Zehntes Kapitel

„Mein Geliebter,“ schrieb Susanna, „Du süßester aller Menschen! Wolle Gott, der Gott an den Duglaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft bete ich so.Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern? Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir zusammen in den Büchern blätterten?Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich, wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du traurig bist.Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich streust.So spricht mein Herz.Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben! Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das gleiche.Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht wünscht. Es wünscht Dir ebenfallsGlück, aber es ist traurig, daß es dieses Glück nicht mit Dir leben kann.Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen — das wünscht mein zweites Herz und es bebt vor Freude — obgleich mein erstes Herz es nicht wollte. Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz allein.Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht, daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein und schweigen.Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so, daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so viele du willst.Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr, was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das ist die Wahrheit.Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm. Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben — ach, verzeihe mir dann, ich bin es ja nicht, die das will — Du bist frei, es gibt kein solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl für immer! Deine Susanna.“

„Mein Geliebter,“ schrieb Susanna, „Du süßester aller Menschen! Wolle Gott, der Gott an den Duglaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft bete ich so.

Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern? Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir zusammen in den Büchern blätterten?

Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich, wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du traurig bist.

Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich streust.

So spricht mein Herz.

Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben! Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.

O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das gleiche.

Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht wünscht. Es wünscht Dir ebenfallsGlück, aber es ist traurig, daß es dieses Glück nicht mit Dir leben kann.

Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen — das wünscht mein zweites Herz und es bebt vor Freude — obgleich mein erstes Herz es nicht wollte. Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz allein.

Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht, daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein und schweigen.

Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so, daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so viele du willst.

Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.

Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr, was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das ist die Wahrheit.

Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm. Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben — ach, verzeihe mir dann, ich bin es ja nicht, die das will — Du bist frei, es gibt kein solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!

Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl für immer! Deine Susanna.“

Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte.

Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben.

„Was tust du da?“ fragte Eisenhut.

„Ich schreibe ein kleines Lied,“ antwortete Grau und lächelte und Eisenhut wunderte sich über seine zitternde Stimme.

„Ein Lied?“

„Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.“

Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.

„Sie sind hier?“ sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern.

Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen, Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum dunkel.

Er nahm den Hut ab.

„Ja, ich bin hier,“ antwortete er und trat näher. „Verzeihen Sie mir, es ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie morgen reisen.“

Adele zog das Tuch fester um die Schultern. „Ja, morgen früh.“ Sie lächelte und schloß das Gitter. „Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.“

„Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!“

Adele sah ihn mit großen Augen an. „Bitte?“ sagte sie dann und das kleine Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht. „Wollen wir ein wenig gehen?“

„Ja, gerne!“

Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und begann: „Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.“ Er schwieg; wie sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und setzte hinzu: „Sind Sie entschlossen zu reisen?“

„Ja!“

„Wirklich entschlossen?“

„Ja, aber — und weiter?“

„Ich wollte Sie nur dies fragen,“ sagte Grau und senkte den Blick.

Adele schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich glaube wohl zu wissen, weshalb Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhören?“

„Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir!“ sagte Grau.

Adele lächelte.

„Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern,“ sagte sie leise. „Sie sind mein Freund und darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche Dingenicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig getroffen habe, aber — nein, nein, nein, all diese Dinge.“

Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. „Sie sind so merkwürdig,“ sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, „Sie kümmern sich um mich, Sie ängstigen sich um mich — so sonderbar sind Sie manchmal.“

„Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen zu sehr um die Angelegenheiten anderer bekümmere,“ entschuldigte sich Grau.

Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der Widerschein einer erblassenden Abendwolke im Laub der Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren erloschen und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch einmal gedämpft, als sie einen kreuzenden Weg überschritten, der wie ein Kamin zur Stadt hinablief.

Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu sprechen. „Sie haben ja Urlaub genommen, Herr Grau,“ sagte sie, „ich habe es gelesen.“

„Ja, das habe ich getan,“ antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge. „Ich habe gemußt. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.“

Wie solle man das verstehen?

„Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswürdig gewesen wäre, so könnte ich nun die größten Schwierigkeiten haben; bei der Behörde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungenauf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen. Da kam diese Broschüre über die Gefängnisse, andere Flugschriften, das Begräbnis der Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Dazu kam noch jene Affäre mit der Kollekte für innere Mission. Sie haben nicht davon gehört? Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch bekannt geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger Weise die Sache zu verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern, aber ich vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert, etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschäftigt. Kurz und gut, ich vergaß es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der Gegenstände, die ich verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses gehören, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum Unglück der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan ärgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde, Handwerksburschen zu beherbergen — sagte er.“

„Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?“

„Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hatihn mir geschickt. Ebenfalls krank und die Papiere in Unordnung.“

Adele lachte leise. „Glauben Sie denn alles, was diese Leute Ihnen sagen?“

„Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich nicht ganz in Ordnung gewesen. Die Kollekte also war verschwunden. Ich habe das Geld am Abend zuvor in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen und verwendet haben — es war ja nicht mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie haben den Betrag vielleicht verlegt — verlegt — senden Sie ihn mir bis morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er hätte mir ja große Schwierigkeiten bereiten können. Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit war die Sache in Ordnung gebracht.“

„Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher zurückkehren?“ erkundigte sich Adele.

Grau lächelte. „Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich entlassen werden.“

Adele blieb stehen. „Sie werden entlassen werden?“

Grau lächelte wieder. „Ja,“ sagte er, „weshalb denn nicht? Ich mache zu viele Schwierigkeiten. — Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,“ setzte er leise, wie beschämt, hinzu. „Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen Anschauungen, trotz des besten Willens —“

Was er aber dann beginnen wolle?

Grau lachte leicht. „Das?“ sagte er, „Oh, das macht mir nicht die geringsten Bedenken. Ich finde auch ineinem andern Beruf ein großes Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit dem Gedanken.“

„Also Arzt wollen Sie werden?“ rief Adele freudig aus. „Ich liebe die Ärzte. Was für ein Arzt?“

„Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank sind,“ erwiderte Grau lächelnd.

Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark nach Honig. Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.

„Wie hoch wir doch sind!“

„Ja!“

Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte. Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war überrascht, eine Ebene vor sich zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende Dorf, dann wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond lag in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf dem Wege und warf fortwährend ein glitzerndes Netz über Adele, gleichsam um sie darin zu fangen; sie aberschlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden.

Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen!

Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen in der Tiefe.

In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß uns wandeln in den Au’n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte leise und räusperte sich.

In seinem Kopfe wisperten die Gedanken — und sie flüsterten im Rhythmus der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe — ohne daß der Mensch es weiß — hahaha — der Mensch weiß ja nichts —

Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden.

„Wie es duftet!“ begann er mit freier klarer Stimme. „Es riecht, als ob der Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, diedurch die Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie. Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns, beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören. Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig eigentümlich, einen fremden Akzent —“

„Das ist gemacht,“ sagte Adele. „Ich liebe das Fremde!“ Sie lächelte und sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: „Wie leid tut es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig. Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr — ich liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus, männlich sieht er aus,sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten — er sagt zum Beispiel, der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie sagen gar nichts, Herr Grau?“

„Ich habe kein Recht, mich zu äußern,“ antwortete Grau ausweichend.

„So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.“ Adele lachte leise. „Es ist ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron doch unrecht —“

„Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,“ entgegnete Grau, „ich kenne ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur —“

„Nun?“

„Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.“

„Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.“

Grau schüttelte den Kopf. „Ich habe kein Recht dazu, Fräulein von Hennenbach. Aber ich kann eines eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden — ich fühle das, fühle das so unsagbar stark — daß in Ihrem Verhältnisse zu dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht ist Ihre Neigung —“

„Ich liebe ihn sehr!“

„Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?“

Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht leuchtete, und sagte: „Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn. Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glücklicher als Liebesheiraten — ich sage ja nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber —“

„Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden,“ entgegnete Grau.

Adele lachte leise. „Sie sind ein Träumer!“ sagte sie. „Man nimmt die Ehe ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.“

„Nicht?“ fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken.

„O nein,“ sagte Adele und fröstelte, während ihre Lippen lächelten.

„Unmöglich!“ Grau schüttelte den Kopf. „Ich habe darüber nachgedacht,“ sagte er nach einer Weile, „und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt, wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jederBeziehung, da Sie den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit sich selbst fertig zu werden — nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne Gebärde — keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen — es ist ja schwer, es ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.“

„Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben zusammen wandern — als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten wollten — eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit.Von dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift — aber die Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres Kindes!“

„Ach, es ist ja so schwer, so schwer!“ fügte Grau kopfschüttelnd hinzu. „Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so schwer ist — und so herrlich, es zu unternehmen.“

Adele sah lächelnd auf den Weg. „Wie Sie es doch auffassen!“ sagte sie leise. „Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?“

Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.

Grau lauschte. „Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?“ sagte er. „Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum? Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich empfinde, wieich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu. Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das gemacht hat!“

„Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist das! Ja, ich sage — Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder — Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme — denn plötzlich fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender, lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt — das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke — denn es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.“

Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise, fast spöttisch.

„Nun?“ sagte Adele und sah auf.

Aber Grau schwieg und blickte sie an.

„Sprechen Sie doch!“ sagte Adele ungeduldig. „Sprechen Sie doch. Es ist schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und jenes denken.“

Er sah, daß sie an der Lippe nagte.

„Was ist Ihnen?“ sagte er. „Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!“

Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück herlege und hier das Unglück —

„So werden Sie das Glück wählen!“ sagte Grau.

„Wirklich?“ Adele sah ihn an. „Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen —“ sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: „Oder würde ich das Glück wählen?“

„Sie würden es wohl tun!“ sagte Grau. „Denn alle — wie wir leben — wir mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein, Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.“

Adele nickte. „Ich bin in einem Irrtum — in einem Irrtum über mich selbst befangen,“ sagte sie. „Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war — wüßte ich es doch noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andresund keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und gesucht — jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen — nun weiß ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte mich fallen lassen — wohin ich auch falle. Ja, oft hab’ ich ein Verlangen nach unten — denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht den Kopf zu schütteln — ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir? Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen — ich liebe den Reichtum und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und Dürftigkeit — grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe — so fern ist es für mich — und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es haben, dasGlück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.“

Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.

Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war von Moos überwachsen.

Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit vielen Inseln und Kanälen und Adern, so floß über ihren Häuptern der tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben darauf und glitzerten.

Nach langem Schweigen sagte Grau: „Wir Menschen fürchten uns ja nicht so sehr vor dem Unglück, aber es graut uns davor elend zu werden!“

Adele zuckte zusammen.

„Davor graut Ihnen ja so sehr!“ fuhr Grau eindringlicher fort, indem er Adeles Arm leise berührte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. „Tag und Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen, etwas Schlechtes zu begehen, denn es wäre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es graut Ihnen davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch wieder von jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht — der Traum erschreckte mich, warnte mich —“

Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berührte wiederum ihren Arm.

„Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!“ flüsterte er.

„Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!“ sagte Adele bleich. „Weshalb quälen Sie mich denn?“

Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an.

Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung.

„Verzeihen Sie!“ stammelte er. „Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so unrecht von mir.“

Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: „Ich sehe Sie an, wie schön sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein großer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schön, ein eigentümliches Gefühl erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele — der Weltgeist strahlt aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die Menschen mit Ehrfurcht zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist! Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß doch eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!“

Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte ihm zu, den Blick in seine Augen gerichtet.

„Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und haben Ihre Mission zu erfüllen,“ setzte Grau hinzu, „und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche Grauen vor der Unwürdigkeit in die Brust gelegt.“

„Nein, nein —“ stammelte Adele und entfloh.

„Adele!“ sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hände an die Brust gezogen und Grau ergriff ihre Hände.

Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. „Sie sollen nicht vor mir fliehen,“ flüsterte er, „denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten Erlebnisse. Dann sah ich Sie — ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben.Was ich jetzt sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.“

Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren Augen begann es zu leuchten.

„Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen. Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht. Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen, seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie, wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf, Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum — ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und dann wußte ich es. Ich habe nicht gegendas Gefühl angekämpft, nein, ich habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen, wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang — und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.“

Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe, Scheu.

Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach.

„Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin- und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt —“

Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die Augen und schwankte.

„Was ist Ihnen?“ fragte Adele.

Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete tief auf.

„Verzeihung,“ sagte er, „es war nur ein Augenblick — Antworten Sie mir nicht, ich frage nichts, ich will nichts — ich danke Ihnen, daß Sie zuhörten. VergebenSie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie glücklich.“

Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen.

„Nein, nein!“ flüsterte sie. „Ich werde nicht reisen, nein, nein.“

Grau ging mit Adele durch den stillen Wald.

„Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja nichts,“ sagte er und küßte ihre Hand.

„Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom der Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter Funke, im Guten ein Feuer.“

„Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit. Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das Ganze und der kleinste Teil.“

„Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag, deine Nacht meine Nacht,“ flüsterte er und küßte ihr die Hand. „Warte.“ Er bückte sich.

„Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!“

Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.

„Ja, laß uns leben!“ rief sie aus. „Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe mit mir, ich will dein sein!“

— — — — — — — —

Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.

„Es ist zuviel,“ flüsterte er, „es ist zuviel!“

Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er lauschte.

Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!

Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.

Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.

Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein seiner Augen.

Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen ihm zuzulächeln.

Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe. Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden!

Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. „Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!“

War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen Bart Ähnlichkeithatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen und lud sich eigenmächtig bei der „ewigen Braut“ zum Kaffee ein. Er traf es günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu.

Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein Ende nehmen?

Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors Gesicht und lachte und weinte.

Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde zwitscherten —

Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten. Aber Grau erhielt ein Billet. „Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!“ stand darin, sonst nichts.

Gewiß, er wartete!

— — — — — — — —

„Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,“ sprach Grau zu seinem Herzen. „Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal. Jubele!“

Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.

„Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.“

Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.

Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte: Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und wandern, schauen und fühlen.

Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die sich schwer neigten,wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder sorgfältig ein.

„Ich darf ja nicht daran denken,“ sagte er und lachte und schüttelte den Kopf. „Es ist ja zuviel!“

Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert, jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein als die Vögel im Walde?

Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich braustedie Orgel: Auf, auf! Und er fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.

Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.

Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, bis die erste Grille zu zirpen begann.

Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf, groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und jetzt kam die Nacht.

In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben. Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben,das Silber des Mondes auf den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging auf.

Die Sommernacht funkelte.

Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest, vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben.

Es rauschte! War sie es, die kam?

Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser.

Und er lächelte.

Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?

Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere, alles, alles atmet.

Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die kleinsten und fernsten Teile immerzubebt von der großen schwingenden Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so schwingt das Blut in den Adern der Menschen.

Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges großes pochendes Herz!

Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das zu denken!

Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.

Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den dünnen Läufen bewegte.

Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer.

Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied!

— — — — — — — —

Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und unendlich wie ein goldenes sanftes Meer.

Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe,seine Augen waren schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft; da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du —. Alles, alles verschlingt sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen, geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein Denker, einerlei — er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn — alle, alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem Pferde, der Luft und den Sternen.

„Weiter, weiter! Gehen und wandern!“

Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.

Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er, dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen, seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz, seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant, schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder sind.

Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.

Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und wächst und wächst! —

Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen.

Er sprang auf. „Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind gekommen.“

Grau erhielt einen Brief von Adele. „Warte! Mama ist besser, ich will mich ihr anvertrauen. Habe Geduld!“ Er traf die Schwestern Sinding auf der Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele zu sprechen.

„Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,“ sagten die Schwestern. „Sie soll ja in den allernächsten Tagen reisen.“

„So?“

Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten.

Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.

Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre, wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es durfte.

Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher,seine Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet. Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein, unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das.

Wie aber waren Graus Nächte?

Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte. Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.

Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn, Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großenWalde, so war er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran. Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst du es?

Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit zu sein.

Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. —

Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich, er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.

Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins Wasser falle. Knistern,Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?

In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie mit einer Geliebten.

Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet, aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden Silberwellen.

Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er lange nichts andres denken konnte.

Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und lächelnd und voller Liebe.

„Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,“ dachte er, „und sonnige Wiesen, wenn siewachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!“

„Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.“

„Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.“

„Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der Hader und Zank endigte.“

„Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!“

Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit der Hand und sagte: „Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!“

Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete.

Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!

Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen. Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die Erde beugte?

Gott?

Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen, verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang, seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.

War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein Hund, der die Spur des Herrn sucht.

Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der Blume?

Ist er in den Sternen, im Licht?

Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in Millionen Jahren einen Blick auf sie.

Ist er in der Bewegung — oder ist er das Einzige, das ruht?

Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.

Wir können ihn ja nicht mehr denken — aber wäre er nicht weniger groß, wenn wir ihn denken könnten?

Er ist eine Sehnsucht!

Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken?

Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein Gesicht.

Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen, beten, das ist alles, es gibt nichts andres.

Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war.

„Vergebung!“ sagte er. Der Wald rauschte.

Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. „Goldener Gott!“ flüsterte Grau. „Auch hierher folgst du mir?“ Er schloß die Augen — da fühlte er den Duft des Waldes. „Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein Menschenherz.“ Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen, fürchterlich schlug es. „Auch hierher folgst du mir!“

Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. — Er kniete nieder und beugte das Haupt. —

Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Waldetrat, war er ganz blaß und erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden.

Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher gefühlt.

„Komm, Adele!“ rief er. „Ich bin bereit! Komm!“


Back to IndexNext