13.Der Arzt.(1868)

Aber die schwache Diät in Upsala, das schlechte Mittagessen, die Milch und das Brot hatten ihm die Kraft genommen; dabei war er in der genußsüchtigen Zeit der Jugend. Zu Hause war es langweilig, und abends saß er im Café oder in der Kneipe, wo er Freunde traf. Die starken Getränke gaben ihm Kraft, und er schlief gut danach.

Dieses Verlangen nach Alkohol scheint regelmäßig im mannbaren Alter eines jeden Jünglings aufzutreten. Er, wie das ganze Geschlecht, ist ja von Trinkern geboren, Glied von Glied seit der ältesten Heidenzeit, als Bier undMeth getrunken wurden: wie sollte da nicht das Verlangen Bedürfnis werden? Bei Johan war es ein Bedürfnis; wenn er es unterdrückte, so war die Folge, daß sich seine Kräfte verminderten. Und fragen kann man, ob die Enthaltsamkeit in Getränken nicht dieselben Gefahren für uns haben mag, wie für den Arsenikesser der Entschluß, das Gift nicht mehr zu benutzen. Wahrscheinlich wird die sonst lobenswerte Bewegung mit Mäßigkeit schließen: das wäre eine wirkliche Tugend und nicht eine Kraftprobe, die Prahlerei und Selbstgefälligkeit zur Folge hat.

Johan begann jetzt auch, sich fein zu kleiden, nachdem er bisher nur abgelegte Kleider aufgetragen hatte. Das Gehalt kam ihm so unglaublich groß vor, daß es in seiner vergrößernden Phantasie unerhörte Dimensionen annahm. Die Folge war, daß er bald Schulden hatte. Schulden, die wuchsen und wuchsen und niemals bezahlt werden konnten, wurden der Geier, der an seinem Leben hackte, der Gegenstand seiner Träume, der Wermut seiner Freuden. Welche Leichtgläubigkeit, welch außerordentlicher Selbstbetrug lag doch hinter diesem Schuldenmachen! Was hoffte er? Den Doktor zu machen? Und dann? Lehrer zu werden mit einem Gehalt von 750 Kronen; das war weniger, als er jetzt hatte.

Nicht am wenigsten quälend war, sein Gehirn den Auffassungsgaben der Kinder anzupassen. Das bedeutete auch, sich auf das Niveau der Jüngeren und Unverständigeren herablassen; den Hammer so weit niederschrauben, daß er den Amboß traf, wodurch die Maschine beschädigt wurde.

Wirklichen Gewinn brachten dagegen die Beobachtungen in den Wohnungen der Kinder, die er als Lehrer am Sonntag aufsuchen mußte. Ein Junge war der schwierigste von allen. Er war schmutzig und schlecht gekleidet; war ungekämmt; grinste beständig; konnte sich erlauben, ungenötigt und geräuschvoll zu stinken; wußte niemals seine Aufgaben und kriegte immer Schläge. Er hatte einen zu großen Kopf mit Glotzaugen, die unaufhörlich schielten und rollten. Johann mußte seine Eltern aufsuchen, um sich nach seinem unregelmäßigen Schulbesuch und unordentlichen Betragen zu erkundigen. Er wanderte also nach der Apfelbergstraße, in der die Eltern eine Kneipe hatten. Der Vater war auf Arbeit gegangen; aber die Mutter stand hinter dem Ladentisch. Die Kneipe war dunkel und stank; Männer füllten sie, die drohend auf den eintretenden Herrn sahen, den sie wahrscheinlich für einen Geheimpolizisten hielten. Johan sagte der Mutter, was ihn herführe, und er durfte hinter den Ladentisch kommen, um in die Kammer zu gelangen. Er brauchte nur das Zimmer und dessen Lage zu sehen, um zu verstehen. Die Mutter schalt den Jungen bald, bald entschuldigte sie ihn; und das letzte konnte sie. Das Kind pflegte Reste zu trinken. Das war die Lösung, und die genügte. Was war dabei zu machen? Die Wohnung ändern, ihm bessere Nahrung geben; eine Bonne, die ihn überwachte — alles Geldfragen!

Dann kam Johan ins Armenhaus von Klara, das von alten Armenhäuslern geräumt und während des Mangels an Wohnungen vorläufig Familien geöffnet war. In einem großen Saale lagen und standen wohl ein Dutzend Familien, die den Boden mit Kreidestrichen geteilt hatten. Da stand ein Tischler mit einer Hobelbank; dort saß ein Schuhmacher mit seinem Tisch; rings herum auf beiden Seiten des Kreidestrichs kribbelten Kinder und Frauen; der Kreidestrich war zu schmal, um zu verbergen, was verborgen zu werden pflegt.

Was konnte Johan da machen? Bericht erstatten über eine bekannte Sache, Holzmarken austeilen, Essen und Kleider anweisen.

Dann stieß er auf die stolze Armut oben in den Bergen des Viertels Königsholm. Dort wurde er hinausgewiesen.

— Wir brauchen uns gottlob noch nicht an die Armenpflege zu wenden. Wir stehen uns gut!

— So? Dann dürfen Sie aber Ihr Kind im Winter nicht in zerrissenen Schuhen gehen lassen.

— Das geht Sie nichts an, Herr!

Damit wurde die Tür zugeschlagen.

Oft gab es schauerliche Szenen. Das Kind krank, das Zimmer von den Schwefeldämpfen des Koks erfüllt, alle hustend, von der Großmutter bis hinab zum Allerjüngsten. Was konnte Johan dabei tun? Ihm wurde schlecht zumut, und er floh! Ein andres Heilmittel als Armenpflege gab es damals nicht, und die Literatur, die das Elend schilderte, konnte nur beklagen; von einer Hoffnung wußte man nichts. Darum hatte man nichts anderes zu tun als zu beklagen, für den Augenblick zu helfen und zu fliehen, um nicht zu verzweifeln.

Diese Beschäftigung lag wie eine drückende Wolke auf ihm, und er verlor die Lust zur Arbeit. Hier war etwas verkehrt, das fühlte er, aber es konnte ja nicht besser werden; das sagten alle Zeitungen und Bücher, und die Menschen auch. Es sollte wohl so sein. Das Emporklettern stand ja jedem frei! Klettere doch auch!

An den Nachmittagen studierte Johan und ergänzte die lebenden Sprachen durch Italienisch. Er hatte erfahren, daß man Boccaccios „Dekameron‟ übersetzen müsse. Das ist ein sonderbares Prüfungsbuch, dachte er. Es enthielt recht unmittelbare Aufforderungen zur Unsittlichkeit und machte sich über die Männer, die von ihren Frauen betrogen wurden, lustig. Sehr unterhaltend war es gerade nicht. Es hatte auch andere Seiten, die Johan aus der Literaturgeschichte kannte. Es war ein Oppositionsbuch gegen das Mönchsleben des Mittelalters, geschrieben gegen Ende des Mittelalters, und es machte sich über die Ehe lustig. Boccaccio scheint zuerst die lächerliche Stellung des Ehemanns durchschaut zu haben: der hat die Familie zu versorgen und seine Vaterschaft ist nicht immer ganz zweifellos, nachdem die Frau dem Manne die Arbeit aufgebürdet und ihn allein für alle ihre Kinder verantwortlich gemacht hat. Es ist also eine Satire auf das köstliche Patriarchat, das die Frau zu ihrem Vorteil gegen das vernünftigere und ursprünglichere Matriarchat eingetauscht hat. Während sie die Unterdrückte zu sein schien, wählte sie die günstigere Stellung, indem sie sich keine anderen bürgerlichenRechte vorbehielt als die Befehlshaberstellen der Kaiserin, Königin, Äbtissin, Mutter und Madonna.

Indessen schien diese franke Behandlung geschlechtlicher Geschichten dem Trieb Sanktion zu geben, und jetzt säte er seinen Wildhafer nach allen Seiten aus. Er hatte gewöhnlich zu gleicher Zeit drei Flammen. Eine große heilige reine, wie er sie nannte, aus der Entfernung, mit Heiratsplänen im Hintergrunde; also ein Ehebett, aber rein. Dann eine kleine Liebelei mit einem Wirtshausmädchen. Schließlich die ganze große Freischar: blonde, braune, rothaarige, schwarze. Es sah aus, als wachse die Reinheit des Gefühls im Verhältnis zur Schwierigkeit, aber auch mit dem Bildungsgrad. Eine wirkliche Liebe kann wohl nur zwischen Personen derselben Klasse entstehen. Auch die Liebe ist eine Klassensache geworden, obwohl sie schließlich dieselbe Sprache in allen Klassen hat.

Johan hatte ein Jahr lang eine Verbindung mit einer Kellnerin unterhalten. Da er Frauen immer mit einer gewissen Achtung behandelte und nicht eher brutal wurde, bis die Situation reif war, begann das Mädchen eine Neigung zu ihm zu fassen, schien an ernste Absichten zu glauben, obwohl er nichts dergleichen andeutete, noch irgendwelche Versprechungen gab. Es bewilligte jede Gunst, nur die letzte nicht. Es war ein entnervendes Leben, und Johan beklagte sich einem Freunde gegenüber.

— Du bist zu schüchtern, sagte der Freund. Die Mädchen lieben nun einmal kühne Männer.

— Aber ich bin nicht schüchtern, beteuerte Johan.

— Aber du bist es anfangs gewesen. Man muß sofort seine Absichten zeigen.

Es war wirklich zu spät. Diese Beobachtung fand er dann oft bestätigt. Wenn es keine Hoffnung auf Ehe gab, dann war es leicht; sonst nicht.

Zwei Jahre verlor er an dieser Neigung, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Oft schien es ganz nahe zu sein. Er durfte sie in der Nacht treffen, auf einer Feuerleiter zum Fenster hinaussteigen, sich mit Kettenhunden herumschlagen, am Zaun die Kleider zerreißen, ohne etwasanderes als halbe Gunst zu erreichen. Es endete mit Tränen und Bitten.

— Ich liebe dich zu sehr! sagte sie.

Was sollte das heißen? Oder war sie ganz einfach vor den Folgen bange? Das ist ihm nicht klar geworden.

Die Zeit verging und der Frühling näherte sich. Johans nächster Verkehr war ein Lehrer an der Kunstgewerbeschule, der dichtete und in der Literatur Bescheid wußte, auch musikalisch war. Sie machten ihre Spaziergänge nach dem Wirtshaus „Stallmeisterhof‟ hinaus, sprachen von Literatur und aßen dort zu Abend. Während Johan seiner Kellnerin den Hof machte, spielte der Lehrer auf dem Piano. Zuweilen leistete der Lehrer sich das Vergnügen, lustige Verse an die Mädchen zu schreiben. Johan war darauf versessen, Verse zu schreiben, aber er konnte es nicht. Das mußte angeboren sein und auf einmal kommen, wie die Bekehrung. Er war ganz deutlich nicht berufen. Wie gern wäre er es gewesen! Er fühlte sich von der Natur vernachlässigt, wie mit einem Gebrechen behaftet.

Eines Abends, als Johan mit dem Mädchen plauderte, sagte sie ganz plötzlich zu ihm:

— Freitag ist mein Namenstag. Du wirst mir doch einige Verse schreiben?

— Ja, sagte Johan, das will ich tun.

Als er dann den Lehrer traf, erzählte er dem sein übereiltes Versprechen.

— Ich werde sie dir schreiben, sagte der.

Am nächsten Tage lieferte er Johan ein Gedicht ab, das fein ins Reine geschrieben und in Johans Namen verfaßt war. Es war durchsichtig unanständig und lustig. Am Morgen des Namenstages wurde es abgesandt.

Am Abend desselben Tages kamen die beiden Lehrer, um zu gratulieren und zu Abend zu essen. Das Mädchen war eine Weile nicht zu sehen, denn sie hatte Gäste zu bedienen. Den Herren wurde gedeckt, und sie fingen an zu essen.

Das Mädchen erschien in der Tür und winkte Johan. Sie sah beinahe ernst aus. Johan stand auf und folgte ihr eine Treppe hoch.

— Hast du diese Verse geschrieben? fragte sie.

— Nein, sagte Johan.

— Das habe ich mir gedacht! Die Büfettmamsell sagt, sie habe sie schon vor zwei Jahren gelesen; da habe sie dieser Lehrer an die alte Marie geschrieben, die ein schlechtes Mädchen war. Pfui, Johan!

Er nahm seine Mütze und wollte hinausstürzen; aber das Mädchen umschlang ihn mit seinen Armen, um ihn zurückzuhalten, denn es sah, er war leichenblaß und außer sich. Er riß sich jedoch los und lief in den Bellevuepark hinaus. Von dort stürmte er in den Wald hinein, indem er die gebahnten Wege verließ. Die Zweige der Büsche schlugen ihm ins Gesicht, Steine rollten ihm um die Füße, erschrockene Vögel flogen auf. Er war vor Scham ganz wild geworden und suchte aus Instinkt den Wald auf, um sich zu verbergen.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung: in den Wald laufen ist der höchste Ausbruch der Verzweiflung, ehe der Mensch ins Wasser geht. Der Wald ist das vorletzte, das Wasser das allerletzte. Man erzählt von einem berühmten Dichter dies: Zwanzig Jahre lang sei er populär gewesen, aber bei einer plötzlichen Wendung seiner Dichtung wurde er vollständig unpopulär und von seiner Höhe herabgestürzt. Wie vom Blitz war er getroffen, wurde rasend und schämte sich; verließ die Stadt, um den Wald aufzusuchen. Dort erholte er sich. Der Wald ist die Urheimat der Barbarei und der Feind des Pfluges, also der Kultur. Wenn nun ein Kulturmensch plötzlich seiner Kulturherrlichkeit entkleidet wird, seines so künstlich gewebten Rufes, wird er in einem Augenblick Barbar oder Wild. So lose hängt das Kleid der Kultur auf dem Körper. Wenn ein Mensch verrückt wird, wirft er die Kleider ab. Was könnte also die Verrücktheit sein? Ein Rückgang? Ja, manche halten das Tier auch für wahnsinnig.

Es war Abend, als Johan in den Wald kam. In einem Dickicht legte er sich auf einen großen Steinblock. Erschämte sich, das war der Haupteindruck. Ein empfindlicher Mensch ist sehr viel strenger gegen sich selbst, als andere glauben. Er war unbarmherzig und er geißelte sich. Er hatte zuerst mit geliehenen Federn glänzen wollen, also gelogen; hatte zweitens ein unschuldiges Mädchen in ihrer Tugend gekränkt.

Der erste Punkt der Anklage schloß auch einen zweiten in sich, einen sehr empfindlichen: seine Unfähigkeit als poetische Intelligenz. Er wollte mehr, als er konnte. Er war unzufrieden mit seiner Stellung, die Natur und Gesellschaft ihm angewiesen hatten. Aber (jetzt begann die Selbstverteidigung, nachdem sich das Blut von der Abendkühle beruhigt hatte) man wurde ja immer in der Schule ermahnt, emporzustreben; man sprach ja lobend von emporstrebenden Naturen; damit erklärte man ja das Mißvergnügen mit der zufälligen Stellung für berechtigt. Ja, aber (da kam die Geißel) er hatte ja durch Betrug weiterkommen wollen. Durch Betrug! Dagegen gab es keine Berufung! Er schämte sich. Er war entkleidet, entlarvt; konnte seinen Rückzug nicht decken. Durch Mogelei, Falschheit, Betrug! So war es.

Der älteste Beschreiber Japans erzählt von einem japanischen Mädchen, das buchstäblich vor Scham starb, weil ihr ein natürliches Unglück in einer Gesellschaft passierte. Man kann also vor Scham sterben. Als alter Christ fürchtete Johan am meisten, einen Fehler zu besitzen; und als Mitglied der Gesellschaft hatte er die Furcht, daß dieser Fehler zu sehen sei. Fehler hatte man, das war bekannt, aber es galt für zynisch, sie zu bekennen, denn die Gesellschaft will immer besser scheinen als sie ist. Manchmal aber verlangte die Gesellschaft, man solle bekennen, wenn man Verzeihung erlangen wollte; das war aber nur eine Täuschung, denn die Gesellschaft wollte das Bekenntnis nur, um das Vergnügen der Strafe zu genießen. Die Gesellschaft war sehr trügerisch. Johan hatte sofort bekannt, war bestraft worden, fühlte sich aber doch als Missetäter.

Der zweite Punkt war auch schwierig. Das Mädchen hatte ihn also rein geliebt, und er hatte sie nur besitzen wollen. Wie roh, wie gemein! Wie konnte er glauben,daß eine Kellnerin nicht unschuldig lieben kann! Seine eigene Mutter war ja in derselben Stellung gewesen wie dieses Mädchen! Er hatte sie gekränkt. Schäme dich, schäme dich!

Jetzt hörte er im Park halloen und seinen Namen rufen. Die Stimmen des Mädchens und des Lehrers hallten von den Bäumen wider, er aber antwortete nicht. Einen Augenblick fiel ihm sein ganzes Strafgerät aus den Händen; er wurde nüchtern und dachte: Ich gehe zurück, wir setzen das Abendbrot fort, holen Riekchen und trinken ein Glas mit ihr. Dann ist es vorüber. Aber nein! Er war zu hoch oben, und man kann nicht auf einmal hinabsteigen.

Die Rufe verstummten. Er blieb betäubt liegen und mahlte wieder und wieder an seinem doppelten Verbrechen. Er hatte gelogen und er hatte ihre Gefühle gekränkt.

Die Dunkelheit senkte sich. Es prasselte in den Büschen; er fuhr zusammen, geriet in Angstschweiß. Dann ging er weiter und setzte sich auf eine Bank. Dort saß er, bis es taute. Er fror und war feucht. Stand auf und ging heim.

Jetzt war sein Kopf klar, und er dachte. Wie dumm, diese ganze Geschichte! Es war ja nicht meine Absicht, daß sie mich für den Dichter halten sollte; ich war ja bereit, sie den Zusammenhang wissen zu lassen. Es war ja nur ein Scherz. Und ihre Gefühle, hm, so rein waren sie gerade nicht gewesen, als ich zu ihrem Fenster hinauskletterte. Übrigens dieser Lehrer hatte ihn ja auch angeführt. Aber das war einerlei!

Als er auf seine Kammer kam, lag der Lehrer in Johans Bett und schlief. Er wollte aufstehen, aber Johan sagte nein. Er wollte sich noch einmal geißeln. Er legte sich auf die Erde, nahm eine Zigarrenkiste unter den Kopf und breitete einen Scharfschützenmantel über sich.

Als er am nächsten Morgen erwachte, fragte Johan mit zitternder Stimme:

— Wie hat sie es aufgenommen?

— Sie hat gelacht, dann haben wir Punsch getrunken, und dann war es vorüber. Sie fand die Verse ganz festlich!

— Sie hat gelacht? War sie nicht böse?

— Durchaus nicht!

— Und doch hat sie mir gegenüber immer die Tugendhafte gespielt!

— Ja, du hast sie immer zu sentimental genommen. Dieser lange Hornberg sagte neulich, es sei nicht soweit her mit Riekchens Tugend. Er hätte sie haben können....

— Was? Hornberg?

— Jaja! Er hat sie nicht bekommen, aber jedenfalls ... Du weißt, sie ist früher bei den „Wildkatzen‟ gewesen, und da...

Johan wollte nicht mehr hören. Und um diese Kleinigkeit hatte er eine entsetzliche Nacht durchlitten. Er schämte sich zu fragen, ob sie nicht um ihn unruhig gewesen seien. Aber da sie Punsch getrunken und gelacht hatten, war es wohl nicht so ernst gewesen! Nicht einmal unruhig um sein Leben!

Er kleidete sich an und ging zur Schule.

Die egoistische Selbstkritik des Christentums hatte Johan daran gewöhnt, sich mit seinem Ich zu beschäftigen, es zu hätscheln; sich mit ihm zu befassen, als sei es eine andere geliebte Person. So gut gepflegt, wuchs das Ich und sah immerfort nach innen, statt nach außen auf die Welt zu sehen. Es wurde eine interessante persönliche Bekanntschaft, ein Freund, dem geschmeichelt werden, der aber auch die Wahrheit hören und korrigiert werden mußte.

Es war die Krankheit der Zeit, in ein System gebracht von Fichte, nach dem alles im Ich und durch das Ich war; ohne das Ich gab es keine Wirklichkeit. Das war die Formel für die Romantik und den subjektiven Idealismus. „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟, „Ich wohne tief im Berge‟, „Ich kleiner Knabe wache am Tor‟, „Ich denke der holden Tage‟ hatten alle denselben Ton. War diese „Ichheit‟ denn so hochmütig? War nicht das Ich des Dichters bescheidener als das königliche Wir des Journalisten?

Der heutige Realismus hat dieses bescheidene Ich wieder aufgenommen, das „für meinen geringen Teil‟ bedeutet. Gleichzeitig hat die naturwissenschaftlichePhilosophie„so scheint es mir‟ gegen „so ist es‟ vertauscht. Ist es wirklich so? Ja, dann haben wir einen Fortschritt auf die Wahrheit zu gemacht, das heißt auf die Entdeckung, wie es sich wirklich verhält. Ist es nicht so, dann haben wir, Gott sei uns gnädig, eine neue Theologie auf dem Halse.

Dieses Versinken ins Ich oder die neue Kulturkrankheit, von der jetzt (1886) geschrieben wird, ist wohl bei allen Menschen, die nicht mit dem Körper gearbeitet haben, konstant gewesen. Das Gehirn ist nur ein Impulsorgan für die Muskeln. Wenn nun die Impulse des Gehirns beim Kulturmenschen nicht auf die Muskeln wirken, niemals ihre Kraft ausgeben können, wird das Gleichgewicht erschüttert, wie bei dem unbefriedigten Geschlechtstrieb. Das Gehirn bekommt Träume; von Säften überfüllt, die nicht in Muskeltätigkeit kommen können, setzt es die unwillkürlich um, in Systeme, Gedankenverbindungen, in Maler-, Bildhauer-, Dichterhalluzinationen. Geschieht kein Abfluß, so kann Stockung eintreten, heftige Ausbrüche, Depression, schließlich Wahnsinn. Die Schule, die ein solcher Vorkursus zum Irrenhaus ist, mußte zum Turnen als Korrektiv greifen. Aber mit welchem Erfolge? Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Gehirntätigkeit des Lernens und der Muskeltätigkeit des Turnens; die gehorcht ja durch das Kommandowort nur einem fremden Willen.

Alle studierenden Jünglinge bekommen solches Steigen nach dem Gehirn. Daß diese aus Instinkt oft auf Verbesserung oder Verschönerung der Gesellschaft ausgehen, ist ein Glück; besser aber würde es sein, wenn das Gleichgewicht wiederhergestellt würde, und eine gesunde Seele in einem gesunden Körper wohnte. Man hat das Heilmittel gesucht, indem man körperliche Arbeit in den Schulen einführte. Besser wäre es wohl, den ersten Unterricht ins Haus zu verlegen, die Schule zu einer Mitbürgerschule zu machen, und dann jeden für sich selbst sorgen zu lassen. Übrigens wird die Emanzipation der Unterklasse die Kulturmenschen zu etwas körperlicher Arbeit zwingen, die jetzt von den Haussklaven verrichtet wird; dann wird wohl Gleichgewicht eintreten. Daß die Intelligenz darunter nicht leidet, wird man glauben, wenn man sieht, daß die stärksten Geister der Zeit wenigstens Nebenbeschäftigungen gehabt haben: wie Mill, der Beamter; Spencer, der Ingenieur; Edison, der Telegraphist war.

Die Studentenzeit, die ungesundeste Zeit, weil nicht diszipliniert, ist auch die gefährlichste. Das Gehirn soll aufnehmen, unaufhörlich aufnehmen, aber niemals abgeben, nicht einmal in geistiger Produktion, während gleichzeitig das ganze Muskelsystem brachliegt.

Bei Johan war zu dieser Zeit eine Überproduktion von Gedanken und Phantasie vorhanden. Und die mechanische, sich beständig in denselben Kreisen bewegende, mit gleichen Fragen und Antworten angeordnete Schularbeit gab keinen Abfluß. Sie vermehrte im Gegenteil seinen Vorrat der Beobachtungen von Kindern und Lehrern. Da lagen Materialsammlungen von Erfahrungen, Beobachtungen, Kritik, Gedanken in einer ungeordneten Masse und gärten. Er suchte darum Gesellschaft auf, um sich aussprechen zu können. Als das aber nicht reichte und er niemanden fand, der immer den Resonanzboden hergeben konnte oder wollte, fing er an zu deklamieren.

Das Deklamieren war Ausgang der 1860er Jahre sehr in Mode gekommen. In den Familien las man Runebergs Tragödie „Die Könige von Salamis‟ vor; auf Konzerten, die damals zahlreich, besonders von Scharfschützen veranstaltet wurden, deklamierte man. Und beinahe immer dieselben Stücke! „Asenzeit‟, „Milchstraße‟. Sehlstedt und so weiter. Die Deklamation war im Begriff zu werden, was der Quartettgesang gewesen: ein Abfluß all der Begeisterung, der hoffnungsvollen Freude, die auf die nationale Erweckung von 1865 gefolgt war. Da der Schwede weder geborener noch erzogener Redner ist, wurde er Sänger und Deklamator; vielleicht auch weil sein Mangel an Originalität den fertigen Ausdruck suchen muß. Ausführend, aber nicht schöpferisch.

Der gleiche Mangel an Eigenem zeigte sich auch im Junggesellenleben, in dem die Anekdotenerzählung blühte. Diesen schlechten und langweiligen Zeitvertreib hat man aufgegeben, da man aus den neuen Fragen des Tages Stoff genug für Gespräch und Erörterung erhält.

Eines Tages kam Johan zu seinem Freunde dem Elementarlehrer hinauf, bei dem er andere junge Lehrer traf. Als das Gespräch zu stocken anfing, griff der Freund nach einem Band Schiller, der damals in einer neuen wohlfeilen Auflage erschienen war und hauptsächlich dieses billigen Preises wegen gekauft wurde. Er schlug die „Räuber‟ auf und man las. Johan erhielt Karl Moors Rolle. Die erste Szene des ersten Aktes ist zwischen dem alten Moor und Franz. Dann kam die zweite Szene. Johan las: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen....‟

Johan kannte die „Räuber‟ nicht, hatte sie niemals spielen sehen. Er las zuerst zerstreut, aber während er las, begann er aufzuleben. Das waren neue Töne. Seine dunklen Träume waren in Worte umgesetzt, seine revoltierende Kritik in Druck. Es gab also einen andern Menschen, und zwar einen großen berühmten Dichter, der den gleichen Ekel vor der ganzen Schul- und Universitätsbildung empfunden; der lieber ein Robinson oder Straßenräuber sein, als sich in diese Armee, die Gesellschaft heißt, einschreiben lassen wollte.

Johan las weiter; die Stimme zitterte, die Wangen wurden heiß, die Brust arbeitete schwer. „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen....‟

Da stand ja alles zu lesen, alles!

— Und das ist Schiller? rief er aus. Derselbe Schiller, der die elende Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und das zahme Theaterstück „Wallenstein‟ geschrieben hat, die man in der Schule liest! Ja, es war derselbe.

Hier war der Aufruhr gepredigt; der Aufruhr gegen Gesetze, Gesellschaft, Sitten, Religion. Das war die Revolution von 1781, also acht Jahre vor der großen Revolution. Das war das Programm der Anarchisten hundert Jahre vor ihrer Zeit, und Karl Moor war der Nihilist. Das Drama erschien mit einem Löwen auf dem Titel und dem Motto: „In Tyrannos‟. Der Dichter, damals zweiundzwanzig, mußte fliehen. An der Absicht des Stückes war also nicht zu zweifeln. Es trug auch ein zweites Motto, aus Hippokrates, das die Absicht ebenso deutlich zeigt: „Was Arznei nicht heilt, heilt das Eisen; was Eisen nicht heilt, heilt das Feuer‟.

Ist das nicht deutlich genug? Dann aber war da ein Vorwort, in dem der Dichter um Entschuldigung bittet und zurücknimmt. Er leugnet, Franzens Sophismen zu teilen; erklärt, daß er das Laster in Karl habe strafen wollen. Und dann sagt er über die Religion: „Auch ist jetzt der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen (wie Voltaire und Friedrich der Große), daß man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt.... Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.‟

War nun Schiller wahr, als er das Drama schrieb, und falsch, als er das Vorwort schrieb? Gleich wahr in beiden Fällen, denn der Mensch ist ein Doppelgänger, tritt bald als Naturmensch, bald als Gesellschaftsmensch auf. Am Schreibtisch, in der Einsamkeit, als die stillen Buchstaben niedergeschrieben wurden, scheint Schiller wie andere, besonders junge Dichter unter dem Einfluß des blinden Spiels der Naturtriebe gearbeitet zu haben, ohne auf das Urteil der Menschen Rücksicht zu nehmen, ohne an ein Publikum oder Gesetze und Verfassungen zu denken. Die Hülle wurde einen Augenblick gehoben,und der Betrug der Gesellschaft in seiner ganzen Größe durchschaut. Das Schweigen der Nacht, in der die Arbeit, besonders bei der Jugend, betrieben wird, erinnert nicht an das lärmende, kunstvoll zusammengesetzte Leben draußen; das Dunkel verhüllt diese Steinmassen, in die sich schlecht angepaßte Tiere niedergelassen haben. Dann kommt der Morgen, das Tageslicht, der Straßenlärm, die Menschen, die Freunde, die Polizei, die Glockenschläge, und der Seher bebt vor seinen Gedanken. Die öffentliche Meinung erhebt ihr Geschrei, die Zeitungen schlagen Lärm, die Freunde verlieren sich, es wird einsam um einen, und ein unwiderstehliches Entsetzen packt den Angreifer der Gesellschaft. Willst du nicht mit uns sein, sagt die Gesellschaft, so geh, geh hinaus in den Wald. Bist du ein schlecht angepaßtes Tier oder ein Wilder, so deportieren wir dich nach einer niedrig stehenden Gesellschaft, in die du passest.

Und die Gesellschaft hat von ihrem Standpunkt aus recht und bekommt leider recht. Aber die künftige Gesellschaft feiert den Empörer, den einzelnen, der eine Verbesserung der Gesellschaft angeregt hat; lange nach seinem Tode bekommt der Empörer recht.

Im Leben eines jeden wachen Jünglings tritt ein Augenblick ein, gerade beim Übergang von der Familie zur Gesellschaft, in dem das ganze künstliche Kulturleben ihn anekelt und er losbricht. Bleibt er dann in der Gesellschaft, so wird er von allen diesen vereinigten Dämpfern der Gefühle und des Brotes bald unterdrückt; er wird müde, wird geblendet, gibt den Kampf auf und überläßt die Fortsetzung andern Jünglingen. Dieser unbeirrte Blick auf die Dinge, dieser Ausbruch einer gesunden Natur, der sich notwendigerweise bei dem unverkümmerten jungen Manne finden muß, der dann von der Gesellschaft getrübt, gedämpft wird, ist mit einem Namen gestempelt worden, der den Wert der guten Absichten des Jünglings verringern soll. Man spricht von „Frühlingsflut‟ und will damit sagen, es sei nichts anderes als eine Kinderkrankheit, die vorübergeht; eine Saftsteigung, die Blutstockung und Schwindel hervorruft. Wer weiß, ob der Jüngling nicht richtig sah, ehedie Gesellschaft ihm die Augen ausstach? Und warum dann den Geblendeten höhnen?

Schiller mußte in den Staat hineinkriechen und Brotstellen annehmen, um leben zu können. Sogar das Gnadenbrot von Herzögen essen. Darum ging es mit seiner Dichtung immer mehr abwärts, wenn auch nicht aus ästhetischem oder untergeordnetem Gesichtspunkt. Aber seinen Tyrannenhaß kann er doch nicht verleugnen. Der schlägt jetzt nieder auf Philipp von Spanien, Doria von Genua, Geßler von Österreich; darum hören aber die Schläge auf zu wirken. Schillers Opposition, die sich zuerst gegen die ganze Gesellschaft richtete, richtet sich später gegen die Monarchie allein. Und er beschließt seine Laufbahn auch mit diesem Rat an einen Weltverbesserer (jedoch nachdem er auf die große Revolution die Reaktion hatte folgen sehen):

Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.

Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.

Der Himmel, der unglückselige alte Himmel sollte dafür sorgen, ebensogutwie früher.

Wie man einmal seiner Wehrpflicht genügt im Alter von zwanzig Jahren, so genügte Schiller seiner. Wie viele haben sich nicht davon gedrückt!

Johan nahm es nicht so genau mit dem Vorwort und dessen Folgerungen oder sah die nicht; er nahm Karl Moor wörtlich und identifizierte sich mit ihm, denn der paßte ihm. Er ahmte ihn nicht nach, denn er war ihm so ähnlich, daß er ihm nicht nachzuäffen brauchte. Ebenso aufsässig, ebenso schwankend, ebenso unklar; immer bereit, bei Alarm sich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.

Der Lebensüberdruß wurde noch größer; er begann Pläne zu entwerfen, wie er aus der geordneten Gesellschaft fliehen könne. Einmal war er darauf verfallen, nach Algier zu reisen und in die Fremdenlegion einzutreten. Es wäre schön, dachte er, in der Wüste leben zu können, in einem Zelt, auf halbwilde Volksstämme schießen und vielleicht erschossen werden. Diese Unruhe und dieser Lebensekel rührten nicht etwa von der Unterdrückung seines geschlechtlichen Lebens her, denn jetzt versagte er seinen Trieben nichts mehr. Es war wohl die Frühlingsflut, die alle Dämme und Pfahlwerke, die Schule und Elternhaus errichtet hatten, niederriß.

Zur rechten Stunde aber traten Umstände ein, die ihn für eine Zeit wieder mit den Verhältnissen aussöhnten. Durch die Empfehlung eines Freundes wurde ihm die Stelle eines Hauslehrers für zwei Mädchen in einem reichen und gebildeten Hause angeboten. Die Kinder sollten nach neuen freisinnigen Methoden erzogen werden, weder ins Mädchenpensionat gehen noch eine Gouvernante haben. Das war ein wichtiger Beruf, dem sich Johan nicht gewachsen fühlte. Auch, wandte er ein, ein Volksschullehrer? Weiß man nicht, daß ich das bin? Gewiß. Und doch? Man ist liberal in dem Hause! Wie liberal man damals war!

Ein neues Doppelleben begann. Aus der Strafanstalt der Volksschule mit Katechismus und Biblischer Geschichte, mit Armut, Elend und Grausamkeit, ging er um ein Uhr, um Mittag zu essen, das er in einer Viertelstunde verschlang, und war um zwei an Ort und Stelle. Es war damals das feinste Haus in Stockholm, mit Portier, pompejanischem Aufgang, bemalten Flurfenstern. In einem schönen großen hellen Eckzimmer mit Blumen, Vogelbauern, Aquarium sollte er zwei gut gekleideten, gewaschenen und gekämmten Mädchen, die fröhlich waren und sich sattgegessen hatten, Unterricht geben. Und zwar sollte er seine eigenen Gedanken aussprechen dürfen. Der Katechismus war verbannt; man sollte nur ausgewählte Erzählungen aus der Biblischen Geschichte lesen, indem man Leben und Lehre des Idealmenschen freisinnig erläuterte, denn die Kinder sollten nicht konfirmiert, sondern zu neuen Menschen erzogen werden. Und jetzt wurde Schiller gelesen und für „Wilhelm Tell‟ und das kleine glückliche Land, „das Land der Freiheit‟, geschwärmt. Man sog den Saft aus Shakespeares Roheiten, die noch nicht als Unsittlichkeiten gestempelt waren. Johans gesundes Geschlechtsleben machte, daß er über die heiklen Stellen in „Julius Caesar‟ frei und offen sprechen und auf die wißbegierigen Fragen derfrischen Kinder nach den Geheimnissen des Geschlechtslebens bei Pflanzen und Tieren antworten konnte, wenn sie Naturwissenschaft hatten. Er lehrte sie alles, was er wußte; sprach mehr, als er fragte; weckte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei ihnen und teilte diese Hoffnung selbst.

Hier bekam er einen Einblick in eine Gesellschaftsklasse, die er noch nicht kannte: die des gebildeten und reichen Mannes. Da fand er Freisinn und Mut und Verlangen nach Wahrheit. Unten in der Volksschule war man feige, konservativ, unwahrhaftig. Wären die Eltern der Kinder, auch wenn die Schulbehörde es vorschlug, willig gewesen, die Religion aus der Schule auszuscheiden? Wahrscheinlich nicht! Mußte also die Aufklärung von oben kommen? Sicherlich; nicht von ganz oben, sondern von der Republik der Männer der Wissenschaft, welche die Wahrheit suchten. Johan fühlte auch, daß man oben sitzen mußte, um gehört zu werden. Also: nach oben streben, oder die Bildung herunterreißen und die Funken unter alle ausstreuen! Es war wirtschaftliche Unabhängigkeit nötig, um freisinnig zu sein; eine Stellung, um seine Worte zu Geltung zu bringen; also auch da Aristokratie.

Es gab damals eine Gruppe junger Ärzte, Gelehrter, Schriftsteller, Abgeordneter, die eine freisinnige Gesellschaft bildeten, ohne sich als Verein zu konstituieren. Sie hielten populäre Vorlesungen; versprachen, keine Orden anzunehmen; hatten freimütige Ansichten über die Staatskirche, schrieben in Zeitungen. Die bekanntesten Namen waren: Axel Key, Nordenskiöld, Christian Lovén, Harald Wieselgren, Hedlund, Viktor Rydberg, Meijerberg, Jolin und mehrere ungenannte. Sie wirkten für sich im stillen, ohne größeren Lärm zu machen, allerdings mit einer Ausnahme. Nach der Reaktion von 1872 verblaßten sie, wurden müde; in eine Partei konnten sie nicht aufgehen; und das war gut, da die agrarische Partei bereits anfing durch den jährlichen Stockholmer Aufenthalt und den Besuch bei Hofe korrumpiertzu werden. Jetzt (1886) gehören sie alle zu der gemäßigt oder vornehm liberalen Partei, soweit sie nicht zu den Gleichgültigen und Müden übergegangen sind; was ganz natürlich wäre, nachdem sie so viele Jahre nutzlos gekämpft hatten.

Durch die Familie seiner Schülerinnen kam Johan in äußerliche Berührung mit dieser Gruppe; sah deren Mitglieder wenigstens aus der Nähe und hörte sie bei Diners und Soupers sprechen. Manchmal dachte er, das seien die richtigen Männer, die es machen würden, indem „sie zuerst aufklären und dann reformieren‟. Hier traf er auch den Leiter der Volksschule und wunderte sich, ihn unter den Liberalen zu finden. Aber er hatte ja die Schulbehörde über sich und war so gut wie machtlos. Bei einem fröhlichen Diner, als Johan kühn geworden, faßte er sich ein Herz und wollte mit dem Herrn ein verständiges Wort sprechen. Hier, dachte er, können wir wohl Auguren sein und ein gutes Champagnerlächeln über alles lächeln. Der Vorgesetzte aber wollte nicht lächeln, sondern ersuchte ihn, das Gespräch aufzuschieben, bis sie sich in der Schule treffen würden. Nein, das wollte Johan nicht, denn in der Schule hatten sie, alle beide, andere Ansichten: darum sprach man jetzt von „etwas anderm‟. Sowohl Johan wie der Volksschulleiter hatten sich selber reformiert, durften darum aber nicht andere reformieren; das war nur eine Posse von dem, der es versprochen hatte.

Die Schulden wuchsen und die Arbeit vermehrte sich. Von acht bis eins in der Volksschule; Mittag essen und zu den Privatstunden gehen innerhalb einer halben Stunde; atemlos ankommen, während der Verdauung, die in Schlaf überzugehen droht; bis vier Unterricht erteilen; dann nach Hause gehen, um neue Stunden zu geben; am Abend zu den beiden Schülerinnen zurückkehren; nachts für seine Doktorprüfung arbeiten, nachdem er zehn Stunden Unterricht erteilt. Das war Überanstrengung. Der Schüler findet seine Arbeit schwer, aber er ist Wagen, während der Lehrer Pferd ist. Es istbestimmt schwerer, Lehrer zu sein als an der Schraube oder dem Kran einer Maschine zu stehen, und ebenso einförmig.

Das von Arbeit und gestörter Verdauung betäubte Gehirn mußte angeregt werden, die Kräfte mußten ersetzt werden, und er wählte das nächste und beste Mittel: in ein Café gehen, ein Glas trinken, eine Weile sitzen. Es war gut, daß es solche Erfrischungsräume gab, wo junge Leute zu treffen waren, wo Familienväter sich einen Augenblick bei einer Zeitung ausruhen oder in einem Geplauder von „etwas anderm‟ sprechen konnten.

Während des folgenden Sommers zog er mit einer Sommerkolonie in den Tiergarten hinaus. Dort unterrichtete er die beiden Mädchen einige Stunden allein und einen ganzen Schwarm anderer Kinder außerdem. Es war ein reicher und abwechselnder Verkehr. Die Kolonie war in drei Lager geteilt: das gelehrte, das künstlerische, das bürgerliche Lager. Johan gehörte allen dreien an. Man hat gesagt, die Einsamkeit sei schädlich für die Entwicklung des Charakters (zum Automaten), und man hat gesagt, viel Verkehr sei schädlich für die Entwicklung des Charakters. Man kann alles sagen und alles kann wahr sein; es kommt nur auf den Standpunkt an. Aber für die Entwicklung einer Seele zu einem reichen, freien Leben ist viel Verkehr notwendig. Je mehr Menschen man sieht, mit je mehr Menschen man spricht, desto mehr Gesichtspunkte lernt man kennen, desto mehr Erfahrungen erwirbt man. Jeder Mensch hat immer ein Korn, das seine Originalität ist; jeder einzelne hat seine Geschichte. Johan fühlte sich bei allen wohl. Er sprach gelehrte Dinge mit den Gelehrten, über Kunst und Literatur mit den Künstlern, sang Quartette und tanzte mit der Jugend, unterrichtete die Kinder; botanisierte, segelte, ruderte, schwamm mit ihnen. Wenn er aber einige Zeit im Gewimmel gewesen war, zog er sich in die Einsamkeit zurück, auf einen Tag oder mehrere, um seine Eindrücke zu verdauen.

Die sich wirklich vergnügten, waren die Bürger. Sie kamen von ihrer Arbeit in der Stadt, warfen ihre Bürde ab und spielten am Abend. Alte Großkaufleute warfenRing, tanzten, spielten Spiele, sangen wie Kinder. Die Gelehrten und Künstler saßen auf Stühlen, sprachen von ihrer Arbeit, wurden von ihren Gedanken wie vom Alp geritten, sahen nie wirklich glücklich aus. Sie konnten sich nicht von der Tyrannei der Gedanken befreien. Die Bürger hatten sich auch ein kleines grünes Gärtchen in ihrem Herzen bewahrt, das weder Gewinnsucht noch Spekulation noch Konkurrenz abbrennen konnte. Etwas Gefühlvolles und Herzliches war ihnen geblieben, das Johan Natur nennen wollte. Sie konnten lachen wie Narren, schreien wie Wilde, gelegentlich sich leicht rühren lassen. Sie weinten auch über das Unglück oder den Tod eines Freundes, umarmten sich in den Augenblicken der Entzückung, konnten über einen schönen Sonnenuntergang hingerissen sein. Die Professoren saßen auf Stühlen und sahen die Landschaft nicht, weil sie eine Brille trugen; ihre Blicke waren nach innen gerichtet, und ihre Gefühle zeigten sie nie. Ihr Gespräch bestand aus Schlüssen und Formeln; ihr Lachen war bitter; bei all ihrer Gelehrsamkeit schienen sie Marionetten zu sein. Ist das etwa ein höherer Standpunkt? Ist es nicht ein Mangel, ein ganzes Gebiet des Seelenlebens brachgelegt zu haben?

Mit dem dritten Lager wurde Johan jedoch am intimsten. Das war ein kleiner Kreis, der aus der Familie eines Arztes und dessen Verkehr bestand. Da sang der berühmte Tenor W., während Professor M. ihn begleitete; da spielte und sang der Komponist J.; da sprach der alte Professor P. von seinen römischen Reisen mit Malern vom alten Stamm. Hier war Gefühlsleben in reichem, aber künstlerischen Maße. Man genoß den Sonnenuntergang, aber man analysierte die Lichtwirkung und die Schlagschatten, sprach von Linien und Werten. Die geräuschvolleren Vergnügungen der Großkaufleute wurden als störend empfunden und ihr Spiel als unkünstlerisch. Für die Kunst, das schöne Spiel, schwärmte man hier. Johan fühlte sich einige Stunden wohl unter diesen liebenswürdigen Menschen; wenn er aber von der Villa nebenan Quartettgesang und Tanzmusik hörte, verlangte er dorthin; da war es bestimmt lustiger.

In einsamen Stunden las er; jetzt erst schloß er wirkliche Bekanntschaft mit Byron. „Don Juan‟, den er schon kannte, hatte er nur leichtsinnig gefunden. Der handelte von nichts, und die Naturschilderungen waren unerträglich lang. Das sind nur Abenteuer oder Anekdoten, dachte er. In „Manfred‟ machte er von neuem die Bekanntschaft mit Karl Moor, wenn auch in anderer Tracht. Manfred war kein Menschenhasser; er haßte mehr sein Ich und ging in die Alpen, um sich selber zu fliehen, fand sich aber immer neben sich mit seinem Verbrechen; Johan begriff sofort den Gedanken, daß Manfred in verbrecherischem Verhältnis zu seiner Schwester steht. Heute glaubt man, Byron habe dieses Verbrechen, das in Wirklichkeit nicht vorhanden war, durchschimmern lassen, um sich interessant zu machen. Interessant sein wie die Romantiker, zu welchem Preis auch immer, würde man jetzt (1886) übersetzen mit: sich von andern unterscheiden, über die andern hinausstreben. (Dieses ewige Streben!) Das Verbrechen galt für ein Zeichen von Kraft; darum wollte man mit einem Verbrechen prahlen können, aber mit einem, das nicht bestraft wurde; mit Polizei und Gefängnis wollte man nichts zu tun haben. Es lag wohl auch etwas von Opposition gegen Gesetz und Moral in dieser Prahlerei mit einem Verbrechen.

Manfred gefiel Johan, weil er mit dem Himmel und der himmlischen Regierung unzufrieden ist. Wenn Manfred sein Pfui über die Menschen ruft, so gilt es wohl der Gesellschaft, aber die Gesellschaft war noch nicht entdeckt. Keineswegs waren diese, Rousseau und Byron und die andern, unzufriedene Menschenhasser. Altes Christentum ist die Forderung, daß man die Menschen lieben soll. Wenn man sagte, man interessiere sich für sie, wäre das bescheidener und wahrer. Menschen fürchten kann der wohl tun, der im Kampf überlistet und abgetan ist, aber hassen kann sie wohl niemand, da sich ja jeder solidarisch mit der Menschheit fühlt und weiß, daß der Verkehr der größte Genuß des Lebens ist. Byron war ein Geist, der früher geweckt wurde als die andern undder theoretisch die Volksmenge seiner Zeit hassen mußte, der aber doch für aller Wohl kämpfte und duldete.

Als Johan sah, daß die Dichtung in ungereimten Versen geschrieben war, begann er sie zu übersetzen; kam aber nicht weit, da er von neuem entdeckte, daß er keine Verse schreiben konnte. Er war nicht berufen.

Bald schwermütig, bald mutwillig, empfand er oft ein unwiderstehliches Verlangen, im Rausch das brennende Feuer des Gedankens zu löschen und das Gehirn in seinem Laufe anhalten zu lassen. Von Natur schüchtern, fühlte er sich zuweilen getrieben, vorzutreten, aus sich etwas zu machen, Zuhörer zu sammeln, aufzutreten. Wenn er viel getrunken hatte, wollte er deklamieren. Große Gedichte, feierliche. Aber mitten im Vortrag, wenn die Ekstase am größten war, hörte er seine eigene Stimme, wurde schüchtern, verlegen, fand sich lächerlich und schlug plötzlich um, ging in einen niedrigeren Ton über, geriet ins Komische hinein, um mit einer Grimasse zu enden. Er hatte Pathos, aber nur für eine Weile; dann kam die Selbstkritik, und er lachte über seine übertriebenen Gefühle. Die Romantik lag im Blut, aber die nüchterne Wirklichkeit war im Begriff zu erwachen.

Auch Anfälle von Launen und Selbstquälerei verfolgten ihn. So blieb er von einem Mittagessen fort, zu dem er geladen war, lag auf seinem Zimmer und hungerte bis zum Abend. Er schob die Schuld darauf, daß er sich verschlafen.

Der Sommer näherte sich seinem Ende und er sah dem Beginn der Volksschule mit Überdruß und Furcht entgegen. Jetzt war er in Kreisen gewesen, in denen die Armut nie ihr verheertes Gesicht gezeigt hatte; jetzt hatte er den lockenden Wein der Bildung gekostet und die Lust, wieder nüchtern zu werden, verloren.

Seine Schwermut nahm zu, er zog sich auf sich selbst zurück und verschwand aus dem Verkehrskreis. Aber eines Abends klopfte man an seine Tür; der alte Arzt, der sein intimster Verkehr gewesen und in derselben Villa wohnte, trat ein.

— Wie steht es mit dem Humor? fragte er und setzte sich nieder wie ein alter väterlicher Freund.

Johan wollte nicht bekennen. Wie sollte er sagen, daß er mit seiner Stellung unzufrieden war? Wie bekennen, daß er Ehrgeiz habe und es in der Welt zu etwas bringen wolle?

Aber der Doktor hatte das alles gesehen und verstanden.

— Sie müssen Arzt werden, sagte er. Das ist eine Tätigkeit, die für Sie paßt und Sie mit dem Leben in Berührung bringen wird. Sie haben eine lebhafte Phantasie, aber Sie müssen sich über sich selbst klar werden, sonst geht es Ihnen schlecht. Sie haben ja Lust für den Beruf? Nicht wahr? Habe ich recht geraten?

Er hatte recht geraten. Durch die Berührung mit diesen neuen Propheten, die auf die Geistlichen und Beichtväter gefolgt waren, hatte Johan in ihren praktischen Kenntnissen vom Menschenleben die Höhe menschlicher Weisheit gesehen. Ein Weiser werden, der die Rätsel des Lebens versteht, das war augenblicklich sein Traum. Augenblicklich, denn er wollte eigentlich keine bestimmte Laufbahn einschlagen, auf der er in die Gesellschaft eingeordnet würde. Nicht etwa aus Furcht vor Arbeit, denn er arbeitete mit Leidenschaft und litt unter Müßiggang. Er wollte sich aber nicht in die Listen der Gesellschaft einschreiben lassen, keine Nummer werden, kein Zahnrad, keine Schraubenmutter. Er konnte nicht gezähmt werden. Er wollte draußen stehen und betrachten, lehren und verkünden. Die Laufbahn des Arztes war in gewissem Sinne frei. Er war nicht Beamter, hatte keine Vorgesetzte, saß auf keinem Dienstzimmer, war nicht an den Glockenschlag gebunden. Das war ja ziemlich verlockend, und Johan wurde gelockt. Aber wie sollte das zugehen? Acht Jahre Studium!

Daran hatte der freundliche Mann auch gedacht.

—Wohnen Sie bei uns in der Stadt und unterrichten Sie meine Knaben.

Das war ja ein reines Geschäft, eine Stellung und keine demütigende Wohltätigkeit. Aber die Schule? Seinen Posten aufgeben?

— Das ist nicht Ihr Platz, schnitt der Doktor ab. Jeder soll nach seinen Gaben wirken. Ihre Gaben können nicht in der Volksschule wirken, wo sie den Unterricht, wie ihn die Schulbehörde verlangt, geben sollen.

Das fand Johan vernünftig, aber die Mönchslehre war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er einen Stachel im Herzen fühlte. Er wollte so gern aus der Volksschule fort, aber ein sonderbares Pflichtgefühl hielt ihn zurück. Daß man ihm Ehrgeiz, einen so menschlichen Trieb, vorwerfen könnte, erregte seine Scham. Und seine Stellung, die war ihm, dem Sohn der Magd, dort unten angewiesen. Aber der Vater hatte ihn ja hinaufgezogen, buchstäblich hinaufgezogen: warum sollte er denn wieder hinunter, um dort unten Wurzel zu fassen?

Er kämpfte einen kurzen, blutigen Kampf; dann nahm er das Anerbieten mit Dank an und verabschiedete sich von der Schule.

Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johan jetzt sein neues Heim. Sofort schlug ihm eine neue Luft entgegen. Keine Erinnerung ans Christentum. Man quälte weder sichselbstnoch andere. Kein Tischgebet, kein Kirchenbesuch, kein Katechismus. Was wollen die, welche an die Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volke sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die andern erhoben hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat aufgehen können? Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte‟ das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste, Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther entbehren können? Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und nur mit der Entstehung der Kirche zusammenfiel, aber nicht von ihr abhängig war? Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit.

Hier ist gut sein, dachte Johan; das sind befreite Menschen, die aus den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel auf Reisen gewesen, hatten Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer im Hause. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische richtiger einschätzen.

Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne kleinlich zu sein. In einen unfreundlichen Weltteil verschlagen, von halben Feinden umgeben, suchten die Mitglieder der Familie Schutz beieinander und hielten zusammen. Ohne Vaterland sein, was man für so schwer hält, hat den Vorteil, daß die Intelligenz immer am Leben erhalten wird. Unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung, neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der Stillsitzende träge wird und sich auf andere verläßt.

Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen und glauben nicht daran. In den meisten Ländern Europas sind sie Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie man gewöhnlich glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. Sie sind Aristokraten aus Gewohnheit und Neigung, haben aber dasselbe Interesse wie die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und drückt, abzuheben. Aber sie fürchten den Proletarier, denn der ist religiös verdummt und liebt die Reichen nicht. Darum fliehen die Kinder Abrahams lieber nach oben, als daß sie unten Sympathie suchen.

Zu dieser Zeit, 1868, begann man die Frage, wie weit sich die Rechte der Juden erstrecken, zu erörtern. Alle Liberalen stimmten dafür. Damit dankte das Christentum ab. Taufe, Trauung, Konfirmation, Kirche, alles wurde unnötig für den Bürger einer christlichen Gemeinschaft. Solche scheinbar kleinen Reformen wirken auf den Staat wie der Tropfen auf den Felsen.

Es herrschte deshalb eine fröhliche Stimmung in der Familie, da die Zukunft der Söhne nun heller zu werden schien, als die des Vaters gewesen war, dessen akademische Laufbahn die Gesetzgebung einmal gehindert hatte.

Ein freigebiger Tisch wurde im Hause gehalten; alles war von bester Ware und in reichlicher Menge. Die Dienstboten hielten haus und hatten freie Hände in allem; wurden niemals als Dienstboten behandelt. Das Hausmädchen war Pietistin, durfte es sein, soviel sie wollte. Sie hatte eine gute und humoristische Natur und scherzte, unlogisch genug, mit dem im Hause herrschenden frohen Heidentum. Niemand scherzte dagegen mit ihrem Glauben. Johan selber wurde bald als vertrauter Freund, bald als Kind behandelt; er wohnte mit den Knaben zusammen. Sein Dienst war leicht. Es lag dem Vater mehr daran, daß er den Kindern Gesellschaft leiste, als daß er sie unterrichte. Er wurde hier etwas „verwöhnt‟, wie man zu sagen pflegt, mit der gewöhnlichen Auffassung, daß die Jugend zurückgesetzt werden müsse. Erst neunzehn Jahre alt, wurde er als einer ihresgleichen unter bekannte und reife Künstler, Ärzte, Schriftsteller, Beamte aufgenommen. Er begann sich für erwachsen zu halten, und die Rückschläge wurden darum desto härter.

Seine medizinische Laufbahn begann mit chemischen Versuchen auf der Technischen Hochschule. Da bekam er die erträumten Herrlichkeiten seiner Kindheit aus nächster Nähe zu sehen. Aber wie trocken und langweilig waren die Wurzeln der Wissenschaft! Säuren auf Salze gießen und sehen, wie die Lösung ihre Farbe ändert, das war nicht angenehm. Aus einigen Lösungen Salze hervorbringen, nicht sehr interessant. Später, als die Analyse kam, begann das Geheimnisvolle. Einen Becher, so groß wie ein Punschglas, mit einer wasserklaren Flüssigkeit füllen und dann auf dem Filter die vielleicht zwanzig Stoffe, die sie enthält, vorzeigen, das hieß doch etwas in die Geheimnisse eindringen.

Wenn er allein im Laboratorium war, machte er kleine Versuche auf eigene Faust. So stellte er sich unter ziemlich großer Gefahr eine kleine Flasche mit Blausäure her. Die zu haben, war ein merkwürdig angenehmes Gefühl. Der Tod, in wenigen Tropfen unter einem Glaspfropfen eingeschlossen.

Gleichzeitig beginnt er die Studien in Zoologie, Anatomie, Botanik, Physik, Latein. Noch mehr Latein! Lesen, sich eine Übersicht schaffen, den Stoff bezwingen, das ging; aber auswendig lernen, das war ihm zuwider. Der Kopf war schon mit so vielen Dingen erfüllt, daß noch mehr nur schwer hineinging. Aber es mußte.

Schlimmer war es, daß soviel anderes jetzt mit der Medizin zu konkurrieren anfing. Das Dramatische Theater lag einen Steinwurf von Hause entfernt; dorthin ging er einige Male in der Woche auf den dritten Rang, Stehplatz. Von dort sah er jetzt die elegante und heitere Welt der französischen Komödie, die man auf Brüsseler Teppich spielte. Diese leichte gallische Natur, die der schwermütige Schwede als sein fehlendes Komplement bewundert, nahm ihn gefangen. Welches Gleichgewicht, welche Widerstandskraft gegen die Schicksalsschläge besaß doch dieses Volk eines südlicheren, sonnigeren Landes! Seine Gedanken wurden noch schwerer, als er seinen germanischen „Weltschmerz‟ fühlte, der einen solchen Flor über alles breitete, daß hundertjährige französische Erziehung ihn nicht hatte fortblasen können. Er wußte aber nicht, daß das Bühnenleben der Pariser nicht das Leben ist, das der emsige und sparsame Pariser hinter dem Pult oder dem Ladentisch führt. Die französische Komödie war für die reichen Emporkömmlinge des zweiten Kaisertums geschrieben: Politik und Religion standen unter Zensur, aber nicht Moral. Sie war aristokratisch, wirkte aber befreiend, indem sie die Wirklichkeit packte, wenn sie auch nicht unter Marquis und Kaufleute hinunterstieg. Sie gewöhnte die Zuschauer daran, sich in dieser feinen Welt heimisch zu fühlen; man vergaß dabei die andere niedrigere Welt, und wenn man aus dem Theater kam, glaubte man, auf Souper bei seinem Freunde dem Herzog gewesen zu sein.

Der Zufall wollte auch, daß die Frau Doktor eine gute Bibliothek mit der schönen Literatur der ganzen Welt besaß. Das war ein Schatz! Und der Doktor besaß eine Galerie schwedischer Meister und eine wertvolle Sammlung Kupferstiche.

Die Ästhetik, die jetzt ungehemmt blühte, brach ins Leben und sogar in die Schule ein, in der literarischeVereine Vortrag hielten. In der Familie sprach man so viel von Gemälden und Künstlern, Dramen und Schauspielern, Büchern und Dichtern, daß der Doktor sich oft veranlaßt sah, das Gespräch mit einer starken Dosis aus seiner Praxis zu würzen.

Jetzt beginnt Johan auch Zeitungen zu lesen. Das politische und soziale Leben mit seinen mannigfaltigen Fragen offenbart sich ihm, stößt ihn aber zuerst zurück, da er Ästhet und Familienegoist geworden ist. Die Politik gehe ihn nichts an, dachte er; das sei eine Fachwissenschaft wie alle andern.

Seinen Unterricht bei den beiden Mädchen setzte er fort, auch verkehrte er weiter in ihrer Familie. Außer dem Hause verkehrte er mit erwachsenen Verwandten, die Kaufleute waren, und deren Bekannten. Sein Kreis war also ausgedehnt; er sah das Leben nicht von einem Gesichtspunkt. Aber diese unaufhörliche Beschäftigung mit Kindern muß ihn niedergehalten haben. Er fühlte nicht, daß er älter wurde; und er konnte die Jugend nicht überlegen behandeln. Er merkte jetzt schon, daß die Jungen ihm voraus waren; daß sie mit neuen Gedanken geboren wurden; daß sie dort weiter bauten, wo er aufgehört hatte. Wenn er später erwachsene Schüler traf, sah er beinahe zu ihnen auf, als seien sie älter. Sie schienen ihn überholt zu haben, wenn sich auch die Gesichtstäuschung dahin auflöste, daß sie sich selber überholt hatten, wie er sie früher gesehen.

Der Herbst 1868 war da. In den Folgen der neuen Staatsverfassung hatte man sich so verrechnet, daß man mißvergnügt war. Die Gesellschaft war auf den Kopf gestellt. Die Bauern bedrohten Stadt und Kultur, und die Erbitterung war allgemein.

Ist das letzte Wort schon gesagt von der Bauernpartei? Wahrscheinlich nicht. Sie begann äußerst demokratisch reformatorisch, und ihr Angriff auf die Zivilliste war das Kühnste, was man gesehen hatte. Das bedeutete, auf gesetzlichem Wege die Monarchie stürzen.Bewilligte der Reichstag so wenig Geld, daß sich der König verletzt fühlte, dann ging er. Das war ebenso einfach als genial.

In einer Zeit, die das Recht der Mehrheit verkündet, hätte man nicht erwartet, daß das Vorgehen der Bauern auf Widerstand stoßen werde. Schweden war ein Bauernreich, denn die Landbevölkerung bestand aus vier Millionen; bei einer Volksmenge von viereinhalb Millionen ist das wohl die Mehrheit. Sollte nun die halbe die vier regieren oder umgekehrt? Das letzte scheint billiger zu sein. Nun sprechen natürlich die Städter von der Selbstsucht und Tyrannei der Bauern. Aber haben denn die Arbeiter auf ihrem Programm einen einzigen Punkt, der die Lage der Bauern, Instleute und Kätner verbessern will? War nicht ihre Selbstsucht größer, als sie den Brotpreis der vierzehn Prozent gegen das ganze Gewerbe und Dasein der sechsundachtzig Prozent durch Schutzzölle schützen wollten? Wie dumm, von Selbstsucht zu sprechen, da ja jeder einzige dem Ganzen nützen soll, wenn er sich selber nützt!

Jetzt, 1868, entdeckten die Mißvergnügten eine Partei, die der gesetzlichen und löblichen Mehrheit gegenübergestellt werden sollte und die alle gründlichen Reformen auf ihr Programm schrieb. Das war die neuliberale Partei, die meist aus Schriftstellern bestand, dann aus einigen Handwerkern, einem Professor und andern. Diese Partei wieder erweckte die städtischen Industriearbeiter als einen neuentdeckten Stand. Mit dieser Handvoll Personen, die nicht die größeren und wichtigeren Interessen des Grundbesitzes hatten, deren Stellung so wenig gesichert war, daß eine Teuerung sie zu Proletariern machen konnte, sollte jetzt die Gesellschaft umgeschaffen werden. Was wußten die Arbeiter von der Gesellschaft? Wie wollten sie die haben? Zu ihren Gunsten sollte sie umgeschaffen werden, wenn auch der Bauernstand draufging! Aber das hieß sich die Beine absägen, denn Schweden ist kein exportierendes Industrieland. Daher würden die vier Millionen Kunden auf dem Lande im selben Augenblick, in dem sich ihre Kaufkraft verringerte, ohne es zu wollen, die Industrieruinieren und die Arbeiter auf die Straße setzen. Daß die Arbeiter vorwärts kommen, ist eine Notwendigkeit; aber alle Menschen, wie die Industriesozialisten es fordern, zu Industriearbeitern machen wollen, ist viel unvernünftiger, als alle Menschen zu Bauern machen, wie die Bauernsozialisten beabsichtigen. Das Kapital, das die Arbeiter jetzt angreifen, ist doch wohl das Fundament der Industrie; rührt man das an, so stürzt die Industrie zusammen; dann müssen die Arbeiter zurück, woher sie gekommen sind und noch täglich kommen — aufs Land.

Noch war die Bauernpartei nicht verdorben durch den Verkehr mit feinen Herren; war weder konservativ geworden noch machte Kompromisse. Der Krieg schien zwischen Land und Stadt auszubrechen. Jedenfalls war Gewitter in der Luft. Die kleinste Veranlassung konnte Blitze hervorbringen, wenn sie auch nur von Bärlappsamen waren.

Die Hauptstadt mit ihrem hohen Interesse für die Kultur wollte Karl XII. eine Statue errichten. Warum? War dieser letzte Ritter des Mittelalters das Ideal der Zeit? War das Idol von Gustav IV. Adolf und Karl XII. ein Ausdruck für die neue unkriegerische Zeit geworden, die begann? War es ein Echo von der Zeit des Skandinavismus, da Er selbst in höchsteigener Person den sterbenden Kriegsruhm Schwedens neu beleben wollte? Oder ging das Ganze, wie es so oft geschieht, vom Atelier des Bildhauers aus? Wer weiß? Das Standbild war fertig und sollte enthüllt werden. Tribünen für die Zuschauer wurden errichtet, aber so ungeschickt, daß die Feier von der Volksmenge nicht gesehen werden konnte, während der abgesperrte Raum nur den Hof und die Eingeladenen, die Sänger und die Gehilfen faßte. Da das Volk auch zum Denkmal gesammelt hatte, glaubten alle das Recht aufs Schauen zu haben. Die Tribünen machten böses Blut. Man schrieb in den Zeitungen, reichte eine Bittschrift ein, daß die Tribünen abgebrochen würden; die Antwort war aber nein. Das Volk sammelte sich, um die Tribünen niederzureißen; da aber zog Militär auf.

Der Doktor gab ein Diner für die italienische Operngesellschaft. Man war vom Nachtisch aufgestanden, als Laute von der Straße zu hören waren. Zuerst klang's wie Regen, der auf ein Blechdach fällt, dann war deutlich das Massengeschrei zu hören. Johan horchte auf. Es war nichts mehr zu hören. Die Weingläser klangen zwischen italienischen und französischen Phrasen, die über den Tisch hin und her geworfen wurden; Lachen schallte und Witze hagelten; die Fischgesellschaft hörte sich selber kaum. Da aber drang ein Brüllen von der Straße herauf, gleich danach Pferdegetrappel, Gerassel von Waffen und Sattelzeug. Einen Augenblick wurde es still, der eine und der andere erbleichte.

— Was ist das? fragte die Primadonna.

— Das Pack lärmt, antwortete ein Professor.

Johan stand vom Tische auf, ging in sein Zimmer, nahm Hut und Mantel und eilte hinaus. Das Pack! klang's in seinen Ohren, während er die Straße hinunterging. Das Pack! Das waren die früheren Klassengenossen seiner Mutter, das waren seine Schulkameraden und dann seine Schüler; das war dieser dunkle Hintergrund, auf dem die hellen Gemälde dort oben wirken konnten. Er hatte wieder dieses Gefühl, als sei er desertiert; habe unrecht getan, sich in die Höhe zu arbeiten. Aber er mußte doch erst in die Höhe kommen, um für die in der Tiefe etwas ausrichten zu können. Ja, so hatten viele gesprochen: waren sie aber erst hinaufgekommen, hatte es ihnen so gut dort oben gefallen, daß sie die dort unten vergaßen. Diese Reiter zum Beispiel, die aus den allerdunkelsten Löchern gekrochen waren, wie brüsteten die sich! Mit welchem ungemischten Vergnügen hieben sie auf ihre Kameraden ein; wenn man auch zugeben mußte, daß sie noch lieber die schwarzen Hüte niedergehauen hätten.

Er ging weiter und kam auf den Markt, wo das neue Denkmal stand. Die Tribünen hoben sich vom Abendhimmel ab wie riesige Marktbuden, und unten um sie wimmelte es von Menschen. Aus der Mündung der Straße war Pferdegetrappel zu hören, ein kurzer Schritt nur. Und dort kamen sie angeritten, die blauen Gardereiter, die Stützen der Gesellschaft, auf die sich die Oberen verließen. Johan wurde von einem rasenden Verlangen ergriffen, dieser Masse Pferde, Menschen, Säbel entgegenzugehen, als sähe er in ihnen den ganzen Druck verkörpert. Das war der Feind! Also los auf ihn. Die Truppe reitet weiter, und Johan stellt sich mitten auf die Straße.

Woher hatte er seinen Haß gegen die Aufrechterhalter der Ordnung, die einst ihn und seine Rechte verteidigen würden, nachdem er emporgekommen und auf die andern drückte? Wenn diese Volksmenge, mit der er sich jetzt solidarisch fühlte, freie Hände bekommen, hätte sie vielleicht den ersten Stein durch das Fenster geworfen, hinter dem er eben mit vier Weingläsern gesessen. Gewiß, aber das hinderte doch nicht, daß er ihre Partei ergriff; man sieht ja oft, wie die Oberklasse, allerdings inkonsequent, Partei gegen die Polizei ergreift. Diese abstrakte Freiheitsmanie ist wohl eigentlich des Naturmenschen ewiger kleiner Aufruhr gegen die Gesellschaft.

Er geht der Reiterei entgegen, mit einer dunkeln Absicht, sie alle zu Boden zu schlagen, als ihn glücklicherweise jemand beim Arm packt, kräftig, aber freundlich. Man bringt ihn wieder nach Haus zum Doktor, der jemanden ausgesandt hat, um ihn zu suchen. Nachdem er sein Ehrenwort gegeben, diesen Abend nicht mehr hinauszugehen, sinkt er auf ein Sofa nieder und fällt in Fieber.

Am Tage der Enthüllung sang er unter den Studenten mit, befand sich also unter den Auserwählten, den „oberen Zehntausend‟, und hatte allen Grund, für sein Teil zufrieden zu sein.

Als die Feier beendet war, stürmte das Volk vor. Die Polizei drängte es zurück. Da aber begann das Volk mit Steinen zu werfen. Die Schutzleute zogen ihre Säbel und hieben ein, verhafteten und mißhandelten.

Johan war auf den Platz vor der Jakobikirche gekommen, als ein Kommissär auf einen Kerl einhieb, während es Steine regnete und den Schutzleuten die Helme abgeschlagen wurden. Ohne zu zögern, sprang er aufden Polizisten los, packte ihn beim Kragen, schüttelte ihn und schrie:

— Lassen Sie den Mann los!

Der Kommissär blickte bestürzt auf den Angreifer.

— Wer sind Sie? fragte er zögernd.

— Ich bin der Satan, und ich werde Sie holen, wenn Sie den Mann nicht loslassen.

Jener ließ wirklich los, aber nur, um Johan zu packen. In diesem Augenblick schlug ihm ein Stein seinen dreikantigen Hut herunter. Johan riß sich los.

Mit Bajonetten wurde jetzt die Volksmasse nach der Wache getrieben, die sich auf dem Gustav-Adolf-Platze befand. Hinterdrein folgten viele Menschen, Herren aus höheren Gesellschaftsklassen, wild, schreiend; wie es schien, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien. Johan lief mit. Es war, als habe ein Sturmwind sie vorwärts geführt. Menschen, die durchaus nicht belästigt, nicht zurückgedrängt worden waren, die eine hohe Stellung in der Gesellschaft einnahmen, stürzten blind vorwärts, setzten Stellung, Familienglück, Brot, alles aufs Spiel. Johan fühlte, wie eine Hand seine faßte. Er drückte sie ebenfalls und sah neben sich einen fein gekleideten Herrn mittleren Alters, dessen Züge verzerrt waren. Sie kannten einander nicht, sie sprachen nicht miteinander, aber sie liefen Hand in Hand wie zwei, die von dem gleichen Geist ergriffen sind. Sie stießen auf einen Dritten. Johan kannte einen Schulkameraden wieder, der schon Beamter war, den Sohn eines Ministers. Dieser junge Mann hatte die Opposition in der Schule niemals mitgemacht, galt im Gegenteil für einen Reaktionär, der eine Zukunft vor sich habe. Er war jetzt weiß im Gesicht wie eine Leiche, die Wangen waren von Blut geleert, die Muskeln lagen dicht am Schädel: er glich einem Totenkopf, in dem zwei Augen brannten. Die drei konnten nicht sprechen, aber sie faßten sich gegenseitig bei den Händen und liefen auf die Wache zu, die gestürmt werden sollte. Die Flutwoge stürmte vorwärts, vorwärts, bis sie sich, wie immer, an den Bajonetten brach, um sich in Schaum aufzulösen.

Eine halbe Stunde später saß Johan mit einigen Studenten bei einem Beefsteak im Opernkeller. Er erzählte sein Abenteuer als etwas, das außerhalb von ihm und ohne seinen Willen geschehen sei. Ja, er scherzte darüber. Das konnte Feigheit gegenüber der öffentlichen Meinung sein; aber auch ganz einfach, daß er seinen Ausbruch objektivierte, ihn jetzt in Ruhe als Mensch der Gesellschaft beurteilte. Die Luke war einen Augenblick geöffnet worden, der Gefangene hatte seinen Kopf herausgesteckt, dann flog die Luke wieder zu.

Sein unbekannter Mitschuldiger war, wie er später entdeckte, ein durchaus konservativ gesinnter Großkaufmann. Der wich nun Johans Blicken aus, wenn sie sich trafen. Einmal stießen sie auf einem Trottoir zusammen und mußten einander ansehen. Sie lächelten nicht.

Während sie im Opernkeller saßen, kam die Nachricht vom Tode des Dramatikers Blanche. Die Studenten nahmen sie ziemlich kühl auf. Künstler und Bürger wärmer. Aber die Unterklasse sprach von Mord. Sie wußte, daß er wegen der Tribünen persönlich beim König vorstellig geworden war. Sie wußte, daß er immer, obwohl er alles Gute dieser Welt besaß, an sie dachte, und sie war dankbar. Dumme Menschen wandten wie gewöhnlich ein: es war keine Kunst von ihm, sich eine Rede für die Armen zu leisten, da er reich und gefeiert war. War es keine Kunst? Die größte Kunst!

Eigentümlich war, daß sich die ganze Unzufriedenheit gegen den Oberstatthalter und die Polizei entlud, nicht wie sonst gegen den König. Karl XV. war eine Persona grata; er durfte tun, was er wollte, ohne unpopulär zu werden. Er war nicht herablassend oder demokratisch, eher hochfahrend. So erzählte man sich Geschichten, daß Günstlinge in Ungnade gefallen seien, weil sie bei frohem Gelage den Respekt außer acht gelassen. Er konnte Soldaten Tabak in den Mund stecken, aber er beschimpfte Offiziere, die seinen Launen nicht sofort gehorchten. Bei Feuersbrünsten teilte er Ohrfeigen aus. Lachte nicht, wenn er im Witzblatt karikiert wurde, wie man annahm. Er war der Herrscher undglaubte sowohl Krieger wie Staatsmann zu sein. Griff selber in die Regierung ein, konnte Fachmänner anschnauzen: „das verstehst du nicht.‟ Aber er war populär und blieb es. Der Schwede, der darunter zu leiden scheint, wenn ein Wille versagt, bewunderte diesen Willen und beugte sich vor ihm. Eigentümlich war auch, daß der Schwede ihm sein unregelmäßiges Leben verzieh, vielleicht, weil er kein Geheimnis daraus machte. Er hatte sich seine eigene Moral geschrieben, und nach der lebte er. Daher besaß er Harmonie, und Harmonie ist immer ein angenehmer Anblick.

Man konnte Empörer aus Instinkt sein, aber an die notwendige Übergangsform zu einer besseren Staatsverfassung, der Republik, glaubte man nicht. Man hatte in Frankreich gesehen, wie auf zwei Republiken neue Monarchien gefolgt waren. Man war heimlich Anarchist, aber nicht Republikaner, und man hatte sich einreden lassen, die Monarchie sei kein Hindernis für die Entwicklung der Freiheit.


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