicht ein wenig zu erhellen.
Dieser Mann wußte so angenehm wenig von ihr. Und Tante Emilie überfloß in seiner Gegenwart von sanfter mütterlicher Freundlichkeit. Es wäre ihr geradeso gut zuzutrauen gewesen, daß sie vor ihm bissige Bemerkungen oder vielsagende Andeutungen gemacht hätte.
Aber er paßte ihr wohl in ihr Programm.
Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.
Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und prüfte in Angst ihr Gefühl.
Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus. Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder haben, ich werde ein Heim haben, ichwerde immerfort zu tun haben – vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten ertragen.“
Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so schnell vergessen worden war.
Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar Metten.
Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen, weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie sie am schmerzlichsten verletzen.
Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigenauf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.
An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war ein kleines Gartenfest in der Villa ihrer Schwiegereltern. Es war ein sehr heißer Sommertag, der neunzehnte Juni, und auf Tante Emiliens Zureden zog Mette zum erstenmal wieder ein weißes, schwarzgesticktes Kleid an.
Alls sie draußen in der fremden Wohnung unter vielen fremden Menschen an einem Spiegel vorüberstreifte, erkannte sie sich nicht.
Sie erschrak und wurde den Gedanken nicht wieder los, daß sie nicht das hübsche, weiß gekleidete Mädchen sei, was am Arm eines fremden Mannes ihr aus dem Spiegel entgegenlächelte.
Sie suchte sich selbst und konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie wohl sein könne. Aber ihr war, als sähe sie sich selbst, schmal und schwarz wie ein Gespenst, durch große, dunkle, leere Räume wandern. Dann war es ihr wieder, als sei sie doch dieses hier, und die andere Mette, die so deutlich ihre Züge trug, sei eine Fremde. Traum und Wirklichkeit begannen, sich heillos ineinander zu verschlingen, alle ihre Nerven schienen ihr zu klirren wie losgerissene Saiten, sie sehnte sich in Todesangst nach völliger Bewußtlosigkeit oder plötzlich hereinbrechender Klarheit – eswar wie Nebel, die vorbeizogen oder ein vorübergehender Schwindel – eine Minute später konnte sie sich nicht besinnen, was es eigentlich gewesen war, und konnte ihrem Verlobten, der besorgt nach der Ursache ihrer Blässe fragte, keine Antwort geben.
Nur das seltsame Gefühl blieb ihr den ganzen Abend, als sei dies alles nur ein Traum oder ein Spiel. Die ganze Verlobung eine scherzhafte Komödie, und jeden Moment könne, wie ein gestrenger Regisseur, ein Schicksal hervortreten und sagen: „Genug! Die Wirklichkeit fängt wieder an!“ – – –