Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die Schellen klingelten am Schlitten —
— — — — — — — —
Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder.
Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte. Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die andern arbeiten nebenbei — es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine Broschüre schreiben: Wegweiser —
Grau erwachte.
Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume grünten. Es war Frühling geworden.
Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und stand auf.
Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.
Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im Schaukeln des Bootes warder Frühling und auch in der Art, wie der Mann im Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling.
Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen auf den Höhen und weite grüne Wälder.
Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.
Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden Schmeichelsang.
Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün — die ganze Erde war nichts als eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.
Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der großen Steinbrücke wimmelte esvon Arbeitern, die einen neuen Bahndamm aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.
War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine Wohnstätte bereitete?
Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern, die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen — und morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen, abermals ist sie größer geworden!
Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die Erde, ich bin dein!
Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen!
Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken triumphierend in der Sonne blitzten.
Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen beginnt ein neuer Tag.
Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und tiefes Geheimnis — aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein Gleichnis des Lebens?
Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er zurück in sein Haus.
Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der Hagelschauer — sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht.
Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte.
Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte.
Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, als greife sie etwas: Das ist die Luft!
Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. — Aber doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte:
„Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster und Schönster von allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glück in dein Herz, höre mich, du Gütiger mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie ist mein Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den Büchern gelesen und mir mein Herz aus den Büchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist Frühling, das Gras wächst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Gärtchen und ich danke ihr, daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir, wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da unten will es auch Wärme haben. Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich lache, wenn ein Vogel vorüberfliegt.“
„Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.“
„Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe geträumt, ich ginge in einer Wiese, schlank und schön und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen? Sprich! Würdest du nicht du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja trotzdem lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber du verstehst mein Herz und es nennt dichFreund. Ich bin glücklich, so sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen der grünen Erde. Es ist ja gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte. Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewünscht, noch einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die Blumen. Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht ihn? Und hast du nicht auch den Frühling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude — aber es ist nicht so, wie ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint in derselben Stunde. Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz, wie ich es gerne möchte —“
„Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! — es tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.“
„Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es pocht überall, mein Blut pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann schweigt es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen! Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh den Himmel, fühle dieNacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz — und vergeht vor Angst. Fühle wie die Erde schläft, sage ich, ein Kind, so tief und schön — aber die Angst quält mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen, gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben vorüber sein, da es eben erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.“
„Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen? Vielleicht verstehst du die Sprache der Vögel und es ist eines deiner vielen Geheimnisse, die dir das Lächeln geben, das man nie auf andern Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel, den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her und unterhalten sich über mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage ich zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen — aber mein Herz lauscht starr vor Angst. Ist es denn möglich, daß die Stare wissen, wie schlimm es um mich steht? Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmöglich! Und doch? Es muß, es muß unmöglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare sagen!“
„Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein. Auch der Wind spricht, auch die Luft spricht. Der Wind flüstert und ich verstehe wohl, was er sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fühle, wie fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Höre was er spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja immer dasgleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen wie er am Fenster stand, ein graues dürres Männchen in weitem Mantel, voller Buckel und Höcker. Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem Rücken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu Höckern.“
„Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht über mich.“
„Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, gleichgültig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts zu einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich sagen, wo sie beginnen und wo sie aufhören, aber sie sind da. Merkwürdig — ich fürchte mich nicht vor ihnen. Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten, wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.“
„Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald —“
„Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, Klara und Maria und auch Adele — ja, auch sie! — und auch Mütterchen und auch du, mein Liebling — alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln — alle werden eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor. Auch Adele. Sie sah so schön aus.“
„So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.“
„Es ist das Fieber, es ist die Angst —“
„So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will. Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu sterben — aber nun — die Angst — die Angst!“
„Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe habe!“
„Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaubedir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja gesund, wenn es mein Herz glaubt —“
„Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten, ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und nimm die Angst von meinem Herzen — Susanna —“
Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille. „Welche Freude — daß sie uns die Ehre schenken — an Susannas Ehrentage.“ — Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz — anders hatte es Mütterchen nicht getan. „Willkommen“ stand darauf und Mütterchen hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von SusannaLenz. Sie war immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein Sperling kam, die „ewige Braut“. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit dem Kopfe.
Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg. Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Ersprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten sich nicht um ihn.
Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in Ordnung und das Fest konnte beginnen.
Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne jede Pause.
Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern, lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an seine Schulter.
Er drückte ihr die Hand.
Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme sagte: „Guten Tag, allerseits!“ Es war der Lehrer.
Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse.
Wie kam er doch hierher? „Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe eben ein Engagement von einem Theater gehabt — als König Lear zu gastieren — habeaber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!“ Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach wäre —!
Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
„Mein Name ist Pracht!“ sagte er. „Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu kennen.“
„Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine Hand!“
Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.
Lenz streckte ihm die Hand hin.
„Genug, genug!“ sagte er und lachte herzlich. „Hier ist meine Hand! Frieden wollen wir schließen.“
Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt —
„Unsinn!“ sagte Lenz und lachte. „Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein Name, Herr Pracht!“
Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.
„Gut!“ sagte Lenz und lachte. „Die Herrschaften haben gesehen, daß ich diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand hinstreckte undmeine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!“
Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.
Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft wegen der kleinen Störung um Entschuldigung.
Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz’ ich hier. — Niemand konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, der Widerhall riesiger Fässer — alles. Niemand konnte wie er den Wein im Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben.
Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn Schwestern mit eisernen Nasen — sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen und sandten ihn nach Freiern aus — eine Hexe vollständig aus Eisen — niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore — Als ich noch im Flügelkleide — Der Mai ist gekommen — Mütterchen hörte andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten —
Auch die „ewige Braut“ fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon zu Ende waren.
Dann lachte sie.
Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.
„Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!“ rief Adele und sah ihn an. Eisenhut kam in Verlegenheit. „Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr unrecht getan,“ fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, „vergeben Sie mir!“
Eisenhut sagte: „Ach, das ist ja — haha — schon — so lange her — wie?“ Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins Ohr.
Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten.
Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein.
Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines Paketchen in die Tasche. „Nimm!“ sagte sie geheimnisvoll. „Wie soll ich dir doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich sie war!“
In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das Abendessen ein.
Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem Lachen auseinander.
Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.
„Wir haben ja den gleichen Weg!“ sagte Adele und sie sahen einander an und nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. „Es ist Jasmin.“
„Ja, es ist Jasmin!“ sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.
Oben war es kühler. Sie atmeten auf.
Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem Dachelag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.
„Die Tafeln,“ sagte sie, „die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse — Sie erinnern sich? Was ist doch mit Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?“
„Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.“
„Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst erwiesen — er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen Schuldschein haben — aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.“ Sie sah Grau prüfend an.
„Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen wurde,“ sagte Grau.
„Das ist gut,“ fuhr Adele fort, sie stockte. „Haben Sie denn Besuch, Herr Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,“ fragte sie.
Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.
„Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,“ sagte er.
„Es ist ein alter Handwerksbursche,“ sagte Grau, „der vorläufig hier wohnt. Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.“
„Wie lange wohnt er schon hier?“
„Drei Wochen. Warum?“
„Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen sich selbst mit einem Strohsack?“
Grau lächelte. „Eine merkwürdige Stadt!“ sagte er. Sonst nichts.
„Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört nicht Ihnen?“
„Ich werde ein neues Bett kaufen,“ sagte Grau. „Sagen Sie der Dame, sie könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!“ — Adele lachte leise.
Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.
„Wir haben Gesellschaft,“ sagte sie, „die Offizierevon Weinberg.“ Sie sah zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. „Es ist Mama, die spielt.“ Sie blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: „Ich habe keine Lust. Kommen Sie!“
Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder Laut hinter ihnen und sie waren allein.
Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.
„Welcher Friede, fühlen Sie!“ sagte Grau leise.
„Ja, hier ist Friede!“ sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre Augen, so hell waren sie. „Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?“
„Nein.“
„Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.“
„Sollten Sie nicht umkehren?“ fragte Grau.
Adele schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte sie, „ich habe keine Lust. Ja, fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. — Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,“ fuhr sie mit freierer Stimme fort, „es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen Mädchen heute lachten so viel.“
Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.
Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu ihm her. Er sagte: „Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.“
Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.
„Warum sprechen Sie so eigentümlich?“ fragte sie.
„Sprach ich denn eigentümlich?“
„Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.“
Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: „Aus unseren Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?“
Er stehe jederzeit zur Verfügung.
„Ich danke Ihnen aufrichtig,“ sagte Adele, „aberder Baron sieht es nicht gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?“
„Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.“
„Schade!“ sagte Adele. „Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem Leben — aber er ist —. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.“
„Sie werden ja nun bald heiraten?“
„Ja.“ Adele blickte auf den Weg. „Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr — obgleich ich den Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, Sie würden das bald herausfinden — nun hört der Wald auf — lassen Sie uns nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?
Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie auf dem Ball begannen?“
„Gerne.“
Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie ging weiter.
„Jene Frau und ich,“ begann Grau, „gingen über die Heide, es war graue Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und verschwand hinter dem Horizonte. Es warenMilliarden von Sternschnuppen, der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite — und wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei derErinnerung an dieses schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im Traum gesehen habe.“
„Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.“
„Und weiter?“ fragte Adele.
„Wir wanderten zusammen,“ fuhr Grau fort, „und es schien als wanderten wir eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach —“
„So ist es im Traume.“
„Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte nicht hören — wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber in jedem dieser Kelche lebte — so schien es — ein Lichtgeisterchen, die Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft —“ Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an — „sieh doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? — Wir mußten einen schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zumüssen, ein Geisterchen streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.“
„Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte, erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.“
„Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. Weshalb lebst du, weißt du es? — Welche Angst hatte ich doch zu antworten! Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um mich zu wundern? — Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sierasch die Hände auf das Gesicht legte und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.“
„Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist vorüber. Leben Sie wohl. — Sie sprach wie eine Fremde.
Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.
Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe.
Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt. Leben Sie wohl.
Leben Sie wohl.
Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen!
Leben Sie wohl.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? Nein? Leben Sie wohl. — Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der Heide und blickte ringsum. — Das ist der ganze Traum,“ schloß Grau.
Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner Traum! „Vielleicht haben Sieim Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!“ Sie standen am Gitter des Parkes.
Nach einer Weile sagte sie: „Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: Sie wissen nicht, was ich denke?“
Grau lächelte. „Wie kann ich es wissen?“
Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging. „Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?“ Adele lächelte.
„Welch ein Gedanke!“ sagt Grau erstaunt und verwirrt.
Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? „Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau. Leben Sie wohl!“ Adele nickte.
Grau zog den Hut: „Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.“
Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.
„Leben Sie wohl,“ wiederholte sie und sie sahen einander lange an.
Grau schwindelte. „Gute Nacht und Dank für den Abend!“ sagte er mechanisch.
Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. „Leben Sie wohl — bis wir uns wiedersehen!“ sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. — — — —
Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.
Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht alles!
Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen blühenden Bäumen im Lande.
Wußte sie denn das?
Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl — bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen wie jene Frau im Traum?
Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem innernAuge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.
„Ich werde ja schweigen,“ sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal —
Er lauschte und lächelte. „Ja, ja!“ sagte er.
Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft war feuchtwarm, duftend und so stark,daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.
Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.
Der Himmel wurde höher und blauer, die Wolken weißer und schwebender, im Garten schrien die jungen Stare.
Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, dennsie sollte Kräfte zur Reise sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen.
Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen.
Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.
„Hörst du?“ sagte sie leise und heiser. „Wie glücklich diese Vögelchen sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Fliederblühen sehen und diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft ist, daß sie sich kaum bewegen kann!“
Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
Geduld, Geduld! süße Susanna.
Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust. Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist.
Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne Bewegung und ohne Wunsch.
Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in das hohe Meer des Lebens hinaus — prosit! Ein schwarzer Panther in einer Küche — haha — bei Hühnern — hole mich der Teufel! Er erzählte sich selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihnEisenhut, der gegenwärtig einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.
Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. „Nun, wie geht es? Vorzüglich, natürlich, hähä — wie zwei Turteltäubchen, ja —“
„Nein,“ sagte Susanna leise und heiser, „es geht nicht gut.“ Sie gab sich alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. „Setzen Sie sich hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe, ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte Ihnen danken, Herr Eisenhut!“
Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei doch nicht der Rede wert.
„Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!“ sagte Susanna und faßte Eisenhuts Hand. „Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?“
Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu weinen, aber er lächelte. „Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts, gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr, behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe gedacht, diesesMütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier haben sie alles zusammen, fertig!“
Susanna lächelte. „Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung. Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr, sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund — ja, so nenne ich Sie — und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.“
„Eisenhut!“ sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte ungeduldig und schob denbärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt. Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das Weltenbild total umforme —
„Sofort,“ sagte Eisenhut, „ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.“
„Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei Nächte, ohne zu murren,“ sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann einstweilen ein Lied zu brummen.
„Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?“
Nein, es sei erst die Einleitung. „Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges. Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es nicht erraten?“
Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der Lehrer in der Küche brummte: Es war einmal ein König, der hatt’ einen großen Floh —
„Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten können,“ antwortete Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld verbarg.
„Es ist so schwer, es zu sagen!“ flüsterte Susanna und streichelte Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen Finger. „Nun?“ fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen an.
Nein, niemals könne er es erraten.
„Wir knicken und ersticken — doch gleich, wenn einer sticht —“ brummte Lenz in der Küche. „Bravo,bravo, das war schön! — So soll es jedem Floh ergehn!“
Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und liebkoste sie auf beiden Seiten. Es handele sich um Mütterchen. „Seien Sie gut zu Mütterchen,“ flüsterte sie.
Eisenhut nickte.
Und Susanna fuhr flüsternd fort: „Mütterchen darf es nie erfahren, daß ich Sie darum gebeten habe, und auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann nicht sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre Schürze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut, aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen könnten. Was soll aus Mütterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?“
Grau sagte leise: „Mütterchen soll es gut haben. Dafür werden wir beide sorgen. Und du, sobald es besser geht —“
Das wisse sie, das beruhige sie. „Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter stirbt — wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, — ja — aber wir setzen den Fall — was dann?“ Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut habe ja doch ihre Reise nach dem Süden bezahlen wollen — das sei ja so fraglich, ob sie reise — ob er nicht das Geld vielleicht —
In der Küche brummte der Lehrer — ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als hätte sie Lieb’ im Leibe. — Als hätte sie Lieb’ im Leibe, wiederholte er im tiefsten Baß.
Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen. „Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.“
Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.
„Ja, nun ist alles gut!“ sagte sie und nickte und lächelte. —
Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge, Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden —
„Ja?“ Susanna lachte und hustete. „Viel Vergnügen,“ sagte sie und lachte wieder und hustete mehr. „Recht viel Vergnügen!“
„Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!“
Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide.
„Komme zu mir, Adele,“ sagte Susanna. „Laß mich dein Kleid befühlen. Wie fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke — siehst du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet es? Nicht wahr? Großer Unfriede, dasist das Leben und großer Friede, das ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert. Aber vielleicht — wer weiß es denn! — vielleicht ist es auch schön, im Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben. Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der Frühling und so jung bist du, das ist es auch!“
„Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr — das ist der Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt — wenn ich da etwas vermag —nichts soll mir zuviel sein — oh, ihr Guten — so schön wird es sein, wenn ein Mann euch liebt — ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es — seht, sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele — schön wird es sein, all die Geheimnisse, wie schön — und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer, heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher — ja, möge es so sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt, heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es! Ich wünsche es! Möge es so sein!“
„Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schönes erleben.“
Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen auf die Freundinnen.
„Ja,“ sagte sie, „wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich weiß nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich aussteige.“
Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang das, was Susanna sagte.
„Drum adieu!“ fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette aufgerichtet. „Drum adieu, adieu!“
Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu, die Hände bewegten sich matt in den Gelenken.
„Drum adieu, adieu!“ sagte Susanna und lächelte und ihre Stimme klang, als sänge sie. „Drum adieu, adieu?“ wiederholte sie und winkte hinaus zum Fenster und hinauf zum blauen Himmel.
„Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!“
Klara und Maria hatten Tränen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen und lächelte voller Pein.
„Aber Susanna —“ begann Klara.
Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.
„Ich weiß es nun,“ sagte sie und lächelte, „ich weiß es nun ganz bestimmt. Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond.Es stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.“
Susanna schwieg und lächelte.
„Wie sonderbar der Traum ist!“ sagte Maria zu Adele.
Susanna schüttelte den Kopf. „Es ist ja gar kein Traum, es ist ja Wirklichkeit,“ sagte sie, sonst nichts.
„Wir müssen jetzt gehen.“
„Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir, Adele!“
„Ach, Susanna —“
„Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneideteich, weil sie reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn nicht?“
Sie sah Adele tief an. „Du bist mir so fremd!“ sagte sie zögernd. „Und erst seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!“
Adele küßte Susannas Hände.
„O, wie gut du bist!“ seufzte Susanna. „Ja, denkt alle nicht mehr an das Böse, das ich euch zufügte.“
Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt.
„In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander ja alle Böses zu. Und auch ich tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt. Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben müssen, auch sie. Nun sind sie jung und schön, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darüber — haha — ich habe gelacht dabei — auch sie, auch sie, alle, alle, alle werden sterben müssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!“
Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch.
„Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh nur!“ sagte Susanna zu Mütterchen, die mit einem Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch größer und strahlender.
„Da gehen sie dahin!“ sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen.
„Lebt wohl!“