14.Vor dem Vorhang.(1869)

So dachten die Jungen. Die Älteren dagegen, wie der Dramatiker Blanche, sahen die ganze Rettung in der Republik. Darum ist die altliberale Schule heute (1886) so etwas wie konservativ republikanisch geworden.

Als der Doktor sah, daß die schöne Literatur seiner Frau Johans medizinische Studien überwucherte, beschloß er, ihn in die Geheimnisse seines Berufes blicken zu lassen; ihm einen Vorgeschmack davon zu geben, der ihm helfen sollte, die langwierigen Vorstudien zu überwinden, die er selbst für zu weitläufig hielt. Johan konnte jetzt mehr Chemie und Physik als der Arzt; und der war der Ansicht, es sei nur Bosheit, durch schwere Vorstudien den Konkurrenten die Laufbahn zu erschweren. Warum nicht sofort wie in Amerika an der Leiche arbeiten, da es doch ein Fachstudium war? So durfte Johan direkt von seinen anatomischen Büchern als Amanuensis in die Praxis übergehen.

Das war ein neues, abwechslungsreiches Leben voller Wirklichkeit. Man fuhr in eine dunkle Gasse, kam inein Pförtnerzimmer, wo ein Weib im Fieber lag. Trat ans Bett, zwischen arme Kinder, Großmutter und andere Verwandte, die auf Zehen gingen und das Urteil erwarteten. Nahm die muffige, zerlumpte Decke ab, entblößte eine eingesunkene, arbeitende Brust, zählte die Pulsschläge. Dann griff man zu Papier und Feder.

Dann fuhr man in die Villenstraße, wurde auf weichen Teppichen durch glänzende Zimmer in eine Schlafstube geführt, die wie ein Tempel aussah. Hob eine blauseidene Decke, schiente das Bein eines in Spitzen gekleideten, engelhaften Kindes. Betrachtete auf dem Rückweg eine Gemäldesammlung und sprach von Künstlern.

Das war neu, das war interessant. Aber was für einen Zusammenhang hatte das mit Titus Livius und der Geschichte der Philosophie?

Dann aber kamen die chirurgischen Einzelheiten. Man wird um sieben Uhr morgens geweckt, kommt in die schwarze Kammer des Doktors, muß beim Ausbrennen einer Wunde mit Hand anlegen; einer Wunde, die von einer geschlechtlichen Krankheit herrührt. Das Zimmer riecht nach Menschenfleisch und das ist widerlich bei fastendem Magen. Oder muß einem Patienten den Kopf halten, während der Doktor mit einer Gabel Drüsen aus dem Rachen zieht; fühlen, wie der Kopf des Patienten unter dem Schmerz zuckt.

Daran gewöhnt man sich bald, sagte der Doktor, und das war wahrscheinlich. Aber Johans Gedanken waren jetzt bei Goethes Faust, Wielands leckern Romanen, George Sands sozialen Phantasien, Chateaubriands Naturschwärmereien, Lessings verständigen Theorien. Die Phantasie war in Bewegung gesetzt, und das Gedächtnis wollte nicht arbeiten; die Wirklichkeit mit ihren Brandwunden und geronnenem Blut war unschön; die Ästhetik hatte den Jüngling so gefaßt, daß das Leben ihm traurig und abstoßend vorkam.

Der Verkehr mit Künstlern hatte seine Augen für eine neue Welt geöffnet: eine freie Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie kamen an den reichen und gebildeten Tisch schlecht gekleidet, mit schwarzen Nägeln und unreiner Wäsche, als seien sie nicht nur den andern ebenbürtig,sondern überlegen. Worin? Sie konnten kaum ihren Namen schreiben, sie liehen Geld, um zu bezahlen, sie führten eine rohe Sprache. Alles war ihnen erlaubt, das andern nicht erlaubt war. Warum? Sie konnten malen. Aber das konnte man ja auf der Akademie lernen, und die Akademie fragte nicht, ob alle, die eingeschrieben wurden, auch Genies seien? Wie wußte man also, daß sie Genies waren? War Malen denn mehr als Wissen, Kenntnisse besitzen, gelehrt sein?

Und diese Künstler hatten ein eigenes Moralgesetz, das anerkannt wurde. Sie mieteten sich ein Atelier und ließen sich Frauen kommen, die sich nackt entkleideten. Sie prahlten mit ihren Geliebten, während sich andere ihrer schämten und ihretwegen getadelt wurden. Sie konnten in Geldverlegenheit sein und scherzten darüber, während andere dadurch belastet wurden; ja, es gehörte zu einem richtigen Künstler, ein „Lump‟ zu sein, wie man es sonst nannte.

Das sei eine heitere, freie Welt, dachte Johan; in der werde er sich wohl fühlen, ohne alle konventionelle Fesseln, ohne Pflichten gegen die Gesellschaft, vor allem aber ohne Berührung mit der langweiligen Wirklichkeit. Aber er war kein Genie; wie sollte er also da hineinkommen? Sollte er malen lernen, um den Freibrief zu erhalten? Nein, das ging nicht; er hatte nie ans Malen gedacht, dazu war er nicht berufen; auch würde die Malerei nicht alles ausdrücken, was er sagen wollte, wenn er einmal zum Sprechen käme. Sollte es etwas sein,wennes etwas sein sollte, so wäre es das Theater. Der Schauspieler durfte vertreten und alle diese Wahrheiten sagen, wie bitter sie auch sein mochten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das war sicherlich eine schöne Laufbahn.

Johans Versuch, die Universität Upsala nach Stockholm zu verlegen, sollte nicht ohne Folgen bleiben; die Kameraden hatten ihn ja gewarnt. Als er also zeitig im Frühling nach Upsala fuhr, um seine lateinische Arbeit zu schreiben, hatte er durch die Post an den Dozenten die üblichen drei Probeaufsätze und die festgesetzten fünfzehn Kronen vorausgeschickt. So gelang sein Attentat oder wurde nicht bemerkt, und die Arbeit leistete er.

Jetzt aber im Mai wollte er die Vorprüfung in Chemie machen. Um ganz sicher zu gehen, ließ er sich vom Assistenten der Technischen Hochschule prüfen. Der erklärte, er besitze mehr Kenntnisse, als zur medizinischen Prüfung notwendig seien. So vorbereitet, fuhr Johan nach Upsala. Den ersten Besuch machte er bei einem Kameraden, der schon die Vorprüfung in Chemie bestanden hatte und die Geheimnisse kannte.

— Ich kann Synthese und Analyse; auch kenne ich die organische Chemie, begann Johan.

— Das ist gut, denn wir brauchen nur die Synthese zu kennen; aber das hilft nichts, denn du hast nicht aufseinemLaboratorium gearbeitet.

— Das ist wahr, aber das der Hochschule ist viel besser.

— Das hilft nichts, denn es ist nicht seins.

— Wir werden doch sehen, ob Kenntnisse nicht genügen.

— Wenn du so sicher bist, dann mach den Versuch; aber höre auf das, was ich dir jetzt sage. Zuerst mußt du zum Dozenten gehen, um die Fragen kennen zu lernen.

— Was?

— Für eine Krone paukt er eine Stunde mit dir; er fragt dich alle die merkwürdigeren Fragen, die der Professor während des letzten Jahres gestellt hat. So pflegt er jetzt zu fragen, ob man aus seinem Kadaver Streichhölzchen und Ammoniak aus deinen alten Stiefeln machen könne. Aber die Fragen erfährst du vom Dozenten. Zweitens darfst du nicht in Frack und weißer Binde kommen, am allerwenigsten so fein gekleidet, wie du jetzt bist. Darum will ich dir meinen Reitrock leihen, der auf den Schultern grün und an den Nähten rot ist, und meine Schaftstiefel, denn Stiefeletten liebt er nicht.

Johan befolgte die Instruktion und ging zuerst zum Dozenten. Der stellte an ihn die Fragen, die zuletzt vorgekommen waren. Zum Entgelt mußte Johan versprechen, unter allen Umständen zurückzukehren und die Fragen zu nennen, die er selbst erhalten. Mit denen wollte der Dozent sein Material an Fragen vermehren.

Am nächsten Tage ging Johan zu dem Kameraden, um sein Kostüm anzuziehen. Die Hosen wurden hochgezogen, damit die Schäfte der Stiefel zu sehen seien; der Kragen wurde auf der einen Seite aufgebogen, damit die Haut zwischen Bündchen und Kragen zu sehen war.

So vorbereitet ging er zu seinem ersten Tentamen.

Der Professor der Chemie war ein früherer Fortifikationsoffizier, der seinerzeit von der gelehrten Gilde in Upsala nicht gern empfangen worden. Er war Soldat, nicht akademisch gebildet, also eine Art „Philister‟. Das hatte ihn gereizt und leberkrank gemacht. Um sein laienhaftesÄußereszu verwischen, affektierte er den überstudierten und geradsinnigen Gelehrten. Ging schlecht gekleidet und machte sich ungewöhnlich. Schüler des Berzelius, viele Hunderte waren das wohl gewesen, liebte er's, daran zu erinnern. Das war sein Trumpf. Berzelius trug unter anderm zerrissene Hosen; daher war ein Loch in den Hosen das Kennzeichen eines tüchtigen Chemikers. Daher alle diese Sonderbarkeiten.

Johan stellte sich vor, wurde mißtrauisch betrachtet und gebeten, in einer Woche wiederzukommen. Da erklärte er, er sei besonders hergereist und könne sich, daer arm sei, keine Woche in der Stadt aufhalten. Wirkte sich die Erlaubnis aus, am nächsten Tage wiederkommen zu dürfen. — Es würde bald erledigt sein, meinte der Alte. — Was?

Am nächsten Tage saß Johan auf einem Stuhl vor dem Professor. Es war ein sonniger Nachmittag im Mai und der Alte schien sein Mittagessen schlecht verdaut zu haben. Er sah unheimlich aus, als er von seinem Schaukelstuhl seine erste Frage hinwarf.

Zuerst kamen die Antworten korrekt. Dann wurden die Fragen gewundener, als seien sie Schlingen.

— Wenn ich ein Stück Land habe und vermute Salpeter, wie soll ich's da anfangen, um eine Salpeterfabrik anzulegen?

Johan antwortete, indem er eine Salpeteranalyse vorschlug.

— Nein.

— Dann weiß ich nichts anderes.

Es wurde still und die Fliegen summten. Lange still, unangenehm still.

— Jetzt werden die Stiefel bald kommen oder die Streichhölzchen, dachte Johan; da werde ich glänzen. Aber es kam nichts. Johan brachte sich in Erinnerung und hustete. Aber der Professor schwieg. Johan überlegte sich, ob er durchschaut sei und der Alte den Prüfungsrock wiedererkannt habe.

Dann kam eine neue Frage, die unbeantwortet blieb. Dann noch eine.

— Es ist zu früh, sagte der Alte und stand auf.

— Aber ich habe ein Jahr auf dem Laboratorium gearbeitet und kann auch Analyse.

— Die Rezeptur können Sie wohl, aber Sie haben sie nicht verdaut! Sehen Sie, auf der Hochschule ist man Handwerker, hier aber ist man Gelehrter.

Es verhielt sich nun gerade umgekehrt, denn die Mediziner beklagten sich darüber, daß sie wie Köchinnen dastehen und Mixturen und Salze bereiten müßten, ohne eine Analyse machen zu dürfen; während doch diese gerade Aufgabe des Arztes war; die Synthese hatte der Apotheker zu machen. Jetzt aber hatte die einige Jahrefrüher angeregte Frage, ob die Universität nicht nach Stockholm zu verlegen sei, Upsala gegen die Hauptstadt erhoben; auch war das Laboratorium der neu erbauten Technischen Hochschule zu Stockholm ebenso berühmt wegen seiner vortrefflichen Einrichtungen, wie das der Universität Upsala wegen seiner erbärmlichen berüchtigt war. Hier spielte also kleinlicher Sinn mit, und Johan fühlte die Ungerechtigkeit.

— Ich bekomme also kein Zeugnis?

— Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!

Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes Laboratorium.

Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!

Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben: Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des Körpers wühlen? Pfui Teufel!

Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind, Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren! Vielleicht hatte jede Seele etwaszu geben, was nicht in den Büchern stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.

So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.

Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.

Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb, sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern, größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet. In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber Widerstand von anderer Seite.

Vererbung annehmen, weil die Neigung in der Familie gewesen, dürfte vielleicht übereilt sein, da wir eben angenommen haben, daß sich das Verlangen bei denmeisten findet. Doch hatte der Großvater väterlicherseits, Bürger von Stockholm, Theaterstücke für eine Liebhaberbühne geschrieben, und ein junger entfernter Verwandter lebte noch als warnendes Beispiel. Dieser letzte war Ingenieur gewesen, hatte in einem großen Eisenwerk gelernt, war an einer Bahn angestellt. Hatte also eine schöne Zukunft vor sich gehabt, aber plötzlich seine Laufbahn abgebrochen und war zum Theater gegangen. Johan erinnerte sich noch, wie in seiner Jugend zu Hause bei dem Verwandten Stücke von Studenten der Technischen Hochschule eingeübt wurden; er hatte auch eine solche Aufführung im Saal eines Restaurants gesehen. Der Schritt des Ingenieurs wurde ein Familienkummer, der sich niemals legte, und der viel bedauerte junge Mann war zu dieser Zeit noch nichts geworden, sondern reiste mit einer namenlosen Provinzgesellschaft umher. Das also war der schwierigste Punkt. — Ja, das ist er, antwortete Johan sich selber, aber ich werde Glück haben! — Warum? Weil er es glaubte. Und er glaubte es, weil er es wünschte.

Man könnte vielleicht die Lust für angeboren halten, weil Johan als Kind viel mit einem kleinen Kindertheater spielte; aber alle Kinder spielen Theater. Er hatte wohl die Lust dadurch bekommen, daß er andere spielen sah. Und das Theater war ja eine unwirkliche, bessere Welt, die einen aus der langweiligen wirklichen herauslockte. Die letzte wäre einem nicht so langweilig vorgekommen, wenn die Erziehung harmonischer, realistischer wäre, nicht so romantisch, wie sie ist.

Genug, der Entschluß war gefaßt. Ohne irgend einem etwas zu sagen, geht er zum Leiter der Schauspielerschule, dem Dramaturgen des Königlichen Theaters.

Als er seine eigenen Worte hörte: ich will Schauspieler werden, schauderte ihn. Es war ihm, als risse er sich angeborene Scnüchternheit ab und tue seiner Natur Gewalt an.

Der Lehrer fragte, was er sei.

— Ich wollte Arzt werden.

— Und eine solche Laufbahn wollen Sie verlassen, um die schwerste und schlechteste von allen zu wählen?

— Ja!

Das sagten alle Schauspieler von ihrer Laufbahn: die schwerste und schlechteste, obwohl sie es so gut hatten. Das geschah nur, um einen abzuschrecken.

Johan bat um Privatstunden, damit er debütieren könne. Der Lehrer wollte gerade aufs Land reisen, denn die Spielzeit war zu Ende; aber er ersuchte Johan, am ersten September wiederzukommen, dann werde das Theater wieder eröffnet und die Direktion sei wieder in der Stadt. Das war eine Verabredung, und er war zufrieden.

Als er auf die Straße hinunterkam, ging er mit aufgesperrten Augen dahin, als sehe er in eine helle Zukunft hinein; den Sieg hatte er selbstverständlich in der Hand, er war bereits davon berauscht und flog, aber mit schwankenden Schritten, die Straße hinunter.

Im Hause des Doktors sagte er nichts, auch allen andern gegenüber schwieg er. Drei Monate lagen vor ihm: in denen wollte er für sich alles lernen, um bereit zu sein. Aber geheim, denn er war schüchtern und feig. Feig vor dem Kummer des Vaters, feig vor der Enttäuschung des Doktors; schüchtern vor der ganzen Stadt, die erfahren würde, daß er sich zum Schauspieler zu eignen glaubte; schüchtern vor dem Hohn der Verwandten, dem Grinsen und Abraten der Freunde. Das war die Frucht der Erziehung: was werden die Menschen sagen? Und die Furcht wurde so übertrieben, daß seine Einbildung die Handlung zu einem Verbrechen machte. Es war ja auch ein Eingriff in den Seelenfrieden vieler Menschen, denn Verwandte, Freunde, Bekannte fühlen ja eine Erschütterung, wenn ein Glied gewaltsam aus der Kette gerissen wird. Das empfand er, darum mußte er die Bedenklichkeiten des Gewissens abschütteln.

Als Debütrollen hatte er sich Karl Moor und Wijkanders Lucidor gewählt. Das war kein Zufall, sondern streng logisch. In diesen beiden hatte er beim Lesen sein Inneres ausgedrückt gefunden, deshalb wollte er in ihren Zungen sprechen. Lucidor, den schwedischen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, faßte er als einehöhere Natur auf, die, durch Armut untergraben, unzufrieden wurde und unglücklich endete. Natürlich eine höhere Natur! In diesen Schwärmereien fürs Theater tauchte auch etwas von dem auf, was er empfunden, als er predigte, als er sich beim Schulgebet empörte; das war der Verkünder, der Prophet, der Wahrheitsager!

Was seine Vorstellungen von der hohen Bedeutung des Theaters noch erhöhte, war die Lektüre von Schillers Vorlesung „Die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet‟. Sätze wie diese zeigten doch, wie hoch das Ziel war, nach dem er strebte: „Die Schaubühne ist der große Kanal, in dem das Licht der Weisheit von dem denkenden bessern Teil des Volkes herniederströmt, um sich in milden Strahlen über den ganzen Staat auszubreiten.‟ — „In dieser künstlichen Welt träumen wir uns von der wirklichen fort, wir finden uns selbst wieder, unser Gefühl wird geweckt, heilsame Gemütsbewegungen erschüttern unsere schlummernde Natur und treiben unser Blut in raschen Wellen. Der Unglückliche weint hier seinen eigenen Kummer in fremdem aus, der Glückliche wird nüchtern, der Sichere nachdenklich. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Mann, der rohe Unmensch beginnt hier erst zu fühlen. Und dann endlich, welch ein Triumph für dich, Natur! — so oft zu Boden getretene, so oft wiederauferstehende Natur! — wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durcheineallwebende Sympathie verbrüdert, ineinGeschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum — es ist diese: ein Mensch zu sein!‟

So schrieb der fünfundzwanzigjährige Schiller, und der zwanzigjährige Jüngling unterschrieb es.

Das Theater ist wohl eine Bildungsanstalt für Jugend und Mittelklasse, die sich noch von Schauspielern und bemalter Leinwand täuschen lassen können. Für Ältereund Gebildete ist es ein Vergnügen; besonders die Kunst des Schauspielers nimmt die Aufmerksamkeit gefangen. Darum ist es beinahe eine Regel, daß alte Kritiker unzufrieden und brummig werden. Sie haben die Illusion verloren und lassen keinen Fehler in der Technik durch.

Die neueste Zeit hat das Theater, besonders die Kunst des Schauspielers, bis zum Äußersten überschätzt; darauf ist dann der Rückschlag erfolgt. Die Schauspieler haben nämlich ihre Kunst von der Dramatik losgerissen, indem sie sich einbildeten, auf eignen Füßen gehen zu können. Daher das Sternwesen, die Schauspielerverehrung. Dann kam die Opposition. In Paris, wo man am weitesten gegangen, zeigte sich der Gegenstrom zuerst. Der Figaro rief die Helden am Théatre-Français zur Ordnung und erinnerte sie daran, daß sie die Puppen der Dichter seien.

Daß heute (1886) alle großen europäischen Theater herunterkommen, deutet an, daß die Kunst an Interesse verliert. Die Gebildeten gehen nicht mehr ins Theater, weil der Wirklichkeitssinn sich entwickelt hat und die Phantasie, ein Überrest des Wilden, zurückgeht. Die Ungebildeten haben weder Zeit noch Geld, um ins Theater zu gehen. Dem Varieté, das ergötzt, ohne zu erziehen, scheint heute die Zukunft zu gehören, denn es ist Spiel und gewährt Erholung. Alle bedeutenden Dichter wählen eine andere, geeignetere Form, um die großen Fragen zu behandeln. Ibsens Stücke haben immer ihre Wirkung in Buchform ausgeübt, ehe sie gespielt wurden; und wenn sie gespielt werden, dreht sich das Interesse am meisten darum,wieman sie spielt — also ein Interesse zweiten Grades.

Johan machte den gewöhnlichen Fehlschluß der Jugend, daß er Schauspieler und Dichter vermengte. Der Schauspieler war der Verkünder, und der Dichter war der Verantwortliche, der hinter jenem steht.

Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust. Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetztaufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach Hause.

Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung, mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst von großem Wert sind.

Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben. Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebeüber den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön herabfielen.

Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte, war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke Sprechstimme.

Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß, Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu machen.

Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen, war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.

Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben; wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.

Johan fragte ihn einmal, wie seine Religion ihm das erlauben könne.

— Ja, siehst du, antwortete der wahre Christ, wir, die wir in Christus leben, wir haben alle Sünde auf Jesus geworfen.

Aber das Gesetz?

— Das Gesetz hat Jesus für uns vervollkommnet. Keiner kann das Gesetz erfüllen, darum ist Jesus in die Welt gekommen, um den Fluch des Gesetzes aufzuheben. Und darum, mein lieber Johan, siehst du, nur mit Christus kann man Freude und wahren Frieden haben!

Johan fand das kolossal. Jetzt begriff er den angeblichen Frieden der Pietisten. Sie schoben die Schuld auf die Sünde und den Teufel, um die Taten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Das war eine bequeme Religion, etwa wie Schlafrock und Pantoffeln.

— Du bist nicht glücklich, fuhr der Freund fort, weil du unter dem Gesetze stehst; weil du es erfüllen willst, um fehlerfrei zu werden; das aber kann niemand.

Daran lag es also. Johan hatte immer eine Art böses Gewissen, daß er Fehler habe. Dieses Gewissen sollte also zum Schweigen gebracht und alles auf Jesus geworfen werden. Das aber war ungereimt: er würde also niemals Frieden finden. Es lag etwas Humanes in solchem Pietismus, in diesem fröhlichen Christentum, sich immer schuldfrei zu fühlen; immer tun zu können, was man wollte, wenn man nur glaubte, Jesus sei Gott. Das war ja moderner Determinismus, der alles entschuldigte, weil er alles erklärte; mit der Ausnahme, daß er nur den Gläubigen zu sündigen erlaubte; nur in Jesus durfte man sündigen und fröhlich sein.

Das sind Jesuiten, dachte Johan: wenn man mit der Partei stimmt, darf man sündigen, kann aber streng gegen andere sein.

Eines Tages kam dieser Freund Albert zu Johan und teilte ihm mit, er wolle nach Kopenhagen fahren, um Thorwaldsens Museum zu sehen. Ein schlauer Unternehmer veranstalte nämlich eine Dampferfahrt nach Kopenhagen, durch den Götakanal hin und an der Küste zurück, gegen eine sehr geringe Summe.

— Komm mit, sagte er.

Bald war der Entschluß gefaßt, daß Johan und einer der Knaben mitfahren sollten. Die Veranlassung der Dampferfahrt war der Einzug der Kronprinzessin in diedänische Hauptstadt; für sie aber war es eine Wallfahrt nach dem Grabe Thorwaldsens.

An einem Augustabend sitzt Johan neben dem Bildhauer, einem der Knaben und einem von dessen Schulkameraden auf dem Achterdeck des Dampfers. In der Dämmerung, die schon eingetreten ist, sieht man Herren und Damen an Bord kommen. Die Gesellschaft scheint ganz gut zu sein. Starke Familienväter mit Fernglas und Reisetasche, Damen in hellen Kleidern und Hüten nach der neuesten Mode. Es ist eine Bewegung und ein Wirrwarr; man sucht seine Schlafplätze, die allen versprochen sind. Johan und seine Begleiter sitzen ruhig da und warten ab. Sie haben ihren Mundvorrat wie ihre Decken und fürchten nichts.

Als der Dampfer abgestoßen ist und Ordnung in das Gewirr kommt, sagt Johan:

— Jetzt wollen wir ein Butterbrot essen, ehe wir uns niederlegen.

Man sucht nach der Reisetasche und dem Brotkorb. Sie sind nicht zu finden. Man entdeckt, daß sie nicht mitgekommen sind. Das war ein harter Schlag, denn die Kasse war nicht groß, und man hatte sich auf den vortrefflichen Mundvorrat verlassen, den die Frau Doktor besorgt. Nun, man ißt aus dem Kasten des Bildhauers, aber da sind nur trockene Sachen, die nicht viel verschlagen.

Dann will man sich niederlegen. Von allen Seiten wird nach Schlafplätzen gefragt. Es gibt keine. Die Passagiere werden erregt und Flüche hageln. Man muß sich also aufs Deck setzen. Man schreit nach dem Veranstalter der Fahrt, aber er ist nicht an Bord. Johan legt sich aufs bloße Deck; die Knaben ziehen eine Persenning über, denn der Tau fällt und eine scharfe Kälte herrscht.

Sie erwachen frierend in Södertelje, denn die Matrosen hatten ihnen die Persenning fortgenommen.

Auf dem Kanaldamm erscheint jetzt der Veranstalter, der seines Zeichens Tapezierer ist. Die Passagiere werfen sich über ihn und schleppen ihn an Bord, überschütten ihn mit Vorwürfen. Er verteidigt sich und will ans Land, aber vergebens. Ein Standgericht wird abgehalten. Man beschließt die Fahrt fortzusetzen, behält aber den Tapezierer als Geisel.

Der Dampfer fährt durch den Kanal; als er aber eine Schleuse passiert, schwingt sich der Veranstalter hinauf und verschwindet unter einem Hagelschauer von Flüchen.

Die Fahrt wird fortgesetzt, und um die Mittagszeit ist man im Götakanal. Auf dem Achterdeck wird der Mittagstisch gedeckt. Johan und seine Begleiter nehmen Quartier im Rettungsboot, das am Achter hängt, und essen ein einfaches Mittagsmahl aus dem Kasten des Bildhauers. Der Bildhauer, der auf einem Ballen im Ladungsraum geschlafen hat, ist bei guter Laune und kennt Stand und Namen aller Passagiere.

Der Mittagstisch ist jetzt besetzt. Präses ist der Schornsteinfegermeister mit Familie. Dann kommen Pfandleiher, Schenkwirt, Fuhrmann, Schlächter, Diener nebst Familie, eine Menge junger Ladenburschen und einige Dirnen. Johan leidet, als er gedämpfte Barsche und Erdbeeren, Rotwein und Sherry sieht, denn er ist durch Luxus schon so verdorben, daß er von einfacher Nahrung krank wird. Das ist die Oberklasse unter den Passagieren. Der Schornsteinfegermeister spielt den großen Herrn. Er verzieht das Gesicht über den Rotwein und schilt die Kellnerin; die erklärt aber, die Wirtin bestimme über die Waren. Der Diener des Reichsarchivs macht den Gelehrten und scheint als Beamter auf die Philister herabzusehen.

Beim Sherry werden Reden gehalten. Die Unterklasse vom Vorderdeck hängt an Relingen und Geländern und lauscht. Nach den Parias im Rettungsboot sieht niemand. Man weiß, daß sie da sind, aber man sieht sie nicht. Die weiße Mütze wünscht man wohl gern fort, denn es sitzen zwei Augen unter dem Schirm, die sehen, daß es keine bessern Leute sind. Johan empfindet das. Er ist aus dieser Klasse heraus, der er von Geburt angehört, aber er hat kein Essen und ist nichts. Erempfindet seine Unterlegenheit und ihre Überlegenheit. Sie haben gearbeitet, und darum essen sie. Ja, aber er hatte ebensoviel wie sie gearbeitet. Ja, aber nicht auf diese Art. Er arbeitete und hatte Ehre von seiner Arbeit, sie nahmen das schöne Essen und verzichteten auf die Ehre. Beides konnte man nicht haben.

Die Leute saßen da, gesättigt und fröhlich, tranken Kaffee und Likör und nahmen das ganze Achterdeck ein. Jetzt wurden sie kühn und machten Bemerkungen über die Gesellschaft im Rettungsboot. Die konnte nur schweigen und leiden, denn jene waren in der Mehrheit und Oberklasse, weil sie konsumierten.

Johan fühlte sich in einem Element, das nicht das seine war. Eine feindliche Luft war um ihn, ihm war schlecht zumute. Hier an Bord gab es keine Polizei, die ihm helfen würde; auf keine Gerechtigkeit konnte er sich berufen; kam es zu Händeln, würden alle ihn verurteilen. Er brauchte nur eine spitzige Antwort zurückzugeben, so würde er Schläge kriegen. Pfui Teufel, dachte er, dann lieber Offizieren und Beamten gehorchen: die würden niemals solche Tyrannen sein wie diese Demokraten.

Später versuchte er, auf Alberts Rat, sich ihnen zu nähern, aber sie waren unzugänglich.

Auf der Fahrt zwischen Venersborg und Göteborg kam es zum Ausbruch. Der Hunger nahm so bedenklich zu, daß man eines Mittags beschloß, in den Speisesalon hinunterzugehen, um vom Butterbrottisch zu essen. Johan und die Knaben gingen. Da waren so viel Leute, daß man kaum an den Tisch herankommen konnte. Johans Schüler behielt darum, und nach den Sitten seiner Klasse, den Hut auf. Der Schornsteinfeger erblickte den Hut.

— Hör mal, schrie er, ist dir das Zimmer etwa zu hoch?

Der Knabe tat, als verstehe er nicht.

— Den Hut ab, Junge! rief man wieder.

Der Hut bleibt sitzen. Ein Ladenbursch schlägt ihn herunter. Der Knabe nimmt den Hut auf und setzt ihn wieder auf den Kopf. Da bricht der Sturm los. Wie ein Mann stürzen alle hin und schlagen den Hut herunter. Dann geht es auf Johan los.

— Und so ein Halunke hat einen Hauslehrer, der dem Jungen keinen Anstand beibringen kann! Wir wissen schon, wer Sie sind.

Und nun hagelte es Scheltworte über die Eltern.

Johan versuchte die Gesellschaft darüber aufzuklären, daß man in diesen Kreisen an öffentlichen Orten den Hut aufbehalte,jenesalso kein Ausdruck von Geringschätzung gewesen sei. Das aber wurde übel aufgenommen.Jenesund in diesenKreisen! Was schwatzte er für Unsinn! Wollte er sie Anstand lehren?

Ja, das konnte er, da sie gerade von diesen Kreisen vor fünfundzwanzig Jahren gelernt, den Hut abzunehmen, was jetzt nicht mehr Sitte war; und er hätte ihnen sagen können, daß sie in fünfundzwanzig Jahren den Hut aufbehalten würden, sobald sie nur Wind bekommen, daß es fein sei. Das aber hatten sie noch nicht.

Sie gingen wieder auf Deck.

— Mit diesen Leuten kann man sich nicht auseinandersetzen, sagte Johan.

Er war von dem Auftritt erschüttert. Er hatte einen Ausbruch des Klassenhasses erlebt; hatte die Augen funkeln gesehen von Leuten, die er nicht gekränkt; hatte den Fuß der künftigen Oberklasse auf seiner Brust gefühlt. Also, sie waren seine Feinde geworden. Die Brücke zwischen ihnen und ihm war abgebrochen. Aber das Blutsband war noch da, und er hegte denselben Haß gegen die Gesellschaft und deren unberechtigte Höhen wie sie; denselben Groll auf die Konvention, vor der sie sich alle beugen mußten; ja, er hatte Karl Moors Worte im Ohr, aber die, die ihn eben geschlagen hatten, waren alle Spiegelberger. Kamen sie in die Höhe, würden sie alle treten, Große wie Kleine; kam er in die Höhe, würde er nur die Großen treten. Das war der Unterschied zwischen ihnen. Doch es war die Bildung, die ihn demokratischer als sie gemacht hatte; also: hinüber zu den Gebildeten! Die würden für die Unteren arbeiten, aber aus der Entfernung und von oben. Mit dieser rohen, unförmlichen Masse konnte man nichts anfangen.

Der Aufenthalt an Bord wurde jetzt unerträglich. Jeden Augenblick konnte man einen Ausbruch erwarten. Und der kam.

Johan saß auf dem oberen Deck, der Dampfer war jetzt auf dem Kattegatt, als er unter sich einen heftigen Lärm, Stimmen, Geschrei hörte. Er glaubt die Stimme seines Schülers zu erkennen. Er stürzt hinunter. Auf dem Zwischendeck steht der Sünder, umgeben von einer Menschenmenge. Der Pfandleiher fuchtelt mit den Armen und schreit. Johan fragt, was los sei.

— Er hat meine Mütze gestohlen! schreit der Pfandleiher.

— Das ist doch wohl nicht möglich, sagt Johan.

— Doch, ich habe es gesehen; er hat sie in diese Reisetasche gelegt.

Es war Johans Reisetasche.

— Das ist meine Reisetasche, sagt Johan; bitte, sehen sie selbst nach!

Der öffnet die Reisetasche und — da liegt die Mütze des Pfandleihers. Allgemeine Bestürzung. Johan ist betroffen, und der Sturm will gegen die beiden Diebe losbrechen. Ein Student, der stiehlt! Das war ein Leckerbissen! Wie war das zugegangen? Jetzt erinnerte sich Johan. Er hatte eine ebensolche graue Mütze wie der Pfandleiher, die er des Nachts zum Schlafen benutzte. Er hatte dem Knaben gesagt, er solle die in die Reisetasche legen; der Knabe hatte dann die falsche genommen.

Johan wandte sich an die Passagiere.

— Meine Herren, begann er, halten Sie es für möglich, daß der Sohn eines reichen Mannes eine fettige Mütze nimmt, wenn er selbst eine fast neue besitzt? Sehen Sie nicht, daß ein Irrtum begangen ist?

— Ja, antwortete die Unterklasse, es ist ein Irrtum.

Aber der Pfandleiher blieb bei seiner Behauptung.

— Dann bleibt mir nur übrig, diesen Herrn für den Irrtum um Entschuldigung zu bitten; und ich ersuche meinen Schüler, das gleiche zu tun!

Das tat der, wenn auch widerstrebend. Allgemeine Befriedigung, Gemurmel, das sei fein!

Damit war der Fall glücklich abgetan.

— Siehst du, sagte Johan zu dem Knaben, die Leute lassen doch mit sich reden!

— Ach was! Sie fühlten sich nur geschmeichelt, weil Sie „Meine Herren‟ sagten. Ein verdammtes Pack!

— Vielleicht, antwortete Johan, der die Demütigung zu groß für solch eine Kleinigkeit fand.

Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt, saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen. Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann, der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger, der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute sich der junge Sünder, der das Pack haßte.

— Jetzt sind wir Herren, sagte er.

Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht, zu widersprechen.

Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und schauten sich die Aussicht an.

Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren. Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß, geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl, aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach. So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit Betten, aber eine Waschschüsselwar nicht zu sehen; die Wände hatten keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu; bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten rochen.

Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden. Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei Tage.

Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich einen Teller Suppe.

— Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen, während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.

Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück, wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen, die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daßdie Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun. Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die Professorenherrschaft, dann wird Upsala — nein, nicht die Professoren! Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.

Tiefer drang er dieses Mal nicht in die Sache ein, denn man hatte die Frage noch nicht aufgeworfen, ob man nicht allen die gleiche Bildung geben könne, oder ob überhaupt jemand herrschen solle.

Er war auf die schlimmste von allen Aristokratien gestoßen, auf die Oberklasse der Unterklasse, oder, wie sie mit einem häßlichen Namen genannt wird, den Philister. Eine schlechte Kopie der Oberklasse, stimmte er mit der Macht, äffte die Gewohnheiten der Vornehmen nach, bereicherte sich durch fremde Arbeit, zitierte Autoritäten, haßte Opposition, seinen stillen Widerspruch gegen die Oberen ausgenommen. Der Schornsteinfeger wurde reich durch die Elendesten von allen, der Fuhrmann durch die armen Kutscher und Gäule, der Pfandleiher hatte unbilligen Gewinn an der Not. Und so weiter.

Ein Lehrer dagegen, ein Arzt, ein Künstler konnte seine Arbeit nicht Sklaven überlassen; der mußte sie selbst verrichten, war also kein solcher Hai, wie die dort unten. Brachte nun die Bildung den Menschen Glück, machte Bildung die Menschen besser, so war diese Aristokratie berechtigt, wohltätig; konnte sich für besser halten. Aber die Bildung bekam man für Geld oder konnte sich zu ihr durchbetteln oder durchpumpen, wie so viele Studenten es taten. Dann war es keine Tugend wenigstens. Nein, das war es nicht, aber man mußte sich über den andernfühlen, wenn man mehr wußte und die Gesetze des Zusammenlebens so beobachtete, daß man niemanden kränkte. Für die wahre Demokratie blieb nur das Nivellieren übrig, auf daß niemand sich unten zu fühlen brauchte und niemand oben zu sein glaubte.

Das schwedische Theater war zu dieser Zeit vielen Angriffen ausgesetzt, und wann wird das Theater nicht angegriffen? Das Theater ist eine Miniaturgesellschaft innerhalb der Gesellschaft, ebenso wie diese eingerichtet, mit Monarch, Ministern, Beamten, einer ganzen Reihe Volksklassen, die eine über der andern. Ist es da sonderbar, daß diese Gesellschaft immer den Angriffen der Unzufriedenen ausgesetzt ist?

Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die Angriffe einen mehr praktischen Zweck. Ein früherer Provinzschauspieler hatte das Königliche Theater mit einer Broschüre beschossen, die höhere Gesichtspunkte nicht aufwies, aber den Erfolg hatte, daß der Autor in die Direktion berufen wurde. Das reizte zur Nachfolge, und viele schrieben jetzt Abhandlungen, um in die Direktion zu kommen.

Das Königliche Theater war damals wohl weder besser noch schlechter als früher. Aber, fragte man, ist das Theater eine Bildungsanstalt, für die es sich ausgibt, warum setzt man denn Ungebildete zu Leitern ein? Darauf antwortete man: Wir haben eben einen der gelehrtesten Männer des Landes, Hyltén-Cavallius, auf dem Posten gehabt, und wie ist es da gegangen? Trotzdem er den Vorteil besaß, nicht adelig zu sein, wurde er doch von der demokratischen Presse, die ihn von unten beim Rock riß, totgemacht. Heute (1886) ist die Utopie der Selbstregierung verwirklicht, das Theater hat einen Mann vom Bau an der Spitze, und nun ist die Zufriedenheit allgemein.

An dem bestimmten Tage ging Johan ins Theater, um sich zum Debüt anzumelden. Nachdem er etwas gewartet hatte, erlangte er Zutritt und wurde nach seinem Anliegen gefragt.

— Debüt!

— So? Haben Sie an ein besonderes Stück gedacht?

— Karl Moor in den „Räubern‟! antwortete er, herausfordernder, als nötig war.

Man blickte einander an und lächelte.

— Aber es müssen drei Rollen sein. Haben Sie keine andere vorzuschlagen?

— Lucidor!

Man beriet und erklärte darauf, diese Stücke ständen jetzt nicht auf dem Spielplan. Das hielt Johan nicht für stichhaltig, erhielt aber die vernünftige Antwort, das Theater könne nicht für unerprobte Kräfte so große Stücke in Szene setzen und seinen Spielplan erschüttern. Darauf schlug der Direktor den „Fechter von Ravenna‟ vor. Nach solchen Triumphen, wie sie der letzte Darsteller der Rolle gefeiert hatte, zu kommen, nein, das wagte Johan nicht.

Das Ende war: Johan sollte mit dem Dramaturgen sprechen.

Nun begann ein Kampf, wahrscheinlich nicht der erste und nicht der letzte auf diesem Zimmer.

— Seien Sie vernünftig, Herr; man muß diesen Beruf ebenso lernen wie alle andern. Niemand ist fertig geboren. Kriechen Sie, ehe Sie gehen. Nehmen Sie zuerst eine kleine Rolle.

— Nein, die Rolle muß so groß sein, daß sie mich trägt. In einer kleinen Rolle muß man ein großer Künstler sein, um in die Augen zu fallen.

— Hören Sie auf mich, Herr, ich habe Erfahrung.

— Andere haben in großen Rollen debütiert, ohne auf der Bühne gewesen zu sein.

— Aber Sie werden sich den Hals brechen!

— Dann breche ich mir eben den Hals!

— Aber die Direktion gibt nicht die erste Bühne des Landes zu Experimenten des ersten besten her.

Das war ein Grund. Er wolle also eine kleine Rolle nehmen. Man entschloß sich für Härved Boson in Hedbergs „Hochzeit von Ulfåsa‟.

Zu Hause las Johan die Rolle und war verdutzt. Das war keine Rolle. Die handelte von nichts. Er zanktenur einige Male mit seinem Schwager und dann umarmte er seine Frau. Aber er mußte die Rolle nehmen. Man hatte eben heruntergehandelt.

Die Proben begannen. Hohle Worte ohne Bedeutung hinauszuschreien, das war grausam.

Nach einigen Proben erklärte der Lehrer, er habe keine Zeit mehr und empfahl Johan, den Proben der Schauspielerschule beizuwohnen.

— Ja, aber Schüler werde ich nicht!

— Nein, nein.

Man sprach von der Schauspielerschule wie von einem Kindergarten oder einer Sonntagsschule. Alle möglichen Leute wurden aufgenommen, ob sie Schulbildung hatten oder nicht. Dahin wollte Johan nicht. Nein, nur zuhören.

Mit schweren Schritten ging er hin. Gewohnt, selbst Lehrer zu sein, trat er als eine Art Ehrengast ein und setzte sich auf einen Stuhl. Aber er zog sich eine unangenehme Aufmerksamkeit zu. Die Stunde verging damit, daß die „Milchstraße‟, die er auswendig konnte, und einige andere Gedichte hergesagt wurden.

— Aber davon kann man doch für die Bühne nichts lernen, wagte er dem Lehrer zu sagen.

— Dann kommen Sie auf die Bühne und erproben Sie das Rampenlicht, sagte der.

— Wie ist das möglich?

— Als Statist.

— Statist? Hm! Das geht abwärts, ehe es begann, dachte Johan. Aber er beschloß, alles durchzumachen.

Eines Morgens erhielt er die Ladung, sich auf der Probe von Björnsons „Maria Stuart‟ einzufinden. Der Bote übergab ihm ein kleines blaues Heft, auf dem geschrieben stand: Ein Edelmann. Und inwendig auf einem weißen Blatt las er: „Die Lords haben einen Unterhändler gesandt, der eine Herausforderung an den Grafen Bothwell überbringt‟. Das war die ganze Rolle. Und das war also sein Debüt!

Zu der festgesetzten Zeit betrat er die kleine Hintertreppe und gelangte am Diener vorbei auf die Bühne. Zum ersten Male stand er hinter den Kulissen. Das wardie Kehrseite. Ein großes Magazin mit schwarzen Wänden; ein zernagelter schmutziger Scheunenfußboden; und diese grauen Leinwandschirme mit ihrem rohen Holz!

Von hier hatte man ihm herrliche Szenen aus der Weltgeschichte gegeben, von hier hatte Masaniello gerufen: „Nieder mit den Tyrannen‟, während er zitternd im vierten Rang stand. Hier hatte Hamlet gehöhnt und gelitten; von hier hatte ja auch einmal Karl Moor sein Pfui über die Gesellschaft und die ganze Welt gerufen. Ihm wurde bange. Wie sollte man hier, beim Anblick des rohen Holzes und der grauen Sackleinwand, selber Illusion bekommen? Alles sah staubig und schmutzig aus; die Arbeiter waren arme Teufel; die Schauspieler und Schauspielerinnen sahen in ihren bürgerlichen Kleidern nach nichts aus.

Er wurde ins Foyer geführt, wo man erst eine halbe Stunde lang die Gavotte tanzte, die das Stück eröffnete. Es war volles Tageslicht. Auf einem Stuhl saß der alte Musiklehrer seiner Familie und strich die Geige. Der Ballettmeister schrie und schlug in die Hände. Man wurde aufgestellt. Das ist nicht verabredet, dachte Johan. Aber es war zu spät.

So befand er sich mitten in einem Wechseltanz, den er nicht konnte; wurde gestoßen und gescholten. Nein, das mache ich nicht mit, dachte Johan, aber er konnte nicht mehr zurück.

Ein Gefühl von Scham überkam ihn. Mitten am Vormittag tanzen: das war keine schöne Beschäftigung. Und dann vom Lehrer zum Schüler hinabsteigen; der Letzte hier sein: soweit war er noch nie zurückgegangen.

Es klingelte zur Probe. Man wurde auf die Bühne getrieben. Dort stellte man sich zur Gavotte auf. An der Rampe standen die großen Schauspieler, welche die Hauptrollen hatten; von dort zogen sich die beiden Reihen bis in den Hintergrund.

Das Orchester spielt. Der Tanz beginnt in langsamen feierlichen Rhythmen. Aber unten von der Rampe hört man die tiefen Stimmen der beiden Puritaner, die über die Verderbnis des Hofes ihr Wehe rufen.

Das war von ergreifender Wirkung; Johan fühlte, wie es ihn packte. Die Herren hatten Hüte, Mäntel und Stöcke, die Damen Mäntel und Muffe, aber es machte doch Eindruck.

Johan stand in der Kulisse und hörte das ganze Stück. Maria Stuart liebte er nicht, sie war grausam und gefallsüchtig; Bothwell war zu roh und stark; Darnley, der schwache hamletartige Mann, der niemals aufhören konnte, diese Frau zu lieben, der vor Liebe verbrannte, trotz allem, trotz Untreue, Hohn, Bosheit: den liebte er. Und dann Knox. Hart wie Stein mit seiner sittlichen Forderung und seinem furchtbaren norwegischen Christentum.

Es war doch etwas, vorzutreten und im Kleide solcher Persönlichkeiten ein Stück Geschichte zu durchleben. Es war feierlich, wie früher in der Kirche. Nachdem er seine Rolle gesagt hatte, ging er, entschlossen, alles zu ertragen — für die heilige Kunst!

Der Schritt war also getan. An den Vater hatte er einen exaltierten Brief geschrieben und versprochen, er werde entweder etwas Großes auf dieser Laufbahn werden, die er jetzt betreten, oder sich wieder zurückziehen. Er hatte sich gelobt, nicht nach Hause zu gehen, bis er Erfolg gehabt. Der Doktor war traurig, aber schlug keinen Lärm, denn er sah ein, daß es unmöglich war, ihn zurückzuhalten. Aber er hatte andere geheime Pläne zur Rettung, die er jetzt ins Werk zu setzen begann. Zuerst hatte er Johan bewogen, einige medizinische Broschüren zu übersetzen, für die er einen Verleger gefunden. Jetzt kam er mit dem Vorschlag, sie sollten zusammen Artikel im „Abendblatt‟ schreiben. Johan hatte für sich Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt‟ übersetzt; da die Theaterfrage jetzt im Reichstag behandelt worden war, schrieb der Doktor eine Einleitung, in der er den Bauern ernstlich ihre Kulturfeindlichkeit vorhielt; so kam der Artikel in die Zeitung.

Eines andern Tages kam der Doktor mit einem Heftder medizinischen Zeitschrift „The Lancet‟, das die Frage behandelte, ob die Frau zur Ärztin tauglich sei. Ohne zu zögern, auf sein bloßes Gefühl hin, erklärte sich Johan gegen die Bewegung. Er hatte eine unbeschreibliche Ehrerbietung vor der Frau als Weib, Mutter, Gattin; aber die Gesellschaft war, wie sie einmal war, auf den Mann als Familienversorger und die Frau als Gattin und Mutter aufgebaut; also besaß der Mann seinen Arbeitsmarkt mit vollem Recht und allen Pflichten, die sich daraus ergaben. Jede dem Manne genommene Arbeit wäre entweder eine Ehe weniger oder ein hart bedrängter Familienvater mehr, denn der Trieb zur Ehe lag so tief beim Manne, daß er nie aufhören würde, sich zu verheiraten, wenn die Not auch noch so groß sei. Übrigens hatte das Weib seinen großen Arbeitsmarkt für sich: es konnte Magd, Haushälterin, Näherin, Gouvernante, Lehrerin, Schauspielerin, Künstlerin, Schriftstellerin, Königin, Kaiserin werden, vor allem Gattin und Mutter. Aber die Unverheirateten? Für die reichte eben der Arbeitsmarkt des Weibes. Es handelte sich also um einen Eingriff in die Rechte des Mannes. Wollte die Frau in das Gebiet des Mannes eindringen, so mußte der Mann auch von der Pflicht, die Familie zu versorgen, befreit werden; durfte man die Vaterschaft nicht ermitteln. Das aber wollte man nicht. Man begann im Gegenteil eine Jagd auf die prostituierten Frauen, um dadurch den Mann zur Ehe zu treiben; durch das Besitzrecht der verheirateten Frau gefesselt, würde der dann zum Haussklaven herabsinken.

Dieses verwickelte Problem, das erst in vieljähriger Arbeit zu entwirren war, nahm Johan instinktiv und schrieb gegen die Bewegung, in der er den Untergang des Mannes sah. Die Frauenemanzipation hatte in den fünfziger Jahren die wildesten Formen angenommen: der Feldruf „Keine Herren, keine Herren‟ bezeichnete den wahren Charakter der Bewegung, die auch in einer Komödie von Rudolf Wall, genannt „Fräulein Garibaldi‟, lächerlich gemacht wurde. Aber während die Jahre vergingen, hatten die Damen im stillen gearbeitet.

Groß war deshalb die Überraschung sowohl des Doktors wie Johans, als sie ihren Artikel im „Abendblatt‟ sahen, aber so geändert, daß er für die Bewegung sprach.

— Der Redakteur ist in den Händen von Frauen, sagte der Doktor; damit war die Sache erklärt.

Beim Theater ging es abwärts und der Krisis zu. Johan war in eine Garderobe, in der man Branntwein trank und es unsauber war, geschickt worden, um sich zusammen mit Statisten anzuziehen.

— Sie wollen mich ducken, dachte er; aber nur Geduld.

Jetzt wurde er ganz einfach als Statist für die eine Oper nach der andern befohlen. Er erklärte, er fürchte weder Rampe noch Publikum, da er in der Kirche gepredigt habe. Es half nicht. Aber das Schlimmste war, stundenlang auf Proben herumzulungern, ohne etwas zu tun. Las er dann ein Buch, mußte er hören, er habe kein Interesse. Ging er fort, schlug man Lärm.

In der Schauspielerschule wurden jetzt Rollen gelernt. Kinder, die nur die Kleinkinderschule durchgemacht hatten, mußten Goethes Faust lesen, natürlich, ohne etwas zu begreifen. Aber merkwürdig, ihre Unerschrockenheit rettete sie; ja, sie kamen so gut weiter, daß man denken könnte, der Schauspieler brauche eigentlich nicht zu begreifen, wenn es nur so klinge.

Nach einigen Monaten hatte Johan alles satt. Das war Handwerk. Die größten Schauspieler waren müde und gleichgültig, sprachen nie von Kunst, nur von Engagement und Spielhonorar. Keine Spur von dem frohen Leben hinter den Kulissen, von dem man soviel geschrieben hatte. Still wie Arbeiter saßen sie da und warteten auf ihr Stichwort; Tänzerinnen und Chorsängerinnen saßen in ihren Kostümen da und nähten und stickten. Im Foyer ging man auf Zehen, sah nach der Uhr, putzte den falschen Bart, aber sagte kein Wort.

Eines Abends, als Björnsons „Maria Stuart‟ gegeben wurde, saß Johan allein im Foyer und las eine Zeitung. Dahlqvist, der John Knox spielte, kam herein. Johan, der den großen Schauspieler grenzenlos verehrte, stand auf und verbeugte sich. Wenn er mit solch einem Manne sprechen könnte! Bei dem Gedanken zitterte er. Knox mit seinem herrlichen weißen langen Haar, seiner schwarzen Tracht und den halberloschenen großen Augen in dem gewaltigen, jetzt in Falten liegenden Gesicht ließ sich am Tische nieder. Er gähnte.

— Was ist die Uhr? fragte er mit Grabesstimme.

Johan antwortete, es sei halb zehn, während er seine burgundische Sammetjacke aufknöpfte, um die Uhr zu suchen, die nicht vorhanden war.

— Das geht ja heute verflucht langsam, sagte Knox und gähnte wieder. Dann begann er über verschiedenen Klatsch zu plaudern. Es war nur eine Ruine der früheren Größe, die einst ihre Neider gezähmt hatte, als er Karl Moor gab. Auch er hatte alles durchschaut, auch er hatte alles satt. Und er hatte doch einst so hoch von seiner Kunst gedacht!

Da Johan jetzt freien Eintritt ins Theater hatte, suchte er vom Zuschauerraum aus Studien zu machen. Aber siehe da, die Illusion war fort. Das war Herr X. und Frau Y., dort hing der Hintergrund aus „Quentin Durward‟, dort saß Högfelt, dort hinter der Kulisse stand Boberg. Es war aus mit der Illusion.

Und mit der kläglichen Rolle, an der er nun täglich wiederkäute, fand sich nach und nach der Ekel ein. Aber damit kam die Reue und die Furcht, daß er sich nicht mit Ehre aus dem Spiel ziehen könne. Endlich faßte er sich ein Herz und ersuchte um eine Probe. Das Stück war wohl fünfzig Male gespielt worden, und die großen Schauspieler liebten es nicht mehr; aber sie mußten kommen.

Die Probe fand statt, ohne Kostüm, ohne Requisiten. Johan war auf die damals übliche Schreimanier eingeübt, und er schrie wie ein Geistlicher. Es ging schlecht.

Nach der Probe verkündete der Lehrer das Urteil. Er solle in die Schauspielerschule eintreten. Nein, das wolle er nicht. Er weinte vor Grimm, ging nach Hause und nahm eine Kugel Opium, die er sich lange aufgehoben; sie wirkte aber nicht. Dann holte ihn ein Kamerad ab, und er trank sich einen Rausch.


Back to IndexNext