Chapter 5

„Ist dies der ältesten GötterUnheimlich erhabenes Haus?”

„Ist dies der ältesten GötterUnheimlich erhabenes Haus?”

Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel liegend, während Bruck Vorräte auspackte.

Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er stand.

„Ist dies der ältesten GötterUnheimlich erhabenes Haus?Großartige SteingestaltenSchauen herab und hinaus.Titanen der ältesten RasseBelebten titanisch den Stein;Sie prägten die eigene GrößeDem großen Gebirge ein.Sie gaben den Felsen Gesichter:Da ragten gespenstisch ringsDie gralbehütenden Ritter,Die Memmonsäule, die Sphinx ...”

„Ist dies der ältesten GötterUnheimlich erhabenes Haus?Großartige SteingestaltenSchauen herab und hinaus.

Titanen der ältesten RasseBelebten titanisch den Stein;Sie prägten die eigene GrößeDem großen Gebirge ein.

Sie gaben den Felsen Gesichter:Da ragten gespenstisch ringsDie gralbehütenden Ritter,Die Memmonsäule, die Sphinx ...”

„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, scheinbar ohne Anknüpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend in Barcelona verwundert ins Auge gefaßt, als Schaller die Worte hinwarf, Sie möchten sich vor mir hüten, denn ich sei ein Geisterseher. Es war Scherz von Schaller; aber in Wahrheit verachtet er meine Weltanschauung gründlich, was mich übrigens weder wundert noch ärgert.”

„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl an jenem Abend auch von Elfen und Nixen?”

„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gäbe, worauf ich erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?”

„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.”

„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen unerschütterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich habe meine Verteidigung oder Erklärung aufgeschoben bis zu dieser ruhigen Stunde. Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert anschauten, als ich vom Magnetismus dieses Berges sprach, bin ich Ihnen nähere Mitteilungen schuldig. Sie sind zwar ein philosophisch und literarisch gebildeter Mensch; aber mir wäre das wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und so war ich zunächst Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei Erlebnisse zu spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine Beweise mehr für die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in überreicher Fülle gebracht worden.”

„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich.

„Es ist schwer darüber zu sprechen”, erwiderte der merkwürdige Mann. „Um aus höheren Sphären Mitteilungen zu erhalten, muß man sich vor allen Dingen selber zu höherer Wesensart reinigen und erziehen. Anders ist eine Verbindung mit oberen Mächten gar nicht möglich.”

Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu.

„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben überdie sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer meuchelmörderischen Bevölkerung — und Sie wachsen nach und nach über europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.”

Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:

„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die — wie man es von den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind — mehr hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen. Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören, automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische Beeinflussung die Schreibenden lenkt — von solchen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.”

Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.

„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.”

Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort:

„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters, entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten, wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”

Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte:

„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles Platz, auch Götter und Geister.”

Und er sprach bedachtsam weiter:

„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will Ihnen gleich zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. Versuchen Sie einmal, von allem, was Sie als phantastisch hierbei stört, abzusehen, und lassen Sie die Mitteilungen durch sich selber wirken!”

Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang bis zu Ende vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, groß und fest.

„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.”

Er blätterte. Stein, dessen Lächeln wich und dessen Phantasie sich zu entzünden begann, stellte eine Frage.

„Nehmen Sie meine Zurückhaltung nicht übel, Herr Konsul: Gibt es denn wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen der Dichter?”

„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre Elementarwesen sind so lebendig und wirklich wie Sie und ich. Nur sind sie aus so feiner Substanz, daß sie von gewöhnlichen Augen nicht gesehen werden, so wenig wie die ultravioletten Strahlen. Auch haben sie keine Seele wie wir, kennen weder Leid noch Liebe, weder Tugend noch Sünde. Ich könnte Ihnen in diesem Augenblick sagen, daß dort drüben an der Felswand eine ganze Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie Äffchen auf der Stange, äußerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend — aber das würde ja nicht viel nützen, denn Sie sehen es ja doch nicht.”

Mit verdutztem Lächeln schaute Stein sich nach allen Seiten um.

„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Völkchen? Wollen Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Können sich denn aber solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verständigen?”

„In seltenen Fällen und mit bestimmten Menschen. Manchmal löst sich ein einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mächtig angezogen von irgendeinem menschlichen Kreise, und sucht bei uns etwas wie eine Seele.”

„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?”

„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.”

„Und was wollen sie von Ihnen?”

„Liebe und Lehre.”

Das klang alles ruhig und selbstverständlich.

Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wäre sein bärtiger Nachbar, der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem immer klarer aus den Nebeln sich enthüllenden Gralsberge, ein zeitloser Druidengeist, dem sich nichtige moderne Einwände gar nicht nahen können.

„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, „ein allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung stand — denn es kommt bisweilen vor, daß ein Naturgeistals Mensch geboren wird —, wovor sich aber dieses lichte und leichte Wesen fürchtete. Doch drängte es den Geist dennoch zu dem schweren Pfade, denn er konnte ja dadurch höher steigen. ‚Oh, der Duft!’ begann das Geistchen — wir hatten duftende Rosen auf dem Tische stehen — ‚wie gemahnt er mich an das, was ich Heimat nannte! Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange Leid hab' ich noch vor mir; ein ätherzartes Wesen war ich und soll nun eine üble Masse werden. Mein Dasein floß dahin zwischen Schönheit und Seligkeit, gewiegt vom säuselnden West. Des Himmels Diamanten flocht ich in mein wehendes Haar, süße Zwiesprache hielt ich mit raunenden Bäumen. Duftblaue Weiten umfaßte meines Auges Blick, mein Leben floß dahin wie des Baches Welle, der über Blumen geht.’ — ‚Hast du keine Schwestern?’ fragte ich. — ‚Ich hatte Schwestern, selig und glücklich gleich mir; wir tranken den Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im Mondschein, und wir jubelten der Sonne zu. Wir erzählten uns tausend süße Dinge, wir tanzten im Winde, und waren wir müde, so betteten wir uns in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich. Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar. Nicht oft mehr werde ich auf Flügeln der Winde euch nahen, nicht oft mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder trinken, nicht oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen ungesehen umschmeicheln — bald trag' ich Not und Lasten, bald geh' ich in Jammer und Weh, bald werde ich ein Mensch wie ihr!’”

Stein schlug erstaunt und entzückt in die Hände.

„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter Poet!”

„Im Unterbewußtsein?” lächelte der Konsul. „Was mein Oberbewußtsein anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.”

„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!”

„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen.Nun also, lassen Sie sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der Schönheit!”

So erzählte der Konsul.

Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen.

Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm herangedrängt hatten und um Förderung baten.

„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul, und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei, nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön, daß ich dafür keine Worte finden kann.’”

„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.”

„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft mir das immer wieder ein.”

„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”

„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.”

Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt. Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein?

Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.

„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern, die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind, reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand sind sie blind.”

„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche Gottesdienst hielt für die Geister?”

„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußernsich manche höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte, kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem. Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’”

„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!”

„Sie ist der heiligeGral”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...

Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge eines Elfchens liebesuchend herüber.

„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”

„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.”

„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?”

„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. Hören Sie Santa selber!”

Feierlich las er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme, die gelegentlich zu leisem Pathos neigte:

„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fuß, auf reine Liebe blickte zuletzt mein Auge, in Sphärenharmonie schwelgte mein Ohr. Aus Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, Haß, Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gönnt mir ein Plätzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure Herzen, daß ich eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft sie mir tragen! Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf Erden darf ich mir zur Erholung wählen; ihr seid es, auf welche meine Wahl gefallen ist. Seid gütig, selbstlos und liebreich, übt euch in Geduld, und ihr bietet mir ein Labsal!’”

„Wie muß man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein.

„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat sich in Umschreibung, gleichsam in Erzählungsform, darüber geäußert. Hören Sie und versuchen Sie mir zu glauben, daß nicht ich oder eine meiner Damen diese Mitteilung erfunden haben!”

Er las. Und Ingo erging es eigen: er mußte bei Santa immer an Elisabeth denken, die stille Krankenpflegerin.

„Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe atmet dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille gleitet ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele geworden; sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ fragt es leise, ‚kann es Höheres geben als diesen Frieden?’ — ‚Es gibt ein Höheres’, sagt die milde, gütige Stimme: ‚diesen Frieden den Friedlosen bringen.’ — ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O Meister, warum hast du mich ihnen nicht längst gesendet?’ — ‚Weil deine Stunde noch nicht gekommen war.’ — ‚Ist sie jetzt gekommen?’ — ‚Sie ist es. Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern der Abgeschiedenen, die noch an die Erde gebannt und elend sind. Führe sie mir zu! Groß und schwer ist die Aufgabe, größer die Liebe, die sie vollbringt.’ — Der Lichtgeist schwebt aus der Stille, aus dem Frieden hinab, schwebt durch Sphären, schön wie Träume, und Wirklichkeit wie Gottes Liebe; fächelnde Winde wehen ihrzarte Klänge, leuchtende Blütenkelche hauchen ihr süßen Duft. Und Klang und Duft sind eins, entspringen demselben Born, werden zu Worten, die von erbarmender Liebe reden — von der Liebe Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen führt. Der Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein Bruder wurde zum Vatermörder und starb von Henkershand. Erbarme dich, bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ — ‚Santa, mein Kind verdirbt, o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht trennen von Erdenlust, von lockender Sünde!’ — ‚Weh, mein alter Vater wurde zum Dieb und gab sich um der Schmach willen selbst den Tod! Santa, hilf! Rette!’ — Ein dunkler Schatten senkt sich schwer auf des lichten Geistes unbefleckte Reinheit, ein Schatten, der nie war, der nun lange, lange auf ihr ruhen wird. Schneller schwebt sie hinab, immer mehr der heischenden Geister umgeben sie, lange verstummt ist des Windes leise Musik, der Blumen süße Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde: — Menschen und Geister — widerliche, verzerrte Gesichter — wilde Schreie der Getretenen — Flüche vom Bruder gegen den Bruder — Raub am Heiligsten — Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge irrt! Der Lichtgeist verhüllt sein Antlitz und weint über die Erde. ‚Führe sie mir zu!’ tönt es herab, die Stimme ihres Meisters. Kraft und Mut scheint diese Stimme ihr zuzuströmen; Santa will ihr Werk der Liebe beginnen. Und sieht ein Weib, unlängst gestorben, noch an der Erde hangend, sieht es schmutzstarrend, mit allen Lastern behaftet, sieht in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, sieht in jeder Bewegung des viehischen Geschöpfes sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem Ebenbild Gottes! Und Santa fühlt, wie kalt und lauernd die Reue naht und größer werden will als die Liebe. Da hört sie aus der Verworfenen einen Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind, hab' ich dich endlich wieder!’ — und sieht das Weib eine elende Dirne an sich pressen mit heißer Zärtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit, sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem Gottesfunken, der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugtder reine Geist sich zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, ich kann dich lieben.’ Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem Reich des Lichtes zu, noch einmal grüßen seine leidverklärten Augen das Friedensland: ‚Meister, ich danke dir, daß du mir die Liebe gabst!’ Und gleitet hinab — erdenwärts!”

Der Konsul schloß das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.

„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck.

„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. „Das ist Poesie — aber Poesie der Wahrheit! Somußes sein, ich fühle das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzählen Sie mir doch Genaueres! Ist sie oft zu Ihnen gekommen?”

„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten des Dankes und der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns war, anläßlich kummervoller Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie nachher, daß sie die Pforte verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied hat uns tief bewegt, denn wir hatten sie liebgewonnen. ‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um Abschied zu nehmen; meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes hellen Tag zurück. Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr wird wieder jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht war in den Zeiten, da nur häßliche und rohe Töne zu mir drangen. Ich werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklärte Freude um mich sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt mit mir, die ihr mich liebt, und denen ich danke für das Heim, das ihr mir geboten. Seid mir gegrüßt! Ich gehe in Tag und Sonne!’”

„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, sprang auf und schwang die Arme in einem elementaren Bedürfnis nach Entlastung. „Das ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! Ich fühle diese Santa, die sich da um Leidende bemüht und sich nun wieder erhebt in Tag und Sonne!”

Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle Gestalt voll in Empfindung und Bewußtsein. War nicht auch sieeine Santa? Jahraus, jahrein im engen Krankenzimmer, während ihr Geliebter schönheitsdurstig durch die weite Welt flog!

„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewühlt waren. „Lassen Sie uns wandernd über diese hohen Dinge sprechen! Ich bin nicht zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen Sie mir die Welt groß! Ich fange an, die Enge nicht mehr zu fürchten, denn überall kann ja ein Fenster nach der Ewigkeit offen sein. Wir wollen auf den höchsten Punkt dieses Berges klettern, nach San Jeronimo, und von dort aus das Weltall umarmen!”

Der Konsul lächelte über seines jungen Freundes Überschwang.

„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. „Denn wir sind überall umflutet und durchströmt von der Ewigkeit.”

Doch brachen sie auf und wanderten.

Der Nebel hatte sich in einzelne weiße Wolken verdichtet, die nun wie Schwäne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, während ihre Schatten über den Berg schwebten. Stein empfand in sich ein brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelüst. Er sang mit feierlich hallendem Bariton Lohengrins Gesang:

„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...

„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...

Ihm war zumute, als hätte er eine Einweihung durchgemacht und ein neues Land betreten.

„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt bilden. Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich habe Bausteine gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht auf engstem Raum seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen Deutschlands mein Gralsuchen endigen.”

Bruck freute sich, daß seine Mitteilungen so belebend wirkten. Sie vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen Tag im Freien, umgeben von einer mittäglich leuchtenden Ebene, an deren östlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schimmerte. Erst um Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad hinab ins Kloster, mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt schwer von Bildern und Gedanken.

„Es ist ein Telegramm da.”

„Für mich?” fragte Stein erschrocken.

„Für uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, morgen heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.”

„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine ungewisse Sache; und ich weiß nicht, ob ich so höflich sein werde, hier im Kloster zu warten. Mich drängt es wieder auf den Berg.”

Tatsächlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern Morgen allein aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mädchen zu warten. Ja, mit einem gewissen Zorn schloß er sich ab; er empfand sich von jener Welt als verschmäht.

Das Wetter war unsicher; und so beschloß der alte Herr zurückzubleiben. Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser und deutete an, daß er am Ende gar in jener hohen Grotte übernachten werde.

Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trümmern der südöstlichen Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San Onofrio, die in die Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses eingeklebt sind. Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und Rundtürme ohne Fenster und Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. Gitter sind an den Türen dieser kleinen Kapellen; man pflegt kleine Münzen hindurchzuwerfen. Und so lagen viele Kupfermünzen, aber auch etliche Peseten, drin auf dem Steinboden zerstreut, ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein Silberstück hinein und bat den Heiligen — war es Sankt Johannes? —, mitzubauen an des Pilgers künftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht von Elisabeth geträumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen mit der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd unter diesem edlen Eindruck.

Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geräuschlos eine Decke vor die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hieroben schwül. Auf dem Platz der Vögel, im grünen Haingebüsch, freundete sich eine nahe umherhüpfende Nachtigall klugen Auges mit dem Wanderer an. Doch Bruck hatte ihm sein geheimnisreiches Buch mitgegeben — ein Zeichen großen Vertrauens, wie die Damen lächelnd betonten; und so lebte er heute mehr nach innen. Am späten Nachmittag drang er über San Benito wieder hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil über dem Kloster dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder die trockene Felsengrotte von San Salvador auf.

In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver die indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute keines von den dreien. Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses Fremdenbuch, worin sich seine Gäste aus Geisterland eingezeichnet hatten. Er ließ Namen wie Simonides oder Zoroaster, Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf sich beruhen und vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen selber. Eine ganze Welt jenseits der körperlichen Sinne und des wissenschaftlichen Verstandes tat sich ihm auf. Und plötzlich entdeckte er lose Einzelblätter, bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art asiatischer Schriften in krausen Strichen untereinander geschrieben war: eine Geisterschrift. Daneben die Übersetzung:

„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das Reich, das meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer Schönheit; mächtig das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch stürzten wir in den Abgrund, der Herrscher, das Volk, das Land, ja der Weltteil, der uns trug. Die Schuld war mein, die Gier, die in meinem Herzen fraß; nicht die Sucht nach rotem Gold: meine Schatzkammern konnten den Reichtum nicht bergen; nicht der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines weiten Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der Vernichtung meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir unbekannt war — brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein Mensch zu erlangen fähig wäre außer mir, nach einem Wissen, das mich in Menschenherzen lesen ließe, das mir ermöglichte zu strafen, wie nie ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! Das Volk war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, müßig seine Hände, lüstern nach allem Erdengenuß seine Wünsche. Da kam, was unausbleiblich war: die Rache eines, der größer war als ich, durch sein Werkzeug, das ewige Meer. Wir stürzten hinab. Dir aber, niedrig geborenes Menschenkind, bekennt dies heute, den stolzen Nacken beugend, Hammar der Herrscher.”

Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:

„Auch ich bin aus fürstlichem Geschlecht und habe in versunkenem Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, klingt wohl nicht Überhebung aus meinen Worten, wenn ich euch sage: Ich war nicht schlecht, nicht müßig, nicht lüstern nach Erdengenüssen. Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische Liebe der himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich Hammar, meinen Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich nicht verderben und sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, mich zu retten vor dem Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: Mit Hammar unterzugehen gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! Da brachen Nacht und Verderben über mich herein. Gebüßt ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig vereint ist Falosa, die nie die Treue brach.”

Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was für Lebensbeichten in wenigen großzügigen Worten! Wie verschieden von der weichen Santa und den zaghaften Blumengeistern diese heroische Falosa, die nie die Treue brach! Steins Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine Phantasie stimmte zu.

„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als einmal auf Erden verkörpert wird: haben wir vielleicht einst auf jener Atlantis gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir damals vielleichtnichtgesiegt — und sollen diesmal siegen?”

Die Dämmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras und Buschwerk zu einem Lager zurecht, hielt plötzlich inne und lachte hallend hinaus, als ihm der Gedanke in den Sinn schoß:Jetzt warten da unten die Mägdlein aus Barcelona! Laß sie warten! Überwunden! Er rollte sich in seinen langen Lodenmantel und schlief in milder Nacht fest und unbehelligt.

Gnomen saßen drollig und treuherzig am Eingang der Höhle und wunderten sich über den Sonderling; es huschten Blumengeister vorüber, Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, spähten, lachten, tanzten. Dann kamen stärker leuchtende Geistgestalten ehemaliger Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen und wandelten in bedächtigen Gesprächen vor der Grotte hin und her. Die Luft erhellte sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten sich in lichten Gestalten Äbte, Fürsten und Könige. Und über dem ganzen Berg begann es zu flimmern. In immer schärferen Umrissen gestaltete sich dort ein kosmischer Kuppelbau aus Gold und Edelstein und durchsichtigem Marmor, von Türmchen und Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich romanisch und gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis; und auf seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg ragte durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen Gesteine. Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwände hindurch glühten viele flammende Pünktchen aus dem unermeßlichen, bis in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und alle Geister der Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der Menschen machten sich auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden Zügen durch die Luft himmelan, zu des Tempels mächtigen Bogentoren, wo weiße Gestalten der Verklärten unter Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr Leuchtgestalten einströmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um so voller tönten daraus die kosmischen Harmonien.

Dem noch ungereiften Träumer auf dem Gipfel des Montserrat wurde das Bild zu gewaltig. Er stürzte, er tastete nach irgendeiner nahen, warmen Menschenhand. Da umfloß ihn wohlig weißes Gewölk. Aus dem weißen und weichen Gewölk löste sich eine Gestalt: und lächelnd stand an seinem Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.

***

Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine wissenschaftlichen Studien.

Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft, kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder — sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate, die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen Zahlenrätsel.

Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten zu erschüttern vermocht;ein Bußetun in Sack und Asche und die breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler, Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst versöhnte.

So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem Johannes-Evangelium ...

„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller istglücklicherweise nicht aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.”

„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”, erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”

Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an. Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten.

Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der unheimlichen Nordwand des Berges entlang.

Der Konsul erzählte von seinen Fahrten.

„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum Steuermann gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie großartig für mich das Gefühl war, als wir in einer Wolke von Segeln über die südlichen Meere flogen, zumal nach einem Sturm, wenn noch tagelang bei bedecktem Himmel schwere Wogen rollen, überflogen vom Sturmvogel Albatroß. Man lernt da gleichsam teleskopisch die Welt betrachten.”

„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten des Ozeans Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?”

„Das liegt mir doch wohl von meinem westfälischen Vater und meiner schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie sich denken können, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser Besonderheit. Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mitdem Tode eines lieben Angehörigen die gemeinsame Sprache aufhört. Aber die Menschen, so gern sie vom Reich der Gestorbenen hören möchten, fürchten sich und empfinden es als ein Gespensterland. Oder sie helfen sich mit der bekannten platten Wendung: mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es auch für den nicht hellschauenden überlebenden Menschen eine Sprache, die drüben verstanden wird: wenn er nämlich Gedanken edler Liebe dem Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinübergegangenen wie eine wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr Baron, hier öffnet sich nun eine Brücke, die jeder Mensch betreten kann, sobald er einmal das Wesen wahrer Liebe erfaßt hat. Zwar der fassungslos tobende Schmerz etwa einer Mutter um ihr Kind fördert nicht, sondern beschwert eher den kleinen Geist. Und manche Abgeschiedene sind drüben anfangs ebenso verstört und unglücklich wie die Zurückgebliebenen, wenn sie unreif und unvorbereitet hinüberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos Liebenden, die schon im Erdendasein auf das Übersinnliche eingestellt waren: wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel der Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der überlebende Freund hinüberkommt, wird er empfangen von allen, mit denen er hier schon durch Bande unvergänglicher Liebe magnetisch verbunden war.”

„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener Trost?”

„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der weiß das. Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzählt, der sich mit seiner gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher Art kann ich aus Erfahrung bestätigen. Im übrigen ist die Kluft zwischen Diesseits und Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier unsre Aufgabe zu erfüllen, und jene drüben die ihrige. Es geschieht dies alles nach großen Gesetzen. Aber in allem waltet als oberstes Gesetz die göttliche Liebe und Weisheit. Das hat der Sendbote von Golgatha verkündet, der von drüben kam und eswußte. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in das Tiefste durchdrungen.”

So sprach der ungewöhnliche Mann.

Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so einfach klang und so oft schon die Menschheit aufgewühlt hat:

„Was halten Sie von Christus?”

Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief ernsten Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen wollte.

„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. Wie die Sonne zu den Planeten, so verhält sich dieses hohe Lichtwesen zu den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat die Gestalt eines Menschen mit ausgestreckten Armen; es ist das Symbol jenes Lebens, das sich liebend opfert. Das Kreuz ragt durch den Kosmos: es ist die Weltesche Yggdrasil. Und vor dem Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses Kreuzes glüht, erbleichen die Gestirne.”

Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.

„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”

Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein als zuvor.

„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können Sie mir Näheres darüber sagen?”

„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen geworden.”

„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz dieMaterie oder die Natur — und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus erblüht?”

Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter.

„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber wer einmal das Wesen wahrerLiebeerlebt hat, der spürt und weiß, daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn ererlebtsie. Wir Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die Unsterblichkeit umhertasten?”

„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche ist ja in ihnen aufgeblüht.”

„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtendenGral— und Siehabendas Geheimnis!”

So war Ingo auf eine neue Höhe geführt worden.

So verstanden sich Jungmann und Meister ...

***

Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete für den Wanderer Läuterung und Einkehr. Ingo räumte in seinem Herzen den Platz frei für einen Tempelbau.

Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner männlich-elastischen Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen recht artig gestanden hätte, wohl aber schlichte Erkenntnis und reines Empfinden dessen, was bisher versäumt und was künftig aufzubauen war. Das Rätsel der Sphinx scheint ja so schwer und furchtbar und ist doch nichts weiter als die klare, nahe, mutige Einsicht in Wesen und Würde unsrer unsterblichen Menschenseele.

Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; ein herzlicher Gruß an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruderund Vater. Und als ihm sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen Studien heraus eine Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von Birken und Tannen, ergriff den Pilger das Heimweh nach Orgelton und Tempelstille des innig geliebten deutschen Waldes. Stand noch die Tanne vor dem alten Thüringer Herrenhause?

Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll Schwermut. Wie viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der Irrfahrt versäumt! Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem Schwung zu Bett warf und in die Wolldecke hüllte, streifte er die halbvergessene Laute. Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. Da empfand er sein Leben wie ein wehmütig Märchen, dessen irrender Held immer im Zauberkreise umherwandert.

„Es war einmal ein Dümmling, der lief von Heimat und Jugendfreundin fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnäckig einem verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich die ersehnte Gestalt erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht riß — wen sah er? Seine Jugendfreundin!” ...

In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.

Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.

Dieser Kartengruß erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.

Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten diese unvermutete und aufstörende Botschaft. Sie hatten sich in Genf mit Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht und sandten nun gemeinsamen Gruß.

Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage sah er seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace und diesem koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger durchglühte wieder den gesunden und kräftigen jungen Mann.

Schon am nächsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlüssen, saß er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen Abschied von den Freunden, und fuhr über Barcelona wieder nach Norden.


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