Der in Upsala einfahrende Dampfer ist an der Domkirche vorbeigekommen; Universität und Bibliothek treten hervor. — Jetzt beginnt das eigentliche Steinwerfen! ruft ein Kamerad aus, einen Ausdruck von den Straßenunruhen von 1864 gebrauchend. — Das eigentliche! Die fröhliche Stimmung, die nach dem Frühstück und dem Punsch geherrscht hat, legt sich; man fühlt, es ist Ernst in der Luft und der Kampf wird beginnen. Man verspricht einander nicht ewige Freundschaft, versichert sich nicht gegenseitig der Hilfe. Die Jugend ist aus dem Rausch der Romantik erwacht. Man weiß, bei der Landung scheidet man voneinander; neue Interessen werden die Schar zerstreuen, die das Klassenzimmer bisher zusammengehalten hat; der Wettstreit wird Bande zerreißen; alles wird vergessen werden. Das eigentliche Steinwerfen wird beginnen.
Johan mietete mit dem Freunde Fritz zusammen ein Zimmer in der Klostergasse. Darin waren zwei Betten, zwei Tische, zwei Stühle und ein Schrank. Es kostete dreißig Kronen fürs Vierteljahr, also fünfzehn Kronen für jeden. Das Mittagessen wurde von der Aufwärterin geholt und kostete zwölf Kronen im Monat, also sechs Kronen für jeden. Morgens und abends wurden ein Glas Milch und ein Butterbrot verzehrt. Das war alles. Holz kaufte man von einem Bauern auf dem Markt, für vier Kronen eine Bauernklafter. Dann erhielt Johan einen Glasballon mit Petroleum von Haus als Geschenk; auch durfte er seine Wäsche nach Stockholm schicken. Er hatte achtzig Kronen in seiner Tischschublade; damit sollte er alle Ausgaben des Vierteljahrs bestreiten.
In eine neue eigentümliche Gesellschaft, die von jeder andern verschieden war, trat er jetzt ein. Sie hatte Vorrechte wie das alte Herrenhaus und eigenen Gerichtsstand. Aber es war eine Kleinstadt; es roch nach Bauern. Alle Professoren waren Bauern, kein einziger Stockholmer. Häuser und Straßen waren die einer typischen Kleinstadt. Und hierher war das Hauptquartier der Bildung verlegt, infolge einer Inkonsequenz der Regierung, die doch ganz sicher die Hauptstädte für die großen Mittelpunkte der Bildung hielt.
Man war Student und als solcher Oberklasse in der Stadt, deren Bürger mit dem verächtlichen Namen „Philister‟ bezeichnet wurden. Der Student stand noch außer und über dem bürgerlichen Gesetz. Fenster einschlagen, Zäune niederbrechen, mit der Polizei raufen, den Straßenfrieden stören, ins Eigentumsrecht eingreifen — war erlaubt, denn es wurde nicht bestraft; höchstens mit einem Verweis, da der alte Karzer im Schlosse nicht mehr benutzt wurde. Ja, man genügte sogar seiner Militärpflicht in eigener Uniform, die Vorrechte genoß. So wurde man planmäßig zum Aristokraten erzogen, bildete einen neuen Herrenstand, nachdem das Herrenhaus gestürzt war. Was für den „Philister‟ ein Verbrechen, war für den Studenten Spiel und Ulk. Auch befand sich der Studentengeist jetzt auf seiner höchsten Höhe infolge einer Sängerfahrt nach Paris. Die studentischen Sänger hatten dort Glück gehabt und wurden bei ihrer Heimkehr als Sieger und Triumphatoren begrüßt.
Johan wollte jetzt auf den Doktor arbeiten, besaß aber kein Buch. — Im ersten Semester muß man sich orientieren, hieß es. Er ging in die Landsmannschaft. Die Landsmannschaft war ein veralteter Überrest der landschaftlichen Verfassung; und zwar so veraltet, daß die annektierten Provinzen Schonen, Halland, Blekinge nicht unter den Landsmannschaften vertreten waren.
Die Landsmannschaft war wie eine wohlgeordnete Gesellschaft in Klassen geteilt, jedoch nicht nach Fähigkeiten, sondern nach Alter und gewissen verdächtigen Verdiensten; und noch stand im Verzeichnis das Wort „Nobilis‟ hinter den Namen der Adeligen. Auf viele Arten konnte man sich in der Landsmannschaft zur Geltung bringen: durch adeligen Namen, Beziehungen, Verwandtschaft, Geld, Talent, Kühnheit, Geschmeidigkeit. Das letzte allein genügte jedoch nicht gegenüber so skeptischen und verständigen jungen Herren.
Am ersten Abend, den er in der Landsmannschaft verbrachte, machte Johan seine Erfahrungen. Alte Kameraden aus der Klaraschule waren in Menge zu treffen; denen wich er aber am liebsten aus und sie ihm. Er hatte die Fahne verlassen und einen Richtweg über die Privatlehranstalt eingeschlagen, während sie ihren Trott durch die staatliche Schule weiter getrabt waren. Nach seinem Eindruck waren sie alle zu korrekt und etwas verkümmert. Fritz dagegen stürzte sich sofort unter die Aristokraten, ließ sich vorstellen, schloß mit Leichtigkeit Bekanntschaften, fühlte sich wohl.
Als sie in der Nacht heimgingen, fragte Johan, wer der Snob sei, der eine Sammetjacke getragen und auf dessen Benoitonkragen[3]Steigbügel gemalt waren. Fritz antwortete, es sei kein Snob; und es sei kleinlich, Leute nach feinen Kleidern zu beurteilen; ebenso kleinlich, wie sie nach schlechten zu beurteilen. Das verstand Johan mit seinen Begriffen aus der Unterklasse nicht und blieb bei seiner Auffassung. Fritz beteuerte, es sei ein überaus netter Mensch; auch sei er Ältester in der Landsmannschaft. Um Johan zu necken, fügte Fritz hinzu, dieser „Snob‟ habe seine Anerkennung über Art und Betragen der Neulinge ausgesprochen; sie besitzen Haltung, habe er gesagt. „Früher sahen die Stockholmer wie Gesellen aus, wenn sie hierher kamen.‟ Johan wurde von dieser Mitteilung verletzt und fühlte, etwas war zwischen sie gekommen. Fritzens Vater war zwar nur Müllerknecht gewesen, aber seine Mutter von adeliger Geburt. Er hatte von seiner Mutter geerbt, was Johan von seiner geerbt.
Die Tage vergingen. Fritz zog jeden Morgen seinen Frack an und ging, um den Professoren den Hof zu machen; er wollte Jurist werden. Da konnte man Karriere machen! Die Juristen allein konnten sich solche Kenntnisseerwerben, die für das öffentliche Leben von Nutzen waren; sie allein konnten in die Organisation der Gesellschaft hineinsehen, mit Handel und Wandel des täglichen Lebens in Kontakt treten. Das waren die Realisten.
Johan hatte keinen Frack, keine Bücher, keine Bekannte.
— Nimm doch meinen Frack, sagte Fritz.
— Nein, ich will mich nicht lieb Kind bei den Professoren machen, sagte Johan.
— Du bist dumm, sagte Fritz.
Da hatte er nicht ganz unrecht. Die Professoren gaben wirklich Auskunft über den Lehrgang, wenn auch unbestimmte. Es war eine Art Hochmut bei Johan, daß er nur der eignen Arbeit sein Fortkommen danken wollte. Was schlimmer war, er hielt es für schimpflich, als Kriecher durchschaut zu werden. Würde nicht ein alter Professor sofort wissen, daß Johan vor ihm kroch? Daß Johan ihn benutzen wollte? Sich Vorgesetzten unterordnen, war nämlich gleichbedeutend mit kriechen.
Alles war übrigens recht unbestimmt. Die Universität, die dem Jüngling als die Hochschule der freien Forschung vor Augen geschwebt hatte, war im Grunde nur eine Prüfungsanstalt; eine Schule mit Pensum und Überhören; nach den Aufgaben aber mußte man Kameraden fragen, denn die Professoren wollten es nicht wahr haben, daß es Aufgaben waren. Sie hielten Vorlesungen des Aussehens halber oder des Gehaltes wegen, und ohne Seminar (Privatstunden) war kein Examen möglich.
Johan beschloß, Vorlesungen zu besuchen, die nichts kosteten. Er ging also in die Universität, um Geschichte der Philosophie zu hören. In der dreiviertel Stunde, welche die Vorlesung dauerte, nahm der Professor die Einleitung zur Ethik des Aristoteles durch. Las er drei Male in der Woche, hätte er also vierzig Jahre gebraucht, um die Geschichte der Philosophie durchzunehmen. Vierzig Jahre, dachte Johan, das dauert zu lange für mich: also ging er nicht mehr hin.
Aber so war es überall. Ein Dozent las über Shakespeares „Heinrich VIII.‟. Er erklärte ihn auf englisch vor einem Publikum von fünf Personen. Johan hörte einige Male zu; merkte aber, daß es zehn Jahre dauernwürde, bis der Dozent mit „Heinrich VIII.‟ zu Ende käme.
Es begann ihm jetzt ein Licht aufzugehen, was beim Examen verlangt zu werden pflegte. Das erste war, öffentlich einen lateinischen Aufsatz zu schreiben. Also noch mehr Latein. Das war ihm zuwider. Als Hauptfächer hatte er Ästhetik und lebende Sprachen ausersehen. Aber die Ästhetik umfaßte die Geschichte der Architektur, Skulptur, Malerei, Literatur; dazu die ästhetischen Systeme. Um das alles zu durchdringen, dazu gehörte ein Leben. Lebende Sprachen waren Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch; dazu vergleichende Sprachwissenschaft. Woher sollte er die Bücher nehmen? Und er hatte kein Geld, um Kollegs zu belegen!
Er machte sich indessen an die Ästhetik. Hatte erfahren, daß man auf der Landsmannschaft Bücher leihen könne; so lieh er sich die Teile von Atterboms „Sehern und Dichtern‟, die zufällig vorhanden waren. Sie handelten leider nur über Swedenborg und enthielten Thorilds Briefe. — Ja, aber das sollte man doch wohl um Himmels willen nicht auswendig lernen? Darauf konnte niemand antworten. Swedenborg kam ihm albern vor, und Thorilds Briefe an Per Tamm gingen ihn nichts an.
Swedenborg und Thorild waren zwei echte Schweden, die im Lande der Einsamkeit von der Krankheit der Einsamkeit, dem „Größenwahn‟, ergriffen wurden. Die Krankheit ist in Schweden gerade wegen der abgesonderten Lage und der über eine große Fläche verteilten kleinen Volksmenge recht gewöhnlich und oft ausgebrochen: in Gustav Adolfs Kaiserplänen, Karls X. Ideen von einer europäischen Großmacht, Karls XII. Attilaprojekt, Rudbecks Atlantikamanie; zuletzt in Swedenborgs und Thorilds Phantasien vom Stürmen des Himmels und vom Brande der Welt. Johan kamen sie verrückt vor, und er warf das Buch fort. Und das sollte man lernen?
Er dachte über seine Lage nach. Was sollte er in Upsala tun? Mit achtzig Kronen in sechs Jahren den Doktor machen? Und dann? Darüber hinaus dachte er nicht. Keine größeren Zukunftspläne, keine ehrgeizigeren Träume als: den Doktor machen. Lorbeerkranz, Doktorhut, und dann bis an sein selig Ende Lehrer an der Jakobischule. Nein, das wollte er doch nicht!
Die Zeit verging und die Weihnacht nahte. Das Geld schmolz langsam aber sicher in der Tischschublade. Und dann? Eine Hauslehrerstelle fanden die Studenten nicht mehr so leicht, seit die Eisenbahnen die Verbindung zwischen dem Lande und den Städten, wo es Schulen und Gymnasien gab, verbessert hatten. Es war ein Wahnsinn von ihm gewesen, die Universität zu beziehen.
Als keine Bücher mehr zu haben waren, begann er sich bei den Kameraden umherzutreiben. Er entdeckte Leidensgenossen. Traf zwei, die das ganze Semester Schach gespielt hatten und nicht mehr als ein Gesangbuch besaßen, das die Mutter ihnen in den Koffer gesteckt. Sie stellten sich auch die Frage: Was habe ich hier eigentlich zu schaffen? Das Examen kam nicht zu einem, sondern man mußte die geheimen Wege aufsuchen, Pedelle mit Kolleggeldern bestechen, durch Löcher kriechen, für Bücher Schulden machen, sich in Vorlesungen sehen lassen: oh, es war soviel, soviel!
Um die Zeit auszufüllen, lernte er im Sextett der Landsmannschaft das B-Kornett blasen; dazu hatte Fritz ihn beredet, der die Tenorposaune blies. Aber die Übungen wurden unregelmäßig abgehalten und stifteten Zwietracht im Haushalt.
Johan spielte auch Brett. Fritz aber haßte das Spiel; darum wanderte Johan mit dem Brettspielkasten bei Bekannten umher und spielte mit ihnen. Das war ziemlich stumpfsinnig; ebenso stumpfsinnig wie Swedenborg lesen, meinte er.
— Warum studierst du nicht? fragte Fritz oft.
— Ich habe keine Bücher, antwortete Johan.
Das war wirklich ein Grund.
Freiheit, die hatte er wenigstens, Freiheit von Glockenschlag und Überwachung; sie wurde aber drückend empfunden. Wenn es Lehrer und Schulbücher gegeben hätte, wäre es besser gewesen, und mancher jungeMann wäre nicht verloren gegangen. Die Freiheit wurde nur wie ein leerer Raum empfunden, den die, welche nicht das Geld hatten, um sich in der Arbeit des Universitätslebens heimisch zu machen, unmöglich ausfüllen konnten. Die aufgedrungene Faulheit war unerträglich; wäre es mit seiner Ehre vereinbar gewesen, Johan wäre umgekehrt.
Kneipen konnte er nicht besuchen, weil er kein Geld hatte. In „Bierstuben‟ schlüpfte er mit hinein; sah dort schlimme Dinge. Junge Leute standen hintereinander, saßen auf Tischen und Kommoden herum und tranken Bier, während sie abwarteten, bis sie an die Reihe kamen. Einmal sah er, wie ein Weib, das schon fünfzig Jahre alt war, Jünglinge empfing; ein andermal, wie sich ein Ehemann nach der Wand drehte, während seine Frau empfing; dabei saßen Studenten auf dem Bettrand und hielten das Licht. Die vielen andern, die nicht dazu gelangen konnten, erschöpften ihre Manneskraft durch Gewalttätigkeiten. So hatten einige eines Nachts einen Balken von fünfzehn Ellen genommen und damit ein Holzhaus zu demolieren versucht. Es war vollständiger Wahnsinn.
Es jammern heute so viele über das harte Schicksal der Prostituierten, weil sie glauben, Not und Verführung sind die einzigen Ursachen. Johan fand dagegen während seines langen Junggesellenlebens kein einziges Freudenmädchen, das sentimental gewesen oder sein Leben hätte ändern wollen. Sie hatten es aus Geschmack gewählt, befanden sich wohl dabei, waren alle vergnügt. Es waren beinahe alle Dienstmädchen, die ihre Stellungen verlassen hatten, weil die ihnen zu langweilig waren. Von dem Verführer sprachen sie nie anders als von dem Ersten; und einer mußte doch der Erste sein. Daß sie untersucht wurden, war ihnen natürlich nicht angenehm; aber der Rekrut wird auch untersucht. Um wieviel berechtigter ist da nicht die hygienische Maßregel bei den Frauen, welche die Krankheit verschulden; was die Männer nicht tun.
Allgemein und offen beklagte man sich darüber, daß der nächtliche Schlaf durch Phantasien gestört wurde;und die verlorene Kraft ersetzte man durch Punsch und Grog. Johan lebte äußerst nüchtern; zu Mittag wurde nur Wasser getrunken; wenn er und Fritz am Sonntag ihre halbe Flasche Bier nahmen, wurden sie halb berauscht, blieben bei Tisch sitzen und erzählten einander zum hundertsten Male gemeinsame Abenteuer aus der Schulzeit.
Ein kleines Ereignis von ungewöhnlicher Beschaffenheit veranlaßte Johan, seine Erfahrung auf einem Gebiet zu bereichern, das beinahe luftdicht verschlossen ist. Es ist aber an der Zeit, es zu öffnen, damit man die Frage erörtern kann. Eines Morgens im Anfang des Semesters erhielten Johan und Fritz eine Visitenkarte mit der Einladung, den Freund von X., Legationssekretär der ...schen Gesandtschaft zu Stockholm, im Gasthaus zu besuchen.
— Ist der hier? sagte Fritz. Dann gibt es ein feines Mittagessen!
— Erinnerst du dich nicht, daß er uns zu besuchen versprach, wenn er nach Upsala käme?
— Ich glaubte, das hätte er vergessen.
Wie die feine Bekanntschaft geschlossen wurde? Im Sommer nach der Studentenprüfung war Johan mit seinem Kreise in dem vornehmen Restaurant Hasselbacken (Haselhöhe) im Stockholmer Tiergarten gewesen. Dort wurden sie dem Legationssekretär von X. vorgestellt, der sich zu ihnen gesetzt hatte. Es war ein älterer Mann mit seimigen Augen, dessen Wesen aber recht gemütlich, herablassend war. Er trank mit den jungen Leuten, von denen einige ihn aus den Gesellschaften beim Kammerherrn kannten, Brüderschaft.
Man trank mehr, als man vertrug, und Herr von X. mußte aufbrechen. Er nahm eine Droschke; Johan und Fritz begleiteten ihn. Unterwegs tauschte sich Herr von X. eine Studentenmütze ein, die er sich aufsetzte; das erregte allgemeine Aufmerksamkeit unter den Leuten auf der Straße. Schließlich sagt von X.:
— Kommt zu mir hinauf und trinkt ein Glas Champagner.
Johan nimmt dankend an, Fritz aber blinzelt mit den Augen und sagt nein.
— Wir sind eingeladen, sagt er, und müssen erst nach Hause gehen, um uns umzuziehen.
Johan macht Augen, aber Fritz tritt ihn auf den Fuß.
— Wo wohnt ihr denn? Ich werde euch nach Hause bringen, sagt von X.
— Brunkebergsmarkt Nummer 11, lügt Fritz.
Johan begriff nichts.
Die Droschke hält am Brunkeberg, und Fritz zieht Johan in den Torweg.
— Was soll das bedeuten? fragt Johan.
— Ach, das ist ein altes Schwein, sagte Fritz, und ich wollte ihn loswerden.
Johan kam das etwas mystisch vor; doch wurde die Sache vergessen. Jetzt wurde sie wieder hervorgeholt. Sie gingen ins Hotel, wo sie einen Kameraden des alten Kreises trafen, der auch geladen war.
Man fuhr nach den Hügeln vor Upsala hinaus. In einem Buche stehen dort noch ihre Namen eingeschrieben: eine zweideutige Erinnerung an eine etwas schlecht gewählte Gesellschaft. Die Kameraden sind jetzt (1886) tot, der feine Herr des Landes verwiesen, wie man sagt; allein Johan ist noch etwas am Leben.
Man kehrte nach der Stadt zurück, um zu Mittag zu speisen, in einem innern Zimmer des Restaurants. Champagner wurde auf Eis gelegt; das Beste, was es gab, bestellt. Beim Champagner wurden Reden gehalten; politische von den Jünglingen. Aber der alte Herr lächelte und teilte Indiskretionen mit, von Kabinettsgeheimnissen, wie er behauptete. Das war etwas Besonderes, Reichsgeheimnisse aus erster Hand zu erhalten.
Jetzt will Herr von X. die Tür zum öffentlichen Saal schließen; das wird ihm jedoch untersagt. Studenten kommen und essen ihre halben Portionen, während sie nach der lustigen Gesellschaft schielen. Man ist berauscht und auf das Kapitel von ewiger Freundschaftgekommen; will den Freund besuchen, wenn man ins Ausland reist; und so weiter. Herr von X. umarmt und küßt sie auf die Backe; wie er behauptet, nach der Sitte seines Landes.
Man bricht auf und geht ins „Flugloch‟, um Kaffee zu trinken. Herr von X. will hineingehen; die Jünglinge aber wollen ihre feine Bekanntschaft zeigen und deshalb draußen sitzen. Dabei bleibt es.
Jetzt scharen sich adelige Studenten um ihren Tisch, begrüßen Herrn von X. als Bekannten, aber in scherzhafter Weise und lachen über seine Gesellschaft.
— Worüber lachen die? sagt Johan.
— Wir sind natürlich bezecht.
Es wird Abend, und von X. will mit dem Zuge abreisen. Die Kameraden begleiten ihn zum Bahnhof. Fritz und Johan bleiben auf dem Bahnsteig stehen, aber ein anderer folgt ihm in den Wagen. Er kommt rücklings wieder heraus und wirft die Tür zu, indem er schreit: Geh zur Hölle!
— Das Aas wollte mich auf den Mund küssen! sagt er noch zitternd und zieht die Kameraden mit sich durch die Volksmenge.
— Was war das?
— Das war seine Art, meint Fritz.
— Nein, das ist ein Teufel, sagt der andere.
— Hat er uns zum besten gehabt? fragt Johan. Deshalb lachten sie so im „Flugloch‟.
Man kam zu keinem Ergebnis, fühlte sich aber betrogen und unbefriedigt.
Was war das? Es war die Geschichte von dem „Alten Herrn‟, die jeder Jüngling wohl einmal erlebt hat. Johan erinnerte sich jetzt, daß beim Küster in Vidala eine geheimnisvolle Geschichte erzählt wurde, von einem Jungen, der von einem „alten Herrn‟ eine goldene Uhr und soviel Geld, wie er wollte, bekam. Warum? Das wußte der Gewährsmann nicht.
Das Semester kroch dahin, unerträglich langsam, ohne Ergebnis, entnervend. Johan fühlte: bis hierherhatte er sich als Unterklasse durchschlagen können, weiter aber nicht. Jetzt scheiterten seine Pläne an einer Geldfrage. Oder war er dieses einseitigen Gehirnlebens ohne Muskelarbeit müde? Kleine Erfahrungen, auf die er hätte gefaßt sein müssen, taten das Ihrige, um ihn zu verbittern.
Eines Tages brachte Fritz einen jungen Grafen mit nach Haus. Fritz stellte die Herren einander vor. Der Graf suchte sich zu erinnern, daß sie in der Klaraschule Kameraden gewesen seien. Johan glaubte sich auch daran zu erinnern. Die alten Freunde und Nebenmänner titulierten einander Herr Graf und Herr.
Jetzt erinnerte sich Johan, wie er und der junge Graf in einer Tabakscheune am Sabbatsberg gespielt hatten; wie Johan damals bei einer Gelegenheit vorhergesagt: „In einigen Jahren, mein Lieber, kennen wir uns nicht mehr‟. Der Graf hatte lebhaft widersprochen und sich verletzt gefühlt.
Warum dachte Johan gerade jetzt an diesen Fall und nicht an so viele andere, da es ja ganz natürlich ist, daß man einander entwächst, wenn man lange nicht miteinander verkehrt hat? Weil er beim Anblick des Adeligen das Sklavenblut kochen fühlte. Man hat geglaubt, der Rassenunterschied habe diesen Haß erzeugt. Das kann aber nicht stimmen; dann würde sich die stärkere Rasse der Unterklasse der schwächeren des Adels überlegen fühlen. Es ist wohl ganz einfach Klassenhaß.
Der Graf war ein blasser magerer Jüngling, mit recht gewöhnlichen Zügen, ohne Haltung; war recht arm und sah aus, als habe er gehungert. Er hatte einen guten Kopf, war fleißig und durchaus nicht übermütig. Später im Leben wurde er noch einmal Johan vorgestellt; da war er ein freundlicher humaner Mann, der eine anspruchslose und stille Beamtenlaufbahn eingeschlagen hatte, unter Schwierigkeiten, die denen Johans glichen. Warum sollte er den hassen? Und sie lächelten zusammen über den Unverstand der Jugend. Sie konnten damals lächeln, denn Johan war gerade, was man „oben‟ nennt; sonst würde Johan wenigstens nicht gelächelt haben.
„Steh auf, damit ich mich setzen kann,‟ so hat man mehr boshaft als aufklärend das heutige Streben der unteren Klasse formuliert. Aber man hat sich geirrt. Früher rieb man sich auf, um zu den andern emporzukommen; jetzt will man die andern herunterziehen, um nicht mit vieler Mühe nach oben klettern zu müssen, wo es kein oben gibt.
„Rück etwas, dann können wir beide sitzen,‟ müßte es eigentlich heißen. Man hat gesagt, die jetzt oben sind, sind aus Notwendigkeit dahin gekommen und würden unter allen Umständen dort sitzen; der Wettbewerb sei frei; jeder könne hinaufkommen; und unter neuen Verhältnissen werde der gleiche Wettlauf von neuem beginnen.
Gut, laß uns denn den Wettlauf von neuem beginnen; aber komm her und stell dich hier unten auf, wo ich stehe, sagt die Unterklasse. Jetzt hast du einen Vorsprung durch Kapital und Vorrechte; auch müssen wir mit Wagengeschirr oder englischem Reitsattel gewogen werden, nach den Forderungen der neueren Zeit. Daß du vorgekommen bist, beruht darauf, daß du gemogelt hast! Das Wettrennen wird daher für ungültig erklärt, und wir fangen von neuem an; falls wir uns nicht einigen, das ganze Wettrennen zu lassen, als einen veralteten Sport vergangener Zeiten!
Fritz sah die Sache von einem andern Gesichtspunkt. Er wollte die Oberen nicht in den Rock beißen, er wollte sich ihnen anpassen, zu ihnen hinaufsteigen, ihnen ähnlich werden. Er fing an zu lispeln, machte elegante Gebärden mit der Hand, grüßte wie ein Minister; warf den Kopf, als ob er Zinsen beziehe. Aber er hütete sich, lächerlich zu werden und ironisierte sich selbst und sein Streben. Die Sache verhielt sich nun so, daß die Aristokraten, denen er gleichen wollte, einfache, ungekünstelte, sichere Manieren hatten, einige sogar recht bürgerliche, während Fritz nach einem alten Theatermodell arbeitete, das nicht mehr vorhanden war. Er wurde darum auch im Leben nicht, was er erwartet hatte, trotzdem er manchen Sommer auf den Schlössern seiner Freunde verbrachte. Er endete auf einem rechtbescheidenen Posten als Beamter. Als Student wurde er ins Fremdenzimmer aufgenommen, weiter kam er nicht; und der Amtsrichter wurde nicht vorgestellt in den Salons, in die der Student gekommen war, ohne vorgestellt zu sein.
Die Wirkungen des verschiedenartigen Verkehrs begannen sich zu zeigen. Zuerst Kälte, dann Feindschaft. Eines Nachts am Spieltisch kam es zum Ausbruch.
Fritz hatte eines Tages gegen Ende des Semesters zu Johan gesagt:
— Du mußt nicht mit solchen Duckmäusern verkehren!
— Was haben sie denn für einen Fehler?
— Keinen Fehler, aber du könntest mich lieber zu meinen Freunden begleiten.
— Wir gedeihen nicht zusammen!
— Sie gedeihen doch mit mir; aber sie glauben, du seist hochmütig!
— Ich?
— Ja! Um zu zeigen, daß du es nicht bist, komm heute abend mit zum Punsch.
Johan folgte ihm, aber widerstrebend.
Es waren sichere solide Juristen, die Karten spielten. Zuerst war es Préférence. Man erörterte den Point, und es gelang Johan, den auf ein Minimum herabzusetzen, obwohl die Herren saure Gesichter machten.
Dann wurde Tippen vorgeschlagen. Johan sagte, er spiele niemals Tippen.
— Aus Grundsatz? fragte man.
— Ja, antwortete er.
— Wann hast du diesen Grundsatz angenommen? fragte Fritz giftig.
— Jetzt!
— Eben? Hier?
— Ja, eben, hier! antwortete Johan.
Ein gehässiger Blick wurde gewechselt. Damit war es aus. Sie gingen schweigend heim; legten sich schweigend zu Bett; standen schweigend wieder auf. Sie aßen fünf Wochen lang mittags am selben Tisch, schweigend, und sie sprachen nicht mehr. Die Kluft hatte sich geöffnet, die Freundschaft war aus, der Verkehr war zu Ende, eine Beziehung zwischen ihnen war nicht mehr vorhanden.
Wie kam das?
Ihre entgegengesetzten Naturen waren fünf Jahre lang durch Gewohnheit, Klassenzimmer, Interesse zusammengehalten, von gemeinsamen Erinnerungen, Niederlagen, Siegen zueinander gezogen worden. Es war ein Kompromiß zwischen Feuer und Wasser, der aufhören mußte und jeden Augenblick aufhören konnte. Er platzte nun auch wie ein Schuß; die Masken fielen; sie wurden nicht Feinde, sondern entdeckten ganz einfach, daß sie geborene Feinde seien; das heißt, zwei verschieden geschaffene Naturen, die nach verschiedenen Richtungen strebten. Man stellte kein Konto auf unter Zänkereien und anzüglichen Beschuldigungen, sondern machte ein Ende, ohne daran zu denken. Es ging von selbst.
Es war ein unheimliches Schweigen oft am Mittagstisch, wo sich die Hände kreuzten, während die Blicke einander auswichen. Manchmal bewegten sich Fritzens Lippen, als wollten sie sprechen, aber der Kehlkopf arbeitete nicht. Was sollte man sagen? Sie hatten nichts zu sagen, nichts anderes, als das Schweigen sagt: zwischen uns ist es aus!
Und doch war noch etwas da! Bald konnte Fritz abends nach Haus kommen; aufgeräumt und sichtlich in der Absicht, zu sagen: komm mit und heitere dich auf, alter Freund; blieb aber mitten im Zimmer stehen, von Johans Kälte erstarrt, um dann wieder zu gehen. Bald überkam es Johan, der unter dem Bruche litt, zum Freunde zu sagen: wie dumm sind wir doch! Dann aber erfror er wieder, wenn er dessen weltmännische Art sah.
Sie hatten die Freundschaft dadurch verbraucht, daß sie zusammenzogen. Sie konnten einander auswendig; der eine kannte des andern Geheimnisse und Schwächen; wußte, was der andere auf seine Anrede antworten würde. Es war aus!
Eine elende, entnervende Zeit folgte. Losgerissen aus dem Zusammenleben der Schule, wo er wie der Teil einer Maschine gesessen und in gemeinsamer Arbeit mit den andern Teilen tätig gewesen, hörte er jetzt, sich selbst überlassen, auf zu leben. Ohne Bücher, Zeitungen, Verkehr wurde er leer; denn das Gehirn produziert sehr wenig, vielleicht nichts, und zum Kombinieren muß es Material von außen haben. Es kam aber nichts von außen, die Kanäle waren verstopft, die Wege abgeschnitten; seine Seele hungerte.
Zuweilen nahm er Fritzens Bücher und blickte hinein. Darunter fand er zum ersten Male Geijers Geschichte. Geijer war ein großer Name, war ihm nur bekannt durch die schlechten Gedichte: „Köhlerknabe, Letzter Kämpe, Wiking‟ und andere. Jetzt wollte Johan den Historiker lesen. Er las den Teil über Gustav Wasa. Er war erstaunt, weder einen großen Gesichtspunkt noch neue Aufschlüsse zu finden. Und der Stil, von dem man damals viel sprach, war alltäglich. Sie glich einer Gedächtnisrede, diese kurze Geschichte der Regierung eines so lange lebenden Königs. Und summarisch war sie auch, wie ein richtiges Lehrbuch. In kleiner Schrift und ohne Anmerkungen gedruckt, hätte die ganze Regierung dieses schöpferischen Königs nur eine Broschüre gebildet.
Johan fragte eines Tages die Kameraden, was sie von Geijer hielten. — Der ist jämmerlich, antworteten sie. — Das war damals die allgemeine Ansicht, als noch keine Jubiläums- und Denkmalsrücksichten einen daran hinderten, seine Meinung auszusprechen.
Dann warf er einen Blick in die Grundgesetze. Huh! Es war schauerlich, so etwas lernen zu müssen! Durch Elternhaus und Christentum hatte Johan einen solchen Unwillen gegen alles bekommen, was allgemeine Interessen betraf. Auch hatte er unaufhörlich den alten Satz gehört, die Jugend solle sich nicht mit Politik befassen, das heißt, mit dem allgemeinen Wohl. Durch den Individualismus des Christentums, mit dessen ewigem Wühlen im eigenen Ich und dessen Gebrechen, war er aus Konsequenz Egoist geworden. „Wenn jeder seineArbeit tut...‟, war ja das erste Gebot der christlichen Egoistenmoral. Darum las er auch nicht Zeitungen, kümmerte sich nicht darum, wer regierte und wer regiert wurde; was sich draußen in der Welt zutrug; wie sich die Schicksale der Völker gestalteten; was die großen Geister der Zeit dachten.
Darum kam es ihm auch nie in den Sinn, die Sitzungen der Landsmannschaften zu besuchen, auf denen allgemeine Angelegenheiten behandelt wurden. Das besorgen sie wohl allein, meinte er. Und er war nicht der einzige, der so dachte. So wurden die Sitzungen der Landsmannschaften von einigen flinken Kerlen geleitet, die vielleicht mit Unrecht für Egoisten galten, die das allgemeine Interesse für ihr eigenes benutzten. Johan, der die Angelegenheiten der kleinen Gesellschaft gehen ließ, wie sie gingen, war wohl ein größerer Egoist, da er sich mit den Privatangelegenheiten seiner Seele beschäftigte. Doch zu seiner Entschuldigung und zu der vieler Landsleute muß gesagt werden, daß er schüchtern war. Aber diese Schüchternheit hätte die Schule durch Übungen in öffentlichem Auftreten und Unterricht im Reden aufheben sollen. In der Schüchternheit lag doch auch Feigheit: die Furcht vor Widerspruch, Gelächter; am meisten aber fürchtete man, für frech gehalten zu werden; und jeder junge Mann, der sich hervortun wollte, wurde sofort geduckt, denn hier herrschte die Altersaristokratie in hohem Grade.
Wenn die Kammer ihm zu schwül wurde, ging er vor die Stadt. Aber die furchtbare Landschaft mit ihrem endlosen Lehmboden machte ihn traurig. Er war kein Bewohner der Ebene, sondern hatte seine Wurzeln in dem durchschnittenen Gelände und der von Wasserzügen belebten Natur der Stockholmer Gegend. Er litt unter der Landschaft von Upsala und hatte eine Art Heimweh nach seiner eignen Landschaft. Als er Weihnachten nach Hause kam und die lächelnden Strandkonturen der Brunnenbucht sah, wurde er bis zur Empfindsamkeit gerührt; sein Auge ruhte auf den weichen Laubwaldlinien des Hagaparkes, bis er seineSeele wieder gestimmt fühlte, nachdem sie lange unharmonisch gewesen. So abhängig war sein Nervenleben von der Umgebung.
Als eine kleinere Stadtgemeinde müßte die Kleinstadt Upsala ihn mehr angesprochen haben als die Großstadt, die er haßte. Wäre die Kleinstadt wirklich eine entwickelte Form des Dorfes, unter Beibehaltung der einfachen Mittel des Landes für Gesundheit und Wohlbefinden, mit Stücken der Landschaft zwischen den Häusern, so wäre sie vorzuziehen. Jetzt ist die Kleinstadt eine dürftige, anspruchsvolle Kopie des Irrtums der Großstadt: darum ist sie so widrig.
In Upsala war auch alles kleinstädtisch. Dieses unaufhörliche Erinnern an die Landsmannschaft: — Mein Name ist Peterson, Ostgote. — Ich heiße Andersson, Småländer. — Und dann der Rangneid zwischen den Landsmannschaften. Die Stockholmer hielten sich für die erste, wurden deshalb von den „Bauern‟ beneidet und verachtet. Welche war die erste? Darüber wurde viel gestritten. Große Männer hatten die Wermländer, in deren Saal Geijers Porträt hing, und die Småländer, die Tegnér und Linné besaßen, hervorgebracht. Die Stockholmer, die nur Bellman hatten, wurden „Rinnsteinjungens‟ genannt. Das war nicht sehr witzig, besonders da es von einem Studenten aus Kalmar kam; dem wurde denn auch mit der Frage geantwortet, ob es in Kalmar keine Rinnsteine gebe. Die Kalmarer hatten sich von den Småländern losgelöst und besaßen zwei Zimmer für sich. Besonders entwickelte sich der Lokalpatriotismus, wenn es sich darum handelte, die Vertreter der Studentenschaft zu wählen.
Auch wie sich die Professoren durch Zeitungsartikel und Pamphlete um die Beförderung zankten, das hatte etwas Klatschnestartiges an sich; dabei entschied der Kanzler der Universität, der in Stockholm saß, doch in letzter Hand, wer auf den Lehrstuhl berufen werden solle. Man sprach auch von sonderbaren Berufungen. Die Übergangenen wurden oft auf eigentümliche Art getröstet; so wurde einer, der Dozent der Ästhetik war,zum Kommerzienrat und Ritter des Nordsternordens ernannt.
Die Universität von Upsala hatte 1867 keinen einzigen hervorragenden Lehrer, der sich über die Menge erhoben hätte. Einige waren alt und geradezu heruntergekommene Grogonkels. Andere waren junge unerprobte Dilettanten, die durch ihre Frauen und Talentchen weitergekommen waren. Der einzige, der ein gewisses Ansehen genoß, war Swedelius. Mehr jedoch wegen seiner humanen gutmütigen Art und der Anekdoten, die er in Umlauf setzte, als wegen seines Geistes. Seine gelehrte Tätigkeit beschränkte sich darauf, Lehrbücher und Gedächtnisreden zu verfassen; beide in einem derben überschwedischen Tone; sie waren weder streng wissenschaftlich, noch verrieten sie selbständige Forschung.
Im großen ganzen war alles, was gelesen wurde, vom Ausland geholt, am meisten aus Deutschland. Die Lehrbücher der meisten Fächer waren in deutscher oder französischer Sprache verfaßt. In englischer dagegen selten, denn die konnte man nicht. Selbst der Professor der Literaturgeschichte konnte die englische Aussprache nicht; er begann seine Vorlesungen immer damit, daß er sich deswegen entschuldigte. Daß er die Sprache kenne, brauchte er nicht zu erklären, da man seine Übersetzungen englischer Dichtungen kannte. Aber warum lernt er nicht die Aussprache? fragten sich die Studenten. Die meisten Doktorschriften waren nur schlechte Bearbeitungen aus dem Deutschen; sogar Fälle direkter Übersetzung kamen vor und veranlaßten Skandale.
Das war jedoch für die Epoche nicht bezeichnend, denn eine schwedische Bildung gibt es ebensowenig wie eine belgische, eine schweizerische oder eine ungarische, trotzdem es einen Linné und einen Berzelius gab, von denen aber keiner in Schweden einen Nachfolger erhalten hat.
Johan litt unter dem Mangel an Unternehmungslust. Die Schule hatte ihm Arbeit in die Hände gegeben. DieUniversität überließ alles ihm selber. Mutlosigkeit und Trägheit ergriffen ihn. Gequält von dem Gedanken, was er anfangen solle, wenn dieses Vierteljahr zu Ende war, faßte er den Entschluß, eine Anstellung zu suchen, die ihm Brot geben könne.
Von einem Kameraden hatte er gehört, daß man Volksschullehrer auf dem Lande werden könne, ohne eine Prüfung bestanden zu haben; auf einer solchen Stelle könne man leben. Es war Johans Traum, auf dem Lande zu leben. Er hatte einen angeborenen Widerwillen gegen die Stadt, obwohl er in der Hauptstadt geboren war. Er konnte sich nicht in dieses Leben ohne Licht und Luft finden; nicht gedeihen auf diesen Straßen und Märkten. Die waren wie dazu gemacht, die äußeren Zeichen zu Markt zu bringen, die das Steigen oder Fallen auf der sinnlosen sozialen Skala angeben, auf der Nebensachen wie Kleider und Benehmen soviel bedeuten. Johan hatte die Kulturfeindschaft im Blut, fühlte sich immer als ein Produkt der Natur, das sich von dem organischen Zusammenhang mit der Erde nicht lösen lassen will. Er war eine wilde Pflanze, die vergebens mit ihren Wurzeln nach einer Metze Erde zwischen den Straßensteinen sucht; ein Tier, das sich nach dem Walde sehnt.
Es gibt einen Fisch, der auf Bäume klettert; der Aal kann aufs Land gehen, um das Erbsenfeld zu besuchen: beide aber kehren immer wieder ins Wasser zurück. Die Hühner sind schon so lange zu Haustieren gemacht, daß die Vorfahren ausgestorben sind, aber dennoch hat der Vogel die Gewohnheit behalten, auf einem Pflock zu schlafen. Das ist der Nachtzweig des Auerhuhns und Birkhuhns. Die Gänse werden unruhig im Herbst, denn ihr Blut erinnert sich daran, daß es Zugzeit ist. Besser steht es nicht um die Anpassung! Strebt immer zurück!
So ist es auch mit dem Menschen. Der Bewohner des Nordens hat sich nicht, die Gewohnheiten der Kultur beibehaltend, dem nördlichen Klima anpassen können; darum ist Lungenentzündung eine nordische Krankheit. Magen, Nerven, Gehirn, Haut können sichanpassen, aber die Lungen nicht. Der Eskimo dagegen, der auch ein Südländer ist, hat sich dem Eise angepaßt, mußte dabei aber die Kultur aufgeben. Und die Sehnsucht des Nordländers nach dem Süden? Was ist die anders als ein Streben, wieder in seine erste Umgebung zu kommen, in ein sonnigeres Land, an die Ufer des Ganges, wo die Wiege stand. Und des Kindes Widerwillen gegen Fleischnahrung, sein Verlangen nach Früchten, seine Neigung zum Klettern: lauter Zurückstreben! Darum ist die Kultur: leben in ewiger Spannung, in einem ewigen Kampfe gegen Rückgang. Durch die Erziehung wird die Uhr aufgezogen; ist aber die Feder nicht stark genug, so springt sie, und die ganze Maschinerie schnurrt ab, wieder zurück, bis Ruhe eintritt. Je größer die Kultur wird, desto größer die Spannung, und die statistischen Darstellungen des Wahnsinns zeigen immer mehr Ziffern in der Kolumne. Man kann gegen den Kulturstrom nicht anstreben, aber man kann sich aufs Land retten. Der Sozialismus, der jetzt (1886) kommt und die Oberklasse mit ihrem wertlosen „Höher‟, das einen verlockt, in die Höhe zu streben, abfieren will, ist eine Bewegung in zurückgehender gesunder Richtung. Die Spannung muß sich ja vermindern, wenn sich der Druck vermindert. Aber damit wird ein großer Teil Luxuskultur abgeschafft werden. In gewissen Gegenden der deutschen Schweiz hat sich bereits verhältnismäßige Ruhe eingefunden. Da jagt man nicht unruhig nach Ehrenstellen und Auszeichnungen, weil es die nicht gibt. Ein Millionär wohnt in einer größeren Hütte und lacht den geschnürten und geputzten Städter aus; lacht ein gutes Lachen und nicht neidisch bitter, denn er weiß, er könnte diesen Putz gegen bar kaufen, wenn er nur wollte. Aber er will nicht, denn seine Nachbarn schätzen den Luxus nicht.
Die Menschen können also glücklicher werden, wenn das Jagen nicht mehr so hitzig ist; und sie werden glücklicher werden, denn das Glück ist wohl hauptsächlich Friede, weniger Arbeit und weniger Luxus. Nicht die Eisenbahnen sind zu tadeln, sondern dasübermäßige Anlegen von Bahnen; in der arkadischen Schweiz hat man schon Gegenden mit Bahnen ruiniert, in denen nichts zu verfrachten ist und die Passagiere zu Fuß gehen. Ja, man zählt noch heute die Entfernungen nach der Fußwanderung. — Es sind acht Stunden nach Zürich, sagt man. — Acht? Das ist nicht möglich! — Doch, das ist sicher. — Auf der Bahn? — Ach so, auf der Bahn, da sind es wohl nur anderthalb.
In Schweden gibt es eine Bahn, die regelmäßig drei Passagiere in ihren drei Klassen hat: Fabrikbesitzer, Verwalter, Buchhalter. Vielleicht erleben wir's, daß man anfängt die Bahnhöfe zu schließen aus Mangel an Kohlen, wenn die Grubenstreiks die Preise erhöht haben; aus Mangel an Schaffnern, wenn die Löhne gestiegen sind; und aus Mangel an Frachten, wenn Hafer und Holz nicht mehr ausgeführt werden können. Das Eisen ist schon zu teuer, um die Bahn zu benutzen, und muß die alten Wasserstraßen aufsuchen.
Die Predigt gegen die Kultur hilft nicht; das weiß man wohl; wenn man aber die Bewegungen der Zeit verfolgt, wird man sehen, daß ein Rückgang zur Natur im Gange ist; wird bereits mit dem von Turgenjew eingeführten Wort „Vereinfachung‟ bezeichnet. Es ist der Irrtum der Evolutionisten, daß sie in allem, was sich in Evolution oder Bewegung befindet, einen Fortschritt zum Glück der Menschheit sehen; denn sie sehen nicht, daß sich eine Krankheit auch zur Krisis, Genesung oder Tod, entwickelt.
Welch loses Anhängsel ist doch die Kultur! Mach einen Adeligen betrunken, und er wird ein Wilder werden; laß ein Kind ohne Erziehung in den Wald (angenommen, es kann sich dort ernähren), und es wird nicht einmal sprechen lernen. Aus einem Bauernjungen, der so niedrig stehen soll, kann man (in derselben Generation also) einen Gelehrten, Minister, Erzbischof, Künstler machen. Hier kann man nicht von Vererbung sprechen, denn der Bauer, der Vater, der auf einem für niedrig geltenden Standpunkt stehen geblieben ist, hat doch nichts von veredelten Gehirnen erben können. Und die Kinder der Genies sind gewöhnlich nichts anderesals ausgebrannte Gehirne; oft bleibt eine gewisse Meisterschaft im Beruf des Vaters; die ist jedoch meist durch täglichen Verkehr mit dem Vater erworben.
Die Stadt ist die Feuerstätte, die das lebendige Brennholz vom Lande verschlingt; um die jetzige soziale Maschinerie im Gang zu halten, das ist wahr; aber dieses Brennmaterial wird auf die Dauer zu teuer, und darum wird die Maschine stehen bleiben. Die künftige Gesellschaft wird diese Maschine nicht brauchen, um arbeiten zu können; oder es wird gehen, indem man Brennmaterial spart. Aber von dem Bedürfnis der gegenwärtigen Gesellschaft auf das der künftigen zu schließen, ist ein Fehlschluß.
Die jetzige Gesellschaft ist vielleicht ein Naturprodukt, aber ein unorganisches; die künftige Gesellschaft wird erst ein organisches Produkt, also ein höheres, werden, weil sie den Menschen nicht von den ersten Grundbedingungen für ein organisches Dasein löst. Es wird der gleiche Unterschied werden wie zwischen Steinstraße und Wiese.
Die Träume des Jünglings verließen oft die künstliche Gesellschaft, um die Natur aufzusuchen. Die Gesellschaft war zustande gekommen, indem die Menschenhand den Naturgesetzen Gewalt angetan hatte. Man kann eine Pflanze vergewaltigen, indem man sie unter einem Blumentopf bleicht; man bringt dann zwar ein für den Menschen nützliches Salatgewächs hervor, verdirbt aber die Pflanze als Pflanze in ihrer Fähigkeit, gesund zu leben und sich fortzupflanzen. Der Kulturmensch ist eine solche Pflanze, ist durch Kunstbleiche für die gebleichte Gesellschaft nützlich gemacht, aber unglücklich und ungesund als einzelner. Soll denn das Bleichen immer weiter gehen, damit die morsche Gesellschaft bestehen bleibt? Soll der einzelne unglücklich leben, um eine ungesunde Gesellschaft aufrecht zu erhalten? Und kann die Gesellschaft gesund sein, wenn die einzelnen krank sind? Der einzelne kann wohl nicht verlangen, daß die Gesellschaft seinetwegen geopfert wird; aberdieeinzelnen oder die Mehrheit haben das Recht, Änderungen im Zustand der Gesellschaft zu fordern, damit sie sich wohlbefinden; denn die Gesellschaft, das sind sie ja selber!
Auf dem Lande mit seinen einfacheren Verhältnissen glaubte Johan in einer unbemerkten Stellung gedeihen zu können, ohne es zu spüren, daß er gesunken oder herabgestiegen sei. In der Stadt dagegen nicht, denn dort wurde er unaufhörlich an die Höhe und den Fall erinnert. Gutwillig herabsteigen, ist nicht peinlich, wenn die Zuschauer nur überzeugt werden können, daß es gutwillig geschieht; fallen aber ist bitter, zumal ein Fall immer mit Applaus von den unten Stehenden begrüßt wird. Steigen oder Emporstreben, seine Stellung verbessern ist ein Gesellschaftstrieb geworden; der Jüngling wurde davon getrieben, obwohl er nicht immer einsah, daß das Empor auch höher führe.
Johan wollte jetzt ein Ergebnis haben, ein Leben in Tätigkeit finden, das ihn ernährte. Er sah die vielen Anzeigen der offiziellen „Postzeitung‟ durch, in denen Volksschullehrer verlangt werden. Da waren Stellen mit 300 Kronen, 600 Kronen, Wohnung, Kuhweide, Garten. Er bewarb sich um die eine Stellung nach der andern, bekam aber keine Antwort.
Als das Semester um war und die 80 Kronen verzehrt waren, fuhr er nach Hause, ohne zu wissen, wohin er sich wenden, was er werden, wovon er leben solle. Er hatte in den Vorhof hineingeblickt, um zu sehen, daß dort kein Platz für ihn war.
Hast du jetzt ausgelernt? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde er ironisch bei der Heimkehr begrüßt. Der Vater nahm die Sache ernster und versuchte Pläne zu machen, ohne einen durchführen zu können. Johan war Student; das war eine Tatsache, aber was weiter? Es war Winter, und so konnte nicht einmal die weiße Studentenmütze dem Jüngling einen mildernden Glanz verleihen oder der Familie Ehre gewähren. Man hat gesagt, der Krieg würde aufhören aus Mangel an Offizieren, wenn man ihnen die Uniformen nehme; sicher ist, daß nicht so viele Studenten würden, wenn sie nicht das äußere Abzeichen trügen. In Paris, wo es nicht gebräuchlich ist, verschwinden die Studenten in der Menge; niemand macht ein Geschäft aus ihnen. In Berlin dagegen drängen sie sich als ein bevorrechtigter Stand neben die Offiziere. Darum ist auch Deutschland ein Doktorenland und Frankreich ein Mitbürgerland.
Der Vater sah nun, daß er einen Taugenichts für die Gesellschaft erzogen, der nicht zu graben vermochte, sich vielleicht aber nicht schämte zu betteln. Die Welt stand dem Jüngling offen, darin zu verhungern, darin unterzugehen. Seinen Plan, Volksschullehrer zu werden, billigte der Vater nicht. Welch ein geringes Ergebnis von soviel Arbeit! Alle seine ehrgeizigen Träume würden auch unter einem solchen Herabsteigen leiden. Volksschullehrer, das war ja wie Unteroffizier; Unterklasse ohne Hoffnung auf Steigen; und gestiegen mußte werden, solange alle andern stiegen; gestiegen muß werden, bis man sich den Hals bricht, solange die Klassen- und Ranggesellschaft existiert. Johan hatte die Studentenprüfung nicht machen dürfen, um sich Kenntnissezu erwerben, sondern um Oberklasse zu werden; und jetzt stand er doch im Begriff, Unterklasse zu werden!
Es wurde ihm peinlich zu Hause; er glaubte Gnadenbrot zu essen, als Weihnachten vorüber war und er nicht länger als Gast gelten konnte. Da trifft er eines Tages zufällig auf der Straße einen bekannten Lehrer, den er lange nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Zukunft, und der Freund schlägt Johan die Stockholmer Volksschule als einen guten Lebensunterhalt vor, während man für den Doktor arbeitet; da habe man einen Gehalt von tausend Kronen und sei täglich um ein Uhr frei.
— Überall, nur nicht in Stockholm, meint Johan.
— Oh, es sind mehrere Studenten an der Volksschule angestellt.
— Wirklich? Dann hat man ja Leidensgenossen!
— Ja, und einer ist früher Lehrer an der Neuen Elementarschule gewesen.
Johan ging hin, meldete sich an und wurde angestellt, mit 900 Kronen. Der Vater billigte den Entschluß, als er hörte, daß Johan dabei für den Doktor arbeiten könne. Johan versprach, sich im Elternhaus in Pension zu geben.
An einem Wintermorgen um halb acht Uhr ging Johan von der Nordzollstraße nach Klara hinunter. Ganz wie er im Alter von acht Jahren getan hatte. Dieselben Straßen, dieselben Klaraglocken. Und in der untersten Klasse. Es war eine Strafarbeit, die elf Jahre alt war! Ebenso furchtsam, ja noch furchtsamer, zu spät zu kommen, trat er in die große Klasse ein, in der er nebst zwei Lehrerinnen über einhundert Kinder unterrichten sollte. Und da saßen sie jetzt, dieselben Kinder wie von Jakob, aber in jüngerer Auflage. Häßlich, verkrümmt, blaß, hungrig, kränklich; mit niedergeschlagenen Gesichtern, groben Kleidern, schweren Schuhen. Das Leiden, am meisten vielleichtdasLeiden, daß andere es besser haben und daß sie es immer besser haben werden, denn das glaubte man damals, hat aufs Gesicht derUnterklasse diesen hoffnungslosen Zug gedrückt, den weder die religiöse Resignation noch die Hoffnung auf den Himmel austilgen kann. Mit bösem Gewissen flieht die Oberklasse vor ihnen, baut ihre Häuser außerhalb der Stadt und überläßt es der Armenpflege, mit diesen Ausgestoßenen in persönliche Berührung zu treten.
Das Kirchenlied wurde gesungen, das Vaterunser gebetet; alles war noch ebenso wie früher, nichts hatte Fortschritte gemacht; nur die Bänke waren gegen Stühle und Tische ausgetauscht und das Zimmer war hell und luftig. Johan mußte die Hände falten und das Kirchenlied mitsingen. Sofort wurde seinem Gewissensfrieden Gewalt angetan.
Das Gebet war zu Ende und der Rektor kam. Er sprach etwas väterlich zu Johan. Es war also ein Vorgesetzter, Vorschläge und Ratschläge wurden ihm mitgeteilt. Diese Klasse sei die schlechteste und der Lehrer müsse streng sein.
So führte denn Johan seine Klasse in ein besonderes Zimmer, um die Stunde zu beginnen. Das Zimmer glich auf ein Haar der Vorschule von Klara, und dort stand das furchtbare Katheder mit den Treppenstufen, das einem Schafott glich und rotgebeizt war, als sei es mit Blut besudelt. Und dann bekam er einen Stock in die Hand, mit dem er bald aufklopfen, bald schlagen sollte. — Er sollte schlagen! Er besteigt das Blutgerüst. Er war diesen dreißig Knaben- und Mädchengesichtern gegenüber schüchtern, die spähend in seinem Gesicht zu lesen suchten, ob er schwierig sei.
— Was habt ihr aufbekommen? fragte er.
— Das erste Gebot! schrie die ganze Klasse.
— Nein, nur einer darf antworten! Du dort rechts: wie heißest du?
— Hallberg, schrie die ganze Klasse.
— Nein, nur einer soll antworten: den ich frage.
Die Kinder kicherten.
— Der ist nicht gefährlich, meinten sie.
— Nun, wie lautet das erste Gebot? fragte Johan den, der ganz rechts saß.
— Du sollst keine Götter haben neben mir!
Das konnte er also.
— Was ist das? fragte er von neuem, indem er versuchte, so wenig Betonung wie möglich auf „das‟ zu legen.
Das ging auch.
Darauf fragte er fünfzehn Kinder das gleiche, und eine Viertelstunde war vergangen. Johan dachte, das ist idiotisch. Was sollte er jetzt machen? Von Gott sprechen, was er wußte? Aber auf dem damaligen Standpunkt der Forschung war man bescheiden dabei stehen geblieben, daß man nichts von Gott wisse. Johan war Theist und glaubte wohl noch an einen persönlichen Gott, aber etwas Näheres konnte er nicht über ihn sagen. Am liebsten hätte er Christi Gottheit angegriffen, dann aber wäre er entlassen worden.
Eine Pause entstand. Es war unheimlich still, während er über seine falsche Stellung und die Albernheit im Unterrichten nachdachte. Wenn er jetzt hätte sagen dürfen, man wisse nichts von Gott, so wäre der ganze Katechismus und die ganze Biblische Geschichte überflüssig gewesen. Daß sie nicht stehlen durften, das wußten sie; und daß sie nicht lügen durften, auch. Warum denn soviel Wesen davon machen? Er bekam eine tolle Lust, freundlich gegen die Kinder zu sein und sie wie Mitschuldige zu nehmen.
— Nun, was sollen wir jetzt tun? fragte er.
Der eine guckte den andern an und die ganze Klasse kicherte.
— Der Lehrer ist aber nett, dachten sie.
— Was pflegt der Lehrer zu tun, wenn er die Aufgabe überhört hat? fragte er den Ersten.
— Er pflegt sie zu erklären, antwortete der und noch einige.
Freilich konnte Johan Entstehung und Geschichte des Gottesbegriffes erklären, aber das durfte er ja nicht.
— Ihr könnt euch rühren, sagte er, aber ihr dürft nicht schreien.
Die Kinder sahen ihn an und er sie. Sie lächelten sich gegenseitig zu. — Findet ihr nicht auch, daß dies idiotisch ist? hatte er auf den Lippen; es nahm aber keine konkretere Form an als im Lächeln.
Aber Johan wurde bald ernst, als er sah, daß sie ihn auslachten. Diese Methode geht nicht, dachte er.
Er bat sich Ruhe aus und begann das Gebot noch einmal durchzugehen, bis alle eine Frage bekommen hatten. Nach unerhörten Anstrengungen wurde die Uhr wirklich neun, und die Stunde war aus.
Jetzt versammelten sich die drei Abteilungen der Klasse wieder in dem großen Saal, um sich bereitzumachen, auf den Hof zu gehen und frische Luft zu schöpfen. Bereitmachen ist das richtige Wort, denn eine so einfache Sache, wie auf den Hof gehen, erforderte eine lange Vorbereitung. Eine genaue Beschreibung würde einen Druckbogen füllen und vielleicht zu den modernen Karikaturen gezählt werden; wir müssen uns mit einer Andeutung begnügen.
Zuerst mußten alle einhundert Kinder stillsitzen, regungslos, absolut regungslos auf ihren Stühlen sitzen und still, absolut still sein, als sollten sie photographiert werden. Die ganze Schar sah einen Augenblick vom Katheder aus wie ein grauer Teppich mit hellen Mustern; aber im nächsten Augenblick bewegte einer den Kopf; die Wirkung war verdorben; das Opfer mußte aus seiner Reihe treten und sich an die Wand stellen. Das Ensemble war gestört, und es mußte noch oft geklopft werden, ehe die zweihundert Arme parallel auf der Tischplatte lagen und die hundert Köpfe im rechten Winkel zum Schlüsselbein saßen. Als die Ruhe beinahe wieder eingetreten war, begann ein neues Klopfen, welches das Absolute forderte. Aber im selben Augenblick, in dem das Absolute eintreten sollte, wurde ein Muskel müde, erschlaffte ein Nerv, ließ eine Sehne nach. Wieder Auflösung, Schläge, Geschrei und neue Arbeit am Absoluten. Es endete gewöhnlich damit, daß die Lehrerin (die Lehrer trieben es nicht bis ins Absolute) ein Auge zumachen und tun mußte, als sei es absolut.
Jetzt trat der wichtige Augenblick ein, da die hundert auf ein neues Klopfen von ihren Plätzen aufstehen sollten, um sich auf den Boden zu stellen; aber nichts weiter.Das war ein heikler Augenblick: Schiefertafeln polterten und Lineale klapperten. Sie mußten sich wieder setzen. So saßen sie wieder und mußten die Übung von neuem beginnen, indem sie absolut still sitzen sollten.
Waren sie wirklich auf die Beine gekommen, so begann der Marsch nach dem Hof in Abteilungen, aber auf Zehen, absolut. Sonst mußte man wieder umkehren und sich wieder setzen, und wieder aufstehen. Und so weiter, und so weiter. Oh! Sie mußten auf Zehen gehen, in Schuhen mit Holzsohlen, in feuchten Stiefeln, in Schuhen mit Pechnaht. Das war ein großer Mißgriff: er erzog die Jugend zum Schleichen und gab ihrem ganzen Auftreten etwas Katzenhaftes, Hinterlistiges.
Auf dem Hofe mußte der Lehrer jetzt die Trinkenden in eine gerade Linie vor die Wasserleitung stellen, die sich beim Eingange befand; gleichzeitig die Abtritte beaufsichtigen, die auf der andern Seite des langen Hofes lagen; außerdem Spiele anordnen und die Spiele mitten auf dem Hofe überwachen.
Darauf wurden die Kinder wieder aufgestellt und marschierten hinein. Kamen sie nicht still hinein, so mußten sie wieder hinausgehen. Oh!
Dann begann eine neue Stunde. Ein vaterländisches Lesebuch wurde gelesen, dessen Zweck hauptsächlich darauf hinauszugehen schien, den Kindern Ehrfurcht vor der Oberklasse und vor Schweden einzupflanzen. Schweden sollte das beste Land von Europa sein, obwohl es in klimatischer und wirtschaftlicher Hinsicht eines der schlechtesten ist; obwohl seine Kultur vom Ausland entlehnt ist und alle seine Könige von ausländischer Geburt sind. Solche Lehren wagte man den Kindern der Oberklasse in der Klaraschule und der Privatlehranstalt nicht zu bieten. Doch in der Jakobischule hatte man den Mut, die armen Kinder ein Lied vom Herzog von Östergötland singen zu lassen, in dem sich eine Strophe an die Mannschaft der Flotte wandte und ihr Siege in erwünschten Schlachten versprach: der Sieg sei selbstverständlich, denn „Prinz Oskar führt uns an‟.
Gleich am Anfang der Stunde kommt der Schulvorsteher. Johan will das Lesen unterbrechen, doch derVorgesetzte gibt ihm einen Wink, fortzufahren. Die Kinder haben nach der Katechismusstunde den Respekt verloren und sind unaufmerksam. Johan zankt sie aus, aber ohne Erfolg. Da tritt der Vorsteher mit einem Rohrstock vor; nimmt das Buch vom Lehrer und hält eine kleine Rede. Diese Abteilung sei die schlechteste und der Lehrer sollte nun sehen, wie man sie behandeln müsse.
Die Übung, die jetzt folgte, schien zum Hauptzweck zu haben, absolute Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das Absolute schien das Ziel zu sein, zu dem man bei der Abrichtung dieser Menschenkinder kommen wollte, in dieser unvollkommenen Welt des Relativen.
Der Lesende wurde unterbrochen und ein Name aus der Menge aufgerufen. Im Text folgen und aufmerksam sein, hielt dieser alte Mann für das Einfachste von der Welt, obwohl er sicher oft erfahren, wie die Gedanken ihre eigenen Wege gehen, während das Auge über eine Seite im Buche irrt. Der Unaufmerksame wurde bei den Haaren oder den Kleidern gezogen und mit dem Rohrstock gehauen, bis er sich unter Geheul am Boden wälzte.
Dem Lehrer wurde anbefohlen, den Rohrstock fleißig zu gebrauchen; damit ging der Vorsteher. Es blieb nichts anderes übrig, als die Methode zu befolgen oder abzugehen. Da das letzte nicht möglich war, blieb Johan. Er hielt eine Rede an die Kinder und bezog sich auf den Vorsteher.
— Jetzt wißt ihr, wie ihr euch betragen müßt, um keine Schläge zu kriegen. Wer sich Schläge zuzieht, hat sie selbst verschuldet. Gebt mir nachher nicht die Schuld. Hier liegt der Rohrstock, dort ist die Pflicht; erfüllt die Pflicht, sonst kommt der Rohrstock — ohne mein Verschulden.
Das war recht listig gesprochen, war aber doch unbarmherzig, denn man hätte erst in Erfahrung bringen müssen, wieweit die Kinder die Pflicht erfüllen können. Sie konnten es nicht, denn sie waren die lebhaftesten und darum die unaufmerksamsten. Der Rohrstock war also den ganzen Tag in Bewegung. Notschreie gellten, Angststand in den Gesichtern der Unschuldigen geschrieben: es war schauerlich.
Aufmerksam sein fällt nicht unter das Machtgebiet des Willens; darum war all dieses Strafen lauter Marter. Johan fühlte, wie sinnlos seine Rolle war, aber er hatte ja seine Pflicht hinter sich. Oft wurde er müde und ließ es gehen, wie es ging; dann aber kamen Kameraden, Lehrer und Lehrerinnen und machten ihm freundliche Vorstellungen. Oft fand er das Ganze so wahnsinnig, daß er mit den Kindern lächeln mußte, während der Rohrstock in Bewegung war. Beide Teile sahen ein, daß sie an dem Unmöglichen und Unnötigen arbeiteten.
Ibsen, der weder an den Geburtsadel noch an den Geldadel glaubt, hat jüngst (1886) seinen Glauben an den neuen Adel des Industriearbeiters ausgesprochen. Warum soll es denn durchaus Adel sein? Wenn die Entartung daher kommt, daß man überhaupt nicht mit dem Körper arbeitet, so entartet man vielleicht noch leichter durch zuviel körperliche Arbeit und durch Not. Alle diese Kinder, die Körperarbeiter zu Eltern hatten, sahen kränklicher, schwächlicher, unverständiger aus als die Kinder der Oberklasse, die Johan gesehen hatte. Der eine oder andere Muskel mochte stärker entwickelt sein, du Schulterblatt, eine Hand, ein Fuß, aber das Blut sah schlecht aus, wie es durch die blasse Haut schimmerte. Viele hatten große Köpfe, die von Wasser aufgeschwollen zu sein schienen; Ohren und Nasen liefen, die Hände waren erfroren. Die Berufskrankheiten der städtischen Arbeiter schienen sich vererbt zu haben: hier sah man in kleinerem Maßstab die Lungen und das Blut des Gasarbeiters, die durch Schwefeldämpfe verdorben waren; die Schultern und ausgebogenen Füße des Schmieds; das von Firnissen und giftigen Farben angegriffene Hirn des Malers; den skrofelartigen Ausschlag des Schornsteinfegers; die eingedrückte Brust des Buchbinders. Hier hörte man das Echo von dem Husten des Metallarbeiters und Asphaltbereiters; roch die Gifte des Tapetendruckers; beobachtete die Kurzsichtigkeit des Uhrmachers in neuen Auflagen. Das war wahrhaftig keine Rasse, der die Zukunft gehörte oder auf welche die Zukunft bauen konnte;auch kann sie sich auf die Dauer nicht vermehren, denn die Reihen der Arbeiter rekrutieren sich immer vom Lande.
Erst gegen zwei war der Saal geleert, denn fast eine Stunde dauerte es, bis sie unter Klopfen und Schlägen aus dem Zimmer auf die Straße kamen. Das Unpraktischste war, daß die große Menge Kinder erst in den Flur marschierte, um die Mäntel anzuziehen, und dann wieder in den Saal zurückmarschierte, statt direkt nach Hause zu gehen.
Als Johan auf die Straße kam, fragte er sich: ist das die berühmte Erziehung, die man mit so großen Opfern der Unterklasse gegeben hat? Fragen konnte er, und man antwortete: wie ist es anders möglich? Nein, mußte er antworten. Hatte man die Absicht, eine sklavische Unterklasse zu erziehen, die immer gehorcht, so schlagt die Kinder mit dem Rohrstock; habt ihr die Absicht, einen Proletarier zu erziehen, der nichts vom Leben fordern darf, so lügt ihnen einen Himmel vor. Sag diesen Kindern, der Unterricht sei sinnlos, erlaub ihnen Kritik, laß ihnen ihren Willen in einem Punkt, und wir gehen der Auflösung der Gesellschaft entgegen. Aber die Gesellschaft ist ja auf eine gehorsame pflichttreue Unterklasse gebaut; also unterdrück sie von Anfang an, nimm ihnen den Willen, nimm ihnen die Vernunft; lehre sie, nicht hoffen, aber doch zufrieden sein. Es lag System in der Torheit.
Aber es gab in der Volksschulmethode, was den Unterricht betraf, sowohl Gutes wie Böses. Gutes: man hatte ein Anschauungsmaterial eingeführt; das war eine Erbschaft des schon 1827 gestorbenen Pestalozzi, des Schülers Rousseaus. Böses: die in die Volksschule eintretenden Studenten hatten die „Wissenschaft‟ eingeführt. Es genügte nicht mehr, das Einmaleins einfach zu können: man mußte es verstehen. Verstehen? Und doch kann ein Ingenieur, nachdem er die Technische Hochschule durchgemacht hat, nicht erklären,warumein Bruch durch drei gekürzt werden kann, wenn die Summe der Zahlen durch drei zu teilen ist. Sollten die Seeleute nicht Logarithmentafeln benutzen, obwohl sie die Logarithmennicht „ausrechnen‟ können? Daß man nicht auf dem schon Gebauten weiterbaut, sondern immer wieder den Grundstein legen will, dürfte wohl ein Luxus sein: daher das viele Lernen in den Schulen.
Man könnte einwenden, Johan hätte sich erst selbst als Lehrer reformieren sollen, ehe er den Unterricht reformierte. Aber er durfte ja nicht, denn er war ein willenloses Werkzeug in den Händen des Vorstehers, der Geschäftsordnung, der Schulbehörde. Die besten Lehrer, das heißt, welche die schlechtesten (hier besten) Ergebnisse herausgeschlagen hatten, waren die ungebildeten Lehrer, die vom Seminar kamen. Die zweifelten nicht an der Methode, waren nicht zart gegen die Kinder; aber vor ihnen hatten die Kinder am meisten Respekt. Ein großer grober Kerl, der von der Stellmacherzunft gekommen war, hatte die langen Jungen vollständig in Händen. Die Unterklasse sollte also mehr wirkliche Achtung und Furcht vor ihresgleichen haben als vor der Oberklasse? Großknecht und Werkführer sollten also mehr Respekt genießen als Inspektor und Meister? Woher kommt das? Sieht die Unterklasse, daß sie mehr Teilnahme erwarten kann von dem, der ihre Leiden gelitten hat und nicht fürchten kann, daß er zu ihnen herunterkommt? Ist sie darum diesem gegenüber nachgiebiger? Oder sieht sie ein, daß der Vorgesetzte, der aus ihren Reihen gekommen ist, ihre Sache besser versteht und darum mehr Achtung verdient?
Auch die Lehrerinnen genossen mehr Respekt als die Lehrer. Sie waren pedantisch, forderten das Absolute und waren durchaus nicht weichherzig, eher grausam. Sie liebten die raffinierte Strafe, Schläge auf die Handfläche zu geben; dabei legten sie einen Unverstand an den Tag, den das oberflächlichste Studium der Physiologie berichtigt hätte. Wenn das Kind infolge der Reflexbewegung die Finger fortzog, wurde es noch mehr gestraft, weil es die Finger nicht still halte. Als ob man das Blinzeln unterlassen könnte, wenn einem Staub ins Auge weht!
Die Lehrerinnen hatten den Vorteil, daß sie nicht soviel von den Lehrfächern wußten, um von Zweifeln gequält zu werden. Daß sie weniger Gehalt hatten als die Lehrer, war eine Unwahrheit. Sie hatten verhältnismäßig mehr; und wenn sie mit einem dürftigen Lehrerinnenexamen mehr als die Studenten hatten, war das ungerecht. Sie wurden außerdem begünstigt, für ein Wunder gehalten, wenn sie tüchtig waren, und erhielten Stipendien, um ins Ausland zu reisen.
Als Kameradinnen waren sie freundlich und hilfreich, wenn man höflich und bescheiden war und ihnen die Zügel überließ. Von einer Liebelei war nicht die Spur zu sehen; auch sahen die Männer sie in Situationen, die alles andere als gewinnend waren, und von Seiten, die Frauen sonst dem andern Geschlecht nicht zu zeigen pflegen, nämlich als Profose. Sie machten sich Notizen über alles, bereiteten sich auf die Stunden vor, waren kleinlich und zufrieden, durchschauten nicht. Es war eine sehr passende Beschäftigung für sie unter den damaligen Verhältnissen.
Wenn Johan nicht mehr schlagen wollte oder über ein Kind nichts vermochte oder an allem zweifelte, schickte er das Kind zu einer Lehrerin, die mit Vergnügen die garstige Rolle des Henkers übernahm.
Was den geeigneten Lehrer macht, ist wohl nicht festgestellt. Die einen wirkten durch ihre Ruhe, die andern durch ihre nervöse Art; andere wieder schienen die Kinder zu magnetisieren, andere schlugen sie; andere wirkten durch ihr Alter, ihr männlichesÄußeres. Die Frauen wirkten als Frauen, das heißt durch eine halbvergessene Überlieferung von einer vergangenen Mutterherrschaft.
Johan war ungeeignet. Er sah zu jung aus und war ja auch erst achtzehn Jahre alt; zweifelte an der Methode und an allem; war in einem Winkel seines ernsten Innern spielerisch und knabenhaft; auch war ihm alles nur eine Nebenbeschäftigung, denn er war ehrgeizig und wollte weiter; wohin, das wußte er nicht.
Auch war er Aristokrat wie seine Zeitgenossen. Durch die Erziehung waren seine Gewohnheiten, seine Sinne verfeinert worden oder entartet, wenn man will. Er ertrug also nur schwer schlechten Geruch, häßlicheGegenstände, entstellte Körper, unschöne Aussprache, zerlumpte Kleider. Das Leben hatte ihm ja doch viel gegeben, und diese täglichen Erinnerungen ans Elend quälten ihn wie ein böses Gewissen. Er hätte selbst einer von der Unterklasse sein können, wenn seine Mutter sich mit einem ihres Standes verheiratet hätte.
Er sei hochmütig, hätte ein Ladenbursche gesagt, der es zum Redakteur einer Zeitung gebracht; derselbe Redakteur, der damit prahlte, daß er mit seinem Los zufrieden sei; ganz vergessend, daß er zufrieden sein konnte, da er aus seiner geringgeachteten Stellung emporgestiegen war. Er sei hochmütig, hätte ein Schuhmachermeister gesagt, der lieber ins Wasser ginge, als daß er zum Gesellen niederstiege. Johan war hochmütig, daran ist nicht zu zweifeln; ebenso hochmütig, wie Meister Schuhmacher; vielleicht doch nicht ganz so hochmütig, da er vom Studenten zum Volksschullehrer herabgestiegen war. Aber das war keine Tugend, sondern eine Notwendigkeit; auch prahlte er nicht mit seinem Schritt, noch wollte er sich den Schein eines sogenannten Volksfreundes geben. Über Sympathie und Antipathie ist man nicht Herr, und wenn man von unten immer Liebe und Aufopferung von der Oberklasse verlangt, so ist das Idealismus. Die Unterklasse ist für die Oberklasse geopfert, aber wahrhaftig, sie hat sich gutwillig geopfert. Sie hat das Recht, ihre Rechte zurückzunehmen, aber sie soll es selbst tun. Niemand gibt seine Stellung gutwillig auf; darum darf die Unterklasse nicht darauf warten, daß Könige oder Oberklasse es tun. Reißt uns herunter! Aber alle auf einmal!
Will ein Aufgeklärter aus der Oberklasse dabei helfen, so können die Unteren dankbar sein, zumal eine solche Hilfe immer der Beschuldigung unreiner Motive ausgesetzt ist. Die Unterklasse sollte daher die Motive ihrer Helfer nicht so genau beschnüffeln: das Ergebnis der Handlung wird immer das gleiche für sie. Das scheint die höchste Oberklasse eingesehen zu haben: darum hält sie immer den aus der Oberklasse, der mit der Unterklasse stimmt, für einen Verräter. Er ist ein Verrätergegen seine Klasse, das ist wahr, das müßte ihm aber die Unterklasse in Rechnung setzen.
Johan war nicht so sehr Aristokrat, daß er das Wort Pack benutzte oder die Armen verachtete. Er stand durch seine Mutter in zu naher Verwandtschaft mit ihnen, aber ihnen war er ein Fremder. Das war die Schuld der Klassenerziehung. Diese Schuld kann für die Zukunft aufgehoben werden, wenn die Volksschule reformiert wird, indem man die bürgerlichen Kenntnisse aufs Programm setzt, und obligatorisch für alle ist, von der man sich nicht freikaufen kann. Dann wäre es ja keine Schande mehr, Volksschullehrer zu werden, wie es jetzt tatsächlich eine ist: sogar als Vorwurf und Beschimpfung wird es benutzt, daß man Volksschullehrer gewesen ist. Dieser Kummer wäre dann vorüber; daraus geht hervor, daß die Reformen der Gesetze vorangehen müssen; nachher werden wir selbst reformiert werden.
Um sich obenzuhalten, verlegte er sich auf seine zukünftige Arbeit. Jetzt konnte er Bücher kaufen, und er kaufte sie. Mit seiner italienischen Grammatik, die er zwischen den Stunden auf dem Schulhof lernte, glaubte er sich gleichsam obenzuhalten. Er war so ehrlich, daß er diese Bemühungen, hinaufzuklettern, nicht in einen idealen Durst nach Erkenntnis oder in ein höheres Streben für die Menschheit umdichtete. Wenn er auch zuweilen von Verzweiflung niedergedrückt wurde, er bildete sich nicht ein, im Himmel einige gutmütige Professoren zu treffen. Er studierte für die Doktorprüfung, das war die Sache.