Einmalwar Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut. Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah, als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein können, wenn es nicht in jenem Sommer war?

Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.

Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten Brettern. Und vonder Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.

Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.

Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.

Dann kam das grüne.

Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.

Dann war ein goldgelbes.

Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte, wenn die Erzengel in die Posaunestießen, wenn Teufel mit Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich auftaten.

Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so brennend mit tiefpurpurnen Wolken.

Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen. Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.

Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater,das Majorat ging auf den Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.

Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit Tante Emilie aufzunehmen.

Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben – um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.

Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des Hauses.

Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was „Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen, hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine Schule schickte.

Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.

Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.

Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der „ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand, dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.

Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.

Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.

Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mitsolchem Haar verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger gut.

Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.

Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.

Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war. Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – aneinemunangenehmen genug.

Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen Händen das Haar aus derStirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und „Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.

Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie, und wenn es um ihr Leben ging, nicht.

Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie: „Ja.“

Und das Fräulein kam.

Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich schweigend.

In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen Liebe.

Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück anfängt.

Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.

Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein plötzlich in den Weg warf;den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.

Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden Worten aus.

Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette, jetzt überall lästig und im Wege war.

Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem „Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)

Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht hinein, solange der Besuch dawar, und der Besuch dachte nicht daran, wegzugehen.

Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.

Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an, sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.

Das war zuviel für Mette.

Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu trösten.

Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette alle Qualen der Hölle.

Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als sie merkte,daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz hinzugeben und sich trösten zu lassen.

Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.

Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel in die Kissen und schrie:

„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet mich!“

Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst, daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder war.

Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte, ihn zu ermorden.

Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren nicht das Schlimmste. DasSchlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde.

Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.

Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine maßlose Wut auf sie hatte.

Wenn Mette hätte zeigen können, wie es in ihr aussah, so hätte sie geweint und gesagt: „Ich liebe dich, und ich bin eifersüchtig, doppelt eifersüchtig, weil deine Liebe einem Mann gehört, der dich quält, und den zu verachten du vorgibst. Ich leide, daß ich einen Menschen lieben muß, der so wenig Stolz und Charakter besitzt.“

Wenn die kleine Mette ihre unklaren Gefühle in Worten hätte ausdrücken können, so würden diese Worte ungefähr so gelautet haben.

Wer von uns, die wir reife und kluge Menschen sein wollen, die wir gelernt haben, die Worte zu wählen, zu wägen, zu setzen, vermag das auszusprechen,was er empfindet? Selten wollen wir es tun. Und die wenigen Male, die wir uns bemühen, können wir es nicht und werden mißverstanden.

Mette wollte es nicht und konnte es nicht. Sie verlangte Liebe. Aber die konnte sie nicht erbetteln, da beanspruchte sie ihr Recht.

Haben nicht ältere und vernünftigere Leute manchmal so gehandelt?

Mette ging hinein in das Zimmer, inihrZimmer, das sie nicht betreten durfte, solange der verhaßte „Kerl“ dasaß. (Mette nannte ihn so in Gedanken, und das war kein Wunder, sie hatte ihn zu oft so nennen hören, wenn das Fräulein in Wut war.) Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, sie reckte den Kopf sehr hoch und setzte die schmalen Füße sehr fest auf.

Sie legte die Bücher und Hefte auf den Tisch, klappte den Deckel vom Tintenfaß auf, tat, als ob sie nach der Uhr sähe (sie tat so; denn in Wirklichkeit wurde es ihr schwer, die richtige Zeit festzustellen, so klein war sie noch) und sagte:

„Ich habe jetzt Stunde!“

Der „Kerl“ grinste höhnisch und empfahl sich. Das Fräulein fauchte sie an, wie sie sich unterstehen könne ...?

Mette bemühte sich, etwas sehr Häßliches zu sagen. Und es gelang ihr.

„Bloß, daß der ‚Kerl‘ hier immerfort sitzt, dafür bezahlt Sie mein Vater nicht!“ sagte sie.

Das Fräulein wollte sie schlagen. Aber sie schrak zurück vor dem drohenden Ernst in dem blassen Kindergesicht.

Niemals hat jemand gewagt, Mette Rudloff zu schlagen, obgleich vielleicht manch einer die Lust dazu verspürte.

Das Fräulein packte sie am Arm und rüttelte sie. So fest packte sie, daß noch nach Tagen der Abdruck ihrer Finger in bläulichen Flecken auf der zarten Haut zu sehen war.

Es geschah nicht einmal, es geschah hundertmal, daß Mette blaue Flecken am Arm hatte, oder Striemen über der Schulter, oder Kratzwunden an den Händen.

Wenn sie sich hätte beklagen wollen, so wäre ihr Hilfe sicher gewesen. Wenn sie einmal Tante Emilien die Spuren einer solchen Szene gezeigt hätte, statt sie angstvoll zu verbergen, so wäre die „Person“ geflogen. Das wußte Mette, aber das wollte sie nicht. Darum mußte sie diesen Kampf ganz allein auskämpfen.

Als die Eggebrecht einsah, daß das Kind ihr überlegen war, änderte sie ihre Taktik. Es ging nicht mehr an, Mette als Feindin zu behandeln, darum wurde sie zur Vertrauten gemacht. In Mettes kleines verschwiegenes Herz wurde alles ausgeschüttet, alle Freudenund Kümmernisse dieses Verhältnisses und eine ganze Masse Unrat dazu.

Mette mußte Horchposten stehen, Mette mußte Briefe befördern und Telephongespräche führen, und Mette wurde mit Liebkosungen und Süßigkeiten überschüttet.

Vielleicht hätte ein anderes Kind sich in diesem Zustand sehr wohl befunden. Mette fuhr fort zu leiden.

Es lag wohl auch daran, daß ihr der Mann so widerwärtig war. Wenn es jemand gewesen wäre, der ihr gefallen hätte, hätte sie sich vielleicht eher in die Sachlage gefunden.

Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen und Eiden alles versprochen.

„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich will nur noch für dich leben!“

Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.

Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten begegnete, dann war alles wieder vergessen.

Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.

Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte, ganz und ungeteilt zu besitzen.

Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte Mette weiter keinen Nutzen.

Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war derart, daß er allen Ernstes erschrak.

Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreiesDictégeschrieben,verba irregulariaauswendig gelernt und Schillers Don Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.

Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.

Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.

Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.

„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“ stieß.

Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.

Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich, oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.

Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette lernen.

Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst über den Büchern saß.

Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde: „Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu antworten: „Von Fräulein!“

Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es war einIrrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...

Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.

Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen, weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.

Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner fehlte.

Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich beloben zu lassen.

Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.

Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne, aber merkwürdige Einrichtung.

Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Man begriff es doch nicht.

Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte es wieder zurück in den Schrank.

Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde von Zeitzu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden mußte, machte einen Heidenspaß.

Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.

Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.

Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher Schrift stand:

Inhalt:Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.Usw. usw.

Inhalt:

Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.

Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.

Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.

Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.

Usw. usw.

Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.

Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.

Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank. Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig hochmütig:

„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es nur verliehen!“ –

Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der anderen nicht berechtigt war.

Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“ und zum Juden trage.

Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.

Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogarein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr anstellte.

Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie „idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte sie an, zu schweigen.

Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte, so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie gewollt hätte.

Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.

Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und Einsamkeit.

Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut undschön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?

Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben, leidet ein Dritter.

Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.

Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.

Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.

Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder nicht zu leiden haben. – – –


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