The Project Gutenberg eBook ofDer SpaziergangThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der SpaziergangAuthor: Robert WalserRelease date: March 24, 2012 [eBook #39247]Most recently updated: September 12, 2020Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPAZIERGANG ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Der SpaziergangAuthor: Robert WalserRelease date: March 24, 2012 [eBook #39247]Most recently updated: September 12, 2020Language: GermanCredits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
Title: Der Spaziergang
Author: Robert Walser
Author: Robert Walser
Release date: March 24, 2012 [eBook #39247]Most recently updated: September 12, 2020
Language: German
Credits: Produced by Jana Srna and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
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Anmerkungen zur Transkription:Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.Änderungen sind im Textso gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.EineListe der vorgenommenen Änderungenfindet sich am Ende des Textes.
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Schweizerische Erzähler / Band 9
Die Einbandzeichnungist nicht, wie auf derRückseite des Buchtitelsangegeben ist, vonKarl Walser, sondern vonOtto Baumberger. Infolge von Beförderungszwischenfällen kam der Karl Walser erteilte Auftrag nicht zur Ausführung.
VonRobert Walser
Frauenfeld und LeipzigVerlag: Huber & Co.
Den Einband zeichnete Karl Walser, Berlin
Copyright 1917 by Huber & Co., Frauenfeld & Leipzig
Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
Ichteile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen. Beifügen könnte ich, daß mir im Treppenhaus eine Frau begegnete, die wie eine Spanierin, Peruanerin oder Kreolin aussah. Sie trug etwelche bleiche, welke Majestät zur Schau. Ich muß mir jedoch auf das strengste verbieten, mich auch nur zwei Sekunden lang bei dieser Brasilianerin oder was sie sonst sein mochte, aufzuhalten; denn ich darf weder Raum noch Zeit verschwenden. So viel ich mich heute, wo ich dieses alles schreibe, noch zu erinnern vermag, befand ich mich, als ich auf die offene helle und heitere Straße trat, in einer romantisch-abenteuerlichen Gemütsverfassung, die mich tief beglückte. DiemorgendlicheWelt, die sich vor meinen Augen ausbreitete, erschien mir so schön, als sähe ich sie zum erstenmal. Alles, was ich erblickte, machte mir den angenehmen Eindruck der Freundlichkeit, Güte und Jugend. Rasch vergaß ich, daß ich oben in meiner Stube soeben noch düster über ein leeres Blatt Papier hingebrütet hatte. Alle Trauer, aller Schmerz und alleschweren Gedanken waren wie verschwunden, obschon ich einen gewissen Ernst, als Klang, noch immer vor mir und hinter mir lebhaft spürte. Freudig war ich auf alles gespannt, was mir auf dem Spaziergang etwa begegnen oder entgegentreten könnte. Meine Schritte waren gemessen und ruhig, und soviel ich weiß, ließ ich, indem ich so meines Weges ging, ziemlich viel würdevolles Wesen sehen. Meine Empfindungen liebe ich vor den Augen meiner Mitmenschen zu verbergen, ohne daß ich mich jedoch deswegen ängstlich bemühe, was ich für einen großen Fehler und für eine starke Dummheit halten würde. Ich war noch nicht zwanzig oder dreißig Schritte weit über einen weiten menschenbelebten Platz gegangen, als mir Herr Professor Meili, eine Kapazität allerersten Ranges, leicht begegnete. Wie die unumstürzliche Autorität schritt Herr Professor Meili ernst, feierlich und hoheitvoll daher; in der Hand trug er einen unbeugsamen wissenschaftlichen Spazierstock, der mir Grauen, Ehrfurcht und Respekt einflößte. Professor Meilis Nase war eine strenge, gebieterische, scharfe Adler- oder Habichtsnase, und der Mund war juristisch zugeklemmt und zugekniffen. Des berühmten Gelehrten Gangart glich einem ehernen Gesetz; Weltgeschichte und Abglanz von längst vorübergegangenen heroischen Taten blitzten aus Herrn Professor Meilis harten, hinter buschigen Augenbrauen verborgenen Augen hervor. Sein Hut glich einem unabsetzbaren Herrscher. Geheime Herrscher sind die stolzesten und härtesten. Im ganzen genommenbetrug sich jedoch Professor Meili ganz milde, so als wenn er in keiner Hinsicht nötig gehabt hätte, merken zu lassen, welche Summen von Macht und Gewicht er personifizierte, und seine Gestalt erschien mir trotz aller Unerbittlichkeit und Härte sympathisch, weil ich mir sagen durfte, daß die, die nicht auf süße und schöne Art lächeln, ehrlich und zuverlässig sind. Gibt es ja bekanntlich Schurken, die die Lieben und Guten spielen, die das schreckliche Talent haben, zu den Untaten, die sie begehen, verbindlich und artig zu lächeln.
Ich wittere etwas von einem Buchhändler und einem Buchladen; ebenso will bald, wie ich ahne und merke, ein Bäckerladen mit prahlerischen Goldbuchstaben zur Erwähnung und Geltung gelangen. Vorher aber habe ich noch einen Priester oder Pfarrer zu verzeichnen. Ein radfahrender oder fahrradelnder Stadtchemiker fährt mit freundlichem, gewichtigem Gesicht dicht am Spaziergänger, nämlich an mir, vorüber, ebenso ein Stabs- oder Regimentsarzt. Ein bescheidener Fußgänger darf nicht unbeachtet und unaufgezeichnet bleiben; denn er ersucht mich um gefällige Erwähnung. Es ist dies ein reichgewordener Althändler und Lumpensammler. Buben und Mädchen jagen im Sonnenlicht frei und ungezügelt umher. »Man lasse sie ruhig ungezügelt«, dachte ich; »das Alter wird sie einst schon schrecken und zügeln. Nur zu früh, leider Gottes.« Ein Hund erlabt sich am Brunnenwasser. Schwalben, scheint mir, zwitschern in der blauen Luft. Ein bis zwei elegante Damen inverblüffend kurzen Röcken und überraschend feinen hohen farbigen Stiefelchen machen sich doch wohl hoffentlich so gut bemerkbar wie irgend etwas anderes. Zwei Sommer- oder Strohhüte fallen auf. Die Sache mit den Herrenstrohhüten ist die: Plötzlich sehe ich nämlich zwei Hüte in der hellen zarten Luft, und unter den Hüten stehen zwei bessere Herren, die einander mittels schönen, artigen Hutlüftens und -schwenkens guten Morgen zu bieten scheinen. Die Hüte sind bei dieser Veranstaltung sichtlich wichtiger als ihre Träger und Besitzer. Im übrigen bittet man den Verfasser sehr ergeben, sich vor tatsächlich überflüssigen Spötteleien und Föppeleien zu hüten. Man ersucht ihn, ernsthaft zu bleiben, und hoffentlich hat er das jetzt ein für allemal verstanden.
Da eine äußerst stattliche, reichhaltige Buchhandlung mir angenehm in die Augen fiel und ich Trieb und Lust spürte, ihr einen kurzen und flüchtigen Besuch abzustatten, so zögerte ich nicht, in den Laden mit sichtlich guter Manier einzutreten, wobei ich mir allerdings zu bedenken erlaubte, daß ich vielleicht mehr als Inspektor und Bücher-Revisor, als Erkundigungen-Einsammler und feiner Kenner denn als beliebter und gerngesehener reicher Einkäufer und guter Kunde in Frage käme. Mit höflicher, überaus vorsichtiger Stimme und in den begreiflicherweise gewähltesten Ausdrücken erkundigte ich mich nach dem Neusten und Besten auf dem Gebiet der schönen Literatur. »Darf ich«, fragte ich schüchtern, »das Gediegenste und Ernsthaftesteund damit selbstverständlich zugleich auch das Meistgelesene und am raschesten Anerkannte und Gekaufte kennen und augenblicklich schätzen lernen? Sie würden mich zu ungewöhnlichem Dank in sehr hohem Grad verbinden, wenn Sie die weitgehende Gefälligkeit haben und mir das Buch gütig vorlegen wollten, das, wie ja sicher niemand so genau wissen wird wie gerade Sie, die höchste Gunst beim lesenden Publikum sowohl als bei der gefürchteten und daher ohne Zweifel auch umschmeichelten Kritik gefunden hat und ferner munter findet. Sie glauben garnicht, wie ich mich interessiere, sogleich zu erfahren, welches von allen den hier aufgestapelten und zur Schau gestellten Büchern oder Werken der Feder dieses fragliche Lieblingsbuch ist, dessen Anblick mich ja höchst wahrscheinlich, wie ich auf das allerlebhafteste vermuten muß, zum sofortigen freudigen, begeisterten Käufer machen wird. Das Verlangen, den Lieblingsschriftsteller der gebildeten Welt und sein bewundertes, stürmisch beklatschtes Meisterwerk zu sehen und wie gesagt vermutlich auch sogleich zu kaufen, gramselt und rieselt mir durch alle Glieder. Darf ich Sie höflich bitten, mir dieses erfolgreichste Buch zu zeigen, damit die Begierde, die sich meines gesamten Wesens bemächtigt hat, sich zufrieden gibt und aufhört, mich zu beunruhigen?« »Sehr gern«, sagte der Buchhändler. Er verschwand wie ein Pfeil aus dem Gesichtskreis, um jedoch im nächsten Augenblick schon wieder zu dem begierigen Käufer und Interessenten zurückzukehren und zwarmit dem meist gekauften und gelesenen Buch von wirklich bleibendem Wert in der Hand. Das kostbare Geistesprodukt trug er so sorgsam und feierlich, als trage er eine heilig machende Reliquie. Sein Gesicht war verzückt; die Miene strahlte höchste Ehrfurcht aus, und mit einem Lächeln auf den Lippen, wie es nur Gläubige und Innigstdurchdrungene zu lächeln vermögen, legte er mir auf die gewinnendste Art vor, was er daherbrachte. Ich betrachtete das Buch und fragte:
»Können Sie schwören, daß dies das weitestverbreitete Buch des Jahres ist?«
»Ohne Zweifel.«
»Können Sie behaupten, daß dies das Buch ist, das man gelesen haben muß?«
»Unbedingt.«
»Ist das Buch wirklich auch gut?«
»Was für eine gänzlich überflüssige und unstatthafte Frage.«
»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte ich kaltblütig, ließ das Buch, das die absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt gelesen haben mußte, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich geräuschlos, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. »Ungebildeter und unwissender Mensch!« rief mir freilich der Verkäufer in seinem berechtigten tiefen Verdruß nach. Ich ließ ihn jedoch reden und ging gemächlich weiter und zwar, wie ich sogleich näher auseinandersetzen und verständlich machen werde, direkt in die nächstgelegene imposante Bankanstalt.
Wo ich nämlich meinte vorsprechen zu müssen, um über gewisse Wertpapiere zuverlässigen Aufschluß zu erhalten. »Im Vorbeigehen rasch in ein Geldinstitut hineinzuspringen«, dachte oder sagte ich für mich selber, »um über Finanzangelegenheiten zu verhandeln und Fragen vorzubringen, die man nur flüsternd vorträgt, ist hübsch und nimmt sich ungemein gut aus.«
»Es ist gut und trifft sich prächtig, daß Sie persönlich zu uns kommen«, sagte mir am Schalter der verantwortungsvolle Beamte in sehr freundlicher Tonart, und er fügte, indem er fast schalkhaft, jedenfalls aber sehr angenehm und heiter lächelte, Folgendes hinzu:
»Es ist, wie gesagt, gut, daß Sie gekommen sind. Soeben wollten wir uns brieflich an Sie wenden, um Ihnen, was jetzt mündlich geschehen kann, die für Sie ohne Frage erfreuliche Mitteilung zu machen, daß wir Sie aus Auftrag eines Vereines oder Kreises von Ihnen offenbar hold gesinnten gutherzigen und menschenfreundlichen Frauen mitFranken Eintausendnicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich willkommener sein dürfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen hiedurch bestätigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt Notiz im Kopf oder, wo es Ihnen sonst paßt, nehmen wollen. Wir nehmen an, daß Ihnen diese Eröffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen gestanden, den Eindruck, der uns mit, wir möchten uns erlauben zu sagen, fast nur schon zu großer Deutlichkeit sagt, daß Sie Fürsorgedelikater und schöner Natur geradezu bedenklich nötig haben. Das Geld steht von heute ab zu Ihrer Verfügung. Man sieht, daß eine starke Fröhlichkeit sich in diesem Augenblick über Ihre Gesichtszüge verbreitet. Ihre Augen leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit welchem Sie vielleicht schon die längste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil zudringliche tägliche Sorgen häßlicher Art Ihnen verboten haben, das zu tun, und weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trüber Laune befanden, da allerhand böse und traurige Gedanken Ihre Stirne umdüsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergnügen die Hände, und seien Sie froh, daß einige edle, liebenswürdige Wohltäterinnen, durch den erhabenen Gedanken bewogen, daß Leid eindämmen schön und Not lindern gut sei, daran dachten, daß ein armer und erfolgloser Dichter (denn nicht wahr, das sind Sie doch?) der Unterstützung bedürfe. Zu der Tatsache, daß sich einige Menschen fanden, die sich herablassen wollten, sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, daß nicht alle Leute sich gleichgültig über des vielfach verachteten Dichters Existenz hinwegsetzen, gratulieren wir Ihnen.«
»Die mir von weichen und gütigen Feen- oder Frauenhänden gespendete, unvermutet zugeflossene Geldsumme«, sagte ich, »möchte ich ruhig bei Ihnen liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da Sie über die nötigen feuerfesten und diebsichern Kassenschränke verfügen, um Schätze vorjeglicher Vernichtung und vor jeglichem Untergang zu bewahren. Überdies zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf ich Sie um einen Empfangschein bitten? Ich stelle mir vor, daß ich die Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und Bedürfnis von der großen Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken möchte ich, daß ich sparsam bin. Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewußter Mann, d. h. äußerst vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen Geberinnen werde ich in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank abzustatten haben, was ich schon morgen früh zu tun denke, damit es nicht durch Aufschieben vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen äußerten, daß ich arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen. Es genügt aber vollkommen, daß ich selber weiß, was ich weiß, und daß ich selbst es bin, der am besten über meine Person unterrichtet ist. Oft trügt der Schein, mein Herr, und ein Urteil über einen Menschen zu fällen, wird wohl am besten diesem Menschen selbst überlassen sein. Niemand kann einen Mann, der schon allerlei gesehen und erfahren hat, so gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu Zeiten allerdings im Nebel und in tausenderlei Schwankungen und Verlegenheiten umher, und oft fühlte ich mich elendiglich verlassen. Aber ich denke, daß es schön ist, zu kämpfen. Nicht auf Freuden und Vergnügungen ist ein Mann stolz. Stolz und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer überstandene Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenenLeiden. Doch hierüber verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im Leben nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne, Träume sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben? Wo ist die Seele, deren Sehnen, kühnes Wünschen, süße und hohe Vorstellungen von Glück in Erfüllung gingen, ohne daß sie sich Abzüge hat machen lassen müssen?«
Quittung über eintausend Franken wurde mir aus- und eingehändigt, worauf sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und entfernen durfte, nämlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh über das mir so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene Kapital-Vermögen lief ich aus dem hohen, schönen Kassaraum fort, an die freie Luft hinaus, um den Spaziergang fortzusetzen.
Anfügen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick Neues und Gescheites nicht einfällt), daß ich eine höfliche, reizende Einladung von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte mich ergebenst auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls zum bescheidenen Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest vor, der Aufforderung zu gehorchen und bei der fraglichen schätzenswerten Person zur angegebenen Zeit prompt aufzutauchen.
Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mühe nimmst, sorgfältig mit dem Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwärts in die helle, freundliche Morgenwelthinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern vielmehr ganz behaglich, sachlich, glatt, bedächtig und ruhig, gelangen wir beide vor die bereits vorgemerkte Bäckerei mit Goldinschrift, wo wir uns bewogen fühlen, entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrübliche Weise über gröbliche Protzerei und über damit aufs engste verbundene traurige Verunstaltung des lieblichen Ländlichkeitsbildes zu staunen.
Spontan rief ich aus: »Ziemlich entrüstet, bei Gott, darf ein ehrlicher Mensch angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die der Landschaft, in welcher wir stehen, ein Gepräge der Eigensucht, Geldgier, elenden, völlig nackten Seelenverrohung aufdrücken. Hat denn ein einfacher, redlicher Bäckermeister wirklich nötig, so großartig aufzutreten, mit seiner törichten Gold- und Silber-Ankündigung in der Sonne zu strahlen und blitzen wie ein Fürst oder wie eine putzsüchtige zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch sein Brot in Ehren und in vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was für einer Schwindelwelt fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu leben, wenn von Gemeinden, Nachbarschaft und öffentlicher Meinung nicht nur geduldet, sondern unglücklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird, was jeden guten Sinn, jeden Sinn für Vernunft und Gefälligkeit, jeden Schönheits- und Biedersinn beleidigt, was krankhaft großtut, sich ein lächerliches Lumpen-Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter Entfernung in die gute ehrliche Luft hinausschreit:»Ich bin der und der. Ich habe soundso viel Geld, und ich darf mir herausnehmen, unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lümmel und Tölpel und geschmackloser Kerl mit meinem häßlichen Prunken; aber es hat mir niemand zu verbieten, lümmelhaft und tölpelhaft zu sein.« Stehen goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in irgend einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhältnis und in irgend einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu – – Brot? Mit nichten! Aber abscheuliche Großtuerei und Prahlerei haben an irgend einer Ecke, in irgend einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde angefangen, haben, gleich einer beklagenswerten jämmerlichen Überschwemmung, Fortschritte um Fortschritte gemacht, Unrat, Schmutz und Torheit mit sich reißend, dieselben über die Welt verbreitend, und haben auch meinen ehrsamen Bäckermeister ergriffen, um seinen bisherigen guten Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene Sittsamkeit zu unterwühlen. Ich gäbe viel, ich gäbe den linken Arm oder das linke Bein her, wenn ich durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn für Gediegenheit, die alte gute Genügsamkeit herbeiführen helfen, Land und Leuten wieder jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurückgeben könnte, die sicher vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen, verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, dieKriegsgefahr,Tod, Elend, Haßund Verwundungen auf der Erde verbreitet und allem, was existiert, eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und Häßlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und eine einfache Frau keine Madam. Aber es will heute alles blenden und glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur sein und Madam sein, daß es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der Zeit auch noch einmal wieder anders. Ich will es hoffen.«
Ich werde mich übrigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim Ohr nehmen. Auf was für eine Art wird sich zeigen. Es wäre nicht schön, wenn ich andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart anfassen und so schonungsvoll wie möglich behandeln wollte. Ein Kritiker, der es so macht, ist nicht der wahre, und Schriftsteller sollen mit der Schriftstellerei keinen Mißbrauch treiben. Ich hoffe, daß dieser Satz allgemein gefällt, Genugtuung erweckt und warmen Beifall findet.
Eine Arbeiter-gefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursacht hier links vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegenheit schäme ich mich aufrichtig, daß ich nur spaziere, wo so viele andere schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen.
Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft mir beiläufig zu: »Duspazierst wieder einmal, scheint mir, am heiterhellen Werktag.« Ich grüße ihn lachend und gebe mit Freuden zu, daß er recht hat, wenn er der Ansicht ist, daß ich spaziere.
»Sie sehen es mir an, daß ich spaziere«, dachte ich im stillen und spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das Ertapptwordensein zu ärgern, was ganz dumm gewesen wäre.
In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Engländer-Anzug kam ich mir nämlich, muß ich offen gestehen, wie ein großer Lord, Grandseigneur, im Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb ländliche, halb vorstadtmäßige schlichte liebe bescheidene und kleinliche Armutsgegend und Landstraße war, wo ich mich erging, und durchaus kein vornehmer Park, wie ich mir angemaßt habe anzudeuten, was ich sachte wieder zurückziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft gegriffen ist und hierher absolut nicht paßt. Kleinere und größere Fabriklein und mechanische Werkstätten lagen beliebig verstreut im Grünen. Fette warme Landwirtschaft gab hier herum gleichsam klopfender und hämmernder Industrie, die immer irgend etwas Zerarbeitetes und Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm. Nußbäume, Kirschbäume und Pflaumenbäume gaben dem weichen, rundlichen Weg etwas Anziehendes, Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer mitten auf der Straße, die ich an und für sich schon schön fand und liebte. Ich liebte überhaupt das meiste, was ichnach und nach sah, augenblicklich feurig. Eine andere kleine hübsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein großer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefährlicher Kerl von Hund betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe kauerte, und der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmütige, jedoch ein wenig schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst jämmerlich brüllte und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich fand den Auftritt entzückend; aber einen andern Kinderauftritt im Landstraßentheater fand ich fast noch netter und entzückender. Zwei ganz kleine Kinderchen lagen auf der ziemlich staubigen Straße wie in einem Garten. Das eine Kind sagte zum andern: »Gib mir ein liebes Küßchen.« Das andere Kind gab ihm das dringlich Geforderte. Nun sagte es zu ihm: »So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen.« Es würde ihm also höchst wahrscheinlich ohne süßes Küßchen nicht erlaubt haben, was es ihm jetzt gestattete. »Wie paßt diese naive kleine Szene zu dem schönen blauen Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so göttlich herunterlacht!« sagte ich mir. »Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene, berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen. Für Kinder von armen Leuten ist die sommerliche Landstraße wie ein Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da ihnen die Gärten eigennützigzugesperrt sind? Wehe dahersausenden Automobilen, die kalt und bös in das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, daß kleine unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen, zermalmt zu werden. Den schrecklichen Gedanken, daß ein Kind von solch einem plumpen Triumphwagen tatsächlich überfahren wird, will ich garnicht denken, weil mich sonst der Zorn zu groben Ausdrücken verleitete, mit denen man ja bekanntlich doch nie viel verrichtet.«
Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen, zeige ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch kein besseres. Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn ich begreife nicht und werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann, so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht zu sagen. Und wegen dieser Worte wirddas Automobilfahren sicher nicht mit einmal aufhören nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich niemand besonders hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen würde, was für jede rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt ist, empörend und abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und nun weiter spaziert. Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen. Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug in Ordnung ist.
Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften, indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen, Gestalten oder Figuren, nämlich erstlich oder besser erstens auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend aufmerksam zu machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und habe sie daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit und sorgfältigen Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man meiner geringfügigen Meinung nach solcherleiWesen fast notwendigerweise auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um eine Nüance weniger gern als ersteres.
Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie erblickt, so erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich unter möglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes vorbrachte:
»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen, bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe drängt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien. Sie sehen nämlich ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte große Schauspielerin und Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich mit größtem Recht über die so verblüffend waghalsige kecke Anrede und Anfrage; aber Sie haben ein so schönes Gesicht, ein so gefälliges, nettes, und ich muß beifügen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und ruhig vor sich hin, auf mich und überhaupt indie Welt hinein, daß ich mich unmöglich habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu haben, Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin gewesen sein müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun hier an der einfachen, wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstände angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges Äußeres, Ihre liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem Alter, das Sie mir erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schöne Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame gegenüber etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also über die ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten,der uns ein Rätsel ist, ja schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist. Jedenfalls haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich möchte Sie bitten, überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht einflößen. Kann das offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie sah, Sie veranlassen, mir zu zürnen?«
»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich bin nie Schauspielerin gewesen.«
Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne jegliche schönere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber entfremdet und verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor ich dann das unedle, häßliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger und freier – und wurde wieder ein schönerer, wärmerer, glücklicherer Mensch. Die Befürchtungen, die mir die Seele erfüllten, sah ich nach und nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen und die Hoffnungslosigkeit verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen angenehmen, lebhaften Anteil, den ich vonNeuem fühlen lernte. Ich war tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert. Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.«
»Umso besser«, sagte die Frau mit freundlicher Miene und Stimme.
Da mir der Augenblick gekommen zu sein schien, die ziemlich mutwillig begonnene Unterhaltung zu beendigen und mich zu entfernen, so grüßte ich die Frau, die ich für eine Schauspielerin gehalten hatte, die jedoch jetzt leider keine große und berühmte Schauspielerin mehr war, weil sie selbst es für nötig gefunden hatte zu bestreiten, mit, ich darf wohl sagen, ausgesuchter, sehr sorgfältiger Höflichkeit, indem ich mich vor ihr verneigte, und ging friedlich, wie wenn weiter gar nichts geschehen wäre, weiter.
Eine bescheidene Frage: Ist vielleicht nachgerade für ein zierliches Putzgeschäft unter grünen Bäumen hervorragendes Interesse und womöglich etlicher Beifall spärlich vorhanden?
Ich glaube stark daran, und so wage ich die ganz ergebene Mitteilung zu machen, daß ich im Gehen und Vormarschieren auf dem schönsten aller Wege einen ziemlich albernen, jünglinghaften und lauten Freudeschrei aus einer Kehle ausstieß, die solches und ähnliches selber nicht für möglich hielt. Was sah und entdeckte ich Neues, Unerhörtes und Schönes?Ei, ganz einfach besagtes allerliebstes Putzgeschäft und Modesalon. Paris und Petersburg, Bukarest und Mailand, London und Berlin, alles, was elegant, liederlich und hauptstädtisch ist, trat mir nah, tauchte vor mir auf, um mich zu faszinieren und zu bezaubern. Aber in den Haupt- und Weltstädten fehlt der grüne sanfte Baumschmuck, der Schmuck und die Wohltat freundlicher Wiesen und vieler lieben zarten Blätter und nicht zuletzt der süße Blumenduft, und den hatte ich hier. »Das alles«, so nahm ich mir im stillen und während des Stillstehens vor, »schreibe ich bestimmt demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden als zu umgehen und unmöglich zu machen wissen.« Die Federn, Bänder, künstlichen Früchte und Blumen auf den netten drolligen Hüten waren für mich fast ebenso anziehend und anheimelnd wie die Natur selber, die mit ihrem natürlichen Grün, mit ihren Naturfarben die künstlichen Farben und phantastischen Modeformen umrahmte und zart einschloß, derart, als sei das Putzgeschäft ein bloßes liebliches Gemälde. Ich rechne, wie gesagt, hiebei mit dem feinsten Verständnis seitens des Lesers, vor dem ich mich aufrichtig fürchte. Dieses elende Feiglingsgeständnis ist begreiflich. Es ist noch allen kühneren Autoren so gegangen.
Gott! was erblickte ich, ebenfalls unter Blättern, für einen reizenden, niedlichen, entzückenden Fleischladen mit rosaroter Schweine-, Rind- und Kalbfleischware. Der Metzger hantierte im Ladeninnern, wo auch Käufer standen. Einen Schrei ist dieser Metzgerladen gewiß ebenso gut wert wie der Laden mit den Hüten. Drittens sei ein Spezereiladen sanft genannt. Zu allerlei Wirtschaften komme ich später, wie mir scheint, noch früh genug. Man kann mit Wirtshäusern zweifellos nicht spät genug am Tag anfangen, weil sich ja Folgen einstellen, die man kennt, und zwar leider jeder selber nur zur Genüge. Auch der Tugendhafteste darf nicht bestreiten, daß er gewisser Untugenden nie ganz Herr wird. Glücklicherweise jedoch ist man ja – Mensch und als solcher leicht zu entschuldigen. Man beruft sich einfach auf die Schwachheit der Organisation.
Hier habe ich mich wieder einmal neu zu orientieren. Ich setze voraus, daß mir Neueinrichtung und Umgruppierung so gut gelingen wie irgend einem Generalfeldmarschall, der alle Umstände überblickt und alle Zufälligkeiten und Rückschläge in das Netz seiner, es wird gestattet sein zu sagen, genialen Berechnung zieht. In den Tagesblättern liest solches ein fleißiger Mensch gegenwärtig täglich, und er merkt sich Ausdrücke, wie: Flankenstoß. Ich bin in letzter Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung fast so schwer und geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller treffenoft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig reizt. Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so grimmig aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß!
Befremden darf nicht, wenn ich sage, daß ich alle diese hoffentlich zierlichen netten Zeilen mit deutscher Reichsgerichtsfeder schreibe. Daher die sprachliche Kürze, Prägnanz und Schärfe, die an einigen Stellen zu spüren ist, worüber sich jetzt niemand weiter wundere.
Aber wann komme ich wohl endlich zu dem wohlverdienten Schmaus bei meiner Frau Aebi? Ich fürchte, daß das noch ziemlich lange dauert, da noch erkleckliche Hindernisse wegzuräumen sind. Appetit wäre längst in Hülle und Fülle vorhanden.
Indem ich wie ein besserer Strolch, feinerer Vagabund und Tagedieb oder Zeitverschwender und Landstreicher so des Weges ging, neben allerlei mit zufriedenem behaglichem Gemüse vollbepflanzten und vollgestopften Gärten vorbei, neben Blumen und Blumenduft vorbei, neben Obstbäumen und neben Bohnenstangen und Stauden voll Bohnen vorbei, neben hochaufragendem Getreide, wie Roggen, Hafer und Weizen vorbei, neben einem Holzplatz mit vielen Hölzern und Holzspänen vorbei, neben saftigem Grasund neben einem artig plätschernden Wässerchen, Fluß oder Bach vorbei, neben allerhand Leuten, wie lieben handeltreibenden Marktfrauen, hübsch vorbei, neben einem mit Lust- und Freudenfahnen geschmückten Vereinshaus ebenso gut wie an manchen andern gutmütigen und nützlichen Dingen vorbei, neben einem besonders schönen und lieben Feen-Apfelbäumchen vorbei und weiß der liebe Gott an was sonst noch allem Möglichen vorbei, wie z. B. auch an Erdbeerbüschen und Blüten oder besser bereits an den reifen roten Erdbeeren manierlich vorbei, währenddessen mich immer allerlei mehr oder weniger schöne und angenehme Gedanken stark beschäftigten, weil beim Spazieren viele Einfälle, Lichtblitze und Blitzlichter sich ganz von selber einmengen und einfinden, um sorgfältig verarbeitet zu werden, kam ein Mensch, ein Ungeheuer, ein Ungetüm mir entgegen, der mir die helle lichte Straße fast völlig verdunkelte, ein lang- und hochaufgeschossener unheimlicher Kerl, den ich leider nur allzu gut kannte, ein höchst sonderbarer Geselle, nämlich der RieseTomzack.An allen andern Orten und auf allen andern Wegen eher als hier auf dem lieben weichen Landweg würde ich ihn vermutet haben. Seine trauervolle, schauervolle Erscheinung, sein tragisches, ungeheures Wesen flößte mir Schrecken ein und nahm alle gute, schöne und helle Aussicht und alle Froheit und Freude von mir weg. Tomzack! Nicht wahr, lieber Leser, derName allein klingt schon nach schrecklichen und schwermütigen Dingen. »Was verfolgst du mich, was hast du nötig, mir hier mitten auf meinem Weg zu begegnen, du Unglückseliger?« rief ich ihm entgegen; doch Tomzack gab mir keine Antwort. Groß schaute er mich an, d. h. er schaute nur so von hoch oben auf mich herab; denn er überragte mich an Länge und Höhe um ein Bedeutendes. Ich kam mir neben ihm wie ein Zwerg oder wie ein kleines armes schwaches Kind vor. Mit der größten Leichtigkeit hätte mich der Riese zertreten oder erdrücken können. Ah, ich wußte, wer er war. Für ihn gab es keine Ruhe. Ruhelos ging er in der Welt umher. In keinem sanften Bett schlief er, und in keinem wohnlichen heimeligen Hause durfte er wohnen. Er hauste überall und nirgends. Heimat hatte er keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er leben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng für ihn. Es gab keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder bedeutete für niemanden etwas. Aus seinen großen Augen brach ein Glanz von Überwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht lebendig, nicht alt und nichtjung. Hunderttausend Jahre alt schien er mir zu sein, und es schien mir, als müsse er ewig leben, um ewig nicht lebendig zu sein. Er starb jeden Augenblick und vermochte dennoch nicht zu sterben. Kein Grab mit Blumen gab es für ihn. Ich wich ihm aus und murmelte für mich: »Leb wohl, und laß es dir immerhin gut gehen, Freund Tomzack.«
Ohne mich nach dem Phantom, nach dem bedauernswürdigen Koloß und Übermenschen weiter umzusehen, wozu ich wahrhaftig nicht die geringste Lust hatte, ging ich weiter und gelangte bald nachher, so in der weichen, warmen Luft ruhig weiterschreitend und den trüben Eindruck verwindend, den die fremdartige Mannes- oder vielmehr Riesengestalt auf mich gemacht hatte, in einen Tannenwald, durch den sich ein gleichsam lächelnder, schelmisch anmutiger Weg schlängelte, den ich mit Vergnügen verfolgte. Weg und Waldboden waren wie ein Teppich, und hier im Waldinnern war es still wie in einer glücklichen Menschenseele, wie in einem Tempelinnern, wie in einem Palast und verzauberten und verträumten Märchenschlosse, wie im Dornröschenschloß, wo alles schläft und schweigt seit Hunderten von langen Jahren. Tiefer drang ich hinein, und ich rede vielleicht ein wenig schön, wenn ich sage, daß ich mir wie ein Prinz mit goldenem Haar und den Körper bedeckt mit einer kriegerischen Rüstung erschien. Es war so feierlich im Wald, daß schöne und feierliche Einbildungen ganz von selber sich des empfindlichen Spaziergängers bemächtigten. Wiewar ich über die süße Waldesstille und Ruhe glücklich! Von Zeit zu Zeit drang von außen her einiger schwacher Lärm in die liebliche Abgeschiedenheit und reizende Dunkelheit hinein, etwa ein Schlag, ein Pfiff oder sonst ein Geräusch, dessen ferner Schall die herrschende Geräuschlosigkeit nur noch erhöhte, die ich recht nach Herzenslust einatmete, und deren Wirkung ich förmlich trank und schlürfte. Da und dort in all der Schweigsamkeit und in all der Stille ließ ein Vogel aus dem liebreizenden und heiligen Verborgenen heraus seine heitere Stimme vernehmen. Ich stand so und horchte, und plötzlich befiel mich ein unsagbares Weltempfinden und ein damit verbundenes, gewaltsam aus der Seele hervorbrechendes Dankbarkeitsgefühl. Die Tannen standen kerzengerade wie Säulen da, und nicht das Geringste rührte sich im weiten zarten Walde, den allerlei unhörbare Stimmen zu durchklingen und zu durchhallen schienen. Töne aus der Vorwelt kamen, von ich weiß nicht woher, an mein Ohr. »O, so will denn auch ich gerne, wenn es sein soll, zu Ende gehen und sterben. Eine Erinnerung wird mich dann noch im Grabe beglücken, und eine Dankbarkeit wird mich im Tode beleben; ein Danksagen für die Genüsse, für die Freude, für das Entzücken; ein Danksagen für das Leben und eine Freude über die Freude.« Leises hohes Rauschen ließ sich, von oben aus den Tannwipfeln herabsäuselnd, vernehmen. »Hier müßte Lieben und Küssen göttlich schön sein«, sagte ich mir. Die bloßen Schritte aufdem angenehmen Boden wurden zum Genuß, und die Ruhe zündete in der fühlenden Seele Gebete an. »Hier tot zu sein und in der kühlen Walderde unauffällig begraben zu liegen, müßte süß sein. Ach, daß man den Tod im Tode fühlen und genießen dürfte! Vielleicht ist es so. Im Walde ein ruhiges kleines Grab zu haben, wäre schön. Vielleicht würde ich das Singen der Vögel und das Waldrauschen über mir hören. Ich wünschte mir das.« Herrlich fiel eine Sonnenstrahlen-Säule zwischen Eichenstämmen in den Wald herab, der mir wie ein liebes grünes Grab erschien. Bald trat ich wieder ins helle Freie hinaus und ins Leben.
Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines, reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem aussichtsreichen niedlichen Hügel, und dicht daneben läge oder stände ein künstlicher Extra-Aussichtshügel oder Rondell, wo man stehen und ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht freuen könnte. Ein Glas Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt weit in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich ehrlich gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig nochheidenmäßig ist, da er bis jetzt verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so gut wie vernünftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten Willen gewiß reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anlaß, eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.
Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.
Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg zurück und da hörte ich – –
Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die ihren Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben ermüdet wie Erdarbeit.
Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hörte, war der lieblichste, frischeste Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und als Vormittagskonzert völlig unentgeltlich in die überraschten Ohren tönte. Ein junges Mädchen, das fast noch ein Schulmädchen und doch auch schon schlank und groß war, stand nämlich im hellen Kleid am ärmlichen Vorstadtfenster, und dieses Mädchen sang in die blaueLuft hinaus und hinauf einfach zum Entzücken. Auf das angenehmste betroffen und durch den unerwarteten Gesang bezaubert, blieb ich seitwärts stehen, um die Sängerin nicht zu stören und mich damit nicht der Zuhörerschaft sowie des Genusses zu berauben. Das Lied, das die Kleine sang, schien von glücklicher und lieblicher Art zu sein; die Töne klangen wie junges, unschuldiges Lebens- und Liebesglück selber; sie flogen, gleich Engelsgestalten mit schneeweißem Freudengefieder, in den Himmel, aus welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lächeln zu sterben schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch aus überzarter Freude, einem überglücklichen Lieben und Leben und einem Nichtlebenkönnen wegen zu reicher und schöner Vorstellung vom Leben, daß gewissermaßen der zärtliche, von Liebe und Glück überquellende, übermütig in das Dasein drängende Gedanke sich zu überstürzen und über sich selber zusammenzubrechen schien. Als das Mädchen mit dem ebenso einfachen wie reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart- oder Hirtinnen-Lied zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grüßte sie, bat sie um Erlaubnis, ihr zu der schönen Stimme gratulieren zu dürfen, und machte ihr wegen des ungewöhnlich seelenvollen Vortrages mein Kompliment. Die kleine Gesangskünstlerin, die wie ein Reh oder wie eine Art Antilope in Mädchenform aussah, schaute mich mit schönen braunen Augen verwundert und fragend an. Sie hatte ein sehr feines,zartes Gesicht und lächelte einnehmend und artig. »Ihnen«, sagte ich zu ihr, »steht, wenn Sie Ihre schöne, junge, reiche Stimme zu pflegen und behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie des Verständnisses anderer bedarf, eine glänzende Zukunft und große Laufbahn bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die zukünftige große Opernsängerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie selber sind sanft und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine Vermutungen nicht gänzlich trügen, eine ganz bestimmte Seelenkühnheit. Feuer und offensichtlicher Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hörte ich soeben aus dem Liede, das Sie so schön und wahrhaft gut gesungen haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie haben unzweifelhaft Genie! und ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre edle Begabung zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstümmelung, vorzeitigem gedankenlosem Verbrauch zu hüten. Einstweilen kann ich Ihnen nur aufrichtig sagen, daß Sie überaus schön singen und daß das etwas sehr Ernstes ist; denn es will viel bedeuten; es will vor allen Dingen bedeuten, daß man Sie auffordern soll, fleißig jeden Tag ein wenig weiter zu singen. Üben und singen Sie mit klugem, schönem Maßhalten. Sie selber kennen die Ausdehnung und den Umfang des Schatzes, den Sie besitzen, ganz gewiß nicht. In Ihrer gesanglichen Leistung tönt bereits ein hoher Grad von Natur,eine reiche Summe ahnungslosen lebendigen Wesens und Lebens und eine Fülle von Poesie und Menschlichkeit. Man glaubt Ihnen sagen zu dürfen und Ihnen die Versicherung geben zu müssen, daß Sie eine echte Sängerin deshalb zu werden in jedem Sinn versprechen, weil man glaubt, daß Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem Wesen heraus drängt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen zu können scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene Lebenslust derart in die Kunst des Gesanges hinüberleitend, daß alles menschlich und persönlich Bedeutende, alles Seelenvolle, Verständnisvolle in ein höheres Etwas, in ein Ideal hinaufsteigt. In einem schönen Gesang ist immer ein gleichsam zusammengedrängtes und -gepreßtes Erfahren, Empfinden und Fühlen, eine zur Explosion fähige Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit solcher Art von Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstände zunutze macht und an der Leiter, die die Zufälligkeiten bilden, hinaufgelangt, als Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemüter zu bewegen, große Reichtümer zu gewinnen, ein Publikum zu stürmischen und begeisterten Beifallskundgebungen hinzureißen und die aufrichtige Liebe und Bewunderung von Königen und Königinnen an sich zu ziehen.«
Ernst und staunend hörte das Mädchen den Worten, die ich sprach, zu, die ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen redete, als um von der Kleinengewürdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife fehlte.
Von weitem sehe ich bereits einen Bahnübergang, den ich zu überschreiten haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe, muß man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige Kommissionen zu besorgen und einige notwendige unumgängliche Abmachungen zu treffen. Über diese Kommissionen soll so umständlich und so genau wie möglich Bericht abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich gestatten, zu bemerken, daß ich im Vorbeigehen in einem eleganten Herren-Maßgeschäft oder Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den ich anprobieren oder umändern lassen muß, tunlich vorzusprechen habe. Zweitens habe ich im Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu entrichten, und drittens soll ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die Post tragen und in den Briefkasten hinab werfen. Man sieht, wie viel ich zu erledigen habe und wie dieser scheinbar so bummelige und behagliche Spaziergang voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen ist, und man wird daher wohl die Güte haben, Verzögerungen zu verzeihen, Verspätungen zu billigen und langfädige Auseinandersetzungen mit Berufs- und Kanzleimenschen gutzuheißen, ja vielleicht sogar als willkommene Beigaben und Beiträge zur Unterhaltung zu begrüßen. Wegen aller hieraus entstehenden Längen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebührend um gefällige Entschuldigung. Ist je ein Provinz-und Hauptstadt-Autor gegenüber seinem Leserzirkel schüchterner und höflicher gewesen? Ich glaube kaum, und daher fahre ich mit äußerst ruhigem Gewissen im Erzählen und Plaudern fort und melde folgendes:
Um der tausend Gottes willen, es ist ja höchste Zeit, zu Frau Aebi zu springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlägt es halb ein Uhr. Glücklicherweise wohnt mir die Dame in allernächster Nähe. Ich brauche nur glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlüpfen wie in ein Schlupfloch und wie in eine Unterkunft für arme Hungrige und bedauerliche Heruntergekommene.Frau Aebiempfing mich aufs liebenswürdigste. Meine Pünktlichkeit war ein Meisterwerk. Man weiß, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lächelte, als sie mich auftauchen sah, überaus artig. Sie bot mir auf eine herzliche und gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette kleine Hand dar und führte mich sogleich ins Eßzimmer, wo sie mich ersuchte, mich zu Tisch zu setzen, was ich natürlich mit dem denkbar größten Vergnügen und völlig unbefangen ausführte. Ohne die mindesten lächerlichen Umstände zu machen, fing ich harmlos und zwanglos an zu essen und wacker zuzugreifen und ahnte nicht von weitem, was mir zu erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker zuzugreifen und tapfer zu essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig Überwindung. Mit einigem Erstaunen merkte ich indessen, daß mir Frau Aebi dabei fastandächtig zuschaute. Es war dies einigermaßen auffällig. Offenbar war es für sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und aß. Mich überraschte diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine große Bedeutung beilegte. Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte, wehrte mir Frau Aebi ab,indemsie sagte, daß sie auf jederlei Unterhaltung mit der größten Freude verzichte. Das seltsame Wort machte mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken. Als ich aufhören wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich fühlte, daß ich satt sei, sagte sie mir mit fast zärtlicher Miene und Stimme, die ein mütterlicher Vorwurf leise durchzitterte: »Sie essen ja gar nicht. Warten Sie, ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, großes Stück abschneiden.« Ein Grauen durchrieselte mich, und ich erkühnte mich, höflich und artig einzuwenden, daß ich hauptsächlich hergekommen sei, um einigen Geist zu entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden Lächeln sagte, daß sie das keineswegs für nötig halte. »Ich vermag unmöglich, weiter zu essen«, sagte ich dumpf und gepreßt. Ich war schon nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte: »Ich darf unmöglich zugeben, daß Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie wirklich satt sind. Sie sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, daß Sie bereits am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet,zu glauben, daß das nur Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich, wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich hauptsächlich zu mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, daß Sie Appetit haben und ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich unter keinen Umständen preisgeben. Ich möchte Sie recht herzlich bitten, sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen versichern, daß es für Sie keine andere Möglichkeit gibt, vom Tisch aufzustehen, als die, die darin besteht, daß Sie alles, was ich Ihnen abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden werde, säuberlich aufessen und einstecken. Ich fürchte, daß Sie rettungslos verloren sind; denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so lange nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein jämmerliches, klägliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es mutig ertragen. Wir alle müssen eines Tages irgend ein großes Opfer bringen. Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so süß. Was schadet es, wenn Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses höchst delikate, zarte und große Stück werden Sie mir ganz gewiß noch vertilgen, ich weiß es. Nur Mut, mein bester Freund! Uns allen tut Kühnheit not. Was sind wir wert, wenn wir nur immer auf dem eigenen Willen beharren wollen. Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und zwingen Sie sich, Höchstes zu leisten, Schwerstes zu ertragen und Härtestes auszuhalten.Sie glauben nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die Besinnung verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grämen würde, wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht; nicht wahr, Sie beißen und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den Hals hinauf voll sind.«
»Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu?« schrie ich, indem ich vom Tisch jählings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu stürzen. Frau Aebi hielt mich jedoch zurück, lachte laut und herzlich und gestand mir, daß sie sich einen Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein solle, ihr nicht übel zu nehmen. »Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben wollen, wie es gewisse Hausfrauen machen, die vor Liebenswürdigkeit gegenüber ihren Gästen fast überfließen.«
Auch ich mußte natürlich lachen, und ich darf gestehen, daß mir Frau Aebi in ihrem Übermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich für den ganzen Nachmittag in ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten, als ich ihr sagte, daß es leider für mich ein Ding der Unmöglichkeit sei, ihr länger Gesellschaft zu leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge zu erledigen hätte, die ich nicht aufschieben dürfte. Es war äußerst schmeichelhaft für mich, Frau Aebi lebhaft bedauern zu hören, daß ich so rasch wieder davongehen müsse und wolle. Sie fragte mich, ob es wirklich so dringend nötig sei, auszureißen und zu entwischen, worauf ich ihr die heilige Versicherung ablegte, daß nur äußerste Dringlichkeiten im stande seien und die Kraft hätten,mich von so angenehmem Ort und von so anziehender, verehrenswürdiger Persönlichkeit so schnell wegzuziehen, mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete.
Es galt jetzt einen hartnäckigen, widerspenstigen, von der Unfehlbarkeit seines fraglos meisterlichen Könnens scheinbar in jeder Hinsicht überzeugten, von seinem Wert und seiner Leistungsfähigkeit vollkommen durchdrungenen, in diesen seinen Überzeugungen unerschütterlichen Schneider oder Marchand Tailleur zu besiegen, zu bändigen, zu überrumpeln und zu erschüttern. Schneidermeisterliche Festigkeit zu erlahmen muß als eine der schwierigsten und mühseligsten Aufgaben betrachtet werden, die die Kühnheit unternehmen und der waghalsige Entschluß vorwärts zu treiben entschlossen sein kann. Vor Schneidern und ihren Anschauungen habe ich überhaupt eine ständige, kräftige Furcht; ich schäme mich dieses traurigen Eingeständnisses in keiner Weise; denn Furcht ist hier erklärlich und verständlich. Ich war denn jetzt auch auf Schlimmes, wenn nicht sogar vielleicht auf das Schlimmste und Böseste gefaßt, und rüstete mich für diesen höchst gefährlichen Angriffskrieg mit Eigenschaften, wie Mut, Trotz, Zorn, Entrüstung, Verachtung oder gar Todesverachtung aus, mit welchen ohne Zweifel sehr schätzenswerten Waffen ich der beißenden Ironie und dem Spott hinter erheuchelter Treuherzigkeit erfolgreich und siegreich entgegentreten zu können hoffte. Es kam anders; aber ich will bis auf weiteres noch darüber schweigen, umso eher, als ich ja zuerst nocheinen Brief zu befördern habe. Ich habe mich nämlich soeben entschlossen, zuerst auf die Post, dann zum Schneider und erst nachher die Staatssteuer bezahlen zu gehen. Die Post, ein appetitliches Gebäude, lag mir übrigens dicht vor der Nase; ich ging fröhlich hinein und erbat mir vom zuständigen Postbeamten eine Marke, die ich auf den Brief klebte. Indem ich denselben vorsichtig in den Kasten hinabgleiten ließ, erwog und prüfte ich im nachdenkenden Geist, was ich geschrieben hatte. Wie ich noch sehr gut wußte, lautete der Inhalt folgendermaßen:
Sehr zu achtender Herr!
Die eigenartige Anrede dürfte Ihnen die Gewißheit beibringen, daß der Absender Ihnen ganz kalt gegenübersteht. Ich weiß, daß Achtung vor mir von Ihnen und denen, die Ihnen ähnlich sind, nicht zu erwarten ist; denn Sie und die, die Ihnen ähnlich sind, haben eine übergroße Meinung von sich selber, die sie verhindert, zur Einsicht und zur Rücksicht zu kommen. Ich weiß mit Bestimmtheit, daß Sie zu den Leuten gehören, die sich groß vorkommen, weil sie rücksichtslos und unhöflich sind, die sich mächtig dünken, weil sie Protektion genießen, und die weise zu sein meinen, weil ihnen das Wörtchen »weise« einfällt. Leute wie Sie erkühnen sich, gegenüber der Armut und gegenüber der Unbeschütztheit hart, frech, grob und gewalttätig zu sein. Leute wie Sie besitzen die außerordentliche Klugheit, zu meinen, daß es notwendig sei, überall an der Spitze zu stehen, allenortes ein Übergewichtzu besitzen und zu jeder Tageszeit zu triumphieren. Leute wie Sie merken nicht, daß das töricht ist, daß das weder im Bereich der Möglichkeit liegt noch wünschenswert sein kann. Leute wie Sie sind Protzen und sind jederzeit bereit, der Brutalität eifrig zu dienen. Leute wie Sie sind überaus mutig darin, daß sie jeden wahren Mut sorgfältig vermeiden, weil sie wissen, daß jeder wahre Mut Schaden zu bringen verspricht, und sie sind mutig darin, daß sie sich stets als die Guten und Schönen hinzustellen ungemein viel Lust und ungemein viel Eifer bekunden. Leute wie Sie respektieren weder das Alter noch das Verdienst, noch ganz bestimmt die Arbeit. Leute wie Sie respektieren das Geld, und der Respekt vor dem Geld verhindert sie, irgend etwas anderes hochzuachten. Wer redlich arbeitet und sich emsig abmüht, ist in den Augen von Leuten wie Sie ein ausgesprochener Esel. Ich irre mich nicht; denn mein kleiner Finger sagt mir, daß ich recht habe. Ich wage Ihnen ins Gesicht hinein zu sagen, daß Sie Ihr Amt mißbrauchen, weil Sie recht gut wissen, mit wie viel Umständen und Unannehmlichkeiten es verbunden wäre, Ihnen auf die Finger zu klopfen; aber in der Huld und Gnade, in der Sie stecken, und von günstigen Voraussetzungen umgeben, sind Sie dennoch höchst angefochten; denn Sie fühlen ohne Zweifel, wie sehr Sie schwanken. Sie hintergehen das Zutrauen, halten Ihr Wort nicht, schädigen ohne Besinnen den Wert und das Ansehen derer, die mit Ihnen verkehren, beuten schonungslosaus, wo Sie Wohltat zu stiften vorgeben, verraten den Dienst und verleumden den freundlichen Diener, sind höchst wankelmütig und unzuverlässig und zeigen Eigenschaften, die man an einem Mädchen, nicht aber an einem Mann, eilig entschuldigt. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie für sehr schwach zu halten, und genehmigen Sie mit der aufrichtigen Versicherung, daß ich es für rätlich halte, Ihnen in Zukunft geschäftlich völlig fern zu bleiben, das immerhin erforderliche Maß und den absolut gegebenen Grad von Achtung von einem Menschen, dem die Auszeichnung und das freilich bescheidene Vergnügen zufielen, Sie kennen zu lernen.
Fast bereute ich nun, diesen Buschklepperbrief, als welcher er mir nachträglich beinahe vorkommen wollte, der Post zur Beförderung und Überbringung anvertraut zu haben; denn keiner geringeren als einer leitenden einflußreichen Person hatte ich, bitterbösen Kriegszustand heraufbeschwörend, den Abbruch der diplomatischen, besser: wirtschaftlichen Beziehungen auf so ideale Art angekündigt. Immerhin ließ ich dem Fehdebrief jetzt den Lauf, indem ich mich damit tröstete, daß ich mir sagte, daß der Mensch oder sehr zu achtender Herr ja die Botschaft vielleicht überhaupt gar nicht lese, weil er schon beim Lesen und Kosten des zweiten oder dritten Wortes wahrscheinlich die Lektüre recht satt habe und den flammenden Erguß vermutlich, ohne viel Zeit und Kraft zu verlieren, in den alles Unwillkommene verschlingenden und beherbergendenPapierkorb werfe. »Überdies vergißt sich so etwas innerhalb eines halben oder Vierteljahres naturgemäß«, folgerte und philosophierte ich und marschierte kuragös zum Schneider.
Derselbe saß fröhlich und anscheinend mit dem ruhigsten Gewissen der Welt in seinem zierlichen Modesalon oder Werkstatt, die mit feinduftenden Tüchern und Tuchresten vollgepfropft und gestopft war. In einem Vogelbauer oder Käfig lärmte, um das Idyll vollkommen zu machen, ein Vogel, und ein eifriger verschmitzter Lehrling war brav mit Zuschneiden beschäftigt. Herr Schneidermeister Dünn stand, als er meiner ansichtig wurde, vom Sitzplatz, auf welchem er emsig mit der Nähnadel focht, höflich auf, um den Ankömmling artig willkommen zu heißen. »Sie kommen wegen Ihres nächstdem durch meine Firma an Sie fix und fertig abzuliefernden, ohne Zweifel tadellos sitzenden Anzuges«, sagte er, indem er mir nur fast ein wenig zu kameradschaftlich die Hand gab, die ich mich indessen durchaus nicht scheute, kräftig zu schütteln. »Ich komme«, gab ich zurück, »um unverzagt und hoffnungsfroh zur Anprobe zu schreiten, indem ich mancherlei befürchte.«
Herr Dünn sagte, daß er alle meine Befürchtungen für überflüssig halte und daß er für Sitz und Schnitt garantiere, und indem er das sagte, geleitete er mich in eine Nebenstube, aus welcher er selber sich sofort zurückzog. Er garantierte und beteuerte wiederholt, was mir nicht recht gefallen wollte. Rasch warendie Probe und die damit auf das innigste verknüpfte Enttäuschung fertig. Ich rief, indessen ich einen überschäumenden Verdruß niederzukämpfen versuchte, heftig und gewaltsam nach Herrn Dünn, dem ich mit möglichst großer Gelassenheit und vornehmer Unzufriedenheit den vernichtenden Ausruf entgegenschleuderte: »Dachte ich es mir doch!«
»Mein allerliebster werter Herr, regen Sie sich nicht unnützerweise auf!«
Mühsam genug brachte ich hervor: »Wohl gibt es hier in Hülle und Fülle Anlaß, sich aufzuregen und untröstlich zu sein. Behalten Sie Ihre höchst unpassenden Beschwichtigungen für sich, und hören Sie gütigst auf, mich beruhigen zu wollen; denn was Sie getan haben, um einen tadellosen Anzug herzustellen, ist im höchsten Grad beunruhigend. Alle gehegten zarten oder unzarten Befürchtungen bewahrheiten sich, und die schlimmsten Ahnungen sind in Erfüllung gegangen. Wie können Sie für tadellosen Sitz und Schnitt zu garantieren wagen, und wie ist es möglich, daß Sie den Mut haben, mir zu versichern, daß Sie Meister in Ihrem Berufe sind, wo Sie bei nur einiger dünngesäter Ehrlichkeit und beim geringfügigsten Maß von Aufrichtigkeit und Aufmerksamkeit ohne weiteres werden zugestehen müssen, daß ich vollkommenes Pech habe und daß der durch Ihre werte und ausgezeichnete Firma mir zu liefernde tadellose Anzug total verpfuscht ist?«
»Den Ausdruck ›verpfuscht‹ verbitte ich mir verbindlich.«
»Ich will mich fassen, Herr Dünn.«
»Ich danke Ihnen und freue mich herzlich über diesen so angenehmen Vorsatz.«
»Sie werden mir erlauben, von Ihnen zu verlangen, daß Sie an diesem Anzug, der, gestützt auf die soeben stattgefundene sorgfältige Anprobe Haufen von Fehlern, Mängeln und Gebrechen aufweist, bedeutende Änderungen vornehmen werden.«
»Das kann man.«
»Die Unzufriedenheit, der Verdruß und die Trauer, die ich empfinde, drängen mich, Ihnen zu sagen, daß Sie mir Ärger bereitet haben.«
»Ich schwöre Ihnen, daß mir das leid tut.«
»Der Eifer, den Sie zeigen, zu schwören, daß es Ihnen leid tut, mich geärgert und in die allerschlechteste Stimmung versetzt zu haben, ändert am fehlerhaften Anzug nicht das Geringste, dem ich mich weigere, auch nur den kleinsten Grad von Anerkennung zu zollen, und dessen Annahme ich energisch zurückweise, da von Beifall und Zustimmung keine Rede sein kann. Bezüglich des Rockes fühle ich deutlich, daß er mich zum buckligen und daher häßlichen Menschen macht, eine Verunstaltung, mit der ich mich unter keinen Umständen einverstanden erklären kann. Ich fühle mich vielmehr bewogen, gegen eine so boshafte Ausstattung und Verzierung meines Körpers zu protestieren. Die Ärmel leiden an einer bedenkenerregenden Überfülle von Länge, und die Weste zeichnet sich dadurch in hervorragender Weise aus, daß sie den Eindruck hervorruftund den unangenehmen Schein erweckt, als habe ihr Träger einen dicken Bauch. Die Hose oder das Beinkleid ist einfach abscheulich. Zeichnung und Entwurf der Hose flößen mir ein aufrichtig empfundenes Grauen ein. Wo dieses ganz elende, dumme und lächerliche Kunstwerk von Beinkleid eine gewisse Weite besitzen sollte, weist es eine einschnürende Enge auf, und wo es eng sein sollte, ist es mehr als weit. Ihre Leistung, Herr Dünn, ist alles in allem phantasielos, und Ihr Werk beweist einen Mangel an Intelligenz. An diesem Anzug haftet etwas Erbärmliches, etwas Kleinliches, etwas Albernes, etwas Hausbackenes, etwas Lächerliches und etwas Ängstliches. Der, der ihn angefertigt hat, darf sicherlich nicht zu den schwungvollen Naturen gezählt werden. Bedauerlich ist eine derartige gänzliche Abwesenheit jeden Talentes.«
Herr Dünn besaß die Unverfrorenheit, mir zu sagen: »Ich verstehe Ihre Entrüstung nicht und werde nie zu bewegen sein, sie zu verstehen. Die zahlreichen heftigen Vorwürfe, die Sie mir machen zu müssen glauben, sind mir unbegreiflich und werden mir sehr wahrscheinlich stets unbegreiflich sein. Der Anzug sitzt sehr gut. Niemand wird mich irgend etwas anderes glauben machen. Die Überzeugung, die ich habe, daß Sie ungemein vorteilhaft darin aussehen, erkläre ich für unerschütterlich. An gewisse denselben auszeichnende Eigentümlichkeiten und Eigenartigkeiten werden Sie sich in kurzer Zeit gewöhnt haben. Höchste Staatsbeamte bestellen bei mir ihren überaus schätzenswertenBedarf; ebenso lassen Herren Gerichtspräsidenten huldvoll bei mir arbeiten. Dieser sicherlich schlagende Beweis meiner Leistungsfähigkeit genüge Ihnen. Auf überspannte Erwartungen und Vorstellungen vermag ich nicht einzugehen, und auf anmaßliche Forderungen läßt sich Schneidermeister Dünn keineswegs ein. Besser situierte Leute und vornehmere Herren wie Sie sind mit meiner Gewandtheit und Fertigkeit in jeder Hinsicht zufrieden gewesen. Diese Anspielung dürfte Sie entwaffnen.«
Da ich einsehen mußte, daß es unmöglich sei, irgend etwas auszurichten, und da ich mir sagen mußte, daß meine vielleicht nur allzu feurige und ungestüme Attacke sich in eine schmerzliche und schmähliche Niederlage verwandelt hatte, so zog ich meine Truppen aus dem unglücklichen Gefecht zurück, brach weich ab und flog beschämt davon. Solchergestalt endete das kühne Abenteuer mit dem Schneider. Ohne mich nach irgend welchen andern Dingen umzuschauen, eilte ich auf die Gemeindekasse oder auf das Steuerbureau wegen der Steuern; aber hier muß ich einen gröblichen Irrtum berichtigen.
Es handelte sich nämlich, wie mir jetzt nachträglich einfällt, nicht um Zahlung, sondern lediglich einstweilen um eine mündliche Besprechung mit dem Herrn Präsidenten der löblichen Steuerkommission und um Eingabe oder Abgabe einer feierlichen Erklärung. Man nehme mir den Irrtum nicht übel und höre freundlich, was ich hierüber zu sagen haben werde. So gut wieder standhafte und unerschütterliche Schneidermeister Dünn Tadellosigkeit versprach und garantierte, verspreche und garantiere ich in Bezug auf die abzulegende Steuer-Erklärung Exaktheit und Ausführlichkeit sowohl wie Knappheit und Kürze.
Ich springe sofort in die bezügliche scharmante Situation hinein: »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen«, sagte ich frei und offen zum Steuermann oder hohen Steuerbeamten, der mir sein obrigkeitliches Ohr schenkte, um dem Bericht, den ich abstattete, mit gehöriger Aufmerksamkeit zu folgen, »daß ich als armer Schriftsteller und Federführer oderHomme de Lettresein sehr fragwürdiges Einkommen genieße. Von irgend welcher Vermögens-Anhäufung kann natürlich bei mir nicht die Spur zu sehen und zu finden sein. Ich stelle das zu meinem großen Bedauern fest, ohne indessen über die klägliche Tatsache zu verzweifeln oder zu weinen. Ich schlüpfe notdürftig durch, wie man sagt. Luxus treibe ich keinen; das vermögen Sie mir auf den ersten Blick anzusehen. Das Essen, das ich esse, kann als hinlänglich und spärlich bezeichnet werden. Es ist Ihnen eingefallen zu glauben, daß ich Herr und Gebieter von vielerlei Einkünften sei; ich bin aber genötigt, diesem Glauben und allen diesen Vermutungen höflich aber entschieden entgegenzutreten und die schlichte,nackteWahrheit zu sagen, und diese lautet auf alle Fälle, daß ich überaus frei von Reichtümern, dagegen aber vollbehangen von jeder Art Armut bin, was Sie die Güte haben und vormerken wollen. Sonntagsdarf ich mich auf der Straße gar nicht blicken lassen, weil ich kein Sonntagskleid habe. An solidem und sparsamem Lebenswandel ähnele ich einer Feldmaus. Ein Sperling hat mehr Aussichten, wohlhabend zu werden als gegenwärtiger Berichterstatter und Steuerzahler. Ich habe Bücher geschrieben, die dem Publikum leider nicht gefallen, und die Folgen davon sind herzbeklemmend. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie das einsehen und daß Sie infolgedessen meine finanzielle Lage verstehen. Bürgerliche Stellung und bürgerliches Ansehen besitze ich nicht; das ist sonnenklar. Verpflichtungen einem Menschen gegenüber, wie ich bin, scheint es überhaupt keine zu geben. Das lebhafte Interesse für die schöne Literatur ist überaus spärlich vertreten, und die schonungslose Kritik, die jedermann an unsereins Werken glaubt üben und pflegen zu dürfen, bildet eine weitere starke Ursache der Schädigung und hemmt wie ein Hemmschuh die Verwirklichung irgend eines bescheidenen Wohlstandes. Wohl gibt es gütige Gönner und freundliche Gönnerinnen, die mich von Zeit zu Zeit in der edelsten Art unterstützen; aber eine Gabe ist kein Einkommen, und eine Unterstützung ist kein Vermögen. Aus allen diesen sprechenden und doch wohl überzeugenden Gründen, mein hochgeehrter Herr, möchte ich Sie ersuchen, von jederlei Steuererhöhung, die Sie mir angekündigt haben, abzusehen, und ich muß Sie bitten, wenn nicht beschwören, meine Zahlungskraft so niedrig einzuschätzen wie nur immer möglich.«