O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer.Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,Eh' ich mag bei der Liebsten sein!Uhland
O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer.Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,Eh' ich mag bei der Liebsten sein!
Uhland
A
Aus dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht reine Luft.
Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.
Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen.
Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel. Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich.
Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen.
Man spürte wohl noch an diesen graugrünen Abhängen den Pulsschlag der Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des Mittelmeers. Aber man war zugleich diesen Regionen entrückt und schloß sich durch eine hohe und weitläufige Gartenmauer vom Arbeitstag ab.
Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.
Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und manche wertvollen Gemälde angesammelt. Ein Innenhof war von farbiger Kuppel überdacht; dort spielte ununterbrochen der feine Strahl eines Springbrunnens und verbreitete zugleich Kühle und das Gefühl einer leichten Lebenslaune, einer Überwindung der Arbeitsschwere. Es stimmten dazu die heiter geschnitzten Geländer der Stockwerke, die diesen dämmernden Innenhof umrankten. So war dort eine maurische Stimmung geschaffen, die zum subtropischen Gartenbild paßte und gegen den brennenden spanischen Sommer schützte.
Die Mädchen, in Seidenkleidern und weißen Schuhen, gingen wie auf Stelzen und bemühten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewöhnliche Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.
Die lebhafte Jüngere entlud ihre Gespanntheit in fortwährenden Umarmungen und Küssen, die Fräulein Martha über sich ergehen lassen mußte, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres feierlichen Kleides.
„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich für dich!” rief der hübsche kleine Zappelkäfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hältst du's überhaupt noch aus vor Ungeduld?”
„Gewiß, ja, nur weiß ich nicht recht —”
„Na, was denn nun wieder? Pfui, schäm' dich! Etwa wegen des Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein ganzes Jahr hier gewesen!”
„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine nur — ich wollte, es wäre schon vorüber. Ich bin ja viel zu jung — und — mein Gott, wie sie mich alle ansehen werden!”
„Laß sie gaffen, du bist süß, sie werden sich alle verlieben! Zwei junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird ein Duell geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reißen die Katzen aus vor den vielen Serenaden — und ich gieße den Sängern Wasser über den Kopf.”
„Glaubst du, daß sie Reden halten auf — auf ihn und mich?”
„Natürlich! Dann sagst du ganz einfachgraciasodermerci beaucoupund nickst ein klein wenig mit dem Kopf — aber nur ein wenig, vornehm — siehst du, ungefähr so!”
Die Kleine gab ein vorbildliches, gnädig herablassendes Kopfnicken zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang. Aber die schwerblütige Martha schaute mit ihren wundervollen Blau-Augen ratlos in die Welt und war nicht in Stimmung zu bringen.
Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und brasilianischem Orden, zwischen seiner blaß-vornehmen Stiefmutter und der bürgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in schwarzer Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fächerpalmen auf und ab. Ein springender Strahl rieselte und raunte auch dort; und im runden Becken flimmerten rote Fische. Es lag hochzeitlicher Glanz in der abendlich rosigen Luft; die Welt war voll Farben; auf Palmenkronen wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflügeln und gaukelten abwechselnd um die Gespräche der Alten und das Zwitschern der Jungen. Selbst die kleinen bärtigen Gnomen, die Geister des Goldes, die sonst schwere Säcke schleppten, feierten heute, saßen unter Tropfsteingebilden und kämmten sich gegenseitig die Bärte.
In den Worten und Gebärden der hier wandelnden Erdenbürger war satte Sicherheit. Sie fühlten sich nicht heimgesucht von irgendwelchem Hunger nach Unendlichem. Das Rätsel des Daseins hatte sie nie bekümmert. Eine erhebliche Rente in Gewahrsam zu bringen, genügte als Lebensziel. Wobei sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn und andere bürgerliche Tugenden zu achtenswerter Entfaltung brachten.
„Jetzt bin ich über die Zukunft meiner Tochter doch einigermaßen beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber wird es sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und häuslich und versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; aber sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine stille Natur; mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's von ihm.”
„Das Mädel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte Schaller und nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das glaube ich Ihnen versichern zu dürfen. Also wenn ihr beide einverstanden seid, so klopf' ich nach dem zweiten Gang ans Glas und mache die Sache bekannt. Ich liebe immer Überraschungen, knappe, fertige Tatsachen. Punktum!”
Er trat zu den Mädchen, legte der Jüngsten von hinten her seine großen Hände über die Augen und küßte ihre Wange.
„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”
„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”
„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!”
„Noch einen Bräutigam? Her damit!”
„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!”
***
Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang, deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte.
Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf, lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans knochig-männliche Festland — und dem Greifenden zwischen den Fingern zersprühend, ein schillernder Schein!
Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie gestern erst auseinandergegangen.
Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen, man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war.
„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!”
Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen Heim begrüßen zu dürfen.
„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen eine festliche Versammlung finden. Esgibt einen Knalleffekt, die Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.”
Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen Geschäftsmann schätzen gelernt habe.
„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber, das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe, unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”
Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:
„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen, daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”
„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so viel Tatkraft auf so viele Probleme — warum nicht auf dieses?”
Der Konsul nickte.
„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Fragezu finden, vor allem andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.”
So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel abgesetzt.
Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt, so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen. Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz.
Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis, die er in der Tasche trug.
„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaunUnd deinem Beistand fest vertraun,So löse doch des Alters BindeUnd mache mich zu deinem Kinde!”
„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaunUnd deinem Beistand fest vertraun,So löse doch des Alters BindeUnd mache mich zu deinem Kinde!”
Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit? Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe — und nach dem einen Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins? Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem Jenseits?
Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen Mädchen ist Glück, Wärme, Stille — waren es vielleicht grade diese Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf ihn gewirkt hatte?
Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen, seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich warnenden Nachschriften der treuen Friedelabgeschnitten und im Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers, dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.
Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.
„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren. „Tibi daboist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben. Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, der Berg irdischen Besitzes.”
Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schloß gelassen:
„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg an einen recht passenden Ort gebaut.”
Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, zwei Blumensträuße in Händen, lachte mit und vergaß in diesem Augenblick, daß er selber über den Schmerz einer kranken Freundin hinüber dem auf der Kugel schwebenden Glück nachjagte.
„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. Erst die Million, dann die Seele!”
„Stimmt!” lachte Brucks Baßstimme. „Nämlich dem Teufel die Seele, wenn der ihm dafür die Million gibt! Aber Schaller ist gar nicht so schlimm, wie er manchmal tut. Auf die Zehen läßt er sich allerdings nicht treten. Teils durch Spekulation, teils durch Arbeit und zuletzt durch Heirat zwingt er die Dämonen des Reichtums in seinen Dienst.”
Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck die gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burghinanstieg, war oben schon alles voll lustiger Gäste. Deutsch, Französisch und Spanisch klangen in allen Tonlagen durcheinander.
Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen in der Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die Ankommenden vom Hausherrn selbst bemerkt.
„Holla, die erste Überraschung!” rief er. „Mädels, hierher! Wen haben wir da? Den Troubadour!”
Und er packte in seiner nervös-energischen Art die beiden jungen Damen an den Armen und riß sie herum, dem Kommenden entgegen, der den Zylinderhut zog, schon von weitem lachend grüßte und dann seine Blumen überreichte.
Martha wurde glutrot, die Jüngste schlug in die Hände.
„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast melancholisch. Ich auch!”
„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.”
So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann, mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute, Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre Rasse prächtig vertrat.
Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle.
Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte. Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab, ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß derfélibres, unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten. Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick nicht erwiderte.
Er war ahnungslos.
Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen der Elsässerin waren — zumal neben der Pariserin — von schwerfälligem Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll; auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten. Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame bestimmt war.
Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich, aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, mit Bewunderung zusprachen.
„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck. Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”
Und er hatte dem Baron zugeraunt, daß er sich mit der elsässischen Bourgeoisdame französisch unterhalten möge; sie halte das für vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der thüringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von andren Dingen erfüllt und sah in dieser würdigen Dame vor allem Marthas Mutter.
„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saßen, „gestatten Sie, daß ich Ihnen eine drollige Geschichte erzähle? Auch Sie, Mademoiselle, meine muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! Wissen Sie, Madame, daß ich Sie und Ihre Tochter schon lange kenne? Ich besuchte in Straßburg im vorigen Herbst einen mir befreundeten Schriftsteller; dieser Schriftsteller hat einen Roman aus der Revolutionszeit geschrieben. In diesem Roman kommt eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas pedantischen Hauslehrer verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem großen Platz — heißt er nicht Broglieplatz? — vor einer Buchhandlung standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer schlanken Tochter vorüber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, bemerkte mein Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in Straßburg. Und wen find' ich einige Monate später an der Riviera? Jene nämliche Leonie, die mir jetzt hier in Barcelona gegenübersitzt! Ist das nicht eine närrische Welt?”
„C'est charmant!” rief die Junge. „Ich muß es gleich über den Tisch hinüber Martha erzählen.”
Durch diese natürliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch einen vertraulichen Ton her.
Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach ein immer kühleres politisches Gespräch. Sie vertrat, mit mehrEigensinn als Begründung, den Standpunkt eines Teils der elsässischen Bourgeoisie, Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des elsässischen Volkes noch mit den deutschen Empfindungen des Thüringers harmonisch zusammenklangen. Er ahnte hier Klüfte. Ihre Tochter, äußerte sie mit einem befremdlich anmutenden bürgerlichen Stolz, besuche nur französische Tennisplätze und Gesellschaften.
„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schließen sich also vom deutschen Kulturgebiet ab?”
„Wir sind Elsässer.”
„Genügt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die Elsässer in den Schmollwinkel.”
„Für einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgültig sein, wo er sein Geld verdient.”
„Ist der Mensch bloß zum Geldverdienen auf der Welt? Hat er nicht auch ein Vaterland?”
„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen vielleicht wieder französisch werden — —”
„Aha,damitrechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben? Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder französisch werden?”
Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton schien.
„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht. Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein, das eigentlich nicht! Nur — —”
„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder Fisch noch Fleisch! Elsässer — weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg! Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe? Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer nicht ab!”
„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf, denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb' ich ja auch meine Tochter einem — —”
Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in erwartungsvolle Stille.
„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mirdie Taubein der Hand als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!”
Erstaunte Stille — dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen, Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich.
Stein saß vom Donner gerührt.
Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.
Die Andeutungen der Jüngsten während des Abends hatte er nicht verstanden oder auf sich bezogen; daß etwas in der Luft lag, hatte er nur vorübergehend empfunden. Jetzt saß der Troubadour mehrere Sekunden mit buchstäblich offenem Munde und starrte sein entzaubertes Ideal an, das sich mit der rosig verschönten Anstandsmiene eines gut erzogenen Mädchens erhoben hatte und Umarmungen über sich ergehen ließ.
Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. Er sprang auf, schlug in die Hände und rief immer wieder: „Großartig!”, küßte der Mutter die Hand, riß die Kleine übermütig ans Herz und nahm sie mit hinüber zur persönlichen Beglückwünschung. Denn alle Tischordnung war auf eine Weile zerbrochen.
„Hätt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drüben. „Ich hätte mir's nicht nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche Ereignis zu feiern.”
„Es wäre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht hätten”, versicherte die Braut mit schicklicher Höflichkeit.
Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten das Fehlen der Laute und schüttelten Hände und gingen nachher, als Schallers Geschäftsteilhaber ans Glas klopfte, um kurz und korrekt zu beglückwünschen, wieder an ihre Plätze. Die Woge der Festfreude legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer wieder an; einige Mütter seufzten, daß ihnen der reiche Kandidat entgangen war, Steins Herz hämmerte, die Jugend war elektrisiert — und alle miteinander strahlten, schwatzten, lachten und zechten um die Wette.
Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte später, als sich die Gesellschaft verteilte, so toll am Flügel, daß der spanische Professor vor Begeisterung aus dem Häuschen geriet. Schaller ließ sich die „Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde sentimental. Dann tanzte man wieder zur Musik der Blinden; die jungen Leute führten ein harmlos Scherzspiel auf; man trank sämtliche Spirituosen durch — bis lange nach Mitternacht der Halbmond über Meer und Montjuich stand. Stein machte allen halbwegs hübschen Damen ebenso unbedenklich wie liebenswürdig den Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er glaubte sich zu entsinnen, Hände, Wangen und Lippen geküßt zu haben, sogar die leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.
Gegen Morgen saß er schweren Hauptes in einem Automobil, hatte jedoch Besinnung genug, nach dem Überzieher zu tasten, ob die provenzalischen Briefe noch darin wären. Ja, da waren sie noch wohlbehalten an Ort und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen Gummireifen mit seinen Briefen und mit seinem Rausch ins Hotel zurück, wo er lachend ankam und immer vor sich hinrief:
„O Troubadour! o Troubadour!”
Wer ist der Gral?Das sagt sich nicht.Doch bist du selbst zu ihm erkoren,Bleibt dir die Kunde unverloren.Richard Wagner
Wer ist der Gral?
Das sagt sich nicht.
Doch bist du selbst zu ihm erkoren,Bleibt dir die Kunde unverloren.
Richard Wagner
I
In stiller Größe walten über den wechselnden Schicksalen der Menschheit die Genien der Güte und die Meister der Innerlichkeit.
Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder das Getriebe der Gattung zu kümmern; das besorgen andre Geister und Dämonen, ruhelos den Erdball umdrängend.
Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne erwachende Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von den Trieben der Masse und fortan seinen persönlichen Weg sucht, so senden sie ihm ermunternd und beratend einen Lichtboten.
„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, sagen dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite an seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewußtsein ewigen Wertes! Laß ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, daß nicht Titanenwille den Göttersitz erobert! Denn wir sind es, die den durch uns hindurchrinnenden göttlichen Strom weiterschenken; aber wir schenken nur dem, der zur Erkenntnis stiller Größe nach Kampf und Irrfahrt reif geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!”
Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten der Erde.
Wenn aber Boten des Lichtes vorüberziehen an den Gestaden der Düsternis und der Vernüchterung und der Weichlinge, die an des Lebens Würde verzweifeln, so strahlt in doppelter Schönheit der Gottesboten Gesicht.
Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade zu, so daß ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinüberblitzt in das Land der Dumpfheit.
Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorüber? Wer hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude zu glauben in diesem Räderwerk der Fronen?”
„Ich, mein Bruder!” flammt es zurück. „Und sieh her, wie meine Muskeln straff und meine Blicke voll Mut sind und mein Atem den Busen schwellt! Sieh her, wie mir wonnig und wohl ist, weil ich wandeln darf als Bote der Gottheit!”
***
„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”, sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht und Tiefe der Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhält sich der Montserrat zur Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blättern über Lourdes vorgelesen haben, läßt mich annehmen, daß Sie dort eine erste Weihe empfangen durften: das heißt, eine Ahnung von den höheren Gesetzen, die hinter dem Sichtbaren walten. Vielleicht gibt Ihnen dieser Berg eine zweite Weihe. Und das Leben selber hernach die dritte und beste.”
Sie saßen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen wurden. Das Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns war nicht mehr fern.
Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majestätisch aus den Hügeln der katalonischen Landschaft.
Nähert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her dem Städtchen Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, so scheint sich plötzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu türmen. Man späht genauer — und man entdeckt mit erhabenem Staunen: es sind keine Wolken, es sind Felsen!
In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg wie eine Walhalla aus den Dünsten des Flachlandes empor. Sein Name ist Montserrat, das heißt Zackenberg, weil wie die Zähne einer Säge diese Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und umso wirksamer ist der langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich einsam mitten in wenig hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen Lehmhügel erhebt.
Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Stätte eine der tiefsinnigsten Legenden.
An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche Montsalvat oder Munsalvaesche der Gralsage.
Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle Becher-Kleinod, das verjüngende Kraft gibt, lange schon anziehend und bedeutsam. Er fühlte längst den unbestimmten Drang, durch Klingsors Gärten und Blumenmädchen hindurch diesen schwer zu erreichenden Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne Kenntnis des Spanischen ist die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. Es ist oben, auf einer Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, nur ein großes Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen Gebäuden und Logierhäusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen ist zwar auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, nur einige Laienbrüder, die das Gepäck besorgen. Die Gäste, die familienweise kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in irgendeinem der Logierhäuser eine Wohnung und bereiten in der dazu gehörigen Küche ihr Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld entschädigt man das Kloster für die Gastfreundschaft. So sind dem einzelnen Ausländer die Zugangsbedingungen erschwert; doch um so ungehemmter kann er sich dann der Einsamkeit des Berges überlassen.
„Ich glaube gelesen zu haben,” äußerte Stein, als er mit der Familie Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der Felsenwände hinauffuhr, „daß schon Wilhelm von Humboldt begeistert von diesem Berge gesagt hat, er habe nie einen ähnlichen Anblick genossen, denn an dieser Stätte vereinige sich alles, was einer Landschaft Größe und Schönheit zu geben vermag.”
„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren oben.”
„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”, fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition erzeugt — ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!”
„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart. „Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des Christentums gegen die Araber behütet.”
„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.”
„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren, bleibt dir die Kunde unverloren.”
„Waren Sie in Bayreuth?”
„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”
„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils — und das Gold des Unheils! Jener kommt aus der Höhe — dieses aus den Tiefen. Dort eine Taube — hier ein Drache. Wunderbar!”
„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.”
Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder lebendig; es arbeiteteetwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis überzeugte.
„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,” sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar und sehr geheim sein.”
„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.
„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der Gral gesammelte Kraft.”
„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt mit dem Karfreitag zusammen.”
„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher Legende. Die Sage vom Wunschgefäß — vom Tischleindeckdich — vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik! Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken herausgekämpft von Indras Speer.”
„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein.
„Und Munsalvaesch mag man ja vonsauvageableiten und als Wildenberg deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung vonsalvus: Heilsberg.”
„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder nachdenksame Einsamkeit lernen.”
Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die nötigen Gläser und Geschirre.
Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten, großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß, als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem deutschen Tisch.
Die Frauen, von häuslichem und unauffälligem Wesen, beide mit warmen braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich früh zurück. Die Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, auf den man aber nicht zu sprechen kam. Die beiden Männer packten ihre Lodenmäntel aus und schritten dann miteinander in den kühlen Abend, eingehüllt wie Mönche, um in der Kirche dem berühmten Vespergesang zu lauschen.
Denn die Mönche des Montserrat sind berühmt durch ihre Musikschule. Sie unterrichten dreiunddreißig Knaben als Schüler; nur begabte Jugend wird dieser Ehre teilhaftig. So kann man dort im Zauberdunkel der Kirche, besonders abends, eindrucksvolle Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und hellen Knabenstimmen antworten männliche Gegenchöre der Mönche; beide Gruppen bleiben unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstärkt durch ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige Beter anwesend sind, erfüllt von gregorianischer Kirchenmusik.
Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht über dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten eines maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die Jungfrau ist blütenweiß gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, viele Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. Das Maurische des Chors und die Schwärze der Jungfrau wirken fremdartig und orientalisch.
Dieses höchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, zwischen semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe vielleicht schon eines phönizischen oder vorarischen Heiligtums? Der Berg ist ja ein riesenhafter Altar. Es saßen zur Zeit der Maurenkämpfe Goten in Spanien; Gundomar hieß der Bischof, unter dem vor tausend Jahren das Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur soll aus Palästina stammen und war in einer Höhle des Berges verborgen; noch heißt die Grottecueva de la virgen; Hirten sahen dort jeden Sonnabend einen Glanz — man drang mühsam vor und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte und eine Madonna auch hier — wie dort in Lourdes!
Von einem Gral weiß diese kirchliche Legende nichts. Man müßte denn dieses wohlbehütete, angeblich aus Palästina stammende Jungfrauenbild als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen Einsiedler als Gralsritter zu betrachten wären.
Der Konsul erzählte dies alles.
„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten Felsenberg, noch höher als das Kloster, zwölf Einsiedeleien über den Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten — Santa Anna — in der Mitte, worin der älteste und würdigste dieser Eremiten wohnte, während immer der jüngste die fernste und steilste Klause — San Jeronimo — zugewiesen bekam. Nun ging damals über den ganzen Berg ein sogenanntes ewiges Geläute. Um zwei Uhr morgens gab die Klosterglocke das Zeichen: die Mönche erhoben sich und zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche; nach bestimmter Zeitnahm die nächste Einsiedelei Glockenzeichen und fromme Übung auf; und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich das fort, bis um Mitternacht San Jeronimo den Beschluß machte. An bestimmten Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie nach einem Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und sangen dassalve reginaherunter. Viele Äbte und andre hohe Geistliche haben sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher zurückgezogen und sind Einsiedler geworden, oft von Königen und Fürsten in ihrer Stille besucht und um Rat gefragt. So ist die Luft dieses Berges magnetisiert von heiligen Gedanken. Und Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als er sich nach seiner Bekehrung hierher begab und in dieser geweihten Luft seine berühmten Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel Magnetismus, ich spüre das.”
Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge ein. Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemächtigte, wurde immer sprechender und merkwürdiger. Diese Felsengebilde da oben waren Statuen; hatte ein Urvolk seine Götter in Stein gehauen?
Die beiden Wandrer fühlten sich erhaben gestimmt von der ungewöhnlichen Kirchenmusik und ergingen sich auf dem äußersten Vorsprung, wo ein Denkmal an jenen spanisch-französischen Kampf aus der napoleonischen Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien zum Opfer gefallen, nachdem ein französischer General von San Dismas herab das damalige Kloster in Grund und Boden geschossen hatte.
Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhöhte sich noch das Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete dem Berge das verschnörkelte Land mit dem Flußlauf des vielgekrümmten Llobregat. Überall ausgeschwemmte Tonerde, mit kahlgewaschenen Felsenzügen dazwischen, voll von Runzeln und Schrunden, einer Mondlandschaft nicht unähnlich.
„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Märchenstimmung, ganz dem Gewöhnlichen entrückt!”
„Und eine abenteuerliche Situation!” fügte er für sich selber hinzu, als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er schaute sich noch einen Augenblick in dem schmucklosen weißgetünchten Zimmer um und löschte dann die Kerze.
Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig über den Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona gespielt hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber Wehmut wuchs im Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Geräusch der Ebene drang an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er den Gesang einer Nachtigall. Die Steingiganten über ihm hielten ritterliche Wacht; der unvollkommen leuchtende Mond warf die langen Schatten dieser Ritter den mitternächtigen Berg entlang. Welche Wirkungen des Mondes!
So lag er lange wach und horchte in die große Nacht und glaubte der Erde und seinem bisherigen Leben entrückt zu sein — auf einen Felsen geschwemmt, wie ein Schiffbrüchiger der Titanic.
Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat, hoch über den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer stillen Rückschau.
Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.
Vor fünf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Gärten am Horn zu Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, Gemälde, Büsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll untergebracht und gedachte nun seinem Ideal einer persönlichen Universalbildung schaffend nachzuleben. Doch die Meister seines Schicksals waren damit noch nicht einverstanden. Sie stellten Friederike von Trotzendorff zwischen ihn und seine Braut. Und als Friedels geniale Natur alle Register ihrer Phantasie- und Gefühlsromantik zog, trat die herbe, gefühlskeusche, etwas menschenscheue Elisabeth still zurück; der Briefwechsel mit ihr entschlief; sie wurde Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich später zu ihrer Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste Italien und England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder an die See; und der Statistiker und Soldat Richard war glücklich, daßdie gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte. Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten, die Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund im Innersten gefördert, ja — wie sie oft scherzend sagte — mit Genialität angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei harmlose Mädchen, in der Provence und am Fuße der Pyrenäen, in der bisherigen Form zerschellte. Und — seltsame Fügung! — gleichzeitig trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, inmitten der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, dort bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die heitre Schar der Troubadours — und dann die ernste Schar der Kranken von Lourdes: — welch ein Gegensatz!
„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war auf soziale Fürsorge gestimmt — doch Friedel und ich? Wir sind immer davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich geben? Damals wär' ich Spießbürger geworden, hätt' ich mich mit Elisabeth in jenes gemächliche Heim eingelullt — aber jetzt? Sind heimliche Führer über meinem Leben? Haben sie Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der Mozart-Mädchen bedienten? Ach, ihr seid mächtiger als ich! Ihr führt mich im Zickzack durch die Welt, foppt mich mit hübschen Gesichtern — und werft mich zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr mir Elisabeth und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?”
Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke hinein, es sei dennoch planmäßige Führung höherer Mächte, die hinter dem Sichtbaren stehen.
„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache — so wenig wie jener Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und nach? Und leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, den wir selber nach und nach aufbauen?!”
Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger, Lebenshunger, Gestaltungsdrang glühte in dem gesundenjungen Manne, der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, auf dem weltfernen Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen der Romantik allein baut man die Gralsburg, sondern nur aus der Fülle wirklichen Erlebens ...
In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das Fenster eines Sanatoriums in München, wo eine schöne Frau bei elektrischem Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und des Körpers umsonst zu lesen versuchte.
In der gleichen Nacht kauerte ein halbwüchsiges Mädchen zu Barcelona im Nachtgewand auf dem Bettrand der älteren Cousine und unterhielt sich mit ihr darüber, daß der Baron eigentlich noch netter wäre als Onkel Schaller, und daß ihn Martha gewiß genommen hätte, wenn er ein wenig früher gekommen wäre. Und unten saß Madame Frank-Dubois mit Marthas Bräutigam zusammen und rechnete ihm vor, daß sie ihrer einzigen Tochter vorläufig rund hunderttausend Mark mitgeben könne.
In der gleichen Nacht stand in Thüringen die hohe Gestalt des Fräulein Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken Vetters und gab der neuen Krankenschwester Anweisung, wie der Kranke zu pflegen und zu beköstigen sei, da sie selbst am andren Morgen mit der leidenden Mutter an den Genfer See reisen mußte. Dann fuhr sie spät in der Nacht im Wagen durch den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem Hinträumen als ein großes Glück, Leidenden helfen zu dürfen. „Es ist auch eine Form von Liebe”, fügte sie leise hinzu, nistete sich in ihren Pelz ein und schloß seufzend die Augen.
***
„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, sprach Konsul Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen sich entschuldigen, sie sind müde und möchten einstweilen ausruhen.”
Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, Lodenmäntel auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durchMorgennebel eine schmale Schlucht empor zu den Ruinen der Einsiedeleien.
Diese Schluchten sind üppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebüschen, Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bäumen und Büschen dieses pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, enge Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So kommt man, wenn man die letzte schmale Felsenpforte überschritten hat, plötzlich in ein wildschönes Hochtal hinan, in dessen Mitte die spärlichen Trümmer der Einsiedelei Santa Anna liegen, und das aufs neue von gigantischen Felsen umstanden ist — ein doppelt großartiger Anblick, wenn die mächtigen Steingebilde durch ziehende Nebelwolken hindurch sichtbar sind.
Diese Felsen sind rundbäuchig und kegelförmig, oft in dichten Gruppen aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons und Bastionen; dann sitzt es wieder wie ein verzauberter Kopf auf der unteren Säule; und oft scheint ein riesiges Profil herüberzudrohen aus diesen grauen, kieseldurchsetzten Monolithen, aus diesen versteinten Termitenhaufen. In einzelnen Ballen wirbelt der Nebelrauch vorüber, als stände jenseits des Montserrat eine Welt in Brand. Grün und grau im Wechsel sind die Farben dieses Hochlandes, das vor Winden geschützt und nur nach Osten offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.
Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch einmal unten die Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler dassalve reginazum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador.
Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die liebliche Nähe.
Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!
Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen, erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung. Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieserlaudatio perennis, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging.
Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge. Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen Einsamkeit.
„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg nach San Salvador bahnen.”
Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen hinunterzubringen. Und welch ein uraltGemäuer! Schon im Jahre 1272 starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte: nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten.