Lebe wohl, mein Geliebter!
Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr Wolken am Himmel, lebet wohl!
Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen.
So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal.
Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtigaus, in den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot.
Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu sagen.
Sie sagte: „Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum. Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!“
Das war alles was sie an einem Tage sagte.
Sie sagte: „Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht? Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind — denn sie sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!“ Sie lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige, denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr fort: „Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schönund gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben. Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch! Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause, den man nie zu sehen bekommt.“
Sie lag still und lauschte. „Vater spricht!“ sagte sie mit den Lippen ohne Laut.
„So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!“ sagte Lenz mit gedämpftem Baß in der Küche draußen. „Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen — haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und so — aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen. Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten angenommen, obgleich sie eine Deputation in dieScheune schickten, wo ich schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!“
„Hähä — für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,“ sagte Eisenhut kichernd.
„Nicht für eine Milliarde!“ entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch.
„Pst, pst —“ sagte Mütterchen.
„Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun — die Gegend war ja schön — Wein, Obst, schöne Mädchen — aber nicht für eine Milliarde —“
Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit Angst.
„Sieh mich an,“ sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu.
Grau lächelte. „Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz, ich will dir eine Geschichte erzählen — laß mich nur besinnen auf den Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern — ja, eine Geschichte von einer alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so — es ist die Geschichte von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst, Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann, der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern. Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen; und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frausprach immerzu, vom Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber sprach die Frau von ihrem Sohne — wie hieß er doch — Haffis, es ist ja nebensächlich, also Haffis — denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe dieser Haffis doch war! — Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor unsinniger Liebe.“
„Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!“
„Nun, wie ging er denn?“ fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne vorschwärmte, „ging er so, ging er so?“ Und der Fremde ging so stolz und herrisch wie nur möglich.
„Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.“
„Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging wie der Hengst des Scheichs.“
„Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst fehlen ja Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis ging, das war ja selbstverständlich.“
„Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen Jünglings besonders glänzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich ganz wunderbar. Nämlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der Heimat aber weinten sich die Mädchen die Augen blind und viele — das ist Tatsache, Susanna — viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die Mutter hörte in Gesängen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein Bote vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte wieder von dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen, wenn er nicht seinen Kopf verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefürchtete, der Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann es, du mußt dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte, wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprangvom Pferde, küßte den Boden vor den Füßen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und schon war er verschwunden.“
„Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der Pracht der Tiere und Geschmeide und Waffen, von der Schönheit der Frauen, die sich auf den Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem Anblick der Karawane.“
„Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen umher und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.“
„Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzählt und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.“
„Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte sterben.“
„Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie keine Rettung mehr gab. Wie merkwürdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig Kindern — wieder lächelst du, Susanna! — sie sprach nur noch von Haffis, dem Lieblingssohne, seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und seinem Ruhme. Wieder und wieder!“
„Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte: Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. — Und sie verfluchte den Fluß und starb.“
„So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!“
Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne, das auf dem Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann sie am ganzen Körper zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen.
Grau lächelte und nahm ihre Hand. „Willst du mich nicht anblicken, Susanna? Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz. Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich tief und wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schönheiten darin? Träume, Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. — Nun will ich dir die Geschichte von einem Trinker erzählen, er trank schrecklich und machte alle unglücklich, seine Familie, aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst es hören!“
Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich!
„Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter!“ sagte Lenz und lachte. „Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra für dich erfunden, Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich tue das gern. Der Frau eines Gärtners — eines Freundes von mir, ich habe Freunde in allen Berufsklassen — habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine Gummibadewanne enthält — Kinderwagen, Badewanne, fahrbareBadewanne in einem Stück also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne nützlich. Für dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter können Karten spielen oder sich die Schädel einschlagen zur Unterhaltung —“
„Ja, zum Teufel — eine Maschine — wer sollte das verstehen — unbegreiflich ist das!“ Eisenhut meckerte belustigt.
„Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke. Hier hast du eine Kreissäge — Hebel auf! — Der Dampf fährt hinein und die Kreissäge — vier Meter Durchmesser — schneidet den Stein. Die Brücke steigt in die Höhe, sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge wagerecht — auf diese Weise schneiden wir deine zwölf Steinbrüche wie Butter — wie Butter —“
„Ausgezeichnet — unglaublich, aber ausgezeichnet!“
Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine Maschine.
„Wie schön!“ sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzählt hatte.
Sie lächelte und drückte Grau die Hand.
„Beuge dein Ohr — so — sage mir und verzeihe die Frage, ich weiß ja nicht, ob ich alles fragen darf?“
„Alles, alles, Susanna!“
„Wirklich alles, alles?“
„Ja!“
Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich sage es nicht — doch ich frage es — ich frage nur — du sollst nicht antworten, hörst du!Würdest du mir versprechen — du sollst es ja nicht tun — ich frage bloß — würdest du mir versprechen, kein Mädchen nach mir zu küssen? Würdest du? Ich frage bloß, du versprichst ja nichts.“
„Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!“
„Wenn ich — es nun sagte?“
„Sage es, meine Geliebte!“
„Willst du mir versprechen — nein, nein, nein, laß es mich nicht sagen — nein, es macht mich glücklich, zu denken — nein. Vielleicht werde ich es ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen. Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?“
„Ja, Susanna!“
„So sage mir — wieviele Mädchen hast du schon geküßt? Nun?“
Grau lächelte.
Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. „Auf den Mund, wieviele? Fünf, sechs?“
Grau schüttelte den Kopf. Mehr? „Nein,“ sagte Grau lächelnd.
„Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch zuviel?“
Grau lächelte und Susanna wartete lange.
„Zwei?“
Grau schüttelte den Kopf.
„Eine!“
„Du hättest nicht fragen sollen,“ sagte Grau.
„Außer mir noch eine?“
Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. „Warum hast du doch gefragt? Ich habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich sage ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes Mädchen zu küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher gekommen — warum hast du doch nur gefragt!“ Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an. Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah. Häufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen.
Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte: „Ich liebe dich. Du bist mein, bist du?“
„Ja,“ antwortete Grau.
Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre Augen flammten.
„So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!“
Grau zögerte nicht. Er versprach.
„Oh, oh!“ rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte.
Grau verstand sie nicht.
Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche.
Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: „Höre, wie sie lachen! Nun will er Klatschbase schlachten, für heute abend!“
Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt.
„Nun denn, adieu!“ sagte Lenz laut und fröhlich zuSusanna. „Adieu, meine prächtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange dageblieben. Adieu und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes, herrliches Mädchen!“
Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. —
Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in der Laube an der Mauer und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt.
Adele sagte: „Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Höhe, die Abende sind so schön.“
„Ja,“ sagte Grau.
„Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich würde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?“
Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen.
Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und er erbleichte so sehr, daß Adele es gewahrte.
„Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?“ fragte sie.
„Es ist nichts. Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Herr Grau.“ —
Am andern Tage starb Susanna.
Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte.
Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ rasch das Haus.
Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu. Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.
Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie spielten,was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge Neuigkeiten.
Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe, lief er ein Stück des Weges.
Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war Susanna, so unmöglich es ihm auch schien.
Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das Gartentürchen.
„Nun?“ rief sie mit hoher, feiner Stimme. „Was sagst du dazu? Ich habe so sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!“
Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
Eisenhut lachte. „Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!“ rief er. „Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?“
„Ich kann auch wieder sprechen!“ sagte Susanna und atmete tief. „Ich habe die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!“
Grau drückte sie an die Brust. „Ja,“ hauchte er. Er fand keine Worte.
Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn, die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der Wind erwachte.
„Sieh, wie der Wind läuft!“ rief Susanna und deutete über die Felder. „Wie hurtig!“
Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder, wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn, die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon war er verschwunden.
Dann kam er von neuem über die Wiesen.
„Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.“
Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. „Pst?“ sagte sie. „Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!“ sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte sich der Falter auf ihren Finger.
Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte. Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.
„Er sieht mich an!“ sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie tief auf.
„Das war schön!“ sagte sie leise. „Das war schön!“ Sie blickte mit einem langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst hinein ins Haus.
Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen, oh, du guter Gott!
Grau sagte: „Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!“ und legte ihr die Hand auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.
Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. „Ach, so müde, so köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden, deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?“ Ihre Stimme klang fein und ferne; die Kräfte erloschen rasch.
„Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!“ sagte Grau. Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
„Ja!“ Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen erblaßten, mehr und mehr. „Wie wird es sein?“
„Nun höre zu,“ fuhr Grau fort, „höre zu und sieh mich an. Ich will dir sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine Bibliothekhaben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.“
„Oh! sprich, wie wird es sein!“ Tränen traten in ihre Augen.
„Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna, aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich werde dir in die Augen blicken — wie ich es jetzt tue — und ich werde fragen, ob du gut geschlafen hast.“
„Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast du daran gedacht?“ In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen wurden fahler und fahler.
„Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und niemand sonst wird da sein.“
„Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller Nacht?“ flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
„Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und viele lange Nächte lag ich wach.“
„Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe geträumt und geträumt — keine verrät es, aber alle, alle graben sie die Nägel in die Brust —.“
Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab ihren Blick nicht mehr frei.
„— die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage? So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna, die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen: Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nurdich ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten, solange du fort bist.“
Grau küßte Susannas Stirn.
„Ich liebe dich, werde ich sagen,“ fuhr er fort, „so wie ich es jetzt sage. Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen — ich liebe dich, Susanna — der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna — der Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!“
Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen.
„Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!“ flüsterte Grau. „Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden — ich liebe dich Susanna, werde ich sagen — ich liebe dich, du Süßeste von allen —“
Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen.
Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an.Seine Hände zitterten von der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände.
Er hatte sie ja so sehr geliebt.
Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude geweint hätte.
Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.
Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn bittend an und sagte: „Mache sie mir wieder lebendig!“
Grau schüttelte den Kopf. „Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger und glücklicher als wir.“
Mütterchen war wieder ganz ruhig.
An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich und kicherten. Vor dem „weißen Elefanten“ konzertierte die Stadtkapelle.
Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute ansahen, räusperte er sich herausfordernd.
Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. „Schön,“ sagte er, „schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen Worte.“
„Wie hast du es denn erfahren?“ fragte Grau.
Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. „Vorbei,“ sagte er, „vorbei ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. — Hast du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganzausgetrocknet? Nein? Es ist ja nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest. Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna — nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig, nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit den Menschen anders sein? — Hier lief übrigens eben eine Maus über den Boden —“
„Sie lebt hier,“ sagte Grau.
„So?“ Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei der Schulter. „Sieh mir in die Augen!“ sagte er in befehlendem Tone. „Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr nie böse Worte gegeben?“
„Nein, ich glaube nicht!“ sagte Grau und sah Lenz an.
„Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt, bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?“
„Ich glaube, ja!“
Der Lehrer drückte ihn an die Brust. „Dank!“ sagte er. „Dank! Ich liebte Susanna sehr!“ Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. „Fahre wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen, denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen — siehst du diesen Stock hier? — die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus ihrem Negerkral. — Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch, wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!“
Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging.
Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja nicht tot, sie war ja lebendiger als er.
Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat; er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen Existenz, der Tod nicht ihr Ende. EinStück der unendlichen Bahn, die die Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben, wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein? Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das ewig saust und braust.
Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen entgegen zu dringen.
Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß er sie einmal in der Dunkelheit desZimmers stehen sah. Sie war schön und schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. — Bist du es denn wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du?
Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne,Sterne und Friede in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte.
Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien.
Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier blieb er lange stehen.
Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe! sagte er und ging langsam nach Hause.
Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel! Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah ihn an mittraurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie Feuer vor seinen Augen.
Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer aufhörte zu bluten.
Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein Versprechen brach.
Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl.
Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. Selbstdie Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging.
All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das Haus verlassen.
Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. „Es wird Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,“ sagte sie. „Huste nicht so viel, Susanna, es schadet dir ja.“
Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen. Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war.
Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis gebildet. Das lange KrankenlagerGraus hatte einen ganz ungezwungenen Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine Bevormundung zu beschämen.
Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen und war imstande ihn mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst dehnte er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen, anders sprechen, den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Müdigkeit verraten oder unordentlich gekleidet sein.
Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den Steinbrüchen hatte seine Gesundheit gestärkt und schon das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn den Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam Freude an Tätigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast kindisch, wenn sie in den Bildwerken blätterten und Grau erklärte.
An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er für wohltätige Zwecke nach Gutdünken verwenden konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar. Denn mit zwanzig Mark — wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er in eine Familie kam, wo es am Nötigsten fehlte und sprach und sprach und fünf Mark auf dem Tischrande liegen ließ!
Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe erzogen zu haben.
Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich um. Es war noch der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken. Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank, verwahrloste und mied Grau. Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu seiner Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. —
Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn von Hennenbach.
Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum Marktplatz hinabführten. Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau grüßte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie so.
„Bitte?“ sagte Herr von Hennenbach und lächelte.
Grau sah ihn an.
„Sie verstehen mich nicht?“ flüsterte er.
Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
„Nein, Pardon — ich verstehe nicht, wirklich —“
Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. „Ich will Ihnen noch einige Tage Zeit lassen!“ flüsterte er. „Aber nicht mehr viele!“
„Bitte? Ich kann nicht verstehen?“ stammelte Herr von Hennenbach — aber Grau war schon gegangen. —
Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegteihn mit aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor, als ob er im Kreise von Geschwistern weile.
Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme, ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße.
Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht, Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist — er ist ein Kind des großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu.
Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn anund sein Gedanke flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste, Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum — eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen, zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile.
Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte, sang —
Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die Arbeit ging vorwärts, Ungeduld und Jubel erfüllten ihn. Diese ‚Reden‘! Denn bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den Tausenden, Tausenden!
An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich.
Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft gingen von ihrem leichten Kleide aus.
Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
„Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?“ sagte sie. „Sie schrieben gerade.“ Sie sah ihn mit klaren Augen an.
„Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu nehmen. Sie befinden sich wohl?“
„Wie immer, danke!“ Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum Fenster hinaus. „Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu sehen!“ sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte.
Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um Gottes Haupt wogt.
Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
Adele lächelte fein. „Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?“
„Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.“
Pause. Adele sah ihn an. „Sie kommen mir verändert vor,“ sagte sie und schüttelte den Kopf. „Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!“
„Nein, ich fühle mich wohl,“ antwortete Grau und dankte.
Adele blickte ihn prüfend an. „Sie sehen leidend aus,“ setzte sie hinzu, dann sprach sie von andern Dingen.
Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den kleinsten Gedanken in seinem Kopfe.
„Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!“ sagte Adele, aber sie brach plötzlich ab und lachte leise. „Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine Maus!“ rief sie aus.
„Es ist eine zahme Maus,“ sagte Grau und raffte sich auf. „Das heißt alle Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.“
Adele lachte und sah Grau erstaunt an. „Mit einer Maus leben Sie?“ sagte sie.
„Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?“ fragte er lächelnd.
Adele lächelte leicht. „Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?“ forschte sie. „Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.“
„Ja,“ erwiderte Grau, „aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie klug diese Maus ist?“
„Ja!“
„Nun, sofort!“ Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut aus. „Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.“
Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen, die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar als der Schwanz verschwand.
„Sie hat einen Versuch gemacht,“ sagte Grau, „ob sie sicher sein könne. Nun aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!“ Er war plötzlich gesprächig geworden.
Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch einWeilchen, dann lief sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm.
„Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie das beobachtet?“ erklärte Grau. „So klug ist sie.“ Er erzählte noch einige Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.
Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: —! Aber er tat es nicht.
Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
„Ich habe einen Brief für Sie,“ sagte sie leise, „er ist von Susanna.“
„Von Susanna?“ Er begriff es nicht. Er starrte Adele an.
„Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben — wann war es doch? — in der Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben — im Falle sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien mir grausam Sie durch den Brief — nun ich wartete. Aber nun hat mich Susanna sozusagen daran erinnert.“
Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt inne und sagte nach einer Weile: „Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?“
Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
„Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,“ sagte Adele. „Es ist also nicht zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit Susanna zum Bade. Wir unterhielten unsund plötzlich sagte sie etwas von einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief aus dem Hause zu schaffen.“
Grau sah Adele an.
Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: „Ich wollte Ruhe haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.“
Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau.
An der Türe sagte Grau: „Ich habe gehört, Sie reisen bald?“
Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die Mücken über dem heißen Wege tanzten. „Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob ich so bald reise,“ sagte sie. „Aber ich freue mich darauf, fortzukommen, hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen —“
„Was denken Sie zuweilen?“
„Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen. Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.“
Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
„Nun?“ fragte Adele.
„Es ist mir bange um Sie!“ sagte Grau und er wußte nicht wie ihm die Worte auf die Lippen kamen.
Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. „Bange?“
„Ja!“ fuhr Grau fort — und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde verlegen und setzte höflich hinzu: „Ich bitte Sie recht herzlich, den Schritt reiflich zu überlegen.“
Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden habe und sagte hauchend: „Adieu!“
„Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!“ wiederholte Grau.
Adele nickte ihm zu. „Adieu!“ sagte sie und ging langsam und stolz weiter, als ob nichts ihre Ruhe trübte.
Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die Hand auf die Brust legen mußte.
Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf, streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war.
Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig.