Chapter 73

Mette ging nicht direkt nach Hause. In wenigen Sekunden tauchten Pläne in ihr auf, formten sich zu Entschließungen. Nichts schwankte hin und her, eh’ es Gestalt annahm, alles trat mit einem Schritt aus der Verborgenheit ans Licht und stand unumstößlich fest.

Mette ging nicht direkt nach Hause. In wenigen Sekunden tauchten Pläne in ihr auf, formten sich zu Entschließungen. Nichts schwankte hin und her, eh’ es Gestalt annahm, alles trat mit einem Schritt aus der Verborgenheit ans Licht und stand unumstößlich fest.

Sie ging zu einer Speditionsfirma und zu dem Wirt des Hauses, in dem sie lange Jahre gewohnt hatten. Es gab eine Zeit, wo sie sich vor solchen Gängen gefürchtet hätte. Jetzt fühlte sie, daß nie im Leben jemand ihr derlei Unannehmlichkeiten abnehmen würde.

Es tat fast wohl, sich solche winzigen Lasten aufzuladen und die eigene Kraft zu spüren, wenn man sie spielend trug.

Es tat wohl, entschlossen zu sein, mit Umsicht Anordnungen zu treffen, mit Überlegung Unterhandlungen zu führen.

Als sie in ihrem Zimmer den Hut in den Schrank legte, streifte ihre Hand das schwarze Kleid, das sie zu ihres Vaters Begräbnis getragen hatte. Einen Augenblick fühlte sie den Wunsch, es anzuziehen, das stumpfe Düster des Krepps an sich zu sehen, an sich zu fühlen.

Aber sie straffte sich auf. „Unsinn!“ sagte sie halblaut, biß die Zähne aufeinander und schloß den Schrank.

Sie ging in ihres Vaters Studierzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb verschiedene Briefe, an den Rechtsanwalt, an die Bank.

Nach einer Weile kam das Mädchen herein:

„Das gnädige Fräulein läßt Fräulein Mette zu Tisch bitten.“

Mette hob den Kopf nicht.

„Sagen Sie dem gnädigen Fräulein, ich käme nicht zu Tisch, ich hätte schon gegessen. Aber ich lasse das gnädige Fräulein bitten, nach dem Essen herzukommen.“

Das Mädchen stand eine Weile mit offenem Mund in der Tür. Aber als Mette sich nicht rührte, nichts hinzufügte, nichts widerrief, nur weiter die Feder eilig über das Papier rascheln ließ, trollte sie davon.

Nach einer Weile erschien Tante Emilie, sichtlich unentschlossen, ob sie empört oder liebenswürdig sein sollte.

Mette legte die Feder aus der Hand und gab ihrem Stuhl eine leichte Wendung.

„Bitte nimm Platz,“ sagte sie in einem Ton, so geschäftlich, eilig, fest und undurchdringlich höflich, daß dieser Ton allein schon Tante Emilien in einen Abgrund von Verwirrung stürzte und ihr jede Redemöglichkeit nahm.

„Verzeih, wenn ich dir deinen Nachmittagsschlafkürze, aber ich habe mit dir zu reden, und zwar Dringliches.“

Mette nahm das Falzbein, drehte es, bog es, schlug damit auf die ausgestreckten Finger und sah diesem Spiel angelegentlich zu, während sie sprach.

„Du wirst dich rasch entscheiden müssen, wo du hinzugehen gedenkst, ich reise ...“

„Du?“

„Ich reise. Der Haushalt wird aufgelöst. Die Wohnung wird vermietet. Newes entbindet mich vom Vertrag. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Die Sachen kommen auf den Speicher. In den nächsten Tagen schon. Ich fange heut’ schon an. Morgen kommen die Packer. Du wirst der Kramerei sicher gern aus dem Wege gehen wollen. Ich empfehle dir, in ein Hotel oder in eine Pension zu gehen, bis du dich endgültig entschieden hast. Wenn du heut’ nachmittag die Mädchen brauchst zum Packen deiner Sachen, sie stehen zu deiner Verfügung. Ja, und – ich möchte nicht, daß dir durch meine Entschließungen ein pekuniärer Nachteil entsteht. Am liebsten wäre es mir, wenn du deine Wünsche schriftlich formulierst und an Rosenbaum gibst. Ich habe ihm schon diesbezüglich geschrieben.“

Mette legte das Falzbein hin.

„Ja, das wäre wohl alles!“ Sie stand auf undstützte beide Hände hinter sich auf den Schreibtischrand.

„Also, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, Gott befohlen, und laß es dir recht gut gehen.“

Tante Emilie stand auf mit zitternden Knien, und ihr Gesicht spielte in allen Farbentönen vom Zitronengelben ins Aschgraue.

„Und ... und Alfred?“ fragte sie, mit vergeblichem Bemühen, eine süße rührende Weichheit in ihren scharfen Ton zu legen.

„Wie? Wer?“ Mette kniff die Augen zusammen, als müsse sie sich besinnen. „Ja so, nein, danke. Da brauchst du keinerlei Mitteilung zu machen. Ich werde alles Erforderliche selbst besorgen.“

„Mette!“ sagte Tante Emilie feierlich. „Wenn das dein seliger Vater wüßte! Ich habe dich von deinem ersten Tag an behütet und gepflegt, und zum Dank wird man so vor die Tür gesetzt ...“

Mette griff wieder nach dem Falzbein.

„Ich habe schon an Rosenbaum geschrieben, daß von meinem Vermögen fünfzigtausend Mark an dich übergehen. Mit dem, was du hast und mit dem, was dir von Vater kommt, kannst du dann ganz deiner Bequemlichkeit leben. Ich will morgen vormittag hingehen und ihm die nötigen Vollmachten geben.“

„Mette,“ sagte Tante Emilie mit gesteigertemPathos. „Ich habe dich vor einem entsetzlichen Schicksal behütet. Das solltest du mir auf Knien danken!“

„Gewiß, gewiß,“ sagte Mette und verzerrte ein wenig den Mund. „Ich werde Rosenbaum schreiben: Hunderttausend.“

Da wandte sich Tante Emilie und rauschte hinaus.

Mette packte die Sachen in fieberhafter Eile, wie auf der Flucht. Sie arbeitete Tag und Nacht und ließ sich von niemandem helfen, auch von Peterchen nicht und von mir nicht.

Aber am Abend, als sie reiste, holten wir beide sie aus der Wohnung ab und brachten sie an die Bahn.

Die Wohnung war leer und dunkel. Alle Möbel fort. Die Kronen abgenommen, die Fenster ohne Gardinen. Hie und da starrte ein Spiegelhaken trostlos aus der nackten Wand oder ein Fleck der Tapete zeigte die Form eines Bildes, das lange Jahre da gehangen hatte. Ein großer Koffer, ein wenig Handgepäck standen mitten in dem leeren Raum. Mette hatte eine brennende Kerze auf dem Fensterbrett festgeklebt. Das gab ein seltsames flackerndes Halblicht. Unsere Schatten glitten groß und verbogen an Wand und Decke entlang.

Peterchen sah immerfort nach der Uhr.

„Ist es nicht Zeit, daß ich nach einem Wagen gehe?“ fragte er unruhig.

Mette hob die Hand. „Laß doch! Wir haben noch endlos Zeit. Was sollen wir auf dem Bahnsteig? Und was schadet es, wenn ich den Zug versäume? Ich lauf’ ja niemandem nach. Und mir läuft niemand nach. Dann fahr’ ich eben morgen früh.“

„Ach ja,“ sagte Peterchen erleichtert, „das wäre mir überhaupt viel lieber. Ich verstehe gar nicht, wie man so in die Nacht hineinfahren kann.“

„Ich fahre ja in den Morgen hinein,“ sagte Mette mit leisem Lächeln. „In ein paar Stunden kommt die Dämmerung. Außerdem lieb’ ich die Nacht. Wer die Sterne liebt, muß auch die Nacht lieben. Sag, Peterchen, hast du eigentlich schon einmal daran gedacht, daß sie am Tage auch da sind? Genau so fern und so nah wie des Nachts. Manchmal such’ ich sie am sonnenhellen Himmel – ich fühle ganz genau – da steht der, und da steht der, und dann kann ich in der Dämmerung ganz ungeduldig werden, bis sie endlich sichtbar sind.“

„Das hast du auch von ihr,“ sagte Peterchen wehmütig, „diese verrückte Sternenliebe.“

„Ja,“ sagte Mette, und ihre tiefe Stimme klang wie eine Glocke, „was hab’ ichnichtvon ihr? Alles. Und alle Liebe ganz gewiß. Himmel und Erde sind voll von Dingen, an denen ihre Liebe hängt. Und von all diesen Dingen strömt ihre Liebe wieder auf mich zurück. Herrgott, was liebte sie alles! Berge und Meerund Blumen und Spinnen und kleine Kinder und Leder und Seide und Kristall und die Günderode und den heiligen Franziskus von Assisi – und – mich. Wahrhaftig, sie hat mich die Liebe gelehrt. O Gott! Wenn Tante Emilie das hörte, würde sie es sicherlich falsch auffassen.

Einmal hat sie zu mir gesagt, Olga, ich glaube, es war auf der Reise, und wir sprachen wohl von unserer Zukunft, und ich sagte, daß ich mich nicht von ihr trennen lassen wollte, bis zu meiner Mündigkeit. Da wurde sie ganz ungeduldig und sagte:

‚Herrgott, was ist das für ein jämmerlicher Standpunkt, immer nur das lieben zu können, was man an der Hand hält!‘

Hat sie nicht recht? Warum soll man nicht die Toten lieben und die Kommenden und die ganz Fernen, deren Sein wir nur ahnen oder deren Schaffen uns einen Hauch von ihrer Seele gibt? Und warum nur einen, warum nicht Tausende – die, nach denen wir uns sehnen und die, die sich nach uns sehnen – die, die in unerfüllter Sehnsucht nach uns gestorben sind, und die, die mit unerfüllter Sehnsucht nach uns leben werden, wenn wir lange tot sind. Mir ist manchmal, als sollt ich meine beiden Hände in die Weite strecken und rufen: ich liebe euch, ich liebe euch, ich liebe euch!“

„Es ist merkwürdig,“ sagte Peterchen scheu und sahkopfschüttelnd zu Metten empor, die unheimlich groß und schlank aufgereckt in dem gespenstischen Licht stand, „es ist merkwürdig, wie ähnlich du ihr manchmal bist.“

„Es ist viel merkwürdiger,“ sagte Mette lächelnd, „wie unähnlich ich ihrwar. Fern, fremd, unverwandt. So entsetzlich unähnlich, daß ich sie eigentlich nie verstanden habe. Ich glaube, ich hätte sie mit Eifersucht und Mißtrauen zu Tode gequält.“

„Und jetzt?“ fragte Peterchen. „Würdest du nicht eifersüchtig und mißtrauisch sein? Wer weiß, wenn ihr zusammen geblieben wäret, vielleicht hättest du in ein paar Monaten Ursache dazu gehabt.“

Mette schüttelte langsam den Kopf. „Das soll ein Trost für mich sein, Peterchen. Aber es ist keiner. Ich hatte so unbändige Freude an ihr. Und wenn tausendmal nur die Form zerstört ist. Auch um die Form ist es ein Jammer.DieFreude hätt’ ich immer an ihr haben können. Und so wie ich sie jetzt sehe – ich hätte eben einsehen müssen, daß ich nicht aus Geiz Himmel und Erde ihrer Liebe hätte berauben dürfen. Aber belogen hätte Olga Radó mich nie. Nie, nie, nie!“

„Der Zug, Mette!“ mahnte Peterchen.

Mette warf einen Blick auf ihr Handgelenk.

„Ja, wir müssen gehen.“

Peterchen ging, einen Wagen zu holen. Der Kutscher trug das Gepäck hinunter.

Ich wollte die Kerze löschen, als wir gingen.

„Nein, laß!“ sagte Mette. Sie lief ein paarmal hin und her und brachte Wasser in den hohlen Händen, das sie um die Kerze träufelte, bis sich ein kleiner See bildete.

„Nun kann es kein Feuer geben,“ sagte sie. „Seltsam, wenn ich schon im Zug sitze, brennt vielleicht hier in der leeren Wohnung noch das Licht. Ich muß immer an die arme Johanna denken, schon den ganzen Abend, als das Licht so im Fenster brannte.“

„Wer ist das?“ fragte ich.

„Die arme Johanna? Das war eine Frau, die Olga liebte. Sie ist an der Schwindsucht gestorben. Und Olga konnte nicht um sie sein, als sie im Sterben lag. Aber die Schwester, die sie pflegte, stellte nachts immer eine brennende Kerze ans Fenster. Das hatte die arme Johanna alles selber so verabredet und bestimmt. Solange sie lebte, solange sollte die Kerze brennen. Und da ist Olga manchmal drei-, viermal in der Nacht, wenn sie es vor Unruhe nicht mehr aushalten konnte, nach dem Haus gelaufen und hat auf der Straße gestanden, um nur die Kerze brennen zu sehen.“ – „Schau,“ Mette wandte sich um, während wir in den Wagen stiegen, „da oben brennt meine Kerze und leuchtet mir nach!“

Sie winkte mit den Handschuhen einen Gruß zurück.

„Und da, schau,“ sie richtete sich auf, mit einem seltsamen Entzücken im Gesicht und wies nach dem Sternenhimmel, „da ist der Antares! Das Herz des Skorpions. Dem zieh’ ich jetzt nach, immer weiter nach Süden. Wir können zusammen bleiben, oder ich kann auf ihn warten, bis er wieder kommt, mit der unbedingtesten Zuverlässigkeit, wie der treueste Freund.“

„Trotzdem,“ sagte Peterchen, „ich habe das Gefühl, daß es doch ein bißchen wenig Schutz und Freundschaft für dich ist. Wenn ich denke, daß du in der nächsten Nacht in einer fremden Stadt, in einem fremden Hotelbett schlafen sollst ...“

„Schön!“ sagte Mette. „Das ist ja das, was mir Ruhe geben kann. Ein Raum, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem ist dieser Raum jetzt schon da. Ein anderer Mensch bewohnt ihn und erfüllt ihn ganz mit seinen Leiden und Freuden und Sorgen und Gedanken. Muß man sich denn immer nur mit einem peinlichen Gefühl des Ekels in ein fremdes Bett legen? In einem frisch bezogenen Hotelbett sind keine fremden Mikroben und Bakterien – aber auf den Tapeten liegen noch Schatten und Lichter fremder Schicksale. Und die tönen das eigene zum Schweigen.

Man soll nicht in den Wänden bleiben, wo einen der eigene Schmerz immer von den Tapeten anschreit.

Das fremde Bett wird mir morgen erzählen, wases alles erlebt hat. Weißt du, auch das ist Feengabe. Ich bin nicht mehr bange, weil die Dinge anfangen, mit mir zu reden. Das sind immer die Glückskinder in den Märchen oder die Weisen in den Sagen – König Salomo, vogelsprachekund – denen die Dinge und die Tiere und die Bäume ihre Geheimnisse erzählen. Du glaubst nicht, was das bedeutet. Die ganze Welt war so entsetzlich stumm. Und nun höre ich überall so liebe, vertraute, unhörbare Stimmen. Ihr ahnt gar nicht, mit was für einem Entzücken und einem Stolz das einen erfüllt. Siehst du, Peterchen – das istauchetwas, was ich von Olga habe.“

„Ja,“ sagte Peterchen nachdenklich, „ich fühle deine Kraft – fast mit Neid. Sie hat dir unendlich viel gegeben. Ich kann nicht los von dem Gedanken ... vielleicht hatte sie doch recht: ‚Qui vivens laedit, morte medetur‘ – was lebend verwundet, heilet im Tod.“

„Nein, nein, sag das nicht!“ sagte Mette mit einer fast flehenden Bewegung. „Ich will es nicht hören, weil es nicht wahr ist. Aber ich habe die heilige Überzeugung – unddasdank ich ihr tausendfach mehr als alles andere – daß der Satzumgekehrtwahr ist – hilf mir, Peterchen, mit meinem Latein ist es schwach bestellt:Qui vivens laeditur, morte... nein, es geht nicht ...medetur... das sind dieverflixten Deponentia, davon kann ich keine Passivform bilden. Aber du weißt ja, was ich meine: Was lebend verwundet wird, wird im Tode geheilt ... das heilt der Tod ...mors medetur, nicht wahr, das kann man sagen?

Und siehst du, das ist das größte: die Stunde Lust, die ich auf diesem Maskenball des Lebens vielleicht noch finden kann, die dank ich ihr – aber wenn mir das Treiben zuwider wird, dann dank ich ihr den Schlüssel zur Ausgangstür.“

„Ja,“ sagte Peterchen ein wenig bitter, „einen sechsläufigen Revolver!“

„Oh,“ sagte Mette, „mehr als das: damit allein ist es nicht getan. Weißt du nicht, was die kleine Seejungfer sich wünschte, um was sie sich die Zunge herausschneiden ließ, um was sie bei jedem Schritt tausendfältige Schmerzen litt, was nur eine große, große Liebe ihr geben konnte? Mir hat es Olga gegeben. Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht, um allen Möglichkeiten der verhüllten Zukunft mit unzerstörbarer Ruhe entgegenzugehen: einen sechsläufigen Revolver ...undeine unsterbliche Seele!“


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