Chapter 72

Während sie über die Straße lief, dachte sie mit keinem Wort an das, was geschehen war. Sie wollte es vor sich selber nicht aussprechen. „Vielleicht ist Olga krank und hat Sehnsucht nach mir,“ dachte sie. „Vielleichtweiß sie auch nichts davon, und Peterchen ruft mich aus eigenem Antrieb.“

Während sie über die Straße lief, dachte sie mit keinem Wort an das, was geschehen war. Sie wollte es vor sich selber nicht aussprechen. „Vielleicht ist Olga krank und hat Sehnsucht nach mir,“ dachte sie. „Vielleichtweiß sie auch nichts davon, und Peterchen ruft mich aus eigenem Antrieb.“

Sie malte sich aus, daß sie Olga sehen würde, daß sie ihre Hand halten würde – und sie sagte sich dabei: „Das erzähle ich mir vor, wie man einem fiebernden Kinde Märchen erzählt. Ich male es mir mit den schönsten Farben aus und glaube so wenig daran, wie man an Feen und Zauberer glaubt.“

Aber es war besser, Märchen zu erzählen, Wiegenlieder zu singen, als nach der Stimme zu hören, die ganz tief in ihr die Wahrheit schrie.

Es war seltsam, daß sie – ohne sich umzusehen – die Straße und das Haus fand, so, als wäre sie hundertmal dagewesen.

Als sie klingelte, stand Petermann schon auf der Diele. Das ersparte ihr jede Fragerei. Sie spürte auch jetzt, dem Dienstmädchen gegenüber, dem ersten Menschengesicht, das sie bemerkte, daß sie dazu kaum imstande gewesen wäre.

Er nahm sie bei der Hand und zog sie wortlos, an dem erstaunten Mädchen vorüber, in eine offene Zimmertür.

Er schloß die Tür und sagte währenddessen, ohne sie anzusehen:

„Setz dich doch, Mette!“

Das erste, was Mette in dem Zimmer sah, war aufder dunklen Platte des Schreibtisches die goldene Zigarettendose.

Ein Sonnenstrahl blitzte darauf.

Sie wollte sich beherrschen. Es war, als ob sie beide Hände um die Zügel krampfte, um sich zu halten.

Aber als Petermann sich ihr zuwandte und sie sah, wie seine Hände hilflos waren, wie sein kleines, weißes Gesicht zitterte, wie mühsam er um Fassung kämpfte – da zerbrach die ihre. Sie fing an zu weinen.

Peterchen setzte sich neben sie und streichelte eine Weile schweigend ihre Hände.

„Weine nur,“ sagte er schließlich mit zitterndem Kinn, während die Tränen aus seinen Augen stürzten. „Weine nur, sie war es wert, daß um sie geweint wird, das kannst du mir glauben ...“

„Dir glauben?“ sagte Mette mit herzzerreißender Bitterkeit. Sie legte das Tuch über die Augen und stützte den Kopf in die Hand.

Ihre andere Hand streichelte zuckend über die seine.

„Und nun sag’ mir alles, Peterchen – du siehst, ja, daß ich ganz ruhig bin – ganz, ganz ruhig. Wann geschah es? ... und wie ... und warum? ... Sag’ mir alles, alles, was du weißt ...“

„Du solltest es nicht wissen, Mette. Nicht vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag. Der wargestern, nicht wahr? Ich habe ihn hier auf dem Kalender vermerkt – aus einem anderen Grunde ... das muß ich dir alles noch erzählen ... ich hatte einen Auftrag an dich ... aber ich hatte natürlich keine Ahnung ... man ist ja manchmal wie mit Blindheit geschlagen.“

Mette hob einen Augenblick den Kopf:

„Sie hat es selbst getan.“

Es lag keine Frage in dem Ton.

„Ja.“

„Erschossen.“

„Ja.“

Sie deckte das Tuch wieder über die Augen.

„Weiter.“

„Sie war einmal krank im Frühjahr, es war eine leichte Influenza. Sie fieberte ein bißchen, da saß ich drüben bei ihr, und sie sprach in einemfort von Tod und Begräbnis, ganz heiter und ausgelassen, wie es ihre Art war. Du weißt ja, man wußte nie, ob es Scherz oder Ernst bei ihr war. Da sagte sie noch: Peterchen, wenn ich jetzt sterbe, dann sorge dafür, daß es geheim bleibt. Es soll in keine Zeitung, kein Mensch soll es wissen. Auch die Mette nicht. Am liebsten wär’ es mir, du streutest meine Asche ins Meer oder wenigstens in den Wannsee. Aber das erlaubt der Staat, glaub’ ich, nicht. Nur mach schnell, daß derRest verbrannt wird. Ich will kein Gfrett haben mit meinem Leichnam, ich will’s nicht. Ich bin nicht drin, merkt’s euch. Nicht eine Minute länger, als unbedingt nötig, halt ich mich in dem Kadaver auf.“

Metten war, als höre sie Olga reden. So deutlich hörte sie ihre Stimme, daß ihr Herz sich mit einer innigen Freude füllte und sie lächelte.

„Ich hab’ damals auch gelacht,“ sagte Peterchen wehmütig, „da wurde sie ganz ernst und richtete sich auf und sah mich an. Du weißt ja, wie sie einen ansehen konnte mit so gewaltsamen Augen und sagte:

‚Es ist mein heiliger Ernst. Versprich es mir, gib mir dein Ehrenwort!‘ Ich versprach es ihr auch, aber ich sagte noch:

‚Du bist ja verrückt, in drei Tagen bist du doch wieder gesund.‘

Siewarja auch in drei Tagen wieder gesund.“

Er schwieg. Irgendwo tickte eine Uhr und Fliegen stießen surrend gegen das Fensterglas.

Irgend etwas erfüllte Metten ein paar Sekunden lang mit Beruhigung und Freude. Eine unklare Empfindung: wie gut, daß Olga in ein paar Tagen gesund geworden war. Es steckte so viel kraftvolles Leben in diesem schönen Körper.

Dann schlug ihr das Jetzt wie eine geballte Faust aufs Herz.

Und jetzt? Und jetzt?

Sie mußte ein paarmal ansetzen, um das furchtbare Wort auszusprechen.

„Habt ihr sie schon begraben?“ fragte sie ganz leise.

„Sie ist verbrannt worden. Die Urne ist nach Wien gekommen. Ihre Schwester lebt jetzt da.“ –

„Hat sie hier gewohnt zuletzt?“

„Um die Ecke, zwei Häuser von hier.“

„Und da ist es auch geschehen?“

„Ja.“

„Kann man ...“ Mette schluckte ein paarmal, „kann man nicht das Zimmer sehen?“

Petermann hob zögernd die Achseln:

„Wozu? Es ist alles umgestellt. Nichts von ihren Sachen mehr da. Es ist auch schon wieder vermietet.“

Mette sank in sich zusammen. „Es ist gut so,“ sagte sie leise, „es ist auch ganz gut so.“

Sie hatte ein eigenartiges Empfinden. Es war wie eine Wohltat, daß jede Form zerstört war, die dieser Geist geschaffen hatte. Nicht einmal ein Zimmer war mehr auf der Welt, das diese Hände, dieser Sinn geordnet hatten und in das ein Teil ihres Wesens gebannt geblieben wäre. Metten war halb unbewußt so zumute, als hätte man durch das Umrücken von Möbelstücken Steine aus einer Kerkerwand gebrochen.

Nun war Olga Radó ganz frei.

Ein leiser Windhauch bewegte den offenen Fensterflügel und hob die Gardine. Eine süße weiche Kühle strich über Mettens brennende Augen. Sie lächelte.

„Es ist gut so!“ sagte sie noch einmal.

Sie wußte plötzlich, daß Olga ihre Briefe nicht erhalten hatte. Sie hätte nicht danach zu fragen brauchen.

Aber Peterchen wär schließlich der einzige Mensch, an dessen Meinung ihr noch ein wenig gelegen war. Sie hatte das Gefühl, sich vor ihm rechtfertigen zu müssen.

„Ich habe dreimal an Olga geschrieben!“ sagte sie.

„Ich habe es mir beinah gedacht,“ sagte Peterchen mit trübem Lächeln. „Sie hat nie eine Zeile erhalten.“

„Du wüßtest es sonst?“

„Selbstverständlich. Wir haben doch oft genug über dich gesprochen.“

„Habt ihr? Was?“

Während Petermann sprach, hatte Mette die seltsame Empfindung, als durchlebe sie in diesen wenigen Minuten mit stärkster Intensität das letzte halbe Jahr ihres Lebens. So, als wäre damals, an jenem unglückseligen Morgen der Faden des Gewebes abgerissen und mühsam, Tag um Tag, ein Muster, das nichtpassen wollte, angestückelt. Nun trennte das falsche Gewebe sich, rückwärts laufend, blitzschnell von selber auf – ein Knoten wurde geknüpft, wo der Faden abgerissen war, und die wirkliche Zeichnung lief weiter, ein wenig verkürzt, ein wenig matt in den Farben – aber sie lief weiter und gab eine Brücke zum heutigen Tag und den Tagen, die kommen sollten.

„Was habt ihr von mir gesprochen?“

„O viel ... Ich habe ihr sooft zugeredet, an dich zu schreiben, irgendwie eine Verbindung mit dir zu suchen. Sie hatte die Überzeugung, es nicht tun zu dürfen. Du weißt ja, wie halsstarrig sie war. Manchmal hatte ich die Absicht: ich telephoniere dir oder ich lauere dir irgendwo auf – gegen ihren Willen. Einmal hab’ ich ihr das auch gesagt. Da hat sie mich angefunkelt mit ihren großen Augen: ‚Wenn du dich das unterstehst, ist es aus mit unserer Freundschaft, für ewige Zeiten aus. Willst du das arme Kind auch noch zugrunde richten?‘

Sie glaubte immer, du wärest glücklich, und es ginge dir gut. Ich war der Meinung, du müßtest erfahren, was vorgeht. Ich hab’ so gekämpft, du glaubst es nicht. Einmal hab’ ich dir eine Stunde lang Fensterpromenade gemacht. Ich dachte immer, wenn ich dich sprechen würde, wir würden irgendeinen Ausweg finden. Ich dachte immer, es würde noch allesgut. Dann hast du dich ja verlobt. Ja, da mußte ich ihr ja schließlich recht geben.“

„Oh, du Idiot!“ sagte Mette und lachte unter hervorstürzenden Tränen.

„Ich weiß den Tag noch so genau. Olga kam zu mir herüber, am frühen Morgen schon. Sie hockte hier neben mir auf dem Sessel und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Eine halbe Stunde lang sprach sie kein Wort. Ich saß hier am Schreibtisch und tat so, als ob ich arbeitete. Ich hatte die Zeitung weggeschoben, als ich sie kommen hörte. Aber wie sie so dasaß, da wußte ich: sie weiß es schon. Und sie wußte, daß ich es wußte, aber keiner wollte anfangen, davon zu sprechen. Wie sie dann schließlich anfing, sagte sie immerfort: ‚Ich bin so glücklich. Ich bin ja so froh.‘ Und sie verlangte von mir, daß ich mich freuen sollte. Wir gingen am Abend eine Flasche Wein zusammen trinken. Sie zwang mich direkt dazu. Wir müßten doch auf deine Zukunft trinken. Ich seh’ sie noch immer am Tisch sitzen und das Weinglas drehen. Sie hatte so ein merkwürdiges Lächeln den ganzen Tag. Und dann sagte sie immer wieder: ‚Die kleine Mette wird heiraten. So gut ist das. So gut. Unsere kleine Mette wird Kinder haben, lauter Jungens, denen geht’s immer gut.‘ – Dann wollte sie immer wieder von mir hören, daß ich es gut fände,daß ich mich freute. Und ich muß sagen – wie die Dinge lagen – es war ja auch wohl das Beste ... aber von dem Tage an hatte sie eine nervöse Angst, dir irgendwo zu begegnen. Manchmal, wenn sie etwas zu besorgen hatte, bat sie mich darum. Manchmal saß sie vor mir, blaß und mit gefalteten Händen: ‚Bitte, bitte, Peterchen, ich kann nicht nach dem Kaufhaus gehen.‘ Die letzten acht bis zehn Tage hat sie überhaupt ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Sie telephonierte mich an, ich sollte rüberkommen, sie wollte nicht auf die Straße. Aber das hatte wohl auch noch einen anderen Grund ...“

„Was für einen?“ fragte Mette, nachdem er eine ganze Weile schweigend aus dem Fenster gesehen hatte.

Er warf einen raschen und gleichsam prüfenden Blick auf sie.

„Du weißt es nicht?“ sagte er wie erleichtert. „Nicht wahr, du weißt nichts davon ... ich hab’ es auch eigentlich nie anders angenommen ... Sie haben sie beobachten lassen ... deine Leute. Wo sie ging und stand war ein Detektiv hinter ihr her. Oh, und sie litt so wahnsinnig darunter.“

„Warum nur?“ fragte Mette mit verlorenen Augen, „warum haben sie denn das getan? Sie hatten mich doch in der Hand. Sie wußten doch, wo ich jede Stunde des Tages zubrachte.“

„Sie fürchteten wohl ... vielleicht dachten sie, wenigstens damals ... im Anfang, vor deiner Verlobung, du könntest in deinen Entschlüssen wankend werden ... oder sie könnte versuchen, dich wieder zu beeinflussen, sie wollten ihr irgend etwas nachsagen können, um sie als lästige Ausländerin ausweisen zu lassen. Herr von Seyblitz hat ihre ganzen Schulden aufgekauft. Das wußtest du auch nicht, nicht wahr? Sie haben sie so in die Enge getrieben ... täglich kamen Briefe von Rechtsanwälten, vom Gericht ... Sie hat sie nachher nicht mehr aufgemacht ... Sie ließ sie auf dem Schreibtisch sich anhäufen. Ich sagte manchmal: Kind, das geht nicht, du mußt antworten, du mußt hingehen, du mußt Entschlüsse fassen ... Dann lächelte sie so unendlich melancholisch: ‚Ich habe meinen Humor nicht mehr, Peterchen, ich bin alt und müde. Mir ist das gar ka’ Hetz mehr.‘ Und sie zeigt so mit einer Handbewegung auf die Papiere.

Es kamen auch Drohbriefe – so gemein – sag’ ich dir. Mit Ausdrücken, die man nicht wiederholen kann. Von deiner Tante Emilie, glaub’ ich. Aber so, als wären sie in deinem Sinne geschrieben. Du wüßtest nun, wes Geistes Kind sie wäre, und sie sollte jeden Annäherungsversuch unterlassen und nicht versuchen, ihre Erpressungen an dir fortzusetzen. Es wäreja genug, daß sie dich zu Diebstahl und Einbruch verführt hätte, daß sie deine Gesundheit untergraben hätte, daß sie den Tod deines Vaters verschuldet hätte – ach, und was weiß ich. Und dann Dinge, die du über sie gesagt haben solltest ... es muß Furchtbares gewesen sein; denn sie wollte es selbst mir nicht sagen oder zeigen.

Sie saß mir gegenüber, ganz weiß im Gesicht und mit glühenden Augen und hielt mich am Handgelenk gepackt, daß ich dachte, sie zerbricht mir die Knochen und sagte immer wieder: ‚Davon weiß die Mette nichts, nicht wahr, Peterchen? Davon weiß die Mette nichts?‘

Und dann ein andermal wieder sagte sie:

‚Wie können Menschen nur so wahnsinnig grausam sein. Sie haben doch direkt ihren Spaß daran, mich langsam zu Tode zu quälen. Sie machen einen Kranz von glühender Kohle um mich her – wo ich mich nach einem Ausweg wende, sperren sie zu, bloß um zu beobachten, wie ich mich gebärde, wenn sie mich glücklich bis zur Raserei gebracht haben.‘ Ich weiß noch, dabei rannte sie hier im Zimmer auf und ab und ich dachte wirklich, die Wände werden ihr zu enge, sie ist wie ein gefangenes wildes Tier. Ich sagte noch: Du kannst doch dem allen entgehen. Du kannst doch nach Hause reisen. Da wurde sie ganz ruhig und sagte:‚Ja, ich kann dem allen entgehen. Ich kann abreisen. Ich kann nach Hause reisen!‘

Damals fiel mir ihr Ton nicht auf. Jetzt, wenn er mir wieder im Ohr klingt, begreife ich nicht, daß ich sie nicht verstanden habe. Von der Zeit an sprach sie oft von der Reise. ‚Am zweiundzwanzigsten Juni fahre ich nach Hause.‘ Das war ihre ständige Rede. Ich fragte sie einmal, warum sie gerade diesen Tag festgesetzt hätte. Da lachte sie und sagte:

‚Weil es drei Tage nach dem neunzehnten ist.‘ Ich dachte wohl darüber nach. Aber der Zusammenhang wurde mir damals nicht klar ...

Aber dann nach deiner Verlobung wurde das anders. Sie sagte plötzlich: wenn ich reise – nächste Woche ... oder übermorgen. Ich neckte sie noch und sagte: Nanu? Bist du deinen Vorsätzen untreu geworden? Ich denke, du fährst erst drei Tage nach dem neunzehnten Juni?! Da sieht sie mich so rätselvoll an und schüttelt den Kopf und sagt: ‚Ach nein, Peterchen,daraufbrauche ich nun nicht mehr zu warten!‘

Am Abend des ... an einem Montagabend, kam sie plötzlich her, wie es mir vorkam, in einer gewissen heiteren Erregung. Sie legte das Zigarettenetui hier auf den Schreibtisch, hier, wo es noch liegt – und sagte zu mir, ich solle ihr den Gefallen tun und es in deine Hände gelangen lassen. Sie wollte reisen undwäre schon am Packen. Wenn sie es dir schickte, würde man es wahrscheinlich als Erpressungsversuch deuten.

Ich sollt’ es dir geben, wenn sie fort wäre. Erst an deinem Geburtstag. Und sie verlangte, ich sollte mir den Tag im Kalender ankreuzen. Ich sagte, ich behalt es so. Aber sie schlug das Datum in meinem Kalender auf und zeichnete es selbst ein.“

Er schlug mit einer fast andächtigen Bewegung das letzte Blatt zurück und schob Metten den Kalender hin.

Auf dem weißen Blatt stand unter den neunzehnten Juni in Olgas großer schöner Handschrift langsam, sorgfältig hingezirkelt:

Mettes Geburtstag. Nicht vergessen, Peterchen! – Und darunter waren drei Kreuze hingemalt, kleine, schwarze, spielerische Tintenkreuze.

Mette sagte nichts. Sie legte die flache Hand auf das Blatt und nahm sie nicht wieder herunter.

Peterchen räusperte sich ein paarmal, dann sprach er weiter:

„Eh’ sie hinüberging, verabredeten wir alles für den andern Tag. Wir wollten uns vormittags nach den Zügen erkundigen, abends wollte ich sie an die Bahn bringen. Wie sie fort war, wurde ich so unruhig. Irgend etwas schien mir nicht zu stimmen, ich wußte nicht was. Ich versuchte, hinüber zu telephonieren,bekam keine Verbindung. Ich saß hier am Schreibtisch in einer ganz unbeschreiblichen Nervosität. Das Ding lag vor mir,“ er nahm das Etui in die Hand, „ich nehm’ es auf, ganz in Gedanken. Plötzlich fiel mir ein – verzeih’ mir, Mette, wenn es indiskret war, aber ich war in einer so peinigenden Unruhe, plötzlich fiel mir ein, es aufzumachen. Es war halb Spielerei und halb die Ahnung, daß ich irgend etwas finden könnte, irgend etwas Aufklärendes. Wie ich das Ding aufknipse,“ er tat es, „find’ ich diesen Zettel darin.“

Er gab es Metten in die Hand. Unter die Bänder, die die Zigaretten auf der goldenen Fläche festhalten sollten, war ein Blatt Papier geschoben, darauf stand in Olgas unverkennbarer Handschrift:

„Qui vivens laedit, morte medetur!“

„Qui vivens laedit, morte medetur!“ wiederholte Petermann. „Ein paarmal las ich das wie ein Blödsinniger, ohne etwas zu begreifen, dann stürzte ich hinunter. Ohne Hut, ohne Schlüssel. Unten war das Haus verschlossen. Ich klingelte dem Portier. Er kam nicht sofort. Ich raste die Treppen wieder hinauf, um mir die Schlüssel zu holen. Ehe ich das Haus aufschloß, eh’ ich über die Straße kam, eh’ ich drüben den Portier rausklingelte – das dauerte alles Ewigkeiten. Auf der Treppe begegnete mir dasMädchen, das mich holen sollte. Schreiend und schluchzend. Da war es schon geschehen.“

Mette legte die Stirn auf die Kante des Schreibtisches. Es wurde kein Laut hörbar. Petermann strich ein paarmal mit zitternden Fingern über Mettens Haar.

„Ich muß dir noch etwas erzählen,“ sagte er leise, „Sie hat ganz in deinen Blumen gelegen – vielleicht tut dir der Gedanke wohl. Du weißt doch, damals – als ihr euch trenntet – du liefst weg und deine Leute dir nach, ich hatte den Wortwechsel ja von draußen so halb und halb mit angehört – ich ging nach einer ganzen Weile in mein Zimmer – da stand Olga noch immer mitten im Zimmer, an den Tisch gelehnt. Und wie ich hereinkomme, sieht sie mich an, als wecke ich sie aus dem Schlaf. Ich nehme sie an beiden Armen und rüttle sie. Was ist denn geschehen, Olga? Was hast du denn der Mette getan? Sie sieht mich ganz verstört an und sagt immer wieder: Ich habe etwas Furchtbares getan, oh, Gott, Peterchen, ich habe etwas Furchtbares getan. Sie hatte dich ganz formell fortgeschickt, nicht wahr? Hatte gesagt, du solltest sie nicht mehr belästigen oder so etwas, nicht wahr?

Dann sagte sie wieder: es wäre zu deinem Besten, sie hätte dich fortschicken müssen, es wäre verbrecherischerEgoismus, dich zu halten. Ich sah, wie aufgeregt sie war und stimmte ihr zu, wenigstens halb und halb. Ich war ja doch im Grunde etwas erbittert auf sie. Ich sagte, glaub’ ich, Tante Emilie hätte alle Ursache, ihr dankbar zu sein.

Da nahm sie mich plötzlich bei der Hand und sagte ganz ruhig: ‚Ich lüge ja, Peterchen, ich lüge ja. Es war ja nichts wie hundserbärmliche Feigheit. Aber Mette mußte das wissen, sie kannte mich doch. Ich hätt’ mich auf die Schienen gelegt, oder ich wär’ aus dem Fenster gesprungen, aber ich kann mir nicht von solchen Leuten die Kleider vom Leibe reißen lassen, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, ich bin erbärmlich und verächtlich, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht.‘ Und immer wieder: ‚Ich kann es nicht!‘ Ich fragte sie, was du geantwortet hättest. Da wurde sie ganz blaß und sagte: ‚Nichts hat sie geantwortet. Nicht ein Wort. Das ist ja das Furchtbare. Sie stand meiner Gemeinheit so wehrlos gegenüber.‘

Sie hatte dann noch eine Auseinandersetzung mit der Flesch. Die Flesch hat sich nebenbei noch unglaublich benommen. Olga wollte keine Stunde länger in dem Hause bleiben. Was ich ihr auch gar nicht verdenken konnte. Sie ging dann hinüber, um ihre Sachen zu packen. Nach einer Weile kommt sieund packt mich am Handgelenk und zieht mich in ihr Zimmer.

‚Da hast du ihre Antwort,‘ sagt sie und zeigt mir das ausgestreute Geld. ‚Sie kann antworten. Wir haben sie unterschätzt.‘ Oh, Mette, warum hast du das nur getan? Wenn ich ehrlich sein soll – ich war damals furchtbar böse auf dich! Sie sagte immer: ‚Was tue ich nur? was tue ich nur?‘ Ich sagte: du packst das Geld in ein Kuvert und schickst es hin, ohne ein Wort dazu. Aber sie schüttelte nur den Kopf. ‚DieOhrfeige hab’ ich verdient, Peterchen,‘ sagte sie schließlich, ‚die muß ich ganz ruhig hinnehmen.‘ Sie suchte die Scheine zusammen, beinahe liebevoll, möcht’ ich sagen, und sagte ein paarmal ganz leise: ‚Der Kindskopf! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut!‘ Dann gab sie mir das Bündel Scheine. ‚Heb’ mir das auf, Peterchen. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, wo ich es nötig brauche, und vielleicht ist es mir dann eine Freude zu wissen, daß es von Metten kommt.‘

Ich habe sie in der letzten Zeit so oft daran erinnert, wenn sie vor Sorgen buchstäblich nicht mehr aus noch ein wußte. Aber sie schüttelte nur immer den Kopf und sagte: ‚Noch nicht, noch nicht!‘

Als sie ... tot war,“ die Stimme brach ihm,„da hab’ ich weiße Orchideen gekauft, für das ganze Geld und hab’ sie überschüttet damit. Das sah aus wie ein Märchen.“

Er kam nicht weiter. Die Lippen zitterten ihm, die Tränen stürzten über sein Gesicht.

Nach einer langen, langen Stille richtete Mette sich ruhig auf, mit trockenen Augen.

Neben dem Etui auf dem Schreibtisch lag eine Waffe.

„Das ist der Revolver?“ fragte Mette und griff danach.

„Ja.“

„Gib ihn mir,“ sagte sie und legte die Hand fest um den Griff.

Petermann machte eine erschrockene Bewegung.

Mette schüttelte langsam den Kopf.

Petermann sah ihr in die Augen, dann zog er zögernd die ausgestreckte Hand zurück.

„Ich will ihn nicht behalten,“ sagte er, „er liegt da wie eine ständige Versuchung. Und nicht jeder hat eine so sichere Hand wie Olga Radó. Du hast ein Recht darauf. Natürlich. Aber ich möchte nicht, daß du ihn behältst. Versprich mir etwas, Mette – gib ihn dem Mann, den du liebst. Dann ist er in den besten Händen.“

Sie war aufgestanden. „Ich verspreche es dir,“ sagtesie fast feierlich, „ich will ihn dem Manne geben, den ich liebe.“

„Schwöre mir, daß du keine Dummheiten machen wirst ... auch nicht leichtsinnig oder fahrlässig damit umgehen.“

„Ich schwöre es dir,“ sagte Mette. „Wobei nur? Ich kann dir doch nicht bei meinem Leben schwören, daß ich mich nicht erschieße. Ich schwöre es dir bei meiner ewigen Seligkeit. Und bei Olga Radós zehntausendfach geheiligtem Gedächtnis.“

Irgend etwas in ihrem Ton machte ihn betroffen. Er stand langsam von seinem Stuhl auf, wie um seine forschenden Augen den ihren zu nähern.

„Sag mir, Mette,“ sagte er zögernd, „ich möchte nicht, daß ich mir Vorwürfe machen müßte. Ich möchte nicht, daß das, was ich dir erzählt habe, dich in deinen Entschließungen beeinflußt.“

Mette umschloß seine ausgestreckten Finger mit einem kurzen festen Druck. In der leichten Bewegung, mit der sie die Brust hochreckte und mit der Hand über die Hüfte strich, lag eine aufs äußerste gespannte Kraft.

„Ich schwöre dir,“ sagte sie, „daß von dieser Stunde an nichts und niemand mehr mich in meinen Entschließungen beeinflussen kann.“ – – –


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